Während wir sprachen, rückte sie näher an mich heran.
„Also nehmen Sie mich?“, fragte sie plötzlich.
Frau Neumann schwieg. Ich wünschte mir für einen kurzen Augenblick, jemand anders würde antworten.
Ich hatte ein Haus mit einem freien Zimmer. Eine Rente, mit der ich auskam. Zwei erwachsene Kinder, die längst ihr eigenes Leben führten.
Aber ich war siebenundsechzig. Manchmal brauchte ich morgens beide Hände, um mich vom Bettrand hochzudrücken. Ich wusste nicht mehr, wie Mathematik in der Grundschule erklärt wurde. Seit fünf Jahren aß ich an den meisten Abenden allein.
„Alma“, begann ich, „das ist eine große Sache. Ich muss darüber nachdenken und mit den Menschen sprechen, die sich jetzt um dich kümmern.“
Ihr Gesicht veränderte sich sofort.
„Ist schon gut.“
„Ich habe nicht Nein gesagt.“
„Das sagen Erwachsene immer, wenn sie es nicht sagen wollen.“
Sie zog den Reißverschluss ihres Rucksacks zu.
Ich rutschte von der Mauer und ging vor ihr in die Hocke. Mein Knie knackte so laut, dass sie kurz darauf schaute.
„Hör mir bitte zu. Ich will dir nichts versprechen, das ich hinterher nicht halten kann. Du hast schon genug verloren.“
„Ich kann leise sein“, sagte sie.
Dieser Satz traf mich schlimmer als alles in dem Brief.
„Was?“
„Ich mache nicht viel Arbeit. Und ich kann allein einschlafen.“
Frau Neumann wandte das Gesicht ab.
Ich brauchte einen Moment, bevor ich wieder sprechen konnte.
„Du musst nicht leise sein, damit jemand dich haben will.“
Alma wischte mit dem Ärmel über ihre Nase.
„Und dein Papa hätte die Erwachsenen miteinander reden lassen müssen“, sagte ich vorsichtig. „Das hier war zu viel für dich allein.“
„Er hatte Angst.“
„Das glaube ich.“
Ich sah sie an.
„Trotzdem musst du mich nicht von irgendetwas überzeugen.“
Bevor sie mit Frau Neumann ging, vereinbarten wir etwas Konkretes: Ich würde am nächsten Nachmittag anrufen. Um vier.
Alma ließ mich die Uhrzeit zweimal wiederholen.
Am Abend saß ich mit Maltes Brief am Küchentisch. Hannes Stuhl stand noch immer schräg gegenüber, obwohl seit Jahren niemand regelmäßig darauf saß.
Ich rief meine Tochter an.
Kathrin hörte lange zu. Dann sagte sie: „Papa, du kannst doch nicht einfach ein Kind aufnehmen, weil dir ein fremder Mann einen Brief schreibt.“
„Das weiß ich.“
„Du hast letzte Woche vergessen, dein Rezept abzuholen.“
„Das ist etwas anderes.“
„Für dich vielleicht.“
Ich wurde ärgerlich, weil sie recht hatte und weil ich gerade keine Einwände ertrug.
„Dann soll ich sie wegschicken?“
„Das habe ich nicht gesagt.“
Wir schwiegen eine Weile.
„Ich will nicht, dass du aus schlechtem Gewissen etwas versprichst“, sagte sie schließlich. „Und ich will nicht, dass sie dich auch noch verliert, weil du dich übernimmst.“
Nach dem Gespräch rief ich Rüdiger an.
Wir kannten uns seit unserer Lehrzeit. Er hatte früher Anlagen geschweißt und leitete inzwischen die kleine Werkstatt im Nachbarschaftshaus.
„Kommst du auf einen Kaffee?“, fragte ich.
Eine Stunde später saßen nicht nur Rüdiger, sondern auch seine Frau Marlies und unser ehemaliger Kollege Cem in meiner Küche. Rüdiger hatte ihnen mit meiner Zustimmung erzählt, worum es ging.
Ich las den Brief vor.
Danach hörte man nur den Kühlschrank.
„Ich kann ein Kinderzimmer herrichten“, sagte Cem schließlich.
„Ein Zimmer ist nicht das Problem.“
„Weiß ich. Aber es wäre mein Teil.“
Marlies hatte früher in einer Schulmensa gearbeitet.
„Was wäre denn, wenn du krank bist?“, fragte sie.
„Genau das weiß ich nicht.“
Sie nahm einen Notizzettel vom Küchentisch.
Wir sprachen zwei Stunden lang. Über Schulwege und Arzttermine. Über Ferien. Darüber, dass gelegentliches Helfen etwas anderes war als eine Zusage für mehrere Jahre.
Niemand sagte, Liebe würde schon reichen.
Rüdiger bot zwei feste Nachmittage an. Marlies wollte bei Hausaufgaben helfen, solange Alma sie überhaupt in ihrer Nähe haben wollte. Cem konnte Fahrten übernehmen.
Es waren keine großen Reden. Es waren Namen, Wochentage und Telefonnummern.
