Fast vollständig mattschwarz lackiert.
Keine auffälligen Logos.
Nur eine kleine Kennung am Heck.
Die Maschine kam direkt vor dem Terminal zum Stehen.
Eine Treppe fuhr aus.
Zwei Männer in dunklen Anzügen stiegen aus.
Dann ein dritter.
Groß.
Vielleicht Anfang sechzig.
Silbergraues Haar.
Kein Schlips.
Er bewegte sich langsam, aber mit jener Ruhe, die Menschen besitzen, die nicht mehr beweisen müssen, dass ihnen jemand zuhört.
Katharina kannte sein Gesicht.
Nicht persönlich.
Aber aus Wirtschaftsmagazinen.
Johannes Brandt.
Investor.
Unternehmer.
Martins erbittertster Konkurrent.
Martin hatte jahrelang über ihn geschimpft.
„Dieser Mann kauft Firmen nicht“, hatte er einmal beim Abendessen gesagt. „Er wartet, bis sie schwach sind, und nimmt sie auseinander.“
Jetzt ging Johannes Brandt direkt ins Terminal.
Direkt auf Katharina zu.
„Frau Falk?“
Sie stand auf.
„Herr Brandt.“
Er sah den Umschlag auf dem Tisch.
Dann ihre roten Augen.
„Offenbar komme ich nicht zu früh.“
„Woher wissen Sie, dass ich hier bin?“
„Weil Ihr Mann seinen Flugplan gestern geändert hat.“
„Sie verfolgen Martins Flugzeug?“
„Ich verfolge geschäftliche Risiken.“
Katharina schüttelte den Kopf.
„Wenn Sie gekommen sind, um sich über ihn lustig zu machen, suchen Sie sich bitte jemand anderen.“
„Ich bin nicht wegen Martin hier.“
Er zog einen zweiten Sessel heran.
„Ich bin wegen Ihnen hier.“
Katharina lachte bitter.
„Ich habe mit seinem Unternehmen nichts zu tun.“
„Genau das glaubt Ihr Mann auch.“
Johannes legte eine schmale Aktenmappe auf den Tisch.
„Und genau darin liegt sein größter Fehler.“
Katharina sah ihn misstrauisch an.
„Was wollen Sie?“
„Zuerst möchte ich Ihnen etwas zeigen.“
Er öffnete die Mappe.
Oben lag eine Kopie eines alten Dokuments.
Vergilbt.
Mit maschinengeschriebenen Zeilen.
Und unten eine Unterschrift.
Katharinas Atem stockte.
Sie kannte diese Handschrift.
Das ungewöhnlich große H.
Die kleine Schleife am Ende.
Heinrich Seidel.
Ihr Vater.
„Woher haben Sie das?“
Johannes beobachtete sie.
„Ihr Vater meldete Ende der neunziger Jahre ein Verfahren zur dynamischen Datenverarbeitung an.“
Katharina blickte weiter auf das Papier.
„Er hatte viele Ideen.“
„Diese war außergewöhnlich.“
„Er hat damit nie Geld verdient.“
„Nein.“
Johannes machte eine Pause.
„Aber Ihr Mann.“
Katharina sah auf.
„Was soll das heißen?“
Johannes zog mehrere Seiten hervor.
Diagramme.
Programmabläufe.
Alte Notizen.
„Ich lasse Martins Unternehmen seit Monaten prüfen.“
„Warum?“
„Weil ich es kaufen wollte.“
„Martin würde niemals verkaufen.“
„Das war mir bewusst.“
Johannes lächelte schwach.
„Deshalb wollte ich verstehen, warum seine Kernsoftware so schwer zu kopieren ist.“
Er tippte auf eines der Dokumente.
„Dabei stießen meine Leute auf etwas Merkwürdiges.“
Katharina hörte kaum noch.
„Die grundlegende Architektur, auf der Falk Digital aufgebaut wurde, stammt nicht von Martin.“
Stille.
„Sie stammt von Heinrich Seidel.“
Katharina schüttelte langsam den Kopf.
„Nein.“
„Doch.“
„Mein Vater hat Martin geholfen. Das weiß ich.“
„Er hat ihm einen Prototyp überlassen.“
„Ja.“
„Aber keine Eigentumsrechte.“
Katharina sah ihn an.
„Martin sagte damals, Papa hätte ihm alles übertragen.“
„Dafür gibt es keinen wirksamen Vertrag.“
Johannes schob ihr ein weiteres Dokument hin.
„Im Gegenteil. Ihr Vater hielt schriftlich fest, dass eine kommerzielle Nutzung nur mit seiner Zustimmung erfolgen durfte.“
Katharina starrte auf die Zeilen.
