Heute wollte sie die Antwort nicht mehr wissen.
„Erstens tritt Martin Falk als Geschäftsführer zurück.“
Martin sprang auf.
„Auf keinen Fall!“
„Setzen Sie sich“, sagte der Vorsitzende scharf.
Katharina fuhr fort.
„Zweitens erkennt das Unternehmen die Urheberschaft meines Vaters an der ursprünglichen Architektur an.“
Ein Vorstandsmitglied nickte langsam.
„Drittens werden sämtliche Rechte daran neu lizenziert.“
„An wen?“
Katharina blickte kurz zu Johannes.
„An die neue Eigentümerstruktur.“
Martin wurde blass.
„Du verkaufst an ihn.“
„Ja.“
„Du weißt überhaupt nicht, was du tust.“
Katharina sah ihn lange an.
Dann sagte sie leise:
„Das hast du achtzehn Jahre lang gedacht.“
Niemand sprach.
„Und meine vierte Bedingung ist persönlich.“
Martin lachte bitter.
„Natürlich.“
Katharina ignorierte ihn.
„Ein Teil meines Erlöses fließt in eine Stiftung.“
Johannes drehte leicht den Kopf.
Das hatten sie so nicht besprochen.
„Eine Stiftung?“, fragte der Vorsitzende.
„Für ältere Ingenieure, Techniker und Erfinder, deren Ideen nie eine Chance bekommen haben.“
Katharina spürte plötzlich einen Kloß im Hals.
„Menschen wie mein Vater.“
Martin starrte sie an.
Zum ersten Mal sah Katharina etwas in seinem Gesicht, das wie Scham aussah.
Vielleicht bildete sie es sich nur ein.
Es war ihr inzwischen egal.
„Wie hoch soll der Anteil sein?“
Katharina nannte die Summe.
Im Raum wurde es still.
Johannes sah sie überrascht an.
„Das ist sehr viel Geld.“
Katharina nickte.
„Ich brauche nicht alles.“
Martin lachte trocken.
„Jetzt spielst du die Heilige.“
Katharina sah ihn an.
„Nein.“
Sie stand auf.
„Ich versuche nur, nicht so zu werden wie du.“
Eine Stunde später waren die wichtigsten Bedingungen akzeptiert.
Nicht aus Freundlichkeit.
Nicht aus Gerechtigkeit.
Aus Angst.
Vor Prozessen.
Vor Investoren.
Vor dem Zusammenbruch.
Katharina fuhr mit Johannes im Aufzug nach unten.
Als sich die Türen schlossen, lehnte sie den Kopf kurz gegen die Wand.
Ihre Hände zitterten.
Johannes bemerkte es.
„Alles in Ordnung?“
„Nein.“
Sie lachte erschöpft.
„Aber ich glaube, irgendwann wird es das sein.“
„Sie haben gerade ein Vermögen gewonnen.“
Katharina sah auf die leuchtenden Zahlen über der Tür.
„Ich habe vor drei Tagen gedacht, ich hätte mein Leben verloren.“
„Und jetzt?“
Sie dachte nach.
„Jetzt glaube ich, dass ich vielleicht nur das falsche Leben verloren habe.“
Die Aufzugtür öffnete sich.
Draußen wartete die Stadt.
Menschen liefen zur Bahn.
Ein Mann schob sein Fahrrad.
Eine Frau trug Einkaufstaschen.
Zwei ältere Herren stritten darüber, welchen Bus sie nehmen mussten.
Ganz normales Leben.
Katharina hatte es jahrelang kaum wahrgenommen.
Martins Welt bestand aus geschlossenen Wagen, privaten Räumen, Vorstandsetagen und Türen, die sich automatisch öffneten.
Plötzlich hatte sie Sehnsucht nach etwas anderem.
Sechs Monate später fuhr Katharina nach Thüringen.
Allein.
Ohne Fahrer.
Ohne Assistentin.
Sie parkte vor dem Haus, in dem ihr Vater zuletzt gewohnt hatte.
Die neue Eigentümerin ließ sie in den Keller.
Dort stand tatsächlich noch eine alte Werkbank, die niemand weggeworfen hatte.
Katharina fuhr mit der Hand über das zerkratzte Holz.
In einer Ecke entdeckte sie eine kleine eingeritzte Zahlenfolge.
