„Der ist wunderschön.“
Sophie sah ernst aus.
„Weil du Schmetterlinge magst.“
„Stimmt.“
„Und meine erste Mama mochte sie auch.“
Anna nickte.
Sophie spielte mit einer Ecke des Papiers.
„Bist du jetzt meine richtige Mama?“
Anna hatte gewusst, dass diese Frage irgendwann kommen würde.
Sie hatte sogar mit Matthias darüber gesprochen.
Trotzdem musste sie sich sammeln.
„Ich bin jetzt deine Anna“, sagte sie.
Sophie runzelte die Stirn.
Anna nahm ihre Hände.
„Deine Mama Katharina bleibt immer deine Mama. Niemand kann ihr diesen Platz wegnehmen. Und das möchte ich auch gar nicht.“
Sophie hörte aufmerksam zu.
„Aber ich bin hier. Und ich liebe dich. Ich kümmere mich um dich. Ich ärgere mich irgendwann bestimmt über deine Schulnoten und sage dir, dass du eine Jacke anziehen sollst, obwohl du behauptest, dir sei nicht kalt.“
Sophie grinste.
„Das machst du jetzt schon.“
„Siehst du.“
Anna lächelte.
„Vielleicht muss Liebe nicht immer denselben Namen haben.“
Sophie dachte lange nach.
Dann fragte sie:
„Kann ich also zwei Mamas lieben?“
„Natürlich.“
„Auch wenn eine nicht mehr da ist?“
Anna spürte einen Kloß im Hals.
„Gerade dann.“
Sophie nickte.
„Gut.“
Sie legte ihre Arme um Annas Hals.
Über Sophies Schulter sah Anna Matthias stehen.
Er hatte alles gehört.
Neben ihm stand Ingrid.
Die ältere Frau wischte sich mit einem Taschentuch über die Augen.
Später an diesem Abend holte Matthias etwas aus dem Auto.
Ein gerahmtes Bild.
Einen Schmetterling.
Gemalt von Katharina.
„Ich dachte“, sagte er, „vielleicht sollte er nicht länger im Keller stehen.“
Anna nahm das Bild vorsichtig.
Ingrid strich mit zwei Fingern über den Rahmen.
„Sie hat es kurz nach Sophies Geburt gemalt“, sagte sie.
Niemand sprach davon, es wegzugeben.
Niemand sprach davon, Platz schaffen zu müssen.
Stattdessen hängten sie es später im Flur ihres gemeinsamen Hauses auf.
Daneben kam Sophies schiefer Hochzeitsschmetterling.
Zwei Bilder.
Zwei Zeiten.
Kein Wettbewerb.
Jahre später war Sophie vierzehn.
Sie hatte die Angewohnheit entwickelt, beim Frühstück Kopfhörer zu tragen und auf harmlose Fragen mit einem langgezogenen „Jaaa“ zu antworten.
Eines Sonntags saßen sie dennoch alle zusammen am Küchentisch.
Matthias las Zeitung.
Anna trank Kaffee.
Sophie arbeitete widerwillig an einer Schulaufgabe über ungewöhnliche Familiengeschichten.
„Wie habt ihr euch eigentlich wirklich kennengelernt?“
Matthias senkte langsam die Zeitung.
Anna sah zu ihm.
„Oh.“
„Was heißt oh?“
„Du kennst nur die Kurzfassung.“
Sophie legte ihren Stift weg.
„Dann will ich die lange.“
Also erzählten sie es.
Vom Restaurant.
Von Tisch sieben.
Von ihrem sechsten Geburtstag.
Von dem dunkelroten Kleid.
Vom Glas Milch.
Von Matthias‘ völlig verrückter Bitte.
Sophie starrte ihren Vater an.
„Du hast eine Kellnerin gefragt, ob sie für Geld meine Mutter spielt?“
„Wenn du es so formulierst, klingt es schlimm.“
„Wie soll man es sonst formulieren?“
Anna lachte.
„Ich fand es damals auch ziemlich schlimm.“
„Und du hast Ja gesagt?“
„Irgendwann.“
Sophie schüttelte ungläubig den Kopf.
„Ihr wart beide komplett verrückt.“
„Möglich.“
Sie schwieg eine Weile.
Dann sah sie Anna an.
„Also habe ich dich ausgesucht?“
„Offenbar.“
„Warum?“
Matthias grinste.
„Du hast gesagt: Die wäre gut.“
Sophie verzog das Gesicht.
„Peinlich.“
„Ich fand deine Menschenkenntnis ausgezeichnet“, sagte Anna.
Sophie drehte ihren Stift zwischen den Fingern.
„Und dann bist du wirklich geblieben.“
Anna nickte.
„Ja.“
Sophie sah zum Flur.
Dort hing noch immer Katharinas Schmetterling.
Daneben inzwischen mehrere Zeichnungen, Fotos und Schulurkunden.
„Ich dachte damals bestimmt, ich hätte mir nur einen Abend gewünscht.“
Matthias legte seine Zeitung weg.
„Hast du.“
Sophie lächelte schwach.
„Dann habe ich ja ziemlich viel mehr bekommen.“
Anna streckte die Hand über den Tisch.
„Wir alle.“
Später dachte Anna oft über jenen Abend nach.
Sie dachte nicht an die 400 Euro, die sie damals abgelehnt hatte.
Nicht an das Kleid.
Nicht einmal an den ungewöhnlichen Heiratsantrag.
Sie dachte an ein sechsjähriges Mädchen, das an einem Restauranttisch saß und versuchte, besonders brav zu sein, weil es glaubte, Liebe müsse man sich verdienen.
Und an einen Vater, der seinen Stolz hinuntergeschluckt hatte, weil er seinem Kind einen einzigen Wunsch erfüllen wollte.
Menschen ihrer Elterngeneration sagten manchmal: Familie hält zusammen.
Anna hatte diesen Satz als Jugendliche oft für eine leere Floskel gehalten.
Mit den Jahren verstand sie, dass er nur dann etwas bedeutete, wenn man „Familie“ nicht zu eng definierte.
Familie war nicht immer nur Blut.
Sie war auch die Hand, die blieb, wenn niemand dazu verpflichtet war.
Der Stuhl, den jemand am Tisch freihielt.
Das Bild einer verstorbenen Frau, das nicht abgehängt werden musste, damit eine neue Frau ihren Platz finden konnte.
Und manchmal begann Familie mit etwas völlig Absurdem.
Mit einem verzweifelten Vater.
Mit einer Kellnerin in einer hellblauen Bluse.
Mit einem Kind, das nur für zwei Stunden so tun wollte, als wäre sein größter Wunsch wahr geworden.
Anna hatte an jenem Abend eine Rolle spielen sollen.
Stattdessen hatte sie etwas gelernt, das Menschen oft erst nach Jahrzehnten begreifen:
Die wichtigsten Beziehungen unseres Lebens kündigen sich selten ordentlich an.
Sie kommen nicht immer zum richtigen Zeitpunkt.
Sie passen nicht in unsere Pläne.
Manchmal stehen sie plötzlich vor uns und stellen eine Frage, bei der jeder vernünftige Mensch eigentlich Nein sagen müsste.
Und manchmal verändert ein einziges Ja alles.
Am Tisch sieben hatte Sophie für einen Abend eine Mutter gesucht.
Matthias hatte seinem Kind einen Wunsch erfüllen wollen.
Anna hatte nur helfen wollen.
Keiner von ihnen hatte geahnt, dass aus zwei Stunden Güte viele Jahre gemeinsames Leben werden würden.
Es hatte mit einem Spiel begonnen.
Doch nichts daran war am Ende gespielt.






