Als der junge Mann Ewald schlug, filmten seine Freunde weiter. Hinter den Fenstern des alten Werkhauses schoben vierzig Menschen gleichzeitig ihre Stühle zurück.
„Jetzt machen Sie endlich Platz.“
Ewald Brenner stand neben seinem Kleinwagen und hielt den blauen Parkausweis hoch. Die drei jungen Männer vor ihm bewegten sich nicht. Einer saß auf der niedrigen Begrenzungsmauer, einer hielt ein Handy, der dritte grinste direkt in eine kleine Kamera.
„Hören Sie schlecht, Opa? Wir sind gleich fertig.“
„Ja“, sagte Ewald. „Ich höre schlecht. Deshalb bitte ich Sie ja, mich anzusehen.“
Der junge Mann mit der Kamera lachte. Er war Anfang zwanzig, trug eine helle Jacke und hatte sich mitten auf den einzigen ausgewiesenen Behindertenparkplatz gestellt. Sein Freund filmte, wie er sich betont langsam umdrehte.
„Der Herr möchte einen Sonderauftritt.“
Ewald senkte den Ausweis. Seit der Operation an seiner Hüfte konnte er keine längeren Strecken mehr gehen. Auf den anderen Plätzen standen bereits die Autos der ehemaligen Werksangehörigen.
„Ich möchte nur mein Auto abstellen.“
„Dann stellen Sie es da hinten ab.“
„Das schaffe ich zu Fuß nicht.“
Der junge Mann trat näher. Auf seinem Handydisplay bewegten sich kleine Herzen nach oben, neben Kommentaren, die Ewald ohne Brille nicht lesen konnte. Er verstand nur das Lachen hinter der Kamera.
„Vielleicht hätten Sie zu Hause bleiben sollen.“
Ewald hob die Hand, um etwas zu sagen. Später konnte er sich nicht mehr erinnern, was es gewesen war. Die Ohrfeige kam so unvermittelt, dass er gegen die offene Autotür stieß und seinen Stock fallen ließ.
Sein Hörgerät landete auf dem Pflaster. Als er sich danach bückte, gab das rechte Bein nach. Er fing sich mit einer Hand an der Tür ab, mit der anderen auf dem Boden.
„Lass das“, sagte einer der Freunde leise.
Der junge Mann hörte nicht auf ihn. Er schob das Hörgerät mit der Schuhspitze beiseite und beugte sich zu Ewald hinunter.
„War doch nur Spaß. Jetzt machen Sie hier kein Theater.“
Die Tür des Werkhauses schlug auf.
Zuerst kam ein breitschultriger Mann in einer ausgewaschenen Arbeitsjacke heraus. Sein Gesicht war kantig, die Nase schief verheilt, und an der linken Hand fehlte die Spitze des kleinen Fingers. Hinter ihm erschienen weitere Männer und Frauen, einige mit weißen Haaren, einer mit einer Gehhilfe.
Der Mann in der Arbeitsjacke blieb direkt vor der Kamera stehen.
„Ausmachen.“
„Wir drehen hier.“
„Du hörst jetzt auf.“
Er sprach nicht laut. Trotzdem senkte der Junge mit dem Handy den Arm.
Ewald saß inzwischen auf der niedrigen Mauer. Blut lief aus einer Schürfwunde über seinen Handballen. Er versuchte, seine Jacke darüberzuziehen, als könne er damit verhindern, dass noch mehr Menschen sein Missgeschick sahen.
„Ewald?“
Der große Mann ging vor ihm in die Hocke. Dabei verzog er kurz das Gesicht, weil seine Knie das längst nicht mehr gern mitmachten.
„Ich bin’s. Rolf.“
Ewald sah ihn an, dann zur offenen Tür hinter ihm.
„Ihr habt das gesehen?“
„Ja.“
Für einen Moment schloss Ewald die Augen. Dass jemand zugeschaut hatte, schien ihm beinahe unangenehmer zu sein als der Schlag.
Rolf kannte diesen Blick. Vierzig Jahre lang hatten sie im selben Betrieb gearbeitet, erst an benachbarten Hallenabschnitten, später in verschiedenen Schichten. Ewald hatte selbst nach einem Arbeitsunfall noch behauptet, die anderen sollten seinetwegen keine Umstände machen.
„Der Platz ist frei“, sagte Rolf. „Erika parkt deinen Wagen. Du bleibst erst mal sitzen.“
Eine grauhaarige Frau nahm Ewald vorsichtig den Schlüssel ab. Ein anderer Mann brachte einen Stuhl aus dem Haus, während eine ehemalige Betriebssanitäterin nach der Wunde sah. Niemand musste lange erklären, was zu tun war.
Der junge Mann in der hellen Jacke machte einen Schritt zurück.
