Ein verzweifelter Vater bat die Kellnerin um einen unmöglichen Gefallen – wegen seiner sechsjährigen Tochter

Sondern wie einer, der Angst hatte, eine neue Zukunft könnte als Verrat an der alten Liebe verstanden werden.

„Meine Mutter sagte neulich, ich müsse irgendwann nach vorne schauen“, erzählte er.

Anna hob die Augenbrauen.

„Dieser Satz hilft ungefähr so gut wie ‚Kopf hoch‘.“

Matthias lachte.

„Genau das habe ich gedacht.“

„Man kann nach vorne schauen und trotzdem wissen, was hinter einem liegt.“

Er wurde still.

„Sie reden manchmal wie meine Großmutter.“

„Ich nehme das als Kompliment.“

„Sie war 84.“

„Dann war sie vermutlich klüger als wir beide.“

Beim zweiten Treffen erzählte Anna von ihrem eigenen Leben.

Von ihrem Vater, der immer noch jeden kaputten Toaster reparieren wollte.

Von ihrer Mutter, die sich weigerte, Onlinebanking zu benutzen.

Von ihrer Angst, mit fast dreißig noch nicht dort angekommen zu sein, wo man angeblich angekommen sein sollte.

„Wer bestimmt eigentlich, wann man angekommen ist?“, fragte Matthias.

Anna zuckte mit den Schultern.

„Die Nachbarn vermutlich.“

Beim dritten Treffen war Sophie dabei.

Diesmal nannte sie Anna nicht Mama.

„Anna!“

Sie rannte ihr entgegen.

Anna merkte, wie erleichtert sie darüber war.

Es war ehrlicher.

Sie wollte niemals den Platz einer verstorbenen Frau einnehmen.

Sie wollte keinen Namen stehlen.

Keine Erinnerung überschreiben.

Sie wollte einfach da sein.

Die Monate vergingen.

Anna lernte Sophies Eigenheiten kennen.

Sie hasste Erbsen.

Sie sammelte schöne Steine.

Sie konnte keine Nacht schlafen, wenn eine Schranktür offenstand.

Matthias lernte dafür, dass Anna sonntags morgens grundsätzlich nicht telefonierte und bei Stress sämtliche Küchenschränke neu sortierte.

Zum ersten Mal seit Jahren fühlte sich ihr Leben nicht wie ein Übergang an.

Doch nicht alle waren begeistert.

Matthias‘ Mutter Ingrid reagierte zurückhaltend.

Sie war 67, verwitwet und hatte Katharina sehr geliebt.

Beim ersten gemeinsamen Kaffeetrinken musterte sie Anna über den Rand ihrer Tasse.

„Es ging ziemlich schnell.“

Matthias wollte antworten.

Anna kam ihm zuvor.

„Für mich hat es sich nicht schnell angefühlt.“

Ingrid schwieg.

„Ich will Katharina nicht ersetzen“, sagte Anna. „Das könnte ich auch gar nicht.“

„Kinder binden sich schnell.“

„Das weiß ich.“

„Und wenn es nicht funktioniert?“

Die Frage war hart.

Aber Anna verstand sie.

Menschen über sechzig hatten oft genug erlebt, dass gute Absichten keine Garantie waren.

„Dann müssen Matthias und ich erwachsen genug sein, Sophie nicht dafür bezahlen zu lassen.“

Ingrid sah sie lange an.

Später half sie Anna beim Abräumen.

„Katharina mochte auch keinen Kaffee nach drei Uhr“, sagte sie plötzlich.

„Ich trinke abends schon Kaffee.“

„Dann sind Sie wenigstens nicht völlig gleich.“

Es war kein Segen.

Aber ein Anfang.

Ein halbes Jahr nach dem Geburtstagsessen schloss Anna ihre Weiterbildung ab.

Als sie nach der Abschlussveranstaltung aus dem Gebäude kam, stand Sophie vor ihr und hielt einen selbst gepflückten Strauß, bei dem mehr Stiele als Blüten zu sehen waren.

