Doch Bella wollte nicht langsam gehen.
Sie wollte hinein.
Sabine schloss auf.
Kaum waren wir im Gebäude, begann Bella aufgeregt zu winseln.
Aus dem hinteren Teil des Flurs kam eine Antwort.
Ein einzelnes, hohes Bellen.
Bella blieb einen Augenblick stehen.
Dann bellte sie zurück.
Wieder hörten wir Molly.
Diesmal lauter.
Sabine sah mich an.
„So hat sie den ganzen Abend nicht gebellt.“
Wir gingen schneller.
Als wir um die letzte Ecke bogen, sah ich Molly zum ersten Mal seit der Trennung.
Ich blieb stehen.
Sie war nicht mehr die ruhige Hündin, die ich bei meinem ersten Besuch gesehen hatte.
Ihr Fell wirkte stumpf.
Ihre Flanken waren eingefallen, und ihre Augen waren gerötet.
Sie stand direkt hinter dem Gitter.
Als sie Bella erkannte, begann ihr ganzer Körper zu zittern.
Ihre Pfoten rutschten auf dem Boden.
Sie versuchte aufzustehen, setzte sich wieder hin und drückte schließlich ihre Schnauze zwischen die Gitterstäbe.
Bella zog mich bis zu ihr.
Ich kniete mich hin und lockerte vorsichtig die Leine.
Die beiden Hündinnen berührten sich.
Zuerst nur mit den Nasen.
Dann begann Bella, ihrer Schwester über das Gesicht zu lecken.
Über die Augen.
Über die Ohren.
Immer wieder.
Molly gab einen leisen Laut von sich, den ich noch nie bei einem Hund gehört hatte.
Es war kein richtiges Winseln.
Eher ein langer, erschöpfter Seufzer.
Dann legte sie sich direkt hinter das Gitter.
Bella legte sich davor.
Beide drückten ihre Köpfe so dicht aneinander, wie es die Stäbe zuließen.
Und plötzlich war es still.
Ich hörte nur noch ihr Atmen.
Sabine stand neben mir und wischte sich über die Wangen.
„Wir hätten sie nicht trennen sollen“, flüsterte sie.
Ich konnte nichts antworten.
Denn ich dachte an die vergangenen Tage.
An Bellas unberührtes Futter.
An ihre schlaflosen Nächte vor meiner Wohnungstür.
An Molly, die im Tierheim auf ihre Schwester wartete.
Wir hatten geglaubt, zwei Hunden etwas Gutes zu tun.
Stattdessen hatten wir übersehen, wie sehr sie einander brauchten.
Nach einer Weile setzte ich mich auf die Bank im Flur.
Bella schlief inzwischen.
Molly ebenfalls.
Zwischen ihnen lag nur das Metallgitter.
Ich sah Sabine an.
„Mach bitte die Tür auf.“
Sie zögerte.
„Ralf, wir müssen vorsichtig sein.“
„Ich weiß. Aber können wir sie nicht wenigstens zusammenlassen?“
Sabine holte eine Kollegin, und gemeinsam führten sie die beiden Hündinnen in einen ruhigen Raum.
Dort legte sich Molly sofort neben Bella.
Sie schob ihre Schnauze unter Bellas Hals.
Bella rückte ein Stück zur Seite.
Dann schliefen beide ein.
Es war inzwischen halb drei.
Ich saß auf dem Fußboden, weil ich die beiden nicht allein lassen wollte.
Nach fast zwanzig Minuten hob Sabine den Kopf.
„Ralf, du musst nach Hause. Wir kümmern uns um sie.“
Ich nickte.
Aber ich blieb sitzen.
In meinem Kopf drehte sich alles um dieselbe Frage.
Was würde passieren, wenn ich Bella wieder mitnahm?
Würde Molly erneut vor dem Gitter warten?
Würde Bella wieder an meiner Wohnungstür liegen?
Sollten wir das wirklich noch einmal versuchen?
Ich stand auf und ging zu Sabine.
„Ich möchte beide aufnehmen.“
Sie sah mich überrascht an.
„Beide?“
„Ja.“
„Ralf, Bella ist schon ein großer Hund. Molly braucht gerade besonders viel Aufmerksamkeit. Und du wohnst in einer Zweizimmerwohnung.“
„Das weiß ich.“
„Zwei Labradore bedeuten doppelte Kosten. Mehr Futter, mehr Auslauf, Tierarztbesuche. Das musst du dir gut überlegen.“
Ich schaute zu den Hündinnen hinüber.
Molly hatte im Schlaf eine Pfote über Bellas Vorderbein gelegt.
„Sabine“, sagte ich leise. „Ich habe die letzten sechs Jahre allein in dieser Wohnung gelebt. Ich weiß, wie still vier Wände sein können.“
Sie hörte zu.
