Sophie kicherte.
Matthias schloss kurz die Augen.
Dieses Kichern schien ihn härter zu treffen als jeder traurige Satz.
Sie bestellten Nudeln für Sophie, Lasagne für Anna und ein Fleischgericht für Matthias.
Schon nach wenigen Minuten taute Sophie auf.
Sie erzählte vom Kindergarten, von ihrer Freundin Mia und von einem Jungen, der behauptete, Regenwürmer würden nachts reden.
„Tun sie das?“, fragte Anna.
Sophie schüttelte entschieden den Kopf.
„Nur Frösche reden nachts.“
„Das klingt wissenschaftlich überprüft.“
Matthias grinste.
„Sie hat neuerdings für alles Beweise.“
„Papa sagt immer, man braucht Beweise.“
„Papa klingt anstrengend.“
Sophie lachte wieder.
„Ist er.“
„Ich sitze direkt daneben“, bemerkte Matthias.
„Das ist der Sinn der Sache“, sagte Anna.
Etwas löste sich.
Nicht nur bei Sophie.
Auch zwischen den Erwachsenen.
Matthias war weniger steif, als Anna zunächst gedacht hatte. Er hatte einen trockenen Humor und erzählte, dass Sophie seit Monaten versuchte, ihm das Zeichnen beizubringen.
„Papa malt Menschen wie Kartoffeln“, erklärte Sophie.
„Mit Beinen“, ergänzte Matthias.
„Kartoffeln haben keine Beine.“
„Meine schon.“
„Siehst du, Mama?“
Anna lächelte.
Das Wort traf sie jedes Mal anders.
Beim ersten Mal hatte es wehgetan.
Beim dritten Mal war es warm.
Beim fünften Mal machte es ihr Angst.
Nicht wegen Sophie.
Sondern weil Anna plötzlich verstand, welche Sehnsucht dahintersteckte.
Nach dem Essen brachte ein Kollege einen kleinen Geburtstagskuchen.
Sechs Kerzen brannten darauf.
Sophie klatschte in die Hände.
„Papa!“
„War nicht meine Idee.“
Sie sah Anna an.
„Deine?“
Anna hob beide Hände.
„Ich bin unschuldig.“
Sophie pustete die Kerzen aus.
„Was hast du dir gewünscht?“, fragte Matthias.
Sophie presste beide Lippen zusammen.
„Wenn ich es sage, passiert es nicht.“
„Richtig so“, sagte Anna. „Wünsche muss man manchmal beschützen.“
Später, während Sophie ein Stück Kuchen aß, fragte sie plötzlich:
„Magst du Schmetterlinge?“
Anna sah auf.
„Sehr.“
Sophie nickte ernst.
„Meine richtige Mama mochte auch Schmetterlinge.“
Der Tisch wurde still.
Matthias‘ Hand lag bewegungslos neben seinem Wasserglas.
Sophie sprach weiter.
„Sie hat welche gemalt.“
„Wirklich?“
„Ganz viele.“
Matthias räusperte sich.
„Katharina war Grafikerin. Aber zu Hause hat sie meistens gemalt. Besonders Schmetterlinge.“
Sophie blickte Anna an.
„Papa hat ihre Bilder im Keller.“
Matthias wirkte erschrocken.
„Nicht alle.“
„Fast alle.“
„Ich konnte sie eine Zeit lang nicht ansehen“, sagte er leise.
Anna verstand.
Ihre Großmutter hatte nach dem Tod ihres Großvaters fast ein Jahr lang seinen Mantel an der Garderobe hängen lassen.
Niemand durfte ihn wegnehmen.
„Manchmal“, hatte sie damals gesagt, „muss etwas noch ein bisschen bleiben, bevor es gehen darf.“
Damals war Anna 18 gewesen und hatte diesen Satz für sentimental gehalten.
Mit 29 verstand sie ihn besser.
Sie legte ihre Hand auf Matthias‘ Unterarm.
Nur kurz.
„Vielleicht ist Sophie irgendwann alt genug, um selbst zu entscheiden, welche Bilder sie sehen möchte.“
Matthias blickte seine Tochter an.
