Für seine herzkranke Tochter arbeitete er bis zum Umfallen, dann rief eine Fremde

„Selma hat angerufen“, sagte sie.

Ich hätte mich über Selma ärgern können. Dazu war ich zu müde.

„Ich mach doch nur, was ich kann.“

Ronja sah lange auf meine Finger. Dann schob sie mit ihrer schmalen Hand die meine auf die Bettdecke.

„Ich brauche dich hier, Papa. Nicht irgendwann, wenn du alles geschafft hast.“

Ich wollte etwas erklären. Von Verantwortung, von Rechnungen, davon, dass sie sich keine Sorgen machen sollte.

Stattdessen fing ich an zu weinen.

Ronja zog vorsichtig an meinem Ärmel, bis ich näher rückte. Wir saßen lange so da. Zum ersten Mal seit ihrem Zusammenbruch versuchte ich nicht, vor ihr stark auszusehen.

Am nächsten Morgen bekam Rüdiger den Werkstattschlüssel. Selma strich meinen Namen von fast allen Terminen.

Ich durfte noch zwei Stunden am Tag mitarbeiten. Darüber wurde nicht verhandelt.

Zwei Tage später rief Margot Vollmer an.

Ich kannte sie vom Sehen. Gepflegter Mantel, silbernes Haar, ein großes Haus hinter einer hohen Hecke. Wenn wir uns im Ort begegneten, nickte sie knapp und ging weiter.

Ich hatte sie für eine Frau gehalten, die möglichst wenig mit Menschen wie mir zu tun haben wollte.

„Herr Seidel“, sagte sie, „ich hätte eine Arbeit für Sie.“

Ich erklärte ihr, dass ich vorerst kaum noch Aufträge annahm.

„Es dauert nicht lange. Eine Schublade klemmt.“

Rüdiger fuhr mich hin. Er traute mir nach wie vor nicht ganz, wenn ich behauptete, ausgeschlafen zu sein.

Frau Vollmer führte uns in ein Wohnzimmer mit alten Holzmöbeln. Auf einem Beistelltisch stand das Foto eines jungen Mannes mit zwei Kindern.

Ich richtete die Schubladenschiene. Es dauerte keine Viertelstunde.

„So“, sagte ich. „Die geht wieder.“

„Dann setzen Sie sich bitte.“

Auf dem Tisch lag ein Überweisungsbeleg. Ich sah erst den Namen meiner Tochter und dann den Betrag.

Achtzehntausend Euro.

„Das ist ein Irrtum“, sagte ich.

Frau Vollmer schüttelte den Kopf.

„Nein.“

Ich schob ihr das Papier zurück.

„Sie kennen uns doch gar nicht.“

„Ich kenne nicht einmal den Mann, wegen dem Sie heute hier sitzen.“

Rüdiger blieb an der Wohnzimmertür stehen. Frau Vollmer nahm das Foto vom Beistelltisch und stellte es vor mich.

„Mein Sohn Jens. Heute dreiundvierzig. Damals war er neunzehn.“

Sie erzählte von einem Unfall auf einer Landstraße. Jens war mit dem Auto von der Fahrbahn abgekommen. Andere hatten den Notruf gewählt. Einer war bis zum Wagen gegangen und bei ihm geblieben.

Ein Mann in verschmutzter Arbeitskleidung. Breite Schultern, raue Stimme. Er hatte die Blutung an Jens’ Arm versorgt, mit ihm gesprochen und auf die Rettungskräfte gewartet.

„Jens erinnerte sich später vor allem an einen Satz“, sagte sie. „Der Mann hat immer wieder gesagt: Du bleibst jetzt hier, Junge. Wir sind noch nicht fertig.“

Niemand hatte seinen Namen notiert. Als Frau Vollmer am Unfallort eintraf, war er bereits weg.

„Mein Sohn hat später eine Ausbildung gemacht, geheiratet, Kinder bekommen. Und ich konnte mich bei diesem Menschen nie bedanken.“

Sie strich mit dem Daumen über den Bilderrahmen.

„Dann las ich Ihren Artikel. Und ich dachte, diesmal weißt du wenigstens, wo du klingeln kannst.“

Ich starrte auf den Beleg.

„Das kann ich nie zurückzahlen.“

„Das habe ich auch nicht vor.“

„Aber achtzehntausend Euro …“

„Mein Mann und ich haben gut gelebt. Er ist seit vier Jahren tot. Das Geld liegt da. Sie brauchen jetzt Ihre Zeit.“

Ich saß auf ihrem Sofa und weinte, während eine Frau, die ich für kalt gehalten hatte, mir schweigend ein Taschentuch reichte.

Auf der Rückfahrt sagte Rüdiger zunächst nichts.

Dann fragte er nach dem Unfallort.

Ich nannte ihm die Abzweigung, soweit ich sie mir gemerkt hatte.

Er nickte nur und konzentrierte sich wieder auf die Straße.

Mit Frau Vollmers Überweisung war unser Ziel erreicht. Selma veröffentlichte den Stand und beendete die Sammlung. Die Werkstattkosten waren vorerst gedeckt, und ich konnte bei Ronja bleiben.

