Ein Mädchen folgte mir vier Tage, bis ich den Brief ihres Vaters las

„Ich kann dir nicht versprechen, dass ich niemals krank werde“, sagte ich. „Aber wir machen einen Plan. Du wirst wissen, wen du anrufen kannst. Und du musst so etwas nie wieder allein organisieren.“

Sie fuhr mit dem Finger durch einen Wassertropfen auf dem Tisch.

„Ich will keinen neuen Papa suchen müssen.“

„Das sollst du auch nicht.“

An diesem Abend begriff ich, dass ihre Angst nicht mit einem eigenen Zimmer verschwinden würde.

Das Zimmer durfte sie trotzdem selbst aussuchen.

Cem hatte angeboten, die Wände zu streichen. Alma entschied sich für ein helles Lila.

„Die ganze Wand?“, fragte ich.

„Nur die hier. Sonst sieht es aus wie ein Bonbon.“

Hanne hätte ihr zugestimmt.

Unter das Fenster kam ein Schreibtisch. Neben dem Bett blieb Platz für ein kleines Regal aus Maltes Wohnung. Die Neumanns hatten geholfen, seine Sachen aufzubewahren.

Alma stellte ein Foto ihrer Eltern darauf. Dann legte sie einen alten Wollschal daneben.

„Der riecht noch ein bisschen nach Papa.“

„Dann waschen wir ihn nicht.“

Kurz bevor alles entschieden wurde, erschien sie bei einem Besuch mit dem Rucksack auf dem Rücken im Wohnzimmer.

„Ich möchte doch nicht.“

Mir wurde kalt.

„Nicht hier wohnen?“

Sie nickte, ohne mich anzusehen.

Ich setzte mich hin, damit sie nicht zu mir hochschauen musste.

„Ist etwas passiert?“

Sie schüttelte den Kopf.

Erst nach einer langen Pause kam es heraus.

„Gestern hab ich beim Essen gelacht.“

„Ja.“

„Und dann habe ich erst abends an Papa gedacht.“

Ihre Unterlippe zitterte.

„Wenn es mir hier gefällt, ist er irgendwann ganz weg.“

Ich dachte an Hanne. An meinen ersten guten Tag nach ihrem Tod. Daran, wie ich im Auto gesessen und mich geschämt hatte, weil ich für ein paar Stunden nicht traurig gewesen war.

„Komm“, sagte ich.

Wir gingen ins Wohnzimmer. Ich nahm Hannes Foto vom Regal und stellte es auf den Tisch.

„Manchmal denke ich beim Einkaufen plötzlich daran, dass ich ihr etwas erzählen möchte. Und manchmal vergeht ein ganzer Vormittag, ohne dass ich bewusst an sie denke.“

Alma sah das Foto an.

„Haben Sie sie dann weniger lieb?“

„Nein.“

Sie zog langsam einen Rucksackträger von der Schulter.

„Papa darf hier bleiben?“

„Seine Bilder. Seine Geschichten. Auch die Sachen, über die du dich bei ihm geärgert hast.“

Sie dachte nach.

„Er hat immer die guten Kekse oben versteckt.“

„Das klingt vernünftig.“

„Wilfried.“

Es war das erste Mal, dass sie meinen Vornamen benutzte.

Ich gab ihr den Rucksack ab.

Im Oktober waren die Gespräche und Prüfungen so weit abgeschlossen, dass Alma einziehen konnte. Auch die Verantwortung für die wichtigen Entscheidungen war geklärt.

Frau Seifert würde uns weiter begleiten. Als sie das sagte, empfand ich zum ersten Mal keinen Ärger über eine weitere Verabredung.

Ich war erleichtert.

Am Tag des Einzugs brachte Alma zwei Taschen, eine Kiste Bücher und den geflickten Rucksack mit.

Sie blieb in ihrer Zimmertür stehen.

Cem hatte das Regal fest an der Wand befestigt. Auf dem Bett lag ihre vertraute Decke. Das Foto ihrer Eltern stand dort, wo sie es haben wollte.

Alma sah sich alles an und ging dann wieder hinaus.

Ich dachte schon, etwas sei falsch.

Doch sie kam nur zu mir in den Flur.

