Johannes zögerte nicht.
„Eine Beteiligung an der Übernahme und eine Vergütung für die Nutzungsrechte.“
„Wie viel?“
„Wenn unsere Einschätzung stimmt, mehrere hundert Millionen Euro.“
Katharina starrte ihn an.
Vierzig Euro in ihrer Geldbörse.
Mehrere hundert Millionen.
Der Gegensatz war so absurd, dass sie beinahe gelacht hätte.
„Was soll ich jetzt tun?“
Johannes deutete auf den Umschlag mit den Scheidungspapieren.
„Sie können den Wagen nehmen, den Ihr Mann Ihnen geschickt hat.“
Dann zeigte er zum Flugzeug.
„Oder Sie kommen mit mir.“
„Wohin?“
„Frankfurt.“
Katharina runzelte die Stirn.
„Dort wartet eine Kanzlei.“
„Jetzt?“
„Heute Abend.“
„Und morgen?“
„Morgen beginnen wir.“
Katharina sah wieder auf die Unterschrift ihres Vaters.
Heinrich Seidel.
Seine alte Füllfeder.
Seine ordentliche Handschrift.
Sein Leben.
Seine Arbeit.
Sein Scheitern.
Oder das, was alle für sein Scheitern gehalten hatten.
Sie nahm ihre Tasche.
„Ich komme mit.“
Johannes stand auf.
„Sind Sie sicher?“
Katharina sah zum Himmel, wo Martins Maschine längst verschwunden war.
„Mein Mann hat mir gerade erklärt, ich hätte bis Montag Zeit, mein Leben einzupacken.“
Sie griff nach der Aktenmappe ihres Vaters.
„Ich denke, ich nutze das Wochenende anders.“
Im Flugzeug sprach Katharina lange nicht.
Sie saß am Fenster und sah Deutschland unter sich kleiner werden.
Felder.
Autobahnen.
Dörfer.
Lichter.
Johannes arbeitete gegenüber an einem Laptop.
Irgendwann fragte Katharina:
„Wie lange wissen Sie davon?“
„Sechs Monate.“
„Warum haben Sie mich nicht früher informiert?“
„Weil wir nicht sicher waren.“
„Und jetzt?“
„Jetzt sind wir sicher genug, um Martin sehr nervös zu machen.“
Katharina lächelte müde.
„Das klingt nicht sehr juristisch.“
„Juristen formulieren vorsichtiger.“
Er schob ihr ein Tablet hin.
Darauf war Quellcode zu sehen.
„Erkennen Sie etwas?“
Katharina schüttelte den Kopf.
Dann blieb ihr Blick hängen.
Zahlenfolgen.
Sie spürte plötzlich Gänsehaut.
„Das hat Papa immer gemacht.“
Johannes beugte sich vor.
„Was?“
„Diese Folgen.“
Katharina zeigte auf den Bildschirm.
„Er liebte Zahlenmuster.“
Sie schloss kurz die Augen.
„Er sagte, gute Technik müsse sich anfühlen wie Musik. Wiederholung, Abweichung, Wiederholung.“
Johannes nickte.
„Unsere Experten nennen es seine mathematische Handschrift.“
„Martin hasste das.“
„Wie bitte?“
„Er sagte immer, Papa verschwende Rechenleistung mit Spielereien.“
Katharina sah wieder auf den Code.
„Aber er hat es drin gelassen.“
„Offenbar.“
„Warum?“
Johannes lächelte schmal.
„Vielleicht weil er ohne Ihren Vater nicht wusste, wie er es besser machen sollte.“
Am nächsten Morgen saß Katharina mit sechs Anwälten in einem Konferenzraum.
Niemand behandelte sie wie die verlassene Ehefrau eines reichen Mannes.
Sie behandelten sie wie eine Eigentümerin.
Das fühlte sich seltsam an.
Fast beängstigend.
Drei Tage lang erzählte sie alles, woran sie sich erinnern konnte.
Wann Martin ihren Vater kennengelernt hatte.
Wann Heinrich erste Modelle entwickelt hatte.
Wann Martin Zugriff auf seine Rechner bekam.
Welche Ordner existiert hatten.
Welche Notizbücher.
Welche Gespräche.
In der zweiten Nacht erinnerte Katharina sich plötzlich an einen Satz.
„Vier Tage.“
Die Anwältin neben ihr sah auf.
„Was meinen Sie?“
„Vier Tage nach Papas Beerdigung fuhr Martin nach Berlin.“
„Warum?“
Katharina schüttelte den Kopf.
„Er sagte, er müsse einen Investor treffen.“
Ein Mitarbeiter tippte etwas in den Computer.
Wenige Minuten später sah er auf.