„Vielleicht ist sie das schon.“
Sophie aß weiter ihren Kuchen.
Als sei gerade nichts Besonderes passiert.
Kinder konnten das.
Sie warfen Wahrheiten auf den Tisch und verlangten danach Sahne.
Nach dem Essen gingen die drei gemeinsam nach draußen.
Es war längst dunkel geworden.
Sophie hielt Annas linke Hand und Matthias‘ rechte.
Für vielleicht zwanzig Meter liefen sie schweigend nebeneinander.
Ein Vater.
Eine Frau, die vor zwei Stunden noch fremd gewesen war.
Und ein Kind, das für einen Abend glauben wollte, dass nichts fehlte.
Vor Matthias‘ Wagen blieb Sophie stehen.
Sie drehte sich zu Anna und umarmte sie plötzlich.
Fest.
„Danke.“
Anna ging in die Knie.
„Wofür?“
Sophie flüsterte:
„Dass du heute meine Mama warst.“
Anna blinzelte schnell.
„Danke, dass ich bei deinem Geburtstag dabei sein durfte.“
Sophie löste sich ein wenig.
„Bist du morgen wieder Kellnerin?“
Anna musste lachen.
„Ja.“
„Dann bist du nicht mehr Mama?“
Diese Frage tat weh.
Anna überlegte sorgfältig.
„Heute war etwas Besonderes. Aber ich bin auch morgen noch Anna.“
Sophie dachte nach.
„Kann ich Anna auch mögen?“
„Das hoffe ich sehr.“
„Gut.“
Sie umarmte Anna noch einmal.
Nachdem Matthias seine Tochter angeschnallt hatte, kam er zurück.
In seiner Hand hielt er sein Portemonnaie.
Anna sah es und schüttelte sofort den Kopf.
„Nein.“
„Wir hatten eine Vereinbarung.“
„Sie hatten eine Vereinbarung vorgeschlagen.“
„Anna, Sie haben zwei Stunden Ihrer Arbeitszeit geopfert.“
„Holger bekommt zwei Käsekuchen.“
Matthias sah sie irritiert an.
„Was?“
„Lange Geschichte.“
Er zog trotzdem mehrere Scheine heraus.
„Bitte.“
Anna schloss seine Hand darum.
„Manche Dinge werden kleiner, sobald man einen Preis daraufklebt.“
Matthias schwieg.
„Ich könnte das Geld gebrauchen“, gab Anna zu. „Wirklich. Aber heute nehme ich es nicht.“
„Warum?“
Sie sah durch die Autoscheibe zu Sophie.
Das Mädchen malte mit dem Finger Kreise auf die beschlagene Scheibe.
„Weil Ihre Tochter mir heute mehr gegeben hat, als Sie glauben.“
Matthias sah Anna lange an.
Dann steckte er das Geld weg.
„Dann darf ich Ihnen wenigstens irgendwann ein Essen ausgeben?“
Anna lächelte.
„Als Entschädigung?“
„Nein.“
Er wurde plötzlich unsicher.
„Als Matthias.“
Anna wusste sofort, was er meinte.
Und ebenso schnell wusste sie, warum sie vorsichtig sein sollte.
Ein trauernder Witwer.
Ein kleines Kind.
Eine absurde erste Begegnung.
Nichts daran war einfach.
Vielleicht lag genau darin das Problem.
Oder die Chance.
„Etwas Unkompliziertes“, sagte Anna.
„Unbedingt.“
„Keine Zwei-Stunden-Rollenspiele.“
„Nie wieder.“
„Und ich wähle das Restaurant.“
Matthias lächelte.
„Abgemacht.“
Zehn Tage später trafen sie sich wieder.
Ohne Sophie.
In einem einfachen Gasthaus, in dem die Tischdecken kariert waren und die Portionen zu groß.
Anna kam direkt von einer Vorlesung.
Matthias trug Jeans statt Anzug.
Er sah zehn Jahre jünger aus.
An diesem Abend sprach er zum ersten Mal ausführlicher über Katharina.
Nicht wie ein Mann, der seine verstorbene Frau vergessen wollte.
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