„Also, wenn hier jetzt alle durchdrehen, bin ich weg.“
Rolf richtete sich auf. Er war achtundsechzig und noch immer einen Kopf größer als die meisten Menschen um ihn herum.
„Die Polizei ist unterwegs.“
„Wegen einer Kleinigkeit?“
Erika sah von der Fahrertür herüber. „Du hast einen Menschen geschlagen.“
„Er hat mich vorher provoziert.“
Ewald hob den Kopf. Ohne Hörgerät verstand er nur einzelne Wörter, aber den Ton erkannte er.
„Ich habe um den Parkplatz gebeten.“
Rolf wandte sich so, dass Ewald seinen Mund sehen konnte.
„Du musst dich nicht rechtfertigen.“
Hinter ihnen standen mittlerweile fast alle, die sich im Werkhaus zum jährlichen Ehemaligentreffen eingefunden hatten. Manche kannte Ewald seit seiner Lehrzeit. Andere hatten erst kurz vor der Schließung des Betriebs dort angefangen.
Der junge Mann blickte über die Gesichter. Vielleicht hatte er mit einem wütenden alten Herrn gerechnet, der sich gut vorführen ließ. Mit dieser stillen, aufmerksam wartenden Gruppe hatte er offenbar nicht gerechnet.
„Ihr bedroht mich“, sagte er und hob nun selbst sein Handy.
Rolf trat zur Seite und ließ den Weg zum Ausgang offen.
„Du kannst telefonieren. Wir tun dir nichts.“
Dann ging er zu Ewald zurück.
„Bitte keine Schlägerei“, sagte der leise.
Rolf legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Hier schlägt keiner zurück.“
Erika fand das Hörgerät unter einem geparkten Wagen. Das Gehäuse hatte einen Sprung, der kleine Bügel war abgebrochen. Sie legte es in ein sauberes Taschentuch und sagte zunächst nichts dazu.
Ewald sah es trotzdem.
„Das habe ich erst seit Februar.“
„Wir kümmern uns darum.“
„Weißt du, was so etwas kostet?“
Erika setzte sich neben ihn. „Ewald. Jetzt kümmern wir uns erst um dich.“
Der junge Mann hieß Timo, wie sein Freund ihn mehrfach nannte. Im Internet benutzte er einen anderen Namen. Er hatte sich damit eine beachtliche Zahl von Zuschauern aufgebaut, vor allem mit Aufnahmen, in denen fremde Menschen vor laufender Kamera die Geduld verloren.
Als Rolf nachfragte, was genau gefilmt worden war, schob Timo das Handy in die Tasche.
„Das versteht ihr sowieso nicht.“
„Dann erklär es.“
„Reaktionen. Wir machen Reaktionsvideos.“
Rolf sah zu Ewald, dessen Hand inzwischen verbunden wurde.
„Die Reaktion hast du jetzt.“
Zum ersten Mal antwortete Timo nicht sofort. Sein Freund mit der kleinen Kamera stand mehrere Schritte entfernt und starrte auf das Gerät in seinen Händen.
„Ich habe alles drauf“, sagte er schließlich.
Timo fuhr herum. „Halt doch einfach den Mund, Nils.“
„Auch, dass er nichts gemacht hat.“
Es wurde still. Ewald bemerkte, wie sich zwischen den beiden etwas veränderte, obwohl er die Worte kaum verstand.
Als die Polizeibeamten kamen, redeten zunächst drei Menschen gleichzeitig. Rolf unterbrach niemanden. Er blieb neben Ewald stehen, bis eine Beamtin sich einen Stuhl holte und ihm gegenübersetzte.
Sie sprach langsam und deutlich. Ewald erzählte vom Parkplatz, vom Schlag und von dem Moment, in dem sein Bein nachgegeben hatte. Bei der Frage, ob er Schmerzen habe, sah er kurz zu Rolf.
„Sag’s ihr“, sagte Rolf.
„Die Hüfte zieht. Und hier am Kopf.“
Die Beamtin bat darum, ihn ärztlich untersuchen zu lassen. Während ihr Kollege mit den jungen Männern sprach, wollte Timo plötzlich seine Aufnahmen löschen.
„Ich nehme das alles raus. Dann ist es doch erledigt.“
„Jetzt verändern Sie bitte nichts“, sagte die Beamtin.
Nils zeigte ihr seine Aufnahme. Er wirkte dabei so blass, dass Erika ihm ebenfalls einen Stuhl anbot. Er setzte sich nicht.
Ewald blickte zur Eingangstür des Werkhauses. Im Flur hing die schmale Messingtafel, wegen der er jedes Jahr kam. Aus dieser Entfernung konnte er sie nicht lesen, aber er kannte jede Zeile.
„Ich möchte noch kurz hinein“, sagte er.
„Gleich fahren wir erst zum Arzt“, erwiderte Rolf.
„Nur einen Augenblick.“
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