Plötzlich war sie wieder 38.
In der kleinen Wohnung ihres Vaters.
Vier Tage nach seiner Beerdigung.
Martin hatte Kartons gepackt.
„Ich kümmere mich darum“, hatte er gesagt.
Katharina war damals kaum in der Lage gewesen aufzustehen.
Ihr Vater war nach kurzer Krankheit gestorben.
Es gab Rechnungen.
Mahnschreiben.
Werkzeuge.
Bücher.
Ordner.
Martin hatte alles sortiert.
Oder sie hatte geglaubt, dass er es tat.
„Was passierte mit den Originalunterlagen?“
Johannes antwortete ruhig:
„Das ist eine gute Frage.“
Katharina spürte ihr Herz schlagen.
„Sie sind verschwunden.“
„Nicht ganz.“
„Wo sind sie?“
„Ein Teil befindet sich wahrscheinlich in einem privaten Schließfach in der Schweiz.“
Katharina stand auf.
„Woher wissen Sie das alles?“
„Weil Martin vor sieben Jahren über eine Briefkastengesellschaft ein Archivfach angemietet hat.“
„Warum sollte er Papas Sachen dort aufbewahren?“
Johannes sah sie lange an.
Dann sagte er:
„Weil Menschen manchmal Dinge aufheben, die sie eigentlich vernichten müssten.“
Katharina sank wieder in den Sessel.
Ihr Vater.
Der Mann, über den Martin später immer gesagt hatte:
„Heinrich hatte kluge Ideen, aber kein Gefühl fürs Geschäft.“
Der Mann, der starb, ohne seine Schulden vollständig bezahlt zu haben.
Während Martin wenige Jahre später Millionen verdiente.
„Mein Vater ist gestorben und dachte, er hätte versagt.“
Johannes sagte nichts.
Katharina presste beide Hände zusammen.
Eine Erinnerung kam zurück.
Heinrich saß an seinem Küchentisch.
Es war Winter gewesen.
Im Radio lief leise Musik.
Er hatte gesagt:
„Manchmal, Kathi, braucht eine Idee länger als ein Mensch.“
Damals hatte sie gelacht.
„Was soll das denn heißen?“
„Dass ich vielleicht nicht mehr erlebe, was daraus wird.“
Sie hatte seine Hand genommen.
„Du redest, als wärst du achtzig.“
Er war 67 gewesen.
Drei Monate später war er tot.
Katharina spürte erneut Tränen.
Diesmal waren sie anders.
Nicht wegen Martin.
Wegen ihres Vaters.
„Warum erzählen Sie mir das?“
Johannes lehnte sich zurück.
„Weil Sie Heinrich Seidels einzige Erbin sind.“
Katharina sah ihn an.
„Und?“
„Und weil damit sehr wahrscheinlich auch die Rechte an seinem Verfahren an Sie gefallen sind.“
Die Worte brauchten Sekunden, bis sie wirklich ankamen.
„Was bedeutet das?“
Johannes faltete die Hände.
„Es bedeutet, dass der wichtigste Teil von Martins Unternehmen möglicherweise Ihnen gehört.“
Katharina lachte ungläubig.
„Das Unternehmen ist Milliarden wert.“
„Richtig.“
„Martin besitzt fast alles.“
„Aktien.“
Johannes hob einen Finger.
„Nicht zwangsläufig die Technologie, auf der diese Aktien beruhen.“
Katharina schwieg.
„Ohne die Architektur Ihres Vaters müsste Falk Digital große Teile seiner Software neu entwickeln“, fuhr Johannes fort.
„Wie lange würde das dauern?“
„Jahre.“
„Und wenn ich die Nutzung untersage?“
Johannes sah sie an.
Jetzt lächelte er zum ersten Mal richtig.
„Dann hat Martin ein Problem.“
Katharina blickte durch die Glasfront.
Auf das schwarze Flugzeug.
„Sie wollen sein Unternehmen.“
„Ja.“
Die direkte Antwort überraschte sie.
„Sie tun das also nicht aus Menschlichkeit.“
„Nein.“
„Gut.“
Johannes hob eine Augenbraue.
„Gut?“
„Ich habe heute genug Lügen gehört.“
Zum ersten Mal lag Respekt in seinem Blick.
„Ich möchte Falk Digital übernehmen“, sagte er. „Aber Martin lehnt jedes Gespräch ab. Wenn Sie Ihre Rechte geltend machen, verliert er seine stärkste Verhandlungsposition.“
„Und was bekomme ich?“
„Das entscheiden Sie.“
„Nein. Sagen Sie mir, was Sie geplant haben.“
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