1 – 1 – 2 – 3 – 5 – 8 – 13.
Sie musste lachen.
„Du alter Dickkopf.“
Später ging sie zum Friedhof.
Heinrichs Grab war schlicht.
Katharina stellte keine teuren Blumen hin.
Nur einen kleinen Topf mit roten Geranien.
Die hatte ihr Vater immer auf seinem Balkon gehabt.
Sie setzte sich auf die Bank daneben.
„Du hattest recht“, sagte sie.
Natürlich antwortete niemand.
„Eine Idee lebt manchmal länger als ein Mensch.“
Der Wind bewegte die Blätter über ihr.
Katharina erzählte ihm von der Stiftung.
Von den ersten Bewerbungen.
Von einem 72-jährigen Maschinenbauer aus Sachsen, der ein energiesparendes Ventil entwickelt hatte.
Von einer ehemaligen Technikerin aus dem Ruhrgebiet, die nach ihrer Rente ein Hilfsmittel für Menschen mit zittrigen Händen erfunden hatte.
Von all den Menschen, die geglaubt hatten, sie seien zu alt.
Zu spät.
Nicht wichtig genug.
„Vielleicht hätte dir das gefallen.“
Katharina blieb noch eine Weile sitzen.
Als sie später zum Parkplatz zurückging, vibrierte ihr Handy.
Eine Nachricht von Johannes.
Der neue Vorstand hat den Namen genehmigt.
Darunter ein Entwurf.
Heinrich-Seidel-Fonds für technische Ideen.
Katharina blieb stehen.
Sie las es zweimal.
Dann schrieb sie:
Danke.
Drei Punkte erschienen.
Johannes tippte.
Abendessen, wenn du zurück bist? Kein Geschäft. Versprochen.
Katharina lächelte.
Zwischen ihnen war in den letzten Monaten etwas entstanden.
Langsam.
Vorsichtig.
Keine große Romanze.
Noch nicht.
Vielleicht auch nie.
Mit 54 wusste Katharina, dass nicht jede Nähe sofort einen Namen brauchte.
Sie schrieb:
Nur wenn du dein Handy auf lautlos stellst.
Seine Antwort kam sofort.
Abgemacht.
Katharina steckte das Telefon ein.
Bevor sie ins Auto stieg, sah sie noch einmal zurück.
Sie dachte an Martin.
Er lebte inzwischen in einer kleineren Wohnung in München.
Sein Name war aus dem Firmenlogo verschwunden.
Julia war wenige Wochen nach seinem Rücktritt gegangen.
Katharina wusste das nur, weil andere Leute es ihr erzählt hatten.
Sie fragte nicht danach.
Rache hatte sich in ihrer Vorstellung einmal groß angefühlt.
Laut.
Glänzend.
Wie ein schwarzer Privatjet auf einem Rollfeld.
Aber am Ende hatte sie verstanden, dass der schönste Teil ihrer Geschichte nicht Martins Fall war.
Es war Heinrichs Rückkehr.
Sein Name.
Seine Arbeit.
Seine Würde.
All das, was man ihm zu Lebzeiten genommen hatte.
Katharina startete den Wagen.
Auf dem Beifahrersitz lag eine alte Aktenmappe.
Darin befand sich eine Kopie der ersten Zeichnung ihres Vaters.
Ganz oben hatte Heinrich damals mit Bleistift einen Satz notiert:
„Eine gute Idee gehört nicht dem Lautesten. Sie gehört dem, der sie geschaffen hat.“
Katharina hatte diese Worte wahrscheinlich hundertmal gelesen.
Diesmal strich sie mit dem Finger darüber.
Dann fuhr sie los.
Nicht zurück in Martins Leben.
Nicht zurück in die Frau, die achtzehn Jahre geglaubt hatte, Sicherheit sei dasselbe wie Liebe.
Sondern nach vorn.
Mit 54.
Mit Narben.
Mit Angst.
Mit mehr Geld, als sie jemals brauchen würde.
Und mit etwas, das viel wertvoller war.
Der Gewissheit, dass es niemals zu spät ist, einen Namen wiederherzustellen.
Ein Versprechen einzulösen.
Oder das eigene Leben noch einmal ganz neu zu beginnen.






