Ich öffnete morgens die Vorhänge.
Ich kochte mir etwas Richtiges zum Mittagessen.
Ich ging regelmäßig einkaufen, weil die beiden schließlich Futter brauchten.
Manchmal sprach ich dabei mit der Verkäuferin ein paar Worte.
Einmal blieb ich sogar auf einen Kaffee bei meiner Nachbarin.
Früher hätte ich das alles für selbstverständlich gehalten.
Jetzt waren es kleine Siege.
Eines Tages kam Monika zu Besuch.
Sie blieb mitten im Wohnzimmer stehen.
„Mama, du hast die Blumen umgetopft!“
Ich zuckte mit den Schultern.
„Die sahen schon furchtbar aus.“
Dann bemerkte sie den frisch gebackenen Apfelkuchen auf dem Tisch.
„Und du hast gebacken?“
„Fritz hat mich heute Morgen um sechs geweckt. Da konnte ich genauso gut etwas Sinnvolles machen.“
Monika lachte.
Doch plötzlich wurde sie still.
Sie sah mich eine Weile an.
„Mama?“
„Was denn?“
„Du klingst wieder wie früher.“
Ich wusste nicht, was ich antworten sollte.
Später saßen wir zusammen im Wohnzimmer.
Fritz hatte es sich auf meinem Schoß bequem gemacht.
Otto lag dicht neben mir auf dem Sofa.
Meine Tochter betrachtete uns lange.
Dann sagte sie leise: „Ich glaube, die beiden waren genau das Richtige für dich.“
Ich streichelte Fritz über den Rücken.
Sein Fell war nicht besonders weich.
An manchen Stellen war es etwas struppig.
Und er schnarchte beim Schlafen manchmal wie ein alter Mann.
Aber als ich meine Hand kurz anhielt, stupste er sie mit seiner Nase an.
Als wollte er sagen: Mach weiter.
Da musste ich lächeln.
„Weißt du, Monika“, sagte ich, „ich bin damals eigentlich nur mitgefahren, damit du endlich aufhörst, dir Sorgen zu machen.“
Sie nickte.
„Ich weiß.“
„Und als ich die beiden gesehen habe, dachte ich, dass sie bestimmt niemand mehr haben will.“
Ich blickte zu Otto hinüber.
Er hatte sich zusammengerollt und seine Pfote über Fritz‘ Hinterbein gelegt.
„Ich wollte ihnen einfach noch ein schönes Zuhause geben.“
Monika sah mich an.
„Das hast du doch.“
Ich schüttelte langsam den Kopf.
„Nein, mein Kind. So einfach ist das nicht.“
Denn in diesem Moment verstand ich etwas, das ich vorher nicht hatte sehen können.
Ich hatte geglaubt, ich würde zwei alten Katzen helfen, deren Leben aus den Fugen geraten war.
Zwei Tiere, die ihr Zuhause verloren hatten und von anderen übersehen wurden, weil sie nicht mehr jung und niedlich genug waren.
Aber sie waren in ein Haus gekommen, in dem schon lange niemand mehr auf jemanden wartete.
In dem die Stille schwerer geworden war als jedes Möbelstück.
In dem eine Frau lebte, die morgens manchmal keinen Grund mehr sah, überhaupt aufzustehen.
Und ohne etwas Besonderes zu tun, hatten Fritz und Otto das verändert.
Sie brauchten mich.
Nicht wegen meines Alters.
Nicht, weil ich stark oder besonders tapfer war.
Sondern einfach, weil ich ihre Helga war.
Die Frau, die morgens ihre Näpfe füllte.
Die abends das Sofa mit ihnen teilte.
Die ihnen die Tür öffnete, wenn sie nachts davor saßen.
Und die jeden Tag ein kleines bisschen mehr ins Leben zurückfand.
Heute stehen noch immer drei Dinge an ihrem alten Platz.
Günthers Sessel.
Seine Brille in der Schublade.
Und unser Hochzeitsfoto auf dem Wohnzimmerschrank.
Ich habe nichts davon weggeräumt.
Denn ich muss Günther nicht vergessen, um wieder glücklich sein zu dürfen.
