Später gingen wir zum kleinen Park am Fluss.
Bella lief gern voraus.
Molly blieb meistens hinter ihr.
Doch irgendwann bemerkte ich, dass Bella sich immer wieder umdrehte.
Wenn Molly stehen blieb, blieb auch Bella stehen.
Wenn Molly an einem Baum schnupperte, wartete Bella.
Sie lief nie so weit voraus, dass ihre Schwester sie aus den Augen verlor.
Nach ungefähr zwei Wochen geschah etwas, das mich besonders berührte.
Ich saß abends auf dem Sofa und las Zeitung.
Bella schlief neben der Balkontür.
Molly lag auf ihrem Platz.
Plötzlich stand sie auf.
Sie kam langsam zu mir.
Ich hielt die Hand hin.
Sie schnupperte daran.
Dann legte sie zum ersten Mal von sich aus den Kopf auf mein Knie.
Einfach so.
Ohne Futter.
Ohne Aufforderung.
Ich legte die Zeitung weg.
„Na, Molly“, flüsterte ich. „Du traust dich ja.“
Sie blieb ganz still.
Ich streichelte vorsichtig ihren Kopf.
Bella öffnete kurz die Augen, wedelte einmal mit dem Schwanz und schlief wieder ein.
Ich saß bestimmt eine halbe Stunde so da.
Meine Beine wurden taub.
Aber ich wollte mich nicht bewegen.
Denn Molly hatte mir in diesem Moment etwas geschenkt, das man nicht kaufen kann.
Ihr Vertrauen.
In der dritten Woche brachte Molly mir zum ersten Mal einen Ball.
Sie ließ ihn direkt vor meinen Hausschuhen fallen.
Dann sah sie mich erwartungsvoll an.
„Willst du etwa spielen?“
Sie wedelte mit dem Schwanz.
Ich warf den Ball vorsichtig durch das Wohnzimmer.
Molly rannte los.
Bella gleich hinterher.
Natürlich brachte Bella den Ball zuerst zurück.
Molly schaute beleidigt.
Ich lachte so laut, dass ich selbst erschrak.
Es war lange her, dass ich in meiner Wohnung so gelacht hatte.
Mit jedem Tag wurde unser Alltag vertrauter.
Morgens warteten zwei Hunde vor meiner Schlafzimmertür.
Beim Frühstück lagen beide unter dem Tisch.
Abends machten wir unsere letzte Runde durch die ruhigen Straßen.
Manchmal begegnete ich Nachbarn, die mich fragten, ob ich mir das wirklich gut überlegt hätte.
„Zwei große Hunde in so einer kleinen Wohnung?“
Ich verstand die Frage.
Und ich nahm sie ernst.
Deshalb sorgte ich dafür, dass beide genug Bewegung, Beschäftigung und Rückzugsmöglichkeiten bekamen.
Außerdem hatte ich mit Sabine vereinbart, dass sie im Notfall einspringen würde.
Doch ich hatte längst gemerkt, dass die beiden weniger Platz für sich beanspruchten, als ich erwartet hatte.
Sie wollten ohnehin meistens zusammenliegen.
Ein paar Wochen später besuchte uns eine Mitarbeiterin des Tierheims.
Sie schaute sich die Wohnung an, fragte nach unserem Tagesablauf und beobachtete die beiden Hündinnen.
Bella lag neben meinem Sessel.
Molly hatte ihren Kopf auf Bellas Rücken gelegt.
„Die sehen zufrieden aus“, sagte sie.
„Das sind sie hoffentlich.“
„Und Sie, Herr Weber?“
Ich musste einen Augenblick überlegen.
Dann sagte ich etwas, das ich selbst nicht erwartet hatte.
„Ich glaube, ich bin es auch.“
Kurz darauf wurde aus der vorübergehenden Pflege ein endgültiges Zuhause.
Die Übernahme war geregelt.
Bella und Molly gehörten nun offiziell zu meiner Familie.
Als ich die Unterlagen unterschrieben hatte, fuhr ich nach Hause und setzte mich mit beiden Hündinnen auf den Teppich.
„So, meine Damen“, sagte ich. „Jetzt bleibt ihr hier.“
Bella leckte mir über die Hand.
Molly drückte ihren Kopf gegen meine Schulter.
Und ich hatte plötzlich Tränen in den Augen.
Nicht vor Traurigkeit.
Sondern weil ich begriff, wie sehr sich mein Leben verändert hatte.
Noch wenige Wochen zuvor war ich jeden Abend in eine stille Wohnung gekommen.
Ich hatte meine Schuhe ausgezogen, mir etwas zu essen gemacht und den Fernseher eingeschaltet.
Jetzt dauerte es manchmal fünf Minuten, bis ich überhaupt meine Jacke ausziehen konnte.
Weil zwei große Hündinnen mich begrüßten.
Weil Bella unbedingt ihren Ball zeigen musste.
