Dann sprang sie vom Stuhl.
„Warte!“
Sie rannte aus dem Zimmer.
Katharina sah Martin an.
„Sie werden gleich ausgezeichnet.“
„Wofür?“
„Keine Ahnung. Bei Leni weiß man das nie.“
Das Mädchen kam zurück und hielt ein Blatt Papier hoch.
Darauf war ein großes Haus gemalt.
Gelbe Fenster.
Daneben ein kleineres Haus.
Zwischen den Häusern standen drei Strichfiguren.
„Das bist du.“
Sie zeigte auf die größte.
„Du hast lange Arme.“
„Praktisch.“
„Damit kannst du Türen reparieren.“
Martin nahm die Zeichnung.
Oben war eine riesige gelbe Sonne gemalt.
Obwohl die Szene nachts stattgefunden hatte.
„Darf ich die behalten?“
Leni schaute ihn an, als hätte er etwas sehr Dummes gefragt.
„Natürlich.“
„Dann kommt sie an meinen Kühlschrank.“
Leni nickte zufrieden.
„Da müssen wichtige Bilder hin.“
Martin schluckte.
Sein Kühlschrank war größer als Katharinas halbe Küchenzeile.
Aber noch nie hatte etwas Persönliches daran gehangen.
Am nächsten Morgen befestigte er das Bild mit einem Magneten.
Er blieb länger davor stehen, als er zugeben wollte.
Aus einem Abend wurden mehrere.
Martin begann früher nach Hause zu kommen.
Zuerst einmal pro Woche.
Dann zweimal.
Manchmal brachte er Essen mit.
Katharina bestand darauf, dass sie abwechselnd kochten.
Martin konnte nicht kochen.
Sein erster Versuch, Kartoffelpuffer zu machen, endete mit einer verrauchten Küche und Lenis begeistertem Kommentar:
„Die schwarzen schmecken auch.“
Katharina lachte so sehr, dass sie sich an der Arbeitsplatte festhalten musste.
Martin ebenfalls.
Es war ein seltsames Gefühl.
Er hatte in den vergangenen Jahren auf Feiern gelacht.
Bei Firmenjubiläen.
Auf Geschäftsreisen.
Bei Veranstaltungen.
Doch meistens hatte sein Gesicht die Bewegung gemacht, die von ihm erwartet wurde.
Dieses Lachen kam aus dem Bauch.
Mit der Zeit erzählte Katharina mehr.
Über ihre abgebrochene berufliche Weiterbildung.
Über das schlechte Gewissen, nie genug Zeit für Leni zu haben.
Über ihre Angst, dass jeden Monat irgendeine unerwartete Rechnung kommen könnte.
Martin hörte zu.
Er versuchte, nicht sofort jedes Problem mit Geld zu erschlagen.
Das fiel ihm schwerer, als er erwartet hatte.
„Du kannst nicht alles für uns lösen“, sagte Katharina eines Abends.
Sie saßen auf der kleinen Terrasse.
Leni schlief bereits.
„Ich weiß.“
„Nein.“
Katharina sah ihn an.
„Du weißt es theoretisch.“
Martin schwieg.
„Wenn ich sage, das Auto macht Geräusche, hast du fünf Minuten später eine Werkstatt.“
„Ist doch praktisch.“
„Wenn ich sage, die Kita wird teurer, suchst du drei andere Einrichtungen.“
„Auch praktisch.“
„Martin.“
Er hob die Hände.
„Schon gut.“
Katharina lächelte.
„Manchmal möchte ich einfach nur jammern.“
„Das müsst ihr armen Leute einem reichen Mann vorher erklären.“
„Sehr witzig.“
Dann wurde sie ernst.
„Aber wegen der Ausbildung…“
Martin wartete.
„Darüber habe ich nachgedacht.“
„Und?“
„Ich will sie beenden.“
Martin lächelte.
„Gut.“
„Aber ich brauche Zeit.“
„Dann schaffen wir Zeit.“
„Wir?“
Martin korrigierte sich.
„Du.“
Sie zog eine Augenbraue hoch.
„Mit möglicherweise sehr unauffälliger Unterstützung.“
„Martin.“
„Was?“
„Du bist völlig unfähig, unauffällig zu helfen.“
Er lachte.
Am Ende fanden sie einen Weg.
Katharina reduzierte die Abendschichten.
Martin kümmerte sich an zwei festen Tagen um Leni, wenn Katharina Unterricht hatte.
Finanziell half er ihr mit einem privaten Darlehen.
Katharina bestand auf einem Vertrag.
Martin ließ einen aufsetzen.
