Ich wollte zwei alte Katzen retten, die niemand mehr wollte, doch am Ende retteten sie mich

In diesem Moment hob Fritz, der Kater mit dem weißen Kinn, eine Pfote und legte sie auf Ottos Rücken.

Ganz vorsichtig.

Dann begann er, seinem Bruder über den Kopf zu lecken.

Einmal.

Zweimal.

Langsam und geduldig.

Otto schloss die Augen und drückte sich noch enger an ihn.

Und plötzlich stand ich nicht mehr im Tierheim.

Ich war wieder im Krankenhaus.

In Günthers letztem Zimmer.

Ich sah seine dünne Hand auf der weißen Bettdecke.

Ich erinnerte mich daran, wie er meine Finger gesucht hatte, obwohl er kaum noch Kraft besaß.

Er konnte damals nicht mehr viel sprechen.

Aber kurz bevor er die Augen schloss, hatte er meine Hand gedrückt.

Und geflüstert: „Du kommst doch zurecht, Helga.“

Ich hatte genickt.

Natürlich hatte ich genickt.

Was hätte ich sonst sagen sollen?

Dabei hatte ich schreckliche Angst gehabt.

Und diese Angst war geblieben.

Sieben Monate lang.

„Mama?“

Monikas Stimme holte mich zurück.

Ich bemerkte, dass mir Tränen über die Wangen liefen.

Frau Krüger sah betreten zur Seite.

Ich wischte mir mit dem Ärmel über das Gesicht.

Dann stellte ich eine Frage, für die ich mich noch heute schäme.

„Und wenn jemand nur einen von beiden haben möchte?“

Frau Krüger blickte mich ernst an.

„Wir versuchen wirklich alles, damit sie zusammenbleiben.“

In diesem Augenblick begann Fritz wieder, seinen Bruder zu putzen.

Otto bewegte sich kaum.

Er ließ es einfach geschehen.

Mit diesem stillen Vertrauen, das nur jemand haben kann, der sein ganzes Leben an der Seite eines anderen verbracht hat.

Ich konnte nicht mehr aufhören zu weinen.

Vielleicht, weil ich begriff, dass die beiden etwas besaßen, das mir genommen worden war.

Vielleicht, weil sie trotz allem noch zusammen waren.

Oder weil ich plötzlich verstand, wie grausam es sein musste, nach einem ganzen gemeinsamen Leben auch noch den letzten vertrauten Gefährten zu verlieren.

Ich richtete mich mühsam auf.

„Frau Krüger?“

„Ja?“

„Welche Unterlagen brauche ich?“

Monika sah mich überrascht an.

„Mama, meinst du das ernst?“

Ich nickte.

„Ich nehme sie.“

„Beide?“

Ich sah meine Tochter an.

„Monika, ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn einem der Mensch genommen wird, mit dem man sein Leben geteilt hat.“

Meine Stimme zitterte.

„Ich werde diesen beiden nicht dasselbe antun.“

Frau Krüger lächelte zum ersten Mal richtig.

Sie holte die Papiere.

Während wir alles besprachen, blieb ich neben dem Käfig sitzen.

Fritz beobachtete mich.

Otto hatte den Kopf inzwischen auf die Pfoten gelegt.

Ich streckte vorsichtig einen Finger durch das Gitter.

Fritz schnupperte daran.

Dann berührte er meine Fingerspitze mit seiner Nase.

Es war nur eine winzige Berührung.

Trotzdem fühlte sie sich an wie der erste freundliche Gruß, den mein Herz seit Monaten wirklich erreicht hatte.

Eine knappe Stunde später trugen wir zwei Transportboxen zum Auto.

Monika befestigte sie sorgfältig auf dem Rücksitz.

Während der Fahrt hörte ich gelegentlich ein leises Miauen.

Dann raschelte eine Decke.

Einmal antwortete ein Kater dem anderen mit einem kurzen, tiefen Laut.

Ich musste lächeln.

Zum ersten Mal seit langer Zeit fuhr ich nach Hause, ohne Angst davor zu haben, die Haustür aufzuschließen.

Als wir ankamen, stellte ich die Transportboxen im Wohnzimmer ab.

Wir öffneten die Türen.

Zunächst geschah gar nichts.

Dann schob Fritz seinen Kopf heraus.

Er schnupperte.

Sah nach links.

Sah nach rechts.

Und machte einen vorsichtigen Schritt auf den Teppich.

Otto folgte ihm dicht auf den Fersen.

Die beiden bewegten sich langsam durch das Wohnzimmer.