Weil Molly sich vor meine Füße setzte und gestreichelt werden wollte.
Natürlich war nicht alles einfach.
Im Flur lagen ständig Hundehaare.
Meine Schuhe wurden regelmäßig durch die Wohnung getragen.
Einmal fraß Bella ein Stück von meinem Frühstücksbrot, als ich nur kurz den Tisch verließ.
Und Molly entdeckte, dass man mit einer feuchten Nase wunderbar Abdrücke auf der Fensterscheibe hinterlassen konnte.
Aber wissen Sie was?
Mich störte das kaum.
Denn plötzlich war wieder Leben in meiner Wohnung.
Heute sind Bella und Molly noch immer unzertrennlich.
Sie schlafen in einem gemeinsamen großen Hundebett, obwohl daneben ein zweites steht.
Sie gehen zusammen spazieren.
Sie begrüßen mich gemeinsam an der Tür.
Und jeden Abend beobachte ich ein kleines Ritual.
Bevor Molly einschläft, rückt sie ganz nah an Bella heran.
Dann berührt sie mit ihrer Schnauze kurz das Ohr ihrer Schwester.
Nur für einen Augenblick.
Bella hebt meistens nicht einmal den Kopf.
Manchmal wedelt sie nur ganz leicht mit dem Schwanz.
Danach schlafen beide ein.
Ich weiß nicht, was Molly in diesem Moment denkt.
Vielleicht erinnert sie sich an die Zeit im Tierheim.
Vielleicht möchte sie nur sicher sein, dass Bella noch neben ihr liegt.
Vielleicht ist es auch einfach eine Gewohnheit aus ihrer Welpenzeit.
Aber jedes Mal, wenn ich es sehe, denke ich an jene Nacht um halb drei.
An den dunklen Flur.
An die beiden Köpfe, die sich durch das Gitter berührten.
An die Ruhe, die plötzlich einkehrte, als die Schwestern wieder beieinander waren.
Neulich fragte mich ein Bekannter, warum ich mir in meinem Alter noch zwei so große Hunde angetan hätte.
Ich überlegte kurz.
Dann sagte ich:
„Weil ich gesehen habe, wie unglücklich sie ohne einander waren. Und weil ich die Möglichkeit hatte, ihnen beiden ein Zuhause zu geben.“
Er nickte.
Aber ich glaube, er verstand nicht ganz, was ich meinte.
Vielleicht hätte ich ihm erzählen müssen, wie es sich anfühlt, wenn man abends eine Wohnung aufschließt und niemand da ist.
Wie still ein Sonntag sein kann.
Wie lange sechs Jahre werden können, wenn man einen geliebten Menschen verloren hat.
Und wie viel sich verändert, wenn plötzlich zwei Hunde vor Freude mit dem Schwanz wedeln, nur weil man nach Hause kommt.
Ich hatte damals gedacht, ich würde Bella helfen.
Ein paar Wochen Pflege, ein bisschen Futter, ein paar Spaziergänge.
Mehr hatte ich nicht geplant.
Dann lernte ich Molly kennen.
Und verstand, dass die beiden einander brauchten.
Was ich nicht erwartet hatte, war, wie sehr ich selbst diese beiden Hunde brauchen würde.
Manchmal sitze ich abends im Sessel und schaue ihnen beim Schlafen zu.
Dann denke ich an meine Frau.
Sie hätte Bella und Molly geliebt.
Wahrscheinlich hätte sie sich über die Hundehaare beschwert und ihnen fünf Minuten später heimlich ein Leckerli gegeben.
Bei dem Gedanken muss ich immer lächeln.
Die Wohnung ist noch dieselbe.
Dieselben Möbel.
Dieselben Fenster.
Sogar die alte Uhr im Wohnzimmer tickt noch genauso wie früher.
Aber wenn ich heute die Tür öffne, ist niemand mehr allein.
Weder Bella.
Noch Molly.
Noch ich.
Und wenn mich jemand fragt, was für mich Familie bedeutet, denke ich nicht zuerst an Verwandtschaft oder an einen gemeinsamen Nachnamen.
Ich denke an zwei Labradorhündinnen, die nachts um halb drei endlich wieder nebeneinander einschlafen konnten.
Und an einen älteren Mann, der eigentlich nur einem einzigen Hund vorübergehend helfen wollte.
Manchmal braucht es gar keine großen Worte, um zu verstehen, was Zusammengehörigkeit bedeutet.
Man muss nur genau hinsehen.
So wie ich damals hätte hinsehen sollen, als Molly ihre Schnauze an Bellas Hals drückte und sie nicht gehen lassen wollte.
Heute weiß ich es besser.
Und deshalb werde ich diesen einen Moment nie vergessen.
Den Moment, in dem ich zwei Hunde sah, die endlich wieder zusammen waren.
Und zum ersten Mal seit langer Zeit das Gefühl hatte, selbst wieder nach Hause gefunden zu haben.






