„Ja“, sagte ich. „Und das tut mir leid.“
Sie stand am Fenster und drückte die Finger gegen ihre Stirn.
„Er hat mir auch erzählt, was du ihn gefragt hast.“
Nun wäre ich lieber über seine Krankheit ausgefragt worden als über meine Dummheit.
„Ich wollte, dass du glücklich bist.“
„Dann frag mich doch, was mich glücklich macht.“
Ihre Stimme war leise. Gerade deshalb traf mich der Satz.
„Ich bin sechsundvierzig, Papa. Ihr könnt beide Angst um mich haben. Aber ihr könnt mein Leben nicht unter euch aushandeln.“
Ich sagte, dass sie recht habe. Diesmal ohne ein Aber.
Dann setzte sie sich endlich. Ich machte Tee, obwohl keiner von uns welchen wollte.
„Was hast du ihm gesagt?“, fragte ich.
„Dass ich Zeit brauche.“
Das hatte ich nicht erwartet.
Sie bemerkte es.
„Ich arbeite mit kranken Menschen. Deshalb weiß ich doch, dass ein großer Satz nicht alles löst.“
Sie hatte Karsten gesagt, dass sie ihn liebte. Sie hatte ihm auch gesagt, dass seine Krankheit nicht das Einzige sei, was zwischen ihnen geklärt werden müsse.
„Er darf mich nicht erst wegstoßen und dann erwarten, dass ich auf Knopfdruck nur noch verständnisvoll bin.“
Wir saßen lange zusammen. Als sie ging, umarmte sie mich, aber kürzer als sonst. Ich ließ sie los, ohne nach mehr zu verlangen.
Am folgenden Abend fuhr sie zu Karsten. Davon erfuhr ich erst später.
Er öffnete sofort. Neben der Tür stand eine Tasche, die er schon für ein paar Tage bei seiner Schwester gepackt hatte.
„Willst du wieder verschwinden?“, fragte Maren.
„Ich wusste nicht, ob du mich noch sehen möchtest.“
„Dann frag mich.“
Sie erzählte mir, wie sie beide zunächst in seiner Küche gestanden hatten. Karsten hatte sich an einer Tasse festgehalten, bis sie ihm beinahe aus der linken Hand rutschte.
Maren fing sie nicht sofort auf. Sie wartete, bis er sie auf dem Tisch abgestellt hatte.
„Ich will dich nicht zu meiner Pflegerin machen“, sagte er.
„Das will ich auch nicht.“
Er sah sie offenbar völlig verständnislos an.
„Ich möchte mit dir zusammen sein“, sagte sie. „Und ich möchte, dass wir Hilfe holen, wenn wir Hilfe brauchen. Das sind zwei verschiedene Dinge.“
Sie versprach ihm nicht, niemals müde zu werden. Sie versprach nicht, jeden schweren Tag gut auszuhalten.
Sie sagte: „Ich kann dir nicht heute jede Antwort geben. Aber ich möchte bei den Fragen dabei sein.“
Daraufhin weinte er.
Nicht schön und still, wie Menschen manchmal in Filmen weinen. Er hielt sich beide Hände vors Gesicht und bekam kaum Luft zwischen den Sätzen.
„Ich habe solche Angst“, brachte er schließlich heraus.
Maren setzte sich neben ihn.
„Das habe ich doch längst gemerkt.“
Sie blieb in dieser Nacht. Am Morgen fuhr sie nach Hause, weckte Nils und sprach mit ihm.
Auch mein Enkel bekam Zeit für seine Fragen. Manche waren unbeholfen, andere so direkt, dass wir Erwachsenen zusammenzuckten.
„Kannst du dann irgendwann gar nicht mehr schrauben?“, fragte er Karsten am Wochenende.
„Das kann passieren.“
Nils betrachtete seine Hände.
„Dann musst du mir vorher noch ziemlich viel erklären.“
Karsten nickte. Danach gingen sie gemeinsam in den Keller, weil Nils wissen wollte, wie man die Bremse an seinem Fahrrad richtig einstellte.
In den folgenden Wochen wurde nichts einfach. Es wurde nur ehrlicher.
Maren begleitete Karsten zu einem Termin, weil er sie darum bat. Sie schrieben Fragen auf, vergaßen trotzdem welche und saßen anschließend lange im geparkten Auto.
