Die ältere Verkäuferin hinter dem Tresen wischte sich unauffällig über die Augen.
Auch Reinhard musste sich abwenden.
Als Thomas schließlich aufstand, sah er ihn an.
„Sie sind Herr Berger?“
„Reinhard Berger.“
Thomas streckte ihm die Hand hin.
„Danke.“
Seine Handfläche war rau.
Schwielen.
Kleine Schnitte.
Eine Hand, die arbeitete.
„Danke, dass Sie sie nicht allein gelassen haben.“
Reinhard schüttelte die Hand.
„Es war selbstverständlich.“
Thomas schnaubte leise.
„Leider ist heute nicht mehr alles selbstverständlich.“
Er legte eine Hand auf Leas Schulter.
„Wir müssen nach Hause. Frau Krüger beruhigen. Und ich muss meinen Vorarbeiter anrufen.“
„Einen Moment.“
Reinhard wusste selbst nicht, warum er es sagte.
Vielleicht wusste er es längst.
„Herr Neumann, könnte ich kurz allein mit Ihnen sprechen?“
Thomas wurde misstrauisch.
„Warum?“
„Nur zwei Minuten.“
Die Verkäuferin bot an, mit Lea am Tresen zu warten.
Thomas und Reinhard traten vor die Bäckerei.
Die Straße glänzte noch vom Regen.
Eine Straßenbahn rumpelte in der Ferne vorbei.
Reinhard suchte nach Worten.
Normalerweise musste er nie nach Worten suchen.
„Ihre Tochter hat mir heute etwas gezeigt.“
Thomas hob die Augenbrauen.
„Was?“
„Was ein Vater sein sollte.“
Thomas schwieg.
Reinhard atmete tief ein.
„Ich habe auch eine Tochter.“
„Wie alt?“
„Einunddreißig.“
„Und?“
„Sie spricht kaum noch mit mir.“
Thomas sagte nichts.
Das gefiel Reinhard.
Keine falsche Höflichkeit.
Kein „Das wird schon“.
Nur Schweigen.
„Ich war nie da“, fuhr Reinhard fort. „Zumindest nicht richtig.“
Er erzählte vom Unternehmen.
Von den Sitzungen.
Von den Reisen.
Von Anna.
Vom Schulabend.
„Sie wollte damals genau das Gleiche wie Lea.“
Thomas sah ihn an.
„Dass Sie kommen.“
„Ja.“
„Und Sie kamen nicht.“
„Nein.“
„Warum?“
Reinhard lachte bitter.
„Damals hätte ich Ihnen zwanzig Gründe genannt.“
„Und heute?“
„Keinen einzigen.“
Thomas nickte langsam.
„Das ist meistens so.“
Reinhard zog seine Visitenkarte heraus.
„Ich möchte Ihnen helfen.“
Sofort spannte sich Thomas an.
„Nein.“
„Sie wissen noch gar nicht—“
„Doch. Ich kenne diesen Ton.“
„Welchen Ton?“
„Den von Leuten, die glauben, Geld löst alles.“
Der Satz traf.
Weil Thomas recht hatte.
Reinhard steckte die Karte nicht weg.
„Genau dieser Mensch war ich.“
Thomas wollte gehen.
„Bitte.“
Etwas in Reinhards Stimme hielt ihn zurück.
„Ich möchte nicht Leas Vater ersetzen.“
„Das könnten Sie auch nicht.“
„Ich weiß.“
Reinhard nickte.
„Und ich will Ihnen nicht sagen, wie Sie Ihre Familie führen sollen. Sie machen offensichtlich vieles besser als ich.“
Thomas verschränkte die Arme.
„Was wollen Sie dann?“
„Ihnen Zeit zurückgeben.“
Thomas runzelte die Stirn.
„Zeit?“
„Sie arbeiten zwei Stellen.“
„Das geht Sie nichts an.“
„Stimmt.“
Reinhard sah durch die Scheibe in die Bäckerei.
Lea erzählte der Verkäuferin gerade irgendetwas mit großen Handbewegungen.
„Aber ein achtjähriges Mädchen glaubt, sie müsse fünfzig Euro sparen, damit ihr Vater sich leisten kann, zu ihrem Schulabend zu kommen.“
Thomas’ Gesicht verhärtete sich.
Nicht vor Wut.
Vor Schmerz.
„Das wollte ich nie.“
„Das weiß ich.“
Reinhard holte Luft.
„Deshalb möchte ich die offenen Kosten übernehmen, die aus der Krankheit Ihrer Frau noch übrig sind.“
Thomas starrte ihn an.
„Auf keinen Fall.“
„Und ich möchte einen kleinen Fonds einrichten.“
„Nein.“
„Hören Sie mich wenigstens an.“
„Ich nehme keine Almosen.“
„Dann nennen wir es nicht so.“
„Wie denn sonst?“
Reinhard schwieg kurz.
„Meine verspätete Rechnung.“
Thomas schüttelte den Kopf.
„Was soll das heißen?“
„Ich habe jahrzehntelang geglaubt, mit Geld könne man Zeit ersetzen.“
Er zeigte zur Bäckerei.
