Ich wollte nur zwei alte Katzen aus dem Tierheim retten, die niemand mehr haben wollte. Doch was sie in meinem einsamen Haus taten, brachte mich zum Weinen.
„Mama, wann hast du eigentlich das letzte Mal richtig gelacht?“
Diese Frage meiner Tochter traf mich härter, als ich zugeben wollte.
Ich saß am Küchentisch, hielt eine längst kalt gewordene Tasse Kaffee in den Händen und starrte auf den leeren Stuhl gegenüber.
Dort hatte mein Mann Günther immer gesessen.
Jeden Morgen. Über dreißig Jahre lang.
„Ach, Monika“, sagte meine Tochter leise am Telefon. „Du kannst doch nicht für immer so weitermachen.“
„Mir geht es gut“, antwortete ich.
Es war gelogen.
Und wir wussten es beide.
Mein Mann Günther war vor sieben Monaten gestorben. Er wurde 73 Jahre alt. Ich war damals 68, und obwohl ich wusste, dass irgendwann einer von uns zuerst gehen musste, hatte ich mir nie vorstellen können, wie sich dieses Danach tatsächlich anfühlen würde.
Wir hatten 36 Jahre miteinander verbracht.
36 Jahre voller kleiner Gewohnheiten, gelegentlicher Streitereien und ganz gewöhnlicher Tage, die mir heute kostbarer erscheinen als jeder besondere Anlass.
Günther war kein Mann großer Worte.
Er brachte mir keine teuren Geschenke. Er schrieb keine Liebesgedichte. Manchmal vergaß er sogar unseren Hochzeitstag.
Aber jeden Morgen stellte er mir eine Tasse Kaffee hin.
Immer mit einem kleinen Schuss Milch.
Und wenn ich abends auf dem Sofa saß, legte er seine Hand auf mein Knie. Einfach so. Ohne etwas zu sagen.
Ich hätte niemals gedacht, dass mir ausgerechnet diese Kleinigkeiten einmal so unerträglich fehlen würden.
Nach seinem Tod veränderte sich unser Reihenhaus am Rand von Hannover.
Dabei standen noch dieselben Möbel darin. Die Gardinen hingen wie immer. Im Flur tickte die alte Wanduhr, die Günther vor vielen Jahren repariert hatte.
Nur die Geräusche fehlten.
Sein Räuspern am Morgen.
Seine Schritte auf der Treppe.
Das leise Fluchen, wenn er seine Brille wieder einmal nicht finden konnte.
„Helga, hast du meine Brille gesehen?“
So hatte er fast jeden Tag gerufen.
Und fast jeden Tag hatte ich geantwortet: „Günther, sie liegt direkt vor deiner Nase!“
Manchmal lag sie tatsächlich dort.
Heute würde ich alles dafür geben, ihn noch ein einziges Mal nach dieser verdammten Brille suchen zu hören.
Stattdessen hörte ich nachts nur den Kühlschrank anspringen.
Manchmal das Knacken der Heizungsrohre.
Und manchmal meinen eigenen Atem.
Ich ließ den Fernseher laufen, selbst wenn ich gar nicht hinsah.
Hauptsache, irgendjemand sprach.
Nach der Beerdigung waren viele Menschen gekommen.
Die Nachbarin brachte Kartoffelsalat. Meine Schwester stellte einen großen Topf Suppe vor die Tür. Freunde schickten Karten und sagten, ich könne jederzeit anrufen.
Ich glaube, sie meinten das ehrlich.
Aber irgendwann musste das Leben für alle weitergehen.
Die Enkel hatten Schule. Meine Tochter arbeitete. Die Nachbarn hatten ihre eigenen Sorgen.
Und ich?
Ich blieb zurück.
Mit zwei Zahnbürsten im Badezimmer, von denen nur noch eine benutzt wurde.
Mit Günthers Jacke an der Garderobe.
Und mit einem Doppelbett, in dem plötzlich unendlich viel Platz war.
An manchen Tagen ging ich nur deshalb zum Briefkasten, damit ich wenigstens einmal die Haustür öffnen musste.
Meine Tochter Monika bemerkte, wie sehr ich mich zurückzog.
Sie rief jeden Abend an.
„Hast du heute etwas gegessen, Mama?“
„Natürlich.“
„Warst du draußen?“
„Ein bisschen.“
„Und hast du mit jemandem gesprochen?“
„Mit dir doch gerade.“
Dann schwieg sie meistens.
