Er war keiner, der schnell weinte.
Aber jetzt liefen ihm die Tränen über das faltige Gesicht.
Er wischte sie nicht weg.
Lena bemerkte es.
„Sie müssen nicht traurig sein, Herr Seidel.“
Dann legte sie beide Hände auf Balthasars Kopf.
„Ich habe nämlich eine Idee.“
Hartmut versuchte zu lächeln.
„Ach ja?“
„Wenn Balthasar auch eine Seele hat, dann kommt er doch vielleicht irgendwann in den Himmel.“
„Vielleicht, Lena.“
Das Mädchen atmete tief ein.
„Glauben Sie, er könnte mich dort tragen?“
Hartmut erstarrte.
„Wissen Sie“, erklärte Lena, „wenn er mein Pferd wäre, müsste ich gar nicht laufen.“
Sie lächelte vorsichtig.
„Dann könnte ich auf seinem Rücken sitzen. Und wenn die anderen Kinder losrennen, könnte er mit mir hinterherlaufen.“
Sie beugte sich zu dem schwarzen Wallach.
„Du bist doch bestimmt ganz schnell, oder?“
Balthasar schnaubte leise.
Lena lachte.
Dann wurde sie wieder ernst.
„Herr Seidel?“
„Ja?“
„Glauben Sie, dass er mich finden würde?“
Hartmut senkte den Kopf.
Er musste einen Moment warten, bis er wieder sprechen konnte.
„Lena, ich weiß nicht, wie es im Himmel aussieht.“
Er sah ihr fest in die Augen.
„Ich weiß auch nicht, was dort mit uns geschieht.“
Dann legte er seine Hand vorsichtig auf Balthasars Hals.
„Aber ich weiß etwas über Pferde.“
Lena hörte aufmerksam zu.
„Pferde vergessen Menschen nicht so leicht. Besonders nicht die Menschen, bei denen sie sich sicher fühlen.“
Er zeigte auf den schwarzen Wallach.
„Dieser alte Kerl hat jahrelang niemandem vertraut. Nicht einmal mir richtig.“
Hartmut lächelte unter Tränen.
„Und dann kommst du hierher und er legt seinen Kopf auf deinen Schoß.“
Lena sah Balthasar an.
„Mag er mich wirklich?“
„Ich glaube, er hat dich sehr gern.“
„Obwohl ich nur ein Bein habe?“
Hartmut schüttelte den Kopf.
„Lena, Pferden ist völlig egal, wie viele Beine ein Mensch hat.“
Er strich ihr eine Haarsträhne aus der Stirn.
„Die merken etwas ganz anderes. Ob jemand freundlich ist. Ob jemand Geduld hat. Ob sie bei ihm keine Angst haben müssen.“
Das Mädchen lächelte.
„Dann mag er mich also so, wie ich bin?“
„Ganz genau.“
Lena lehnte ihren Kopf gegen Balthasars Mähne.
„Das ist schön.“
Hartmut schaute die beiden lange an.
Dann stand er plötzlich auf.
„Warte mal kurz. Ich habe eine Idee.“
Er ging zu einem alten Holzschrank am Ende des Stallgangs.
Darin lagen Dinge aus seinem früheren Leben.
Vergilbte Urkunden. Schleifen von Reitturnieren. Ein paar Fotos aus der Zeit, als er noch auf Turnierplätzen unterwegs gewesen war.
Und eine kleine silberne Medaille.
Hartmut hatte sie vor mehr als dreißig Jahren bei seinem ersten großen Springturnier gewonnen.
Damals war er gerade 29 gewesen.
Sein Vater hatte noch gelebt. Seine Frau hatte am Rand des Platzes gestanden und ihm zugewinkt.
Seit ihrem Tod bewahrte er die Medaille in diesem Schrank auf.
Er nahm sie heraus und ging zurück.
„Lena, die möchte ich dir schenken.“
Das Mädchen betrachtete die Medaille.
„Aber die ist doch bestimmt wertvoll.“
Hartmut nickte.
„Für mich schon.“
„Dann darf ich sie nicht nehmen.“
„Doch. Gerade deshalb.“
Er legte sie vorsichtig in ihre Hand.
„Weil ich möchte, dass du etwas von diesem Hof behältst.“
Lena drehte die Medaille zwischen den Fingern.
„Danke, Herr Seidel.“
Doch Hartmut war noch nicht fertig.
Er holte eine kleine Schere und schnitt vorsichtig einige lange Haare aus Balthasars Mähne.
Der Wallach ließ es geschehen.
Anschließend setzte Hartmut sich auf einen umgedrehten Holzeimer.
Mit seinen großen, unbeholfenen Fingern begann er, die schwarzen Haare zu einem schmalen Band zu flechten.
Lena beobachtete jede Bewegung.
„Was machen Sie da?“
„Eine besondere Erinnerung.“
„Für mich?“
„Für dich.“
Nach einigen Minuten hatte Hartmut ein kleines Armband geflochten.
Er nahm ein Stück weiches Garn und befestigte es vorsichtig an Lenas schmalem Handgelenk.
„So“, sagte er. „Jetzt hast du immer ein Stück von Balthasar bei dir.“
Lena hob ihren Arm.
Das schwarze Armband glänzte leicht.
„Das ist wunderschön.“
Hartmut nahm ihre kleine Hand.
„Und jetzt machen wir etwas ab.“
„Was denn?“
„Du passt gut auf dieses Armband auf. Und ich passe hier auf Balthasar auf.“
Lena nickte feierlich.
„Versprochen.“
Hartmut zögerte kurz.
Dann sagte er:
„Und wenn es tatsächlich einen Himmel gibt, in dem Menschen und Tiere sich wiedersehen können, dann wünsche ich mir, dass ihr beide euch dort findet.“
Lena sah ihn lange an.
„Aber wie soll Balthasar wissen, wo ich bin?“
Hartmut strich über das geflochtene Armband.
„Vielleicht erinnert er sich an deinen Geruch. An deine Stimme. An diesen Tag.“
Er lächelte.
„Und vielleicht brauchst du ihn gar nicht zu suchen. Vielleicht kommt er einfach zu dir.“
Lena dachte darüber nach.
„Dann warte ich am Eingang.“
„Das kannst du machen.“
„Und wenn er kommt, steige ich auf seinen Rücken.“
„Wenn du möchtest.“
„Dann reiten wir zusammen los.“
Hartmut nickte.
„Das wäre ein schöner Anfang.“
Lena schlang ihre dünnen Arme um den gewaltigen Hals des Pferdes.
Balthasar blieb vollkommen ruhig.
Sein Kopf ruhte weiterhin neben ihr.
„Hast du gehört, Balthasar?“, flüsterte das Mädchen.
„Wenn wir uns irgendwann wiedersehen, darfst du mich überallhin tragen.“
Sie drückte ihr Gesicht in seine Mähne.
„Dann muss ich nie wieder Angst haben, zurückzubleiben.“
In diesem Augenblick begann Lenas Mutter so sehr zu weinen, dass eine Pflegekraft sie stützen musste.
Hartmut drehte sich zu ihr.
Auch ihm liefen wieder die Tränen.
Aber Lena bemerkte es nicht.
Sie war damit beschäftigt, ihrem neuen Freund von all den Dingen zu erzählen, die sie eines Tages gern sehen würde.
Von riesigen Wiesen.
Von Bergen.
Von einem See, an dem man mit Pferden entlangreiten konnte.
Balthasar hörte zu.
Und zum ersten Mal seit Jahren sah der alte Wallach vollkommen friedlich aus.
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