Für seine herzkranke Tochter arbeitete er bis zum Umfallen, dann rief eine Fremde

Als meine Tochter ein neues Herz brauchte, bot ich der ganzen Stadt meine Hände an. Ausgerechnet die Frau, die mich früher kaum gegrüßt hatte, rief zurück.

„Sie machen mir Angst, Herr Seidel.“

Die junge Pflegerin stand vor mir im Flur des Herzzentrums. Ich hatte gerade zum dritten Mal gefragt, wann endlich jemand mit mir über Ronja sprechen würde. Meine Stimme war dabei lauter geworden, als ich bemerkt hatte.

Ich sah auf meine Hände. Schwarz an den Nagelrändern, aufgeplatzte Haut über den Knöcheln. Ich hatte es nicht einmal geschafft, mich in der Werkstatt richtig zu waschen.

„Ich will niemandem Angst machen“, sagte ich. „Ich hab nur selber welche.“

Da wurde ihr Blick anders. Sie zog einen Stuhl an die Wand und blieb einen Augenblick neben mir stehen.

„Setzen Sie sich. Ich hole die Ärztin.“

Am Dienstag war Ronja beim Fußballtraining zusammengebrochen. Am Donnerstag saß ich in einem Besprechungszimmer und hörte, dass meine sechzehnjährige Tochter ein neues Herz brauchte.

Ich war achtundfünfzig. Seit zweiundvierzig Jahren reparierte ich Dinge, die andere bereits aufgegeben hatten. Motoren, Getriebe, verrostete Lieferwagen, von denen jemand sagte, da lohne sich nichts mehr.

Die Ärztin erklärte mir, dass Ronjas Herzmuskel schwer geschädigt war. Sie sprach langsam, ließ Pausen, beantwortete meine Fragen zweimal.

Dann fragte ich: „Was kostet das?“

„Die medizinische Behandlung wird von ihrer Krankenkasse übernommen“, sagte sie. „Und bei der Vergabe eines Spenderherzens zählt die medizinische Situation. Ihr Einkommen spielt dabei keine Rolle.“

Ich nickte. Trotzdem griff ich nach dem Kugelschreiber, der vor mir lag, und drehte ihn so lange zwischen den Fingern, bis die Kappe brach.

„Was kann ich dann machen?“

Die Ärztin sah mich an.

„Für Ihre Tochter da sein.“

Es war das Einzige, von dem ich nicht wusste, wie ich es schaffen sollte.

Meine kleine Werkstatt lag in einem Ort bei Kassel. Zwei Hebebühnen, ein Büro mit einem undichten Fenster, ein Kalender, der seit Februar auf Januar stand. Mein einziger Mitarbeiter war im Winter in Rente gegangen.

Wenn ich nicht arbeitete, kam kein Geld herein. Die Miete für die Werkstatt lief weiter, die Raten für neue Geräte auch. Zu Hause warteten Rechnungen in einer Küchenschublade, die ich schon seit Wochen nur mit dem Knie zubekam.

Ronjas Mutter Anke war kurz nach ihrer Geburt gestorben. Seitdem hatten wir zwei uns irgendwie durchgeschlagen.

Ich konnte Zöpfe flechten, wenn auch schief. Ich wusste, welche Nudeln Ronja mochte, wann sie in Ruhe gelassen werden wollte und dass „Ist nichts“ meistens bedeutete, dass etwas war.

Aber ich wusste nicht, wie man neben einem Krankenhausbett saß, ohne ständig auf die Zahlen am Monitor zu schauen.

An diesem Abend fragte Ronja: „Musst du morgen wieder arbeiten?“

„Nur ein paar Stunden.“

Sie zog die Decke bis unter das Kinn. „Schon gut.“

Das sagte sie seit ihrem achten Lebensjahr immer dann, wenn etwas überhaupt nicht gut war.

Auf dem Parkplatz setzte ich mich in meinen alten Werkstattwagen und rief Rüdiger an.

Er war zweiundsiebzig, früher Schweißer, später Werkstattmeister. Ein Mann mit breiten Schultern, einem steifen Knie und der Angewohnheit, selbst eine Beerdigung mit den Worten „Na, dann wollen wir mal“ zu betreten.

„Ich brauch euch“, sagte ich.

Mehr brachte ich nicht heraus.

Eine Stunde später saßen elf Leute zwischen meinen Hebebühnen. Ehemalige Kollegen, zwei Nachbarn, mein alter Lehrmeister und Selma, die im Ort eine kleine Änderungsschneiderei führte und jeden von uns seit Jahrzehnten kannte.

Rüdiger hatte Kaffee mitgebracht. Niemand trank ihn.

Ich erzählte von Ronja. Vom Warten auf ein Herz. Von der Klinik, die fast anderthalb Stunden entfernt war. Und davon, dass ich nicht wusste, wie lange ich noch zwischen Krankenhaus und Werkstatt hin und her fahren konnte.

„Was fehlt?“, fragte Selma.

„Zeit.“

„Und was brauchst du, damit du Zeit hast?“

Ich starrte auf den Boden.

Gemeinsam gingen wir die Zahlen durch. Offene Rechnungen, laufende Kosten, das Nötigste für zu Hause. Ich hatte etwas zurückgelegt, aber deutlich weniger, als ich ihnen gern gesagt hätte.

Mit fünfundzwanzigtausend Euro hätte ich die dringendsten Verpflichtungen abfangen und für eine Weile aufhören können, jeden Krankenhausbesuch gegen einen Kundenauftrag aufzurechnen.

Als die Zahl auf dem Papier stand, schob ich es weg.