Eines Abends sagte sie schließlich: „Mama, ich habe Angst, dass du dich selbst verlierst.“
Ich wollte widersprechen.
Doch mir fiel nichts ein.
Drei Tage später stand Monika vor meiner Haustür.
„Zieh dir eine Jacke an. Wir fahren irgendwohin.“
„Wohin denn?“
„Ins Tierheim.“
Ich sah sie entgeistert an.
„Monika, ich bin fast siebzig. Ich schaffe es ja kaum, meine Blumen ordentlich zu gießen. Was soll ich mit einem Tier?“
„Du musst ja keines mitnehmen. Wir schauen einfach.“
Ich lehnte zweimal ab.
Beim dritten Mal gab ich nach.
Vielleicht, weil ich keine Lust mehr hatte, mit ihr zu diskutieren.
Vielleicht auch, weil ich es nicht mehr ertragen konnte, einen weiteren Nachmittag allein im Wohnzimmer zu verbringen.
Das Tierheim lag am Stadtrand, hinter einem kleinen Gewerbegebiet.
Vor dem Eingang standen mehrere Blumenkübel. Die Pflanzen darin hatten offensichtlich schon bessere Zeiten gesehen.
Drinnen roch es nach Reinigungsmittel, Katzenfutter und warmem Fell.
Aus einem anderen Gebäudeteil hörte man Hunde bellen.
Eine freundliche Mitarbeiterin namens Frau Krüger führte uns durch den Katzenbereich.
Überall saßen Tiere hinter Glasscheiben oder Gittern.
Eine junge schwarze Katze sprang sofort gegen die Scheibe, als sie uns sah.
Ein rot getigerter Kater versuchte, mit seiner Pfote nach Monikas Schal zu greifen.
„Der ist doch süß, Mama“, sagte meine Tochter.
Ich nickte.
Aber etwas hielt mich davon ab, näher heranzugehen.
Die jungen Katzen wirkten so lebendig. So voller Erwartungen.
Und ich fühlte mich selbst wie jemand, der längst vergessen hatte, worauf er sich noch freuen sollte.
Dann bemerkte ich ganz hinten im Raum einen Käfig.
Er stand unten in einer Ecke, ein wenig abseits von den anderen.
Darin lagen zwei graue Tigerkater.
Eng aneinandergekuschelt.
So eng, dass ich zunächst dachte, dort liege nur ein einziges Tier.
Der eine hatte einen weißen Fleck unter dem Kinn.
Der andere besaß ein leicht trübes linkes Auge und ein eingerissenes Ohr.
Ihre Gesichter wirkten müde.
Nicht krank.
Einfach alt und erschöpft.
„Wer sind denn die beiden?“, fragte ich.
Frau Krüger kam zu mir.
„Das sind Fritz und Otto. Zwei Brüder. Beide neun Jahre alt.“
„Neun?“
„Ja. Für viele Interessenten leider schon zu alt.“
Ich ging in die Hocke.
Der Kater mit dem weißen Kinn hob langsam seinen Kopf.
Er sah mich an.
Nicht neugierig wie die jungen Katzen.
Eher vorsichtig.
Als hätte er schon oft erlebt, dass jemand vor seinem Käfig stehen blieb und anschließend doch weiterging.
„Wie lange sind sie schon hier?“
Frau Krüger zögerte.
„Fast fünf Monate.“
„So lange?“
Sie nickte.
„Die beiden gehörten einem älteren Herrn. Er lebte allein, bis er schwer krank wurde. Er musste dauerhaft in ein Pflegeheim ziehen. Seine Familie konnte die Katzen nicht übernehmen.“
Ich blickte wieder in den Käfig.
Der Kater mit dem beschädigten Ohr hatte seinen Kopf unter die Vorderpfote seines Bruders geschoben.
„Und warum nimmt sie niemand?“
Frau Krüger seufzte.
„Viele möchten lieber junge Katzen. Manche interessieren sich für einen der beiden, aber nicht für beide zusammen.“
Sie zeigte auf die kleine Karte am Käfig.
Darauf stand in großen Buchstaben:
NUR GEMEINSAM ZU VERMITTELN.
„Die beiden sind seit ihrer Geburt zusammen“, erklärte sie. „Sie schlafen nebeneinander, fressen gemeinsam und suchen sofort nacheinander, wenn einer zur Untersuchung herausgenommen wird.“
Ich schluckte.
„Was passiert denn, wenn man sie trennt?“
„Das möchten wir vermeiden. Sie hängen sehr aneinander.“
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