Ein schwaches Lächeln erschien auf seinem Gesicht.
„Dünn war sie. Ganz dreckig. Und sie hatte eine alte Verletzung am Ohr.“
Er sah Heinrich an.
„Dieses kleine Tier kam einfach zu mir, legte seinen Kopf in meine Hand und fing an zu schnurren.“
Heinrichs Augen füllten sich wieder mit Tränen.
„Ich habe sie aufgenommen. Acht Jahre lang war sie bei mir.“
Ralf schluckte.
„Sie hat mich nicht gefragt, warum ich nachts wach lag. Sie hat sich nicht daran gestört, wenn ich tagelang kaum gesprochen habe. Sie war einfach da.“
Er schaute zu Kasimir.
„Und manchmal reicht genau das, damit ein Mensch wieder einen Grund findet, weiterzumachen.“
Niemand sprach.
Ralf legte Heinrich vorsichtig eine Hand auf die Schulter.
„Menschen, die sagen, es sei doch nur ein Tier, haben vielleicht noch nie erlebt, wie viel Halt so ein kleines Wesen geben kann.“
Heinrich wischte sich mit dem Ärmel über die Augen.
„Meine Elisabeth hat Kasimir damals aus dem Tierheim geholt“, erzählte er.
Seine Stimme wurde brüchig.
„Sie hat immer gesagt, dass er ein bisschen aussieht wie ich. Stur, verfressen und nicht besonders hübsch.“
Ralf lachte leise.
Heinrich lächelte zum ersten Mal.
„Als Elisabeth im Krankenhaus lag, musste ich ihr versprechen, gut auf ihn aufzupassen.“
Er blickte zur Transportbox.
„Das war eines der letzten Dinge, um die sie mich gebeten hat.“
Ralf drückte sanft seine Schulter.
„Dann sorgen wir dafür, dass Sie Ihr Versprechen halten können.“
Lena nahm die Zahlung entgegen.
Zusätzlich zu den Medikamenten packte sie mehrere Vorräte des Spezialfutters ein.
Die Gesamtsumme betrug etwas über 800 Euro.
Ralf bezahlte ohne Zögern.
Als Heinrich die Praxis verlassen wollte, nahm Ralf ihm die schweren Futterpakete ab.
Gemeinsam gingen sie zu einem alten dunkelblauen Wagen, dessen Lack an mehreren Stellen abgeplatzt war.
Auf dem Armaturenbrett lag eine verblichene Soldatenmütze.
Ralf blieb stehen.
„Sie waren auch bei der Bundeswehr?“
Heinrich nickte.
„Viele Jahre. Danach bin ich zurückgekommen und habe in der Fabrik angefangen.“
„Welcher Bereich?“
„Infanterie.“
Ralf stellte die Pakete vorsichtig ab.
Dann richtete er sich auf und grüßte Heinrich mit einem militärischen Gruß.
Heinrich starrte ihn an.
Langsam hob auch er seine zitternde rechte Hand.
Für einige Sekunden standen die beiden Männer schweigend voreinander.
Zwei Generationen.
Zwei unterschiedliche Leben.
Und eine gemeinsame Erfahrung, die keiner von ihnen ausführlich erklären musste.
Schließlich senkte Ralf seine Hand.
„Ich fahre jedes Wochenende mit ein paar Freunden Motorrad. Die meisten von uns haben auch schon einiges hinter sich.“
Heinrich nickte.
„Das glaube ich Ihnen.“
„Wir helfen uns gegenseitig. Und manchmal auch anderen.“
Ralf zog einen zerknitterten Kassenzettel aus der Tasche.
„Schreiben Sie mir bitte Ihre Adresse auf.“
Heinrich zögerte.
„Wozu?“
„Ich würde gern mal nach Kasimir sehen.“
Der alte Mann überlegte kurz.
Dann schrieb er mit unsicherer Hand seine Anschrift auf die Rückseite.
Ralf steckte den Zettel sorgfältig ein.
„Passen Sie auf sich auf, Heinrich.“
Dann setzte er seinen Helm auf und fuhr davon.
Heinrich stand noch lange neben seinem Wagen.
Er konnte kaum begreifen, was gerade passiert war.
Zum ersten Mal seit Monaten hatte er das Gefühl, dass er mit seinen Sorgen vielleicht doch nicht ganz allein war.
Zwei Wochen vergingen.
Kasimir nahm seine Medikamente regelmäßig. Er fraß wieder besser und schaffte es inzwischen sogar, allein auf seinen Lieblingssessel zu springen.