Das habe ich durch zwei alte Kater gelernt.
Manchmal sitze ich abends in seinem Sessel.
Fritz liegt dann auf meinem Schoß.
Otto rollt sich auf der Fußstütze zusammen.
Der Fernseher ist ausgeschaltet.
Ich brauche ihn nicht mehr, um die Stille zu ertragen.
Denn die Stille ist nicht mehr leer.
Manchmal hört man Fritz schnarchen.
Manchmal stupst Otto meine Hand an.
Und manchmal erzähle ich den beiden von Günther.
Von seinen schlechten Witzen.
Von seiner ewigen Suche nach der Brille.
Und davon, dass er bestimmt so getan hätte, als würden ihn die beiden überhaupt nicht interessieren.
Obwohl er ihnen heimlich die besten Stückchen vom Abendessen gegeben hätte.
Vor ein paar Tagen fand ich Fritz und Otto wieder zusammen in Günthers Sessel.
Fritz hatte seinen Kopf auf Ottos Rücken gelegt.
Otto schlief tief und fest.
Die beiden sahen genauso aus wie damals im Tierheim.
Nur eines war anders.
Sie wirkten nicht mehr, als würden sie sich aus Angst aneinanderklammern.
Sie sahen aus, als wären sie endlich angekommen.
Ich setzte mich daneben und flüsterte: „Na, ihr zwei alten Herren. Schön, dass ihr da seid.“
Fritz öffnete ein Auge.
Otto schnurrte im Schlaf.
Und ich musste wieder weinen.
Aber diesmal nicht, weil ich mich allein fühlte.
Sondern weil ich begriffen hatte, wie viel Liebe noch in einem Leben Platz finden kann, selbst wenn man glaubt, dass das Schönste längst vorbei ist.
Wenn mich heute jemand fragt, warum ich ausgerechnet zwei alte Katzen genommen habe, obwohl so viele junge Tiere im Tierheim saßen, dann erzähle ich meistens nur, dass sie zusammenbleiben sollten.
Das stimmt natürlich.
Aber es ist nicht die ganze Wahrheit.
Ich wollte zwei alte Katzen retten, die niemand mehr haben wollte.
Dabei war ich selbst diejenige, die dringend jemanden brauchte.
Die beiden haben Günther nicht ersetzt.
Das könnten sie niemals.
Sie haben auch meine Trauer nicht verschwinden lassen.
Aber sie haben mir etwas zurückgegeben, das ich mit Günther verloren zu haben glaubte.
Das Gefühl, dass mein Leben noch gebraucht wird.
Dass jemand auf mich wartet.
Dass es sich lohnt, morgens aufzustehen.
Und dass ein Zuhause nicht deshalb lebendig ist, weil viele Menschen darin wohnen.
Sondern weil darin jemand liebt und geliebt wird.
Manchmal sagt Monika lächelnd: „Mama, du hast diesen beiden Katzen das Leben gerettet.“
Dann schaue ich zu Fritz und Otto, die wieder einmal eng aneinandergekuschelt auf dem alten Sessel schlafen.
Und ich denke an die einsamen Monate zurück, in denen ich kaum noch gelacht habe.
An die kalten Tassen Kaffee.
An die Nächte, in denen ich nur darauf wartete, dass es endlich Morgen wurde.
An all die Male, in denen ich „Mir geht es gut“ gesagt habe, obwohl ich innerlich Stück für Stück zerbrochen bin.
Dann streiche ich meinen beiden alten Katern über das Fell.
Und antworte ganz leise:
„Nein, Monika. Ich glaube, wir haben uns gegenseitig gerettet.“
Denn manchmal kommen die größten Wunder nicht laut und aufregend in unser Leben.
Manchmal haben sie graues Fell, ein eingerissenes Ohr und ein trübes Auge.
Manchmal sind sie neun Jahre alt und niemand möchte sie mehr haben.
Und manchmal braucht es nur zwei kleine Herzen, die weiterschlagen, um einem großen, leeren Haus seinen Herzschlag zurückzugeben.






