Ein sterbendes Mädchen bat das gefährlichste Pferd um einen letzten Gefallen, der alle zu Tränen rührte

Lena kam noch zweimal auf den Hof.

Beim zweiten Besuch brachte sie Balthasar eine selbst gemalte Zeichnung mit.

Darauf saß ein kleines Mädchen auf einem schwarzen Pferd.

Beide flogen über eine grüne Wiese.

„Das sind wir“, erklärte sie stolz.

Hartmut hängte das Bild neben die Boxentür.

Beim dritten Besuch war Lena schon sehr schwach.

Sie konnte ihren Kopf kaum noch alleine halten.

Doch als Balthasar seine Nase in ihren Schoß legte, hob sie die Hand.

Ganz langsam.

Und streichelte ihn.

„Vergiss mich nicht“, flüsterte sie.

Drei Wochen nach ihrem ersten Besuch starb Lena.

Ihre Mutter rief Hartmut am folgenden Nachmittag an.

Der alte Mann saß gerade in seiner Küche, als das Telefon klingelte.

Er erkannte sofort ihre Stimme.

„Herr Seidel, ich wollte Ihnen sagen, dass Lena gestern Abend eingeschlafen ist.“

Hartmut schloss die Augen.

Lange sagte keiner von beiden etwas.

Dann erzählte Lenas Mutter, dass ihre Tochter in den letzten Tagen immer wieder von Balthasar gesprochen hatte.

Von seinem großen schwarzen Kopf.

Von seiner weichen Nase.

Und von dem Armband.

„Die Pflegerin wollte es ihr einmal abnehmen, weil es sich gelockert hatte“, sagte die Mutter unter Tränen.

„Aber Lena hat darauf bestanden, es zu behalten.“

Ihre Stimme brach.

„Sie sagte, Balthasar müsse sie doch wiedererkennen können.“

Hartmut presste die Hand gegen seine Stirn.

„Sie hatte es bis zum Schluss an“, flüsterte die Mutter.

„Und ihre Medaille lag unter ihrem Kopfkissen.“

An diesem Abend ging Hartmut lange nicht ins Haus zurück.

Er setzte sich neben Balthasars Box.

Der große Wallach war unruhig.

Er lief auf und ab und schlug mehrfach mit den Hufen gegen den Boden.

Als Hartmut seine Hand ausstreckte, wich er zurück.

„Ich weiß, mein Alter“, sagte Hartmut leise.

Er schaute auf die Zeichnung neben der Tür.

„Sie kommt nicht mehr.“

Balthasar senkte den Kopf.

Hartmut blieb bis spät in die Nacht bei ihm sitzen.

Die Zeichnung ließ er hängen.

Vier Jahre vergingen.

Hartmut rettete weitere Pferde. Manche blieben nur wenige Monate. Andere fanden auf seinem Hof ihr letztes Zuhause.

Balthasar wurde alt.

Seine Gelenke wurden steif. Die schwarze Mähne bekam graue Strähnen. Das Aufstehen fiel ihm immer schwerer.

Doch jeden Tag blieb Hartmut vor seiner Box stehen.

Und jeden Tag sah er das Kinderbild.

Ein kleines Mädchen auf einem großen schwarzen Pferd.

Im November, vier Jahre nach Lenas Tod, kam Hartmut eines Morgens in den Stall.

Balthasar lag auf der Seite im Stroh.

Ganz friedlich.

Sein Kopf ruhte neben der alten Holzwand.

Hartmut wusste sofort, dass sein Freund nicht mehr lebte.

Er kniete sich neben ihn und legte eine Hand auf seinen Hals.

„Na, mein Großer“, flüsterte er.

„Jetzt bist du also auch so weit.“

Der alte Mann blieb lange dort sitzen.

Er dachte an die Jahre voller Angst und Misstrauen.

An die ersten vorsichtigen Berührungen.

An die vielen schwierigen Tage.

Und schließlich an ein kleines Mädchen, das keine Angst vor einem riesigen, vernarbten Pferd gehabt hatte.

Hartmut entschied, Balthasar auf dem eigenen Grundstück zu begraben, auf der dafür vorgesehenen Fläche oberhalb der Weide.

Dort stand eine alte Eiche.

Von diesem Hügel aus konnte man den ganzen Hof sehen.

Hartmut organisierte die Beisetzung und bereitete alles sorgfältig vor.

Bevor das Grab geschlossen wurde, holte er etwas aus seiner Jackentasche.

Es war ein Foto.

Lenas Mutter hatte es ihm damals geschickt.

Darauf saß das Mädchen in ihrem Rollstuhl.

Ihre dünnen Arme lagen um Balthasars Hals.

Sie lächelte so breit, als hätte ihr jemand gerade die schönste Nachricht der Welt erzählt.

Hartmut hatte das Bild vier Jahre lang bei sich getragen.

Inzwischen waren die Ecken abgenutzt.

Er beugte sich hinunter und befestigte es vorsichtig an Balthasars altem Halfter.

Dann strich er dem Pferd ein letztes Mal über die graue Schnauze.

„Weißt du noch, mein Großer?“

Seine Stimme zitterte.

„Das kleine Mädchen mit dem Stoffbären.“

Er versuchte zu lächeln.

„Sie hatte solche Angst, dass sie nicht mit den anderen mithalten kann.“

Hartmut wischte sich die Tränen aus den Augen.

„Ich weiß nicht, ob sie auf dich wartet. Ich weiß nicht einmal, ob es diesen Ort wirklich gibt.“

Er betrachtete das Foto.

„Aber ich hoffe es.“

Dann beugte er sich noch einmal zum Ohr des alten Wallachs.

„Und falls du sie irgendwo findest, dann sei bitte vorsichtig mit ihr.“

Er schluckte.

„Sie ist schließlich noch nie auf einem so großen Pferd geritten.“

Ein leises, trauriges Lachen entwich ihm.

„Pass gut auf sie auf, Balthasar.“

Dann sprach er die Worte, die er seit vier Jahren im Herzen getragen hatte.

„Geh und hol deine kleine Reiterin ab.“

Hartmut blieb noch eine Weile unter der Eiche stehen.

Später stellte er eine schlichte Holztafel an das Grab.

Darauf standen nur zwei Namen.

Lena und Balthasar.

Darunter hatte Hartmut einen einzigen Satz geschrieben.

Manche Freundschaften brauchen keine gemeinsamen Jahre. Manchmal reicht ein einziger Augenblick, um für immer verbunden zu bleiben.

Und jedes Mal, wenn Hartmut an diesem Grab vorbeiging, dachte er an das kleine Mädchen, das sich nicht davor gefürchtet hatte, ein gefährliches Pferd zu berühren.

Sondern nur davor, eines Tages allein zurückzubleiben.

Er wusste nicht, was nach dem Tod kommt.

Aber manchmal, wenn er auf der Bank unter der Eiche saß und auf die weiten Koppeln schaute, stellte er sich etwas vor.

Ein kleines Mädchen, das auf einem riesigen schwarzen Pferd sitzt.

Ihre Arme tief in seiner Mähne vergraben.

Ein geflochtenes Armband am Handgelenk.

Und vor ihnen eine endlose grüne Wiese.

Niemand läuft ihr davon.

Niemand muss auf sie warten.

Denn Balthasar trägt sie.

Und dieses Mal bleibt Lena nicht zurück.

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