Drei Seiten.
Ohne komplizierte Klauseln.
Der Zinssatz bestand laut handschriftlichem Zusatz aus „gelegentlichen Abendessen und mindestens zwei Kinderzeichnungen pro Semester“.
Katharina unterschrieb.
„Das ist juristisch wahrscheinlich vollkommen unseriös.“
„Deshalb mag ich es.“
Monate vergingen.
Katharina blühte auf.
Sie war müde, aber anders als früher.
Nicht mehr ausgelaugt.
Zielgerichtet.
Leni gewöhnte sich daran, dass Martin da war.
Er brachte sie morgens manchmal zur Kita.
Las ihr abends vor.
Lernte, wie man einen Pferdeschwanz bindet.
Schlecht.
Sehr schlecht.
„Du ziehst schief“, beschwerte sich Leni einmal.
„Ich habe eine Firma aufgebaut.“
„Aber du kannst keine Haare.“
Das erzählte Katharina noch Wochen später.
Martin begann auch die anderen Nachbarn wahrzunehmen.
Herr und Frau Wendt zwei Häuser weiter, beide über siebzig, die jeden Nachmittag gemeinsam Kaffee tranken.
Den alleinstehenden Rentner gegenüber, der immer freitags seine Einfahrt fegte.
Die junge Familie am Ende der Straße.
Menschen, an denen er früher vorbeigefahren war.
Jetzt grüßte er.
Blieb stehen.
Half Herrn Wendt einmal, einen Schrank in den Keller zu tragen.
„Sie sind doch dieser Unternehmer“, sagte Herr Wendt.
„Manchmal.“
Der alte Mann musterte ihn.
„Und jetzt schleppen Sie meine Kommode.“
Martin grinste.
„Scheint ein beruflicher Abstieg zu sein.“
Herr Wendt schüttelte den Kopf.
„Junger Mann, wenn Sie mit fast fünfzig noch lernen, wie Nachbarschaft funktioniert, ist das eher ein Aufstieg.“
Dieser Satz blieb Martin im Kopf.
Dann kam ein Samstagnachmittag im Frühling.
Martin kniete mit Leni im Vorgarten.
Sie pflanzten Ringelblumen.
Leni hatte darauf bestanden, weil ihre verstorbene Oma väterlicherseits solche Blumen gemocht hatte.
Plötzlich vibrierte Martins Handy.
Eine Meldung der Kamera.
Jemand stand am Gartentor.
Martin blickte auf.
Ein Mann Anfang dreißig ging den Weg entlang.
Katharina erschien in der Haustür.
Als sie ihn sah, veränderte sich ihr Gesicht.
„Jan.“
Martin verstand sofort.
Lenis Vater.
Jan blieb stehen.
„Ich will mit dir reden.“
Katharina trat nicht hinaus.
„Nein.“
„Stell dich nicht so an.“
Martin stand langsam auf.
„Sie hat Nein gesagt.“
Jan musterte ihn.
„Und du bist wer?“
„Martin.“
„Der reiche Nachbar?“
Martin antwortete nicht.
Jan lachte abfällig.
„Natürlich.“
Leni war hinter Martin stehen geblieben.
Er spürte ihre Hand an seinem Hosenbein.
Seine Stimme wurde ruhig.
„Du solltest jetzt gehen.“
„Das geht dich nichts an.“
„Doch.“
Jan machte einen Schritt.
Martin keinen.
„Katharina will keinen Kontakt.“
„Das ist meine Familie.“
Katharina sagte von der Tür aus:
„Nein, Jan.“
Die beiden Worte waren leise.
Aber klar.
„Du hast damals entschieden zu gehen. Du kannst nicht alle paar Monate auftauchen und erwarten, dass wir wieder funktionieren, wenn es dir passt.“
Jan verzog den Mund.
„Seit du deinen reichen Freund hast, bist du plötzlich mutig.“
Martin wollte antworten.
Katharina war schneller.
„Ich war vorher schon mutig.“
Stille.
„Ich war nur müde.“
Martin sah zu ihr.
Zum ersten Mal verstand er den Unterschied vollkommen.
Katharina hatte nie jemanden gebraucht, der sie rettete.
Sie hatte jemanden gebraucht, der neben ihr stehen blieb, während sie sich selbst wieder aufrichtete.
Jan schaute zu den Kameras.
Dann zu Martin.
Dann zu Katharina.
„Das ist noch nicht vorbei.“
Katharina antwortete:
„Für mich schon.“
Jan ging.
Keine große Szene.
Kein Kampf.
Keine Drohung von Martin.
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