„Vergesst es. Ich verkauf die Geräte.“

Rüdiger zog das Blatt wieder zu sich.

„Damit du hinterher gar keine Werkstatt mehr hast?“

„Dann ist das eben so.“

„Ewald“, sagte er. „Wir sind nicht hergekommen, damit du vor unseren Augen alles kaputtmachst.“

Selma schlug einen Reparaturtag vor. Ein Nachbar wollte Geräte versteigern, die seit Jahren ungenutzt in seinem Schuppen standen. Die Tochter meines Lehrmeisters kannte sich mit Spendenaktionen im Internet aus.

Alle hatten eine Idee. Nur ich saß da und kam mir vor wie jemand, dessen Werkzeugkasten leer war.

Noch in derselben Nacht schrieb ich an unsere kleine Lokalzeitung.

Ich bot an, einen Monat lang Reparaturen ohne Arbeitslohn zu übernehmen. Material musste bezahlt werden. Wer konnte und wollte, sollte stattdessen etwas für unsere Überbrückung spenden.

Ich schrieb auch, dass die Behandlung meiner Tochter bezahlt wurde. Ich wollte nicht, dass irgendjemand glaubte, wir sammelten Geld, um ihr einen Platz auf einer Liste zu kaufen.

Am nächsten Morgen rief eine Redakteurin an.

„Warum machen Sie das, Herr Seidel?“

„Weil ich nichts annehmen kann, ohne etwas dafür zu tun.“

Sie schwieg kurz.

„Vielleicht sollten Sie genau das lernen.“

Der Artikel erschien trotzdem. Ronja hatte das Foto selbst ausgesucht, eines vom vergangenen Sommer, auf dem sie lachend einen viel zu großen Schraubenschlüssel hielt.

Mein Telefon klingelte bereits vor acht.

Der erste Anruf kam von einer Witwe, deren Rollator beim Bremsen nach links zog. Danach meldete sich eine Mutter, die ihr Auto brauchte, um zur Frühschicht zu kommen. Ein älterer Mann fragte, ob ich seinen Rasenmäher ansehen könnte.

„Ich kann aber nicht viel geben“, sagte er.

„Dann geben Sie wenig.“

Als er am Nachmittag kam, brachte er zwölf Euro in einem Briefumschlag mit. Auf der Rückseite stand: Für Ihre Tochter. Meine Frau hieß auch Ronja.

Ich steckte den Umschlag in die Spendenkasse und musste eine Weile im Lager bleiben.

Die ersten Tage arbeitete ich, als könnte ich durch genügend erledigte Aufträge etwas beschleunigen.

Morgens Werkstatt, nachmittags Klinik, abends wieder Werkstatt. Ich aß Brötchen über dem Mülleimer, damit ich hinterher nicht fegen musste. Nachts schlief ich auf dem Sofa im Büro, weil mir der Heimweg wie verlorene Zeit vorkam.

Rüdiger übernahm die Telefonate. Selma führte die Liste. Zwei ehemalige Kollegen halfen bei den Reparaturen.

Trotzdem nahm ich jeden neuen Auftrag persönlich an.

Am vierten Tag rief der Inhaber eines kleinen Baubetriebs an.

„Kommen Sie am Samstag zu uns. Wir haben einen Anhänger, der seit Monaten steht.“

„Das kann ich mir ansehen.“

„Und unabhängig davon spende ich zweitausend Euro.“

„Für einen Anhänger?“

„Für einen Vater“, sagte er. „Den Anhänger können wir auch nächste Woche machen.“

Ich fuhr trotzdem hin.

Als ich fertig war, standen seine sechs Mitarbeiter vor mir. Einer hielt eine Keksdose in der Hand. Darin lagen weitere dreihundertachtzig Euro.

„Unsere Frauen haben auch was dazugelegt“, sagte er verlegen.

Ich bedankte mich so förmlich, als wäre ich auf einer Behörde. Mehr bekam ich nicht hin.

Nach einer Woche waren siebentausendvierhundert Euro zusammengekommen. Eine unglaubliche Summe, zusammengetragen aus kleinen Überweisungen, gebrauchten Werkzeugen und Menschen, die ihre Geldbörsen aufmachten.

Ich sah trotzdem nur die Zahl, die noch fehlte.

Ronja ging es schlechter. Wenn ich kam, schlief sie oft. Einmal wollte sie mir etwas erzählen und musste nach wenigen Worten eine Pause machen.

Ich hatte bis dahin geglaubt, Angst sei etwas Lautes. Bei ihr war sie ganz still.

„Papa, setzt du dich?“

„Ich muss gleich noch mal zurück. Da wartet ein Wagen.“

Sie hielt meine Hand fest.

„Nur zehn Minuten.“

Ich setzte mich und schaute auf die Uhr.

Das habe ich mir später lange nicht verziehen.

Am neunten Tag fiel mir ein Schraubenschlüssel aus der Hand. Einfach so, mitten in der Arbeit. Als ich mich danach bückte, wurde mir schwarz vor Augen.

Rüdiger fasste mich am Oberarm.

„Schluss.“

„Lass mich.“

Er drehte den Schlüssel aus dem Zündschloss des Kundenwagens und steckte ihn ein.

„Du gehst jetzt schlafen.“

Ich wurde laut. Ich sagte Dinge, die mit ihm nichts zu tun hatten. Dass er leicht reden könne. Dass es nicht seine Tochter sei. Dass Ronja keine Zeit habe, bis ich ausgeschlafen wäre.

Rüdiger hörte zu. Dann stellte er einen Stuhl hinter mich.

„Setz dich trotzdem.“

Abends erzählte ich Ronja nichts davon. Sie wusste es bereits.

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