Als die anderen gegangen waren, kam eine Nachricht von Kathrin.
Bin Samstag da. Wir schauen uns das zusammen an.
Am nächsten Morgen telefonierte ich mit der zuständigen Mitarbeiterin beim Jugendamt. Frau Seifert kannte Maltes Unterlagen.
„Wir wollten mit Ihnen Kontakt aufnehmen“, sagte sie. „Dass Alma Ihnen zuvorgekommen ist, wusste ich nicht.“
Ich erzählte von den vergangenen Tagen.
Sie hörte aufmerksam zu und fragte dann: „Was möchten Sie selbst, Herr Berger?“
Ich sah durch die offene Tür in das kleine Zimmer, in dem seit Jahren Kartons standen.
„Ich möchte herausfinden, ob sie bei mir leben kann.“
„Dann müssen wir uns gründlich kennenlernen.“
Sie sprach mein Alter an, meine Gesundheit und die Unterstützung im Alltag. Auch darüber, dass ich für Alma bisher ein fast fremder Mensch war.
Ich merkte, wie ich mich bei jeder Frage verteidigen wollte. Dann dachte ich daran, was ich selbst wissen wollen würde, wenn jemand meine Enkeltochter aufnehmen sollte.
„Fragen Sie“, sagte ich.
Um Punkt vier rief ich bei den Neumanns an.
Alma nahm nach dem ersten Klingeln ab.
„Sie haben gesagt, vier Uhr.“
„Ist es doch.“
„Vier Uhr und eine Minute.“
„Dann muss ich wohl meine Küchenuhr stellen.“
Zum ersten Mal hörte ich sie ein wenig lachen.
Zwei Tage später besuchte ich sie nach Absprache. Sie saß im Garten auf einer Schaukel und stieß sich kaum vom Boden ab.
Ich setzte mich auf die Bank daneben.
„Ich habe mit Frau Seifert gesprochen.“
Almas Füße blieben stehen.
„Und?“
„Ich möchte, dass wir uns kennenlernen. Richtig. Und wenn du dann noch möchtest und die Erwachsenen alles geklärt haben, möchte ich, dass du bei mir wohnst.“
Sie sah mich lange an.
„Nicht nur bis zu den Ferien?“
„Nicht nur bis zu den Ferien.“
„Und wenn ich nachts weine?“
„Dann hören wir erst mal auf zu schlafen.“
Sie rutschte von der Schaukel und kam zu mir. Kurz vor meinen Knien blieb sie stehen, als müsse sie noch um Erlaubnis bitten.
Ich öffnete die Arme.
Sie drückte ihr Gesicht gegen meine Jacke. Ich spürte ihre Finger im Stoff und legte die Hand auf ihren Hinterkopf.
Wir saßen lange so da.
Die nächsten vier Monate bestanden aus Besuchen, Gesprächen, Formularen und Warten.
Alma blieb zunächst bei den Neumanns. Niemand packte ihr plötzlich den Rucksack und erklärte ihr, nun werde alles gut. Wir gingen zusammen einkaufen, kochten einfache Gerichte und stritten zum ersten Mal darüber, ob Hausaufgaben vor dem Fernsehen erledigt werden mussten.
„Bei Papa durfte ich manchmal vorher gucken.“
„Manchmal ist ein schwieriges Wort.“
„Sie kennen Papa gar nicht.“
Das stimmte.
Ich stellte den Teller ab, den ich gerade trocknete.
„Nein. Deshalb musst du mir von ihm erzählen.“
Sie war noch wütend. Aber nach einer Weile berichtete sie, dass Malte beim Kochen immer die Schranktüren offen gelassen hatte und schrecklich singen konnte.
An diesem Nachmittag erzählte sie fast eine Stunde.
Kathrin kam am folgenden Wochenende. Sie brachte keinen Plüschbären mit, sondern eine alte Kiste mit meinen Schulheften, die sie auf dem Dachboden gefunden hatte.
Alma entdeckte eine Zeichnung von mir.
„Das soll ein Pferd sein?“
„Damals war die Kunst noch anders.“
Kathrin lachte so laut, dass Alma erschrocken aufsah und dann mitlachte.
Später stand meine Tochter mit mir im Flur.
„Sie schaut dauernd, ob du noch da bist“, sagte sie leise.
„Ich weiß.“
Kathrin strich über den Ärmel ihrer Jacke.
„Wir brauchen einen richtigen Plan für den Fall, dass dir etwas passiert. Mit Frau Seifert zusammen.“
„Ja.“
„Und du gehst zu deinen Untersuchungen.“
„Ja.“
Dann nahm sie mich in den Arm.
Bei einem der Hausbesuche fragte Frau Seifert Alma, ob es etwas gebe, das ihr Sorgen mache. Ich wollte gerade erklären, dass wir über vieles gesprochen hätten.
Alma kam mir zuvor.
„Er ist alt.“
Ich schwieg.
„Und Papa war nicht alt“, sagte sie. „Trotzdem ist er gestorben.“
Frau Seifert ließ ihr Zeit.
Später saßen Alma und ich allein am Küchentisch.
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