Zum ersten Mal lächelte sie müde.
„Gute Frage.“
Martin setzte eine neue Schraube an.
„Und Leni?“
„Kita bis nachmittags. Danach eine Nachbarin oder ich.“
„Familie?“
Katharina schüttelte den Kopf.
„Meine Mutter lebt in Thüringen. Sie ist 71 und selbst nicht mehr richtig fit. Mein Vater ist vor fünf Jahren gestorben.“
Sie strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
„Früher dachte ich immer, mit dreißig hätte man sein Leben im Griff.“
Martin sah sie an.
„Das denken nur Menschen unter dreißig.“
Diesmal lachte Katharina wirklich.
Nur kurz.
Aber es veränderte ihr Gesicht.
Martin bemerkte es.
Und erschrak fast darüber, wie sehr er diesen kleinen Moment mochte.
„Eigentlich wollte ich Krankenschwester werden“, sagte sie irgendwann.
„Eigentlich?“
„Ich hatte schon einen Teil der Ausbildung und später eine Weiterbildung angefangen. Dann kam Leni, dann die Trennung. Irgendwann ging es nur noch darum, Rechnungen zu bezahlen.“
„Wollen Sie zurück?“
Katharina blickte ihn an.
„Natürlich.“
Dann zuckte sie mit den Schultern.
„Aber Wollen und Können sind zwei verschiedene Dinge.“
Martin kannte diesen Satz aus seiner Kindheit.
Sein Vater hatte ihn oft gesagt.
Wir wollen vieles, Junge. Entscheidend ist, was wir können.
Martins Vater war Schlosser gewesen.
Seine Mutter Verkäuferin.
Es hatte Jahre gegeben, in denen am Monatsende Brot mit Margarine auf dem Küchentisch stand und niemand so tat, als wäre das eine kulinarische Entscheidung.
Martin hatte diese Jahre fast vergessen.
Oder vielleicht absichtlich hinter glänzenden Konferenzräumen begraben.
„Leni verdient etwas Besseres“, sagte Katharina plötzlich.
Martin legte den Schraubendreher weg.
„Was meinen Sie?“
Sie deutete auf das Wohnzimmer.
Ein altes Sofa.
Ein Tisch mit Gebrauchsspuren.
Kinderzeichnungen an der Wand.
Eine Lampe, deren Schirm schief hing.
„Das hier.“
„Was ist damit?“
„Alles.“
Sie schluckte.
„Ich arbeite ständig. Trotzdem rechne ich im Supermarkt im Kopf mit. Ich verschiebe die Autoreparatur. Ich sage bei Ausflügen ab. Wenn die Kita zwanzig Euro für irgendetwas einsammelt, bekomme ich Herzklopfen.“
Ihre Stimme wurde leiser.
„Leni merkt das inzwischen.“
Martin blickte zum schlafenden Kind.
„Sie hat eine Mutter, die zwei Jobs macht, damit sie ein Zuhause hat.“
„Und trotzdem steht nachts ein Stuhl vor der kaputten Tür.“
Martin richtete sich auf.
„Katharina.“
Sie sah ihn an.
„Ich habe mit 29 mein Unternehmen gegründet. Mit 35 hatte ich zum ersten Mal mehr Geld auf dem Konto, als meine Eltern in ihrem ganzen Leben gesehen hatten.“
Katharina sagte nichts.
„Heute könnte ich zehn solche Häuser kaufen.“
Er zeigte nach draußen.
„Und wissen Sie, was heute Abend in meinem Kühlschrank liegt?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Eine Flasche Mineralwasser, Senf und irgendetwas, das meine Haushälterin vermutlich vor einer Woche gekauft hat.“
Katharina musste lächeln.
Martin nicht.
„Ich habe ein Haus mit vier Schlafzimmern.“
Er sah zum Sofa.
„Keines davon braucht jemand.“
Katharinas Blick wurde weicher.
„Ich habe zwei Autos.“
Er atmete aus.
„Aber niemand wartet darauf, dass ich nach Hause komme.“
Stille.
„Verstehen Sie mich nicht falsch“, sagte Martin. „Ich behaupte nicht, Geld sei unwichtig. Wer das sagt, musste wahrscheinlich noch nie entscheiden, welche Rechnung er zuerst bezahlt.“
Katharina sah ihn überrascht an.
„Aber glauben Sie nicht, dass Leni nichts hat.“
Er deutete auf das Mädchen.
„Sie ist mitten in der Nacht losgelaufen, weil ihre Mutter geweint hat.“
Katharinas Augen füllten sich.