„Vier Tage nach Heinrich Seidels Tod wurde die erste Schutzrechtsanmeldung von Falk Digital eingereicht.“
Im Raum wurde es still.
Katharina schloss die Augen.
Vier Tage.
Ihr Vater lag noch nicht einmal eine Woche auf dem Friedhof.
Und Martin hatte bereits begonnen, sein Lebenswerk als eigenes auszugeben.
Am Donnerstagmorgen explodierte die Nachricht.
Eine große Wirtschaftsplattform berichtete, dass Falk Digital wegen eines Eigentumsstreits um seine Kerntechnologie juristisch unter Druck geraten war.
Investoren verlangten Antworten.
Vertragspartner wurden nervös.
Der Vorstand berief eine Sondersitzung ein.
Katharinas neues Telefon klingelte um 9.17 Uhr.
Martin.
Sie sah die Nummer lange an.
Dann nahm sie ab.
„Katharina!“
Keine Begrüßung.
Seine Stimme war hektisch.
„Was hast du getan?“
Sie sagte nichts.
„Die Anwälte sagen, du behauptest, deine Familie besitze Rechte an der Software.“
„Nicht meine Familie.“
Katharina sah aus dem Fenster.
„Mein Vater.“
„Das ist Unsinn.“
„Dann musst du dir keine Sorgen machen.“
Stille.
Das war die Antwort, die sie brauchte.
„Katharina, hör mir zu.“
Plötzlich war seine Stimme weicher.
Der alte Ton.
Der Martin von früher.
„Wir sollten miteinander reden.“
Sie musste beinahe lachen.
„Vorgestern hattest du keine Zeit für eine Szene.“
„Das war falsch.“
„Was genau?“
„Die Art.“
Nicht die Affäre.
Nicht die Scheidung.
Nicht die gesperrten Konten.
Die Art.
Katharina nickte langsam, obwohl er sie nicht sehen konnte.
„Hast du Papas Unterlagen genommen?“
Stille.
„Martin?“
„Das ist kompliziert.“
„Nein.“
Ihre Stimme zitterte nicht mehr.
„Die Frage ist sehr einfach.“
Wieder Stille.
Dann sagte er:
„Heinrich wollte, dass seine Arbeit genutzt wird.“
Katharina schloss die Augen.
„Du hast also seine Unterlagen genommen.“
„Ich habe daraus etwas gemacht.“
„Er hat daraus etwas gemacht.“
„Er konnte es nicht vermarkten!“
Da war er.
Der echte Martin.
Wütend.
Gekränkt.
Überzeugt davon, dass Erfolg Eigentum bedeutete.
„Dein Vater war ein genialer Techniker“, sagte er. „Aber ohne mich wäre das alles in irgendeinem Keller verstaubt.“
Katharina dachte an Heinrichs kleine Wohnung.
An den Küchentisch.
An die karierten Blätter.
An seine Hände.
„Vielleicht.“
Sie atmete ein.
„Aber dann hättest du ihn fragen müssen.“
Martin schwieg.
„Was willst du?“
Da war wieder der Geschäftsmann.
Katharina lächelte traurig.
Nicht: Wie geht es dir?
Nicht: Kannst du mir vergeben?
Was willst du?
„Morgen wirst du es erfahren.“
Sie legte auf.
Am nächsten Nachmittag betrat Katharina den Sitzungssaal von Falk Digital.
Martin saß am anderen Ende des langen Tisches.
Er sah schlecht aus.
Sein Hemd war zerknittert.
Unter seinen Augen lagen dunkle Schatten.
Julia war nicht da.
Katharina wunderte sich nicht darüber.
Johannes ging zwei Schritte hinter ihr.
Die Vorstandsmitglieder blickten zwischen ihnen hin und her.
Ein älterer Aufsichtsratsvorsitzender räusperte sich.
„Frau Falk, wir möchten eine Eskalation vermeiden.“
Katharina setzte sich.
„Das wollte ich auch.“
Martin lachte höhnisch.
„Du willst mich ruinieren.“
Katharina sah ihn ruhig an.
„Nein.“
„Was dann?“
„Ich will zurück, was meinem Vater gehört hat.“
Ein Anwalt legte mehrere Ordner auf den Tisch.
Gutachten.
Zeitabläufe.
Alte Unterlagen.
Technische Vergleiche.
Die Handschrift Heinrich Seidels zog sich durch alles.
Der Vorsitzende blätterte schweigend.
Schließlich fragte er:
„Was sind Ihre Bedingungen?“
Katharina sah Martin an.
Vor wenigen Tagen hatte sie ihn noch gefragt, ob er sie jemals geliebt hatte.
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