„Heute hat mir Ihre Tochter gezeigt, dass man Geld vielleicht wenigstens manchmal benutzen kann, damit jemand anderes seine Zeit nicht verkaufen muss.“
Thomas sagte nichts.
„Wenn Sie wegen eines Elternabends zwei Stunden fehlen müssen, sollte Lea nicht aus Angst vor einer Rechnung darauf verzichten.“
„Sie kennen uns überhaupt nicht.“
„Das stimmt.“
„Vielleicht bin ich ein schlechter Mensch.“
„Dann sind Sie ein verdammt überzeugender Schauspieler.“
Thomas musste gegen seinen Willen lächeln.
Reinhard fuhr fort.
„Als ich Sie angerufen habe, haben Sie gesagt: Ich komme sofort.“
„Natürlich.“
„Nein.“
Reinhard sah ihn an.
„Nicht natürlich.“
Thomas’ Lächeln verschwand.
„Ich weiß das, weil ich selbst oft nicht gekommen bin.“
Wieder Schweigen.
„Ich könnte Ihnen eine Summe anbieten, die für mich kaum etwas verändert“, sagte Reinhard. „Aber für Lea könnte sie bedeuten, dass ihr Vater beim Sommerfest sitzt. Beim Elternabend. Vielleicht irgendwann bei ihrer Abschlussfeier.“
Thomas blickte auf den Boden.
„Ich will nicht abhängig sein.“
„Dann setzen wir klare Regeln auf.“
Jetzt sprach Reinhard fast wieder wie der Geschäftsmann, der er war.
„Keine Bargeldgeschenke. Keine Verpflichtung mir gegenüber. Keine Einmischung. Es werden ausschließlich nachweisbare Ausfälle oder alte krankheitsbedingte Verpflichtungen übernommen.“
Thomas sah ihn lange an.
„Warum?“
Diesmal wusste Reinhard die Antwort.
„Weil ich etwas wiedergutmachen muss.“
„Bei Ihrer Tochter.“
„Ja.“
„Dann sollten Sie vielleicht ihr helfen.“
Reinhard verzog das Gesicht.
„Sie will mein Geld nicht.“
„Vielleicht will sie etwas anderes.“
Reinhard blickte hoch.
Thomas zuckte mit den Schultern.
„Ich kenne Ihre Tochter nicht.“
Dann sagte er:
„Aber wenn Sie bei ihr genauso reden wie gerade bei mir, klingt es immer noch so, als wollten Sie ein Problem lösen.“
Reinhard schwieg.
„Vielleicht müssen Sie gar nichts lösen.“
Thomas deutete auf sein Telefon.
„Vielleicht müssen Sie nur anrufen.“
„Sie nimmt nicht ab.“
„Dann schreiben Sie.“
„Sie antwortet nicht.“
„Dann schreiben Sie wieder.“
„Und wenn sie nie antwortet?“
Thomas sah durch die Scheibe zu Lea.
„Dann haben Sie wenigstens einmal nicht aufgegeben, weil es unbequem wurde.“
Diese Worte trafen Reinhard tiefer als jede Kritik seiner Tochter.
Thomas seufzte.
„Mit dem Geld …“
Er schüttelte den Kopf.
„Ich kann das heute nicht entscheiden.“
„Das verlange ich nicht.“
Reinhard gab ihm die Karte.
„Überlegen Sie es.“
Thomas nahm sie.
„Aber morgen gehe ich mit Lea tanzen.“
„Das sollten Sie.“
„Selbst wenn mein Chef mich rauswirft.“
„Dann rufen Sie mich an.“
Thomas lachte.
„Sie geben wirklich nicht auf.“
„Offenbar lerne ich gerade etwas Neues.“
Am nächsten Abend saß Reinhard allein in seiner Wohnung.
Vor ihm lag sein Telefon.
Auf dem Display stand:
Anna.
Nicht angerufen.
Nur der Kontakt.
Er saß fast zwanzig Minuten so da.
Ein Mann, der ohne Zögern Entscheidungen über Millionen traf, hatte Angst, seiner eigenen Tochter eine Nachricht zu schreiben.
Schließlich tippte er:
„Anna, ich habe heute verstanden, dass ich mich mein Leben lang mit dem Satz entschuldigt habe, ich hätte alles für dich getan. Das stimmt nicht. Ich habe vieles für dich bezahlt. Aber ich war oft nicht da. Dafür gibt es keine Entschuldigung.“
Er löschte den Text.
Schrieb neu.
„Ich erwarte nicht, dass du mir verzeihst.“
Wieder gelöscht.
Zu pathetisch.
Zu sehr nach Reinhard Berger.
Dem Vorstand.
Dem Mann, der sogar Entschuldigungen wie Pressemitteilungen formulierte.
Schließlich schrieb er nur:
„Anna, ich habe heute an deinen Tanzabend von damals gedacht. Du hattest mich gebeten zu kommen, und ich bin nicht gekommen. Ich weiß noch, dass ich dir sagte, mein Termin sei wichtig. Ich schäme mich dafür. Ich kann die Zeit nicht zurückholen. Aber wenn du irgendwann einen Kaffee mit mir trinken möchtest, komme ich. Egal wann. Egal wo. Papa.“
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