Heinrich freute sich über jede kleine Verbesserung.
An einem Samstag saß er gerade am Küchentisch und sortierte alte Fotos von Elisabeth, als er ein tiefes Brummen hörte.
Er blickte aus dem Fenster.
Zwölf Motorräder hielten vor seinem kleinen Reihenhaus am Rand von Kassel.
Ein Mann nach dem anderen stieg ab.
Alle trugen dunkle Lederwesten.
Einige hatten graue Bärte. Andere Tätowierungen oder alte Narben. Einer ging mit einem leicht steifen Bein.
Heinrich wurde nervös.
Dann erkannte er Ralf.
Der große Mann hob die Hand.
„Morgen, Heinrich! Ist der Hausherr zu sprechen?“
Heinrich öffnete verwundert die Haustür.
„Ralf? Was machen Sie denn hier?“
„Wir haben gehört, dass bei Ihnen ein paar Reparaturen anstehen.“
Heinrich sah auf die Männer, die bereits Werkzeugkisten, Holzlatten und Säcke mit Katzenstreu aus den Fahrzeugen holten.
„Woher wissen Sie das?“
Ralf grinste.
„Sie haben mir beim letzten Mal erzählt, dass Ihre Eingangsstufen morsch sind. Und dass Sie den tropfenden Wasserhahn nicht mehr richtig reparieren können.“
„Aber deswegen müssen Sie doch nicht …“
„Doch“, unterbrach ihn Ralf freundlich. „Genau deswegen sind wir hier.“
Innerhalb weniger Minuten verwandelte sich das stille Grundstück in eine kleine Baustelle.
Zwei Männer entfernten die beschädigten Holzstufen und ersetzten sie durch stabile neue Bretter.
Ein anderer reparierte das undichte Rohr unter der Küchenspüle.
Ein pensionierter Elektriker überprüfte mehrere alte Steckdosen und tauschte eine beschädigte Abdeckung aus.
Heinrich wusste überhaupt nicht, wohin er zuerst schauen sollte.
Doch die größte Überraschung wartete hinter dem Haus.
Dort begannen sechs Männer, Holzpfosten aufzustellen.
Sie bauten eine große, vollständig geschützte Katzenanlage direkt vor Heinrichs Schlafzimmerfenster.
Mit stabilen Gittern, einer kleinen Rampe, erhöhten Liegeflächen und einem überdachten Rückzugsplatz.
„Damit Ihr Kasimir draußen sitzen kann, ohne dass ihm etwas passiert“, erklärte Ralf.
Heinrich starrte auf das Bauwerk.
„Das ist doch viel zu viel.“
Ralf schüttelte den Kopf.
„Für jemanden, der fünfzehn Jahre treu an Ihrer Seite war? Ganz bestimmt nicht.“
Nach fünf Stunden war alles fertig.
Heinrich durfte Kasimir vorsichtig in das neue Gehege setzen.
Der alte Kater schnupperte erst misstrauisch.
Dann ging er langsam die kleine Rampe hinauf, drehte sich zweimal auf einer weichen Unterlage und legte sich zufrieden hin.
Seine Augen schlossen sich halb.
Ein tiefes Schnurren war zu hören.
Die Männer standen schweigend daneben.
Einer von ihnen, ein stämmiger Mann namens Uwe, wischte sich unauffällig über die Augen.
„Verdammt“, murmelte er. „Jetzt muss ich wegen einer Katze heulen.“
Die anderen lachten leise.
Heinrich aber konnte nicht lachen.
Er hielt sich am Türrahmen fest und weinte.
Nicht aus Trauer.
Sondern weil Menschen, die ihn vor zwei Wochen noch nicht einmal gekannt hatten, ihm etwas geschenkt hatten, das er sich niemals hätte leisten können.
Als die Werkzeuge wieder verstaut waren, trat Ralf zu ihm.
In der Hand hielt er einen weißen Umschlag.
„Den hätten wir beinahe vergessen.“
Heinrich nahm ihn entgegen.
Darin lagen Geldscheine und ein kleiner Zettel.
„Für Miete, Strom, Heizung und alles, was in den nächsten sechs Monaten anfällt.“
Heinrich wich erschrocken zurück.
„Nein. Ralf, das geht nicht.“
Er wollte den Umschlag zurückgeben.
„Sie haben schon so viel gemacht. Ich kann das nicht annehmen.“
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