„Wo kommen meine Schuhe hin?“

Ich zeigte auf das freie Fach neben meinen Arbeitsschuhen.

Sie stellte ihre Turnschuhe hinein. Sorgfältig nebeneinander.

In der ersten Nacht klopfte sie kurz nach zwei an meine Tür.

„Ich kann nicht schlafen.“

Ich rückte auf dem Bettrand zur Seite und schaltete die kleine Lampe an. Sie setzte sich neben mich, den Schal ihres Vaters in beiden Händen.

Wir redeten nicht viel.

Am nächsten Morgen waren wir beide müde. Das Brot brannte im Toaster an, und Alma erklärte, ich müsse wohl mal einen Fachmann an das Gerät lassen.

So begann unser gemeinsamer Alltag.

Das ist inzwischen neunzehn Monate her.

Alma ist elf und besucht die fünfte Klasse. Sie spielt Fußball, vergisst ihre Trinkflasche und behauptet, mein Kartoffelbrei sei zu fest. Rüdiger holt sie dienstags vom Training ab und diskutiert mit ihr über jede Abseitsentscheidung, obwohl beide gelegentlich danebenliegen.

Marlies hilft bei Englisch. Cem hat ihr beigebracht, einen Fahrradschlauch zu flicken.

Kathrin ruft nicht mehr nur mich an. Manchmal höre ich die beiden oben im Zimmer reden und weiß hinterher genauso wenig wie vorher.

Es gibt noch immer schwere Tage.

Einmal brach Alma vor dem Muttertag im Supermarkt in Tränen aus. Ein anderes Mal konnte sie nicht erklären, weshalb sie meinen Mantel festhielt, während ich nur kurz zum Briefkasten gehen wollte.

Wir haben Unterstützung, wenn wir sie brauchen. Und wir lernen, dass ein guter Monat nicht bedeutet, dass der nächste leichte Wochen haben muss.

Vor Kurzem fragte sie mich beim Abendessen: „Darf ich dich Opa nennen?“

Ich hielt die Gabel einen Moment zu lange in der Hand.

„Wenn du das möchtest.“

„Wilfried ist so lang, wenn ich schnell was brauche.“

„Und Herr Berger?“

Sie verdrehte die Augen.

Dann stand sie auf, brachte ihren Teller zur Spüle und sagte ganz beiläufig: „Danke fürs Essen, Opa.“

Ich wartete, bis sie aus der Küche war. Erst dann nahm ich Hannes Foto vom Regal und wischte den Staub darunter weg, obwohl dort gar keiner lag.

Am vergangenen Sonntag besuchten Alma und ich das Grab ihres Vaters.

Sie brachte Blumen mit. Ich hatte einen Brief in der Jackentasche, an dem ich drei Abende geschrieben hatte.

Ich erzählte Malte darin von ihrem ersten Tor, von dem Streit um die neue Jacke und davon, dass sie beim Lesen manchmal die Stirn genauso zusammenzog wie er auf dem Foto.

Am Ende stand:

Ich hätte Sie gern kennengelernt. Es gibt so vieles, das ich Sie fragen möchte.

Alma erzählt mir von Ihnen. Ich höre zu.

Nachdem ich vorgelesen hatte, nahm sie meine Hand.

„Papa wäre froh, glaube ich.“

Ich nickte.

Auf dem Rückweg fragte sie, ob wir am Supermarkt halten könnten. Für die Schule brauchte sie einen neuen Schreibblock, und die Milch war fast alle.

Zu Hause schloss ich die Tür auf. Alma schlüpfte unter meinem Arm hindurch, ließ ihre Schuhe vor dem Regal stehen und rief aus der Küche, ob ich auch Kakao wolle.

„Erst die Schuhe“, rief ich zurück.

Sie stöhnte. Dann kam sie, stellte sie ins Fach und verschwand wieder.

Ich hängte meine Jacke auf. Neben ihr hing Almas gelbe Regenjacke, an dem Haken, den wir gemeinsam tiefer gesetzt hatten.

Aus der Küche klapperten zwei Tassen.

„Opa?“

„Ja?“

„Wo ist denn der Kakao?“

Ich ging zu ihr.

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