„Ich weiß auch, wie es sich anfühlt, wenn jemand fehlt. Und ich will nicht der Mensch sein, der diese beiden noch einmal auseinanderbringt.“
Sabine setzte sich neben mich.
„Dann machen wir es richtig“, sagte sie schließlich. „Wir lassen Molly untersuchen, sprechen mit der Tierheimleitung und klären alles, was nötig ist.“
Ich nickte.
In dieser Nacht fuhr ich ohne Bella nach Hause.
Beide Schwestern durften zunächst gemeinsam im Tierheim bleiben.
Zum ersten Mal seit Tagen war mein Wohnzimmer wieder leer.
Aber diesmal fühlte sich die Stille anders an.
Denn ich wusste, dass Bella nicht allein war.
Am nächsten Vormittag rief Sabine an.
„Ralf, du wirst es nicht glauben.“
Ich richtete mich sofort auf.
„Was ist passiert?“
„Beide haben gefrühstückt. Molly hat sogar ihren Napf leer gefressen.“
Ich musste lächeln.
„Und Bella?“
„Die hat neben ihr gesessen und gewartet.“
Molly wurde tierärztlich untersucht. Zum Glück fand man nichts, was eine längere Behandlung im Tierheim erforderlich machte.
Sie brauchte vor allem Ruhe, regelmäßiges Futter und Zeit, um wieder Vertrauen zu fassen.
Zwei Tage später durfte ich die beiden gemeinsam in Pflege nehmen.
An eine endgültige Übernahme war zunächst noch nicht zu denken. Wir mussten erst herausfinden, ob ich ihnen auf Dauer gerecht werden konnte.
Ich kaufte einen zweiten großen Hundekorb.
Zwei Näpfe.
Zwei Leinen.
Und eine zusätzliche Decke, weil ich inzwischen wusste, dass Labradore erstaunlich viel Platz auf einem Sofa beanspruchen können.
Als ich die beiden abholte, ging Molly nur zögernd zur Autotür.
Sie sah sich immer wieder um.
Bella stieg zuerst ein.
Dann drehte sie sich zu ihrer Schwester.
Molly schnupperte an der Tür.
Bella beugte sich vor und berührte sie mit der Nase.
Als würde sie sagen: „Komm schon. Ich bin doch hier.“
Molly sprang hinein.
Sie legte sich sofort neben Bella.
Während der ganzen Fahrt blieb ihre Schnauze auf Bellas Rücken liegen.
Als wir zu Hause ankamen, ging Bella voran.
Sie kannte die Wohnung bereits.
Molly folgte ihr vorsichtig.
Sie schnupperte am Schuhschrank, am Sofa und an der Tür zum Schlafzimmer.
Aber sobald Bella in einen anderen Raum ging, lief Molly hinterher.
Ich stellte die beiden Hundekörbe nebeneinander ins Wohnzimmer.
Einen links vom Fenster.
Einen rechts von der Heizung.
„So“, sagte ich zufrieden. „Jetzt hat jede ihren eigenen Platz.“
Am nächsten Morgen waren beide Körbe leer.
Ich fand die Hündinnen auf der großen Decke vor dem Sofa.
Molly lag auf dem Rücken, alle vier Pfoten in der Luft.
Bella hatte ihren Kopf auf Mollys Bauch gelegt.
Als ich hereinkam, hob Bella kurz den Blick.
Dann wedelte sie mit dem Schwanz.
Ich musste lachen.
„Na gut. Dann eben so.“
Die erste Woche war trotzdem nicht einfach.
Molly erschrak bei jedem lauten Geräusch.
Wenn ich meinen Schlüsselbund nahm, stand sie sofort auf und lief zur Tür.
Wenn ich meine Jacke anzog, begann sie zu zittern.
Einmal wollte ich nur den Müll hinunterbringen.
Als ich zurückkam, saß Molly neben der Wohnungstür und winselte.
Bella stand neben ihr.
Ich setzte mich auf den Boden.
„Ich komme doch wieder“, sagte ich.
Molly drückte sich gegen mein Bein.
Ich wusste, dass Worte allein nicht reichen würden.
Also begann ich, mit ihr zu üben.
Erst verließ ich das Zimmer nur für wenige Sekunden.
Dann ging ich kurz vor die Wohnungstür.
Später brachte ich den Müll hinunter und kam wieder zurück.
Jedes Mal begrüßte ich die beiden ruhig.
Und jedes Mal wurde Molly ein kleines bisschen gelassener.
Wir machten unsere Spaziergänge gemeinsam.
Anfangs nur kurze Runden.
Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen.