Zum ersten Mal fuhr ich in die Klinik, ohne im Kopf zu rechnen.

Ich setzte mich zu ihr und erzählte ihr alles.

„Dann musst du morgen nicht arbeiten?“

„Nein.“

„Und übermorgen?“

„Auch nicht.“

Sie schloss die Augen. Ihr Mund wurde ganz weich.

„Gut“, flüsterte sie.

Das Geld änderte nichts an ihrem kranken Herzen. Wir warteten weiter. Manchmal brachte ich ihr ein Buch, manchmal erzählten wir uns dieselben Geschichten zum dritten Mal.

Manchmal hatte sie Angst und wollte nicht darüber sprechen. Dann saß ich einfach neben ihr und blieb.

Der Anruf kam elf Tage später, kurz nach drei Uhr morgens.

Es gebe möglicherweise ein passendes Spenderherz. Weitere Untersuchungen liefen. Ich solle in die Klinik kommen.

Ich zog die Schuhe ohne Socken an. Rüdiger wartete bereits vor dem Haus, als ich mit der Jacke in der Hand herauskam.

„Selma fährt später“, sagte er. „Steig ein.“

Ronja war wach. Sie wirkte kleiner als sonst, obwohl sie im selben Bett lag.

„Bleibst du?“

„Ich bleibe.“

Sie sah auf meine Schuhe.

„Du hast keine Socken an.“

„Hab heute auf Schnelligkeit gearbeitet.“

Da lächelte sie zum ersten Mal seit Tagen richtig.

Als sie abgeholt wurde, beugte ich mich zu ihr. Ich wollte etwas sagen, an das sie sich festhalten konnte.

„Du musst mir nichts versprechen“, sagte ich schließlich. „Wir sehen uns nachher.“

Danach begann ein Warten, für das es keine Beschäftigung gab.

Rüdiger saß neben mir. Selma kam mit belegten Broten, die wir erst Stunden später anrührten. Frau Vollmer brachte eine Thermoskanne und fragte nicht dauernd, ob es Neuigkeiten gebe.

Einige Freunde warteten zu Hause auf Selmas Nachricht. Niemand machte aus diesem Tag eine Veranstaltung.

Irgendwann sah ich auf die geschlossene Tür und dachte an eine Familie, die gerade einen Menschen verloren hatte. Ich kannte ihren Namen nicht. Trotzdem hing unser ganzes Hoffen an einer Entscheidung, die irgendwo in ihrem Unglück möglich geworden war.

Ich senkte den Kopf. Neben mir legte Rüdiger seine Hand auf meinen Nacken.

Nach vielen Stunden kam die Ärztin.

Ich stand zu schnell auf.

„Das neue Herz arbeitet“, sagte sie. „Die Operation ist gut verlaufen. Jetzt müssen wir die nächste Zeit sorgfältig abwarten.“

Ich hörte jedes Wort. Trotzdem fragte ich: „Sie lebt?“

„Ja, Herr Seidel.“

Meine Knie gaben nach. Rüdiger und Selma hielten mich, bis ich wieder auf dem Stuhl saß.

Niemand jubelte. Frau Vollmer presste beide Hände vor den Mund. Rüdiger weinte und tat nicht einmal so, als wäre es etwas anderes.

Als ich später an Ronjas Bett durfte, lag ihre Hand warm in meiner.

Ich betrachtete sie lange. Die Finger, an denen ich ihr früher die Nägel geschnitten hatte. Den kleinen hellen Fleck am Daumen von einem Missgeschick mit der Heißklebepistole.

Als sie wieder wach genug zum Sprechen war, fragte sie mit rauer Stimme: „Hast du geschlafen?“

Ich lachte und musste gleichzeitig weinen.

„Noch nicht genug.“

„Dann üb das.“

Die Monate danach bestanden aus Medikamentenplänen, Untersuchungen und vorsichtigen Schritten über Krankenhausflure. Ronja war ungeduldig. An manchen Tagen war sie erschöpft, an anderen wütend darüber, dass ich sie nach jedem Treppenabsatz fragte, ob alles gehe.

Wir lernten beide.

Ich lernte, ihre Tabletten nicht dreimal nachzuzählen. Sie lernte, rechtzeitig zu sagen, wenn sie eine Pause brauchte.

Zu Hause stand plötzlich Essen vor der Tür. Der Nachbar mähte unseren Rasen. Ronjas Mannschaft schickte Sprachnachrichten und kam später in kleinen Gruppen vorbei.

Meine Werkstatt wurde nicht gerettet, indem irgendjemand ein Wunder vollbrachte. Zwei Kollegen erledigten angefangene Arbeiten. Kunden warteten oder gingen vorübergehend woanders hin. Der Vermieter verschob eine fällige Zahlung.

Viele kleine, vernünftige Dinge hielten uns über Wasser.

Frau Vollmer kam dienstags. Anfangs brachte sie Bücher, später nur noch ihre Brille und ein paar Neuigkeiten mit.

Ronja nannte sie irgendwann Margot. Ich brauchte länger dafür.

Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen

Nach oben scrollen