Sie untersuchten die Tischbeine, die Fußleisten und den alten Teppich vor dem Sofa.

Fritz ging voraus.

Otto blieb immer in seiner Nähe.

Plötzlich blieb Otto vor Günthers Fernsehsessel stehen.

Es war ein brauner Sessel aus Stoff, dessen Armlehnen schon ziemlich abgenutzt waren.

Ich hatte ihn nach Günthers Tod nicht weggeräumt.

Ich hatte nicht einmal das kleine Kissen verändert, das immer an seiner rechten Seite lag.

Otto schnupperte an der Sesselkante.

Dann kroch er darunter.

Fritz folgte ihm.

Und dort blieben sie.

Ich setzte mich auf das Sofa und starrte auf die beiden grauen Schwänze, die unter dem Sessel hervorschauten.

„Na, Günther“, flüsterte ich. „Jetzt hast du Gesellschaft.“

Dann fing ich wieder an zu weinen.

Monika setzte sich neben mich.

Sie legte einen Arm um meine Schultern.

„Papa hätte die beiden bestimmt gemocht.“

Ich nickte.

„Er hätte behauptet, dass er keine Katzen mag.“

Monika musste lachen.

„Und nach drei Tagen hätte er heimlich Leckerlis gekauft.“

„Nach zwei“, antwortete ich.

Wir lachten beide.

Und diesmal fühlte sich das Lachen nicht falsch an.

In der ersten Nacht ließ ich die Schlafzimmertür geschlossen.

Die Katzen hatten im Wohnzimmer zwei weiche Körbchen bekommen.

Ich hatte frisches Wasser bereitgestellt, Futter hingestellt und sogar eine alte Wolldecke aus dem Schrank geholt.

Gegen halb drei wurde ich wach.

Ein leises Kratzen kam von der Tür.

Dann ein kurzes Miauen.

Ich setzte mich im Bett auf.

Wieder kratzte etwas.

„Ja, was ist denn los?“, murmelte ich.

Als ich die Tür öffnete, saßen beide Kater davor.

Nebeneinander.

Fritz mit seinem weißen Kinn.

Otto mit seinem schiefen Ohr.

Sie sahen mich an, als hätten sie eine wichtige Frage.

„Na, ihr zwei? Habt ihr euch verlaufen?“

Fritz miaute.

Otto blinzelte.

Ich musste lachen.

Und dann geschah etwas Merkwürdiges.

Mitten im Lachen kamen mir plötzlich Tränen.

Ich stand im Nachthemd auf dem Flur, vor mir zwei alte Katzen, und lachte und weinte gleichzeitig.

Es war mir vollkommen egal, wie albern ich dabei aussah.

„Na gut“, sagte ich schließlich. „Dann kommt eben mit.“

Fritz lief sofort ins Schlafzimmer.

Otto folgte.

Sie sprangen nicht aufs Bett.

Stattdessen legten sie sich auf den kleinen Teppich neben meiner Bettseite.

Dicht aneinander.

Ich knipste das Licht aus.

Zum ersten Mal seit Günthers Tod war das Schlafzimmer nicht mehr vollkommen still.

Ich hörte ein leises Schnurren.

Dann ein zweites.

Irgendwann schlief ich ein.

Und ich schlief tatsächlich bis zum Morgen durch.

Die folgenden Wochen waren nicht plötzlich leicht.

Es gab weiterhin Tage, an denen ich beim Anblick von Günthers Jacke zusammenbrach.

Es gab Abende, an denen ich seine Stimme so sehr vermisste, dass ich kaum Luft bekam.

Aber etwas hatte sich verändert.

Morgens warteten zwei hungrige Kater vor der Küchentür.

Fritz miaute so laut, dass ich manchmal schimpfte.

„Du bekommst ja gleich etwas, alter Schreihals!“

Otto saß währenddessen geduldig daneben und sah mich mit seinem trüben Auge an.

Wenn ich den Futternapf hinstellte, wartete Fritz oft, bis sein Bruder neben ihm stand.

Erst dann begannen beide zu fressen.

Jeden Vormittag machten sie ihren Rundgang durchs Haus.

Fritz kontrollierte die Fensterbank.

Otto untersuchte den Flur.

Danach trafen sie sich meistens wieder vor Günthers Sessel.

Dort schliefen sie.

Manchmal oben.

Manchmal darunter.

Immer zusammen.

Und ganz langsam begann ich wieder, Dinge zu tun, die ich monatelang vernachlässigt hatte.

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