„Für Frau Berger!“

Matthias stand dahinter.

Neben ihm Annas Eltern.

Ihr Vater weinte und behauptete später, ihm sei nur etwas ins Auge gekommen.

Annas Mutter sagte: „Ich wusste immer, dass du es schaffst.“

Anna erinnerte sie nicht daran, dass sie zwei Jahre zuvor noch gesagt hatte, Anna solle lieber eine sichere Verwaltungsstelle suchen.

Manche Siege musste man nicht kommentieren.

Fast ein Jahr nach jenem ersten Abend saßen die drei bei Matthias zu Hause.

Es war ein gewöhnlicher Sonntag.

Kein Kerzenlicht.

Keine Musik.

Sophie lag quer auf dem Teppich und malte.

Anna trug Wollsocken und einen alten Pullover.

Matthias räusperte sich.

„Sophie und ich haben etwas besprochen.“

Anna sah vom Buch auf.

„Das klingt gefährlich.“

Sophie sprang auf und rannte zum Sofa.

In beiden Händen hielt sie eine kleine Schachtel.

Anna begriff sofort.

„Matthias.“

„Ich hatte eine schöne Rede vorbereitet.“

„Natürlich.“

„Ich habe sie vergessen.“

„Das passt besser zu dir.“

Er setzte sich neben sie.

„Vor einem Jahr habe ich eine fremde Frau gefragt, ob sie für zwei Stunden so tun könnte, als würde sie zu unserer Familie gehören.“

Seine Stimme zitterte.

„Und irgendwann habe ich gemerkt, dass ich nicht mehr möchte, dass du nur so tust.“

Sophie hielt die Schachtel hin.

„Wir haben den Ring zusammen ausgesucht.“

Anna lachte unter Tränen.

„Das erklärt einiges.“

„Papa wollte einen langweiligen.“

„Er war klassisch.“

„Er war langweilig.“

Matthias nahm Annas Hand.

„Ich kann dir kein Leben ohne Schwierigkeiten versprechen.“

Er sah zu Sophie.

„Davon hatten wir genug, um es besser zu wissen.“

Dann wieder zu Anna.

„Aber ich kann dir versprechen, dass du bei uns nie eine Rolle spielen musst. Du musst Katharina nicht ersetzen. Du musst keine perfekte Mutter sein. Und keine perfekte Frau.“

Anna zog eine Augenbraue hoch.

„Das wäre auch unrealistisch.“

„Sehr.“

Sie schlug ihm leicht gegen den Arm.

„Anna Berger“, sagte Matthias. „Willst du mit uns Familie sein? Richtig. Dauerhaft. Mit allem, was dazugehört?“

Anna begann zu weinen.

Sophie auch.

Matthias ebenfalls.

„Das ist ja erbärmlich“, murmelte Anna.

„Ist das ein Ja?“

„Ja.“

Sophie sprang auf sie.

„Sie hat Ja gesagt!“

„Ich war dabei“, sagte Matthias.

Die Hochzeit fand im folgenden Frühjahr statt.

Klein.

Familie.

Freunde.

Keine protzige Feier.

Anna hatte darauf bestanden.

Ingrid trug ein dunkelblaues Kleid und weinte schon während der Trauung.

Holger aus dem Restaurant war ebenfalls eingeladen.

Er schenkte ihnen zwei Käsekuchen.

„Schulden sind Schulden“, sagte er.

Am Nachmittag zog Sophie plötzlich an Annas Kleid.

„Kommst du mit?“

„Wohin?“

„Nur kurz.“

Sophie führte sie in eine ruhige Ecke.

Dann zog sie ein Blatt Papier hinter ihrem Rücken hervor.

Darauf war ein Schmetterling.

Die Flügel waren unterschiedlich groß.

Eine Seite rot, gelb und orange.

Die andere blau und grün.

In der Mitte verlief ein viel zu dicker schwarzer Strich.

„Für dich.“

Anna ging in die Knie.

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