„Mit vier Jahren.“
Martin sprach jetzt sehr leise.
„Sie wollte Sie beschützen.“
Katharina drehte den Kopf weg.
„Sie glauben, Sie geben ihr zu wenig. Ich glaube, dieses Kind hat längst verstanden, dass Sie ihr ganzes Zuhause sind.“
Katharina wischte sich über die Wange.
„Sie kennen uns seit einer Stunde.“
„Manchmal reicht eine Stunde.“
Gegen halb zwei saß die Tür wieder fest im Rahmen.
Martin hatte zusätzlich einen provisorischen Sicherheitsriegel montiert.
„Das hält“, sagte er.
„Bis morgen jedenfalls.“
„Bis morgen?“
Martin packte sein Werkzeug zusammen.
„Morgen kommt jemand und macht das richtig.“
Katharina hob sofort die Hände.
„Nein.“
„Doch.“
„Martin.“
Es war das erste Mal, dass sie seinen Vornamen benutzte.
Er bemerkte es.
„Eine vernünftige Tür. Außenbeleuchtung. Vielleicht eine Kamera am Eingang.“
„Das kostet viel Geld.“
„Für mich nicht.“
Katharina wurde steif.
Martin erkannte seinen Fehler.
„Entschuldigung.“
Er setzte die Werkzeugkiste ab.
„Das klang überheblich.“
Sie sagte nichts.
„Ich meine nur: Ich habe beruflich mit Sicherheitstechnik zu tun. Ich kenne Leute. Für mich ist es leicht, so etwas zu organisieren.“
„Und für mich wäre es etwas, das ich Ihnen nie zurückzahlen kann.“
Martin sah zum Sofa.
„Dann zahlen Sie es nicht zurück.“
„Ich möchte niemandem etwas schulden.“
„Dann schulden Sie mir einen Kaffee.“
„Das ist lächerlich.“
„Gut. Zwei.“
Katharina schüttelte den Kopf.
Zum ersten Mal sah sie nicht erschöpft aus.
Nur unsicher.
„Warum machen Sie das?“
Martin blickte durch die offene Tür zu seinem eigenen Haus.
Alle Außenlampen brannten.
Große Fenster.
Saubere Einfahrt.
Perfekt.
Und vollkommen leer.
„Weil ich seit sechs Monaten neben Ihnen wohne und bis heute Abend nicht einmal wusste, wie Sie heißen.“
Er nahm seine Werkzeugkiste.
„Vielleicht ist das mein Problem.“
Am nächsten Morgen um neun stand tatsächlich ein Handwerker vor Katharinas Tür.
Kurz darauf kam ein zweiter.
Sie bauten ein neues Schloss ein, verstärkten den Rahmen und montierten eine Lampe mit Bewegungsmelder.
Katharina protestierte dreimal.
Beim vierten Mal sagte der ältere Monteur nur:
„Frau Berger, wir haben unsere Rechnung schon geklärt. Lassen Sie uns arbeiten.“
Am Abend klingelte Martin.
Diesmal öffnete Leni.
„Martin!“
Sie rief seinen Namen, als hätten sie sich seit Monaten gekannt.
„Wir haben jetzt eine Super-Tür!“
„Das sehe ich.“
Leni zog ihn hinein.
„Und da ist ein Licht. Wenn jemand kommt, geht es an. Auch bei Katzen.“
„Sehr wichtig.“
„Und bei Igeln vielleicht.“
„Noch wichtiger.“
Katharina stand in der Küche.
„Sie haben vollkommen übertrieben.“
„Das höre ich beruflich öfter.“
„Das war kein Lob.“
„Auch das höre ich beruflich öfter.“
Sie verdrehte die Augen.
Dann zeigte sie auf den Herd.
„Bleiben Sie zum Essen?“
Martin wollte automatisch sagen, dass er noch Arbeit hatte.
E-Mails.
Unterlagen.
Ein Telefonat.
Stattdessen hörte er sich sagen:
„Gern.“
Es gab Nudeln mit Tomatensoße, Gurkensalat und geriebenen Käse.
Martin konnte sich nicht erinnern, wann er zuletzt an einem Tisch gesessen hatte, auf dem ein Wachstuch mit kleinen Blumen lag.
Leni erzählte pausenlos.
Von ihrer Kita.
Von ihrer Freundin Mia.
Von einem Jungen, der Klebstoff auf seinen Pullover geschmiert hatte.
Von einem Marienkäfer, der angeblich „bestimmt hundert Jahre alt“ gewesen war.
Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen.