Seine Schwester kam dazu. Bernd übernahm mehr in der Werkstatt. Gemeinsam ließen sie sich beraten, welche Unterstützung möglich war und was für Karsten zu Hause sinnvoll werden könnte.
Maren behielt ihre Arbeit. Karsten behielt zunächst seine Wohnung. Sie sahen sich oft, aber keiner tat so, als müsse nun jeder freie Augenblick bedeutungsvoll werden.
Einmal stritten sie über eine kaputte Küchenlampe.
Karsten wollte sie unbedingt selbst reparieren. Maren war müde und wollte einfach Licht.
„Du musst mir nicht jede Schraube beweisen“, sagte sie.
„Und du musst mich nicht bei jeder Schraube beobachten.“
Später entschuldigten sie sich beide. Dann riefen sie Bernd an.
Auch seine Tante meldete sich. Karstens Schwester hatte ihr erzählt, wie sehr ihn die Erinnerung an jene Nacht verfolgte.
Sie kam an einem Samstagnachmittag zu ihm und blieb mehrere Stunden. Als Karsten mir danach davon berichtete, wirkte er erschöpft.
„Sie wusste noch, dass ich damals in der Küche war.“
„Und?“
„Sie sagte, sie hätte jemanden gebraucht, der das Butterbrot schmiert und zwei Stunden bei ihm bleibt.“
Er schwieg eine Weile.
„Ich habe mir all die Jahre nur gemerkt, dass sie nicht mehr konnte.“
Die beiden wollten nun öfter telefonieren.
Über das Heiraten sprach ich nicht mehr. Als Karsten einmal von selbst damit anfing, hob ich die Hände.
„Das besprichst du bitte mit Maren.“
Er lächelte.
„Du lernst doch noch dazu.“
„Langsam. Aber immerhin.“
Ein halbes Jahr ist seit dem Abend an meinem Küchentisch vergangen. Karstens linke Hand ist schwächer geworden. Manche Wege strengen ihn mehr an, und es gibt Tage, an denen er Verabredungen absagen muss.
Niemand von uns weiß genau, wie viel gemeinsame Zeit vor uns liegt.
Maren hat deshalb nicht aufgehört, mit ihm zu streiten, zu lachen oder gewöhnliche Pläne zu machen. Sie wollen im nächsten Monat ein paar Tage an die Küste, wenn es ihm gut genug geht. Eine Unterkunft haben sie gefunden, die sich kurzfristig absagen lässt.
Nils hat inzwischen seinen ersten kleinen Ferienjob in der Werkstatt gemacht. Er kam mit schmutziger Hose nach Hause und behauptete, er sei nicht müde.
Karsten behauptete dasselbe.
Vor zwei Wochen bat ich Maren, ein Foto von uns zu machen. Wir standen vor meinem Gartentor, das immer noch tadellos schließt.
Karsten legte den rechten Arm um meine Schulter.
„Fürs Familienalbum?“, fragte er.
„Wofür denn sonst?“
Auf dem Bild halte ich die Augen halb geschlossen. Karsten schaut an der Kamera vorbei, weil Nils hinter seiner Mutter irgendeinen Unsinn machte.
Es ist kein besonders gutes Foto. Ich habe es trotzdem eingerahmt.
Gestern kamen sie zum Abendessen. Maren stellte eine Auflaufform auf den Tisch, Nils suchte nach einer Steckdose für sein Handy, und Karsten versuchte, seine Jacke auszuziehen.
Der linke Ärmel wollte nicht über die Hand.
Früher hätte er sich weggedreht. Ich hätte so getan, als sähe ich nichts.
Diesmal sah er mich an.
„Ernst, hilfst du mir kurz?“
Ich hielt den Ärmel, und er zog den Arm heraus. Dann hängte ich seine Jacke neben meine an den Haken.
Am Tisch schob Nils ihm den Brotkorb hinüber.
„Karsten, du sitzt wieder auf meinem Platz.“
„Seit wann ist das deiner?“
„Seit immer.“
Karsten zog den Stuhl daneben zurück und setzte sich. Maren legte ihm im Vorbeigehen kurz die Hand auf die Schulter.
Ich schnitt das Brot und gab ihm die erste Scheibe.






