Die Mitarbeiterin sah ihn überrascht an.
„Sind Sie sicher?“
Tobias nickte.
„Ich habe mit meinem Vermieter gesprochen. Die Haltung ist erlaubt. Und ich habe mir die Kosten genau angesehen.“
Sie erklärte ihm, wie viel Arbeit vier Hunde bedeuten würden. Wie wichtig Erziehung, Beschäftigung und eine gute Versorgung seien.
Tobias hörte aufmerksam zu.
„Ich weiß, dass es nicht einfach wird“, sagte er. „Aber ich möchte es versuchen.“
Die Eingewöhnung war tatsächlich nicht leicht.
Balu knabberte an einem Stuhlbein. Sammy bellte, wenn jemand im Treppenhaus vorbeiging. Lilly versteckte ihre Spielsachen unter Tobias‘ Bett.
Luna dagegen beobachtete alles mit der Ruhe einer alten Dame.
Wenn die Welpen zu wild wurden, stellte sie sich einfach zwischen sie.
Und wenn Tobias abends erschöpft auf dem Sofa saß, legte sie ihren Kopf auf seine Knie.
So wie damals im Schacht.
Mit der Zeit entstand ein fester Alltag.
Tobias stand früher auf, ging mit den Hunden spazieren und arbeitete anschließend auf dem Hof.
Nach Feierabend gehörte seine Zeit ihnen.
Er trainierte mit ihnen, fuhr mit ihnen auf abgelegene Wiesen und brachte ihnen bei, ruhig zu bleiben, wenn fremde Menschen oder Tiere vorbeikamen.
Die vier wurden kräftige, gesunde Hunde.
Manche Menschen wechselten trotzdem die Straßenseite, wenn sie Tobias mit ihnen sahen.
Luna und ihre Jungen waren kräftige Mischlinge mit deutlich erkennbaren Merkmalen von Pitbull-Terriern.
Einmal fragte ihn ein älterer Mann vor einer Bäckerei: „Müssen es denn gleich vier von diesen Hunden sein?“
Tobias lächelte nur.
„Die gehören zu meiner Familie.“
Der Mann schüttelte den Kopf.
Tobias diskutierte nicht.
Er wusste, dass seine Hunde Verantwortung, Geduld und klare Regeln brauchten.
Aber er wusste auch, wie sanft Luna sein konnte, wenn Lilly sich erschreckte. Wie vorsichtig Balu seine Nase gegen Tobias‘ Hand drückte, wenn dieser traurig war.
Und wie alle vier jeden Abend vor seiner Schlafzimmertür warteten.
2021 fand Tobias schließlich eine feste Anstellung auf einem kleineren Bauernhof außerhalb von Göttingen.
Sein Arbeitgeber, ein ruhiger Mann namens Dieter, hatte selbst jahrelang Hunde gehalten.
Nach einer Eingewöhnungszeit durfte Tobias seine vier Begleiter mitbringen.
Während Tobias arbeitete, blieben die Hunde in einem abgesicherten Bereich des Hofes. In den Pausen ging er mit ihnen über die angrenzenden Wege.
Zum ersten Mal seit vielen Jahren hatte Tobias das Gefühl, angekommen zu sein.
Er verdiente regelmäßig Geld.
Er hatte Menschen um sich, die ihn schätzten.
Und wenn er abends seine Haustür aufschloss, warteten vier wedelnde Schwänze auf ihn.
Im Oktober 2021 änderte sich alles.
An einem Freitag musste Tobias länger arbeiten. Eine Maschine war ausgefallen, und er hatte Dieter geholfen, die letzten Arbeiten zu erledigen.
Als er den Hof verließ, war es fast elf Uhr abends.
Luna, Balu, Sammy und Lilly saßen auf ihren gewohnten Plätzen im gesicherten Innenraum seines Wagens.
Tobias überprüfte noch einmal, ob alle richtig angeschnallt waren.
„Na, ihr vier?“, sagte er. „Jetzt geht’s nach Hause.“
Luna hob kurz den Kopf.
Balu gähnte.
Die anderen beiden schliefen bereits.
Die Landstraße war um diese Uhrzeit kaum befahren.
Tobias kannte die Strecke gut.
Er war sie schon unzählige Male gefahren.
Doch an einer schlecht einsehbaren Kreuzung stand plötzlich ein anderes Auto.
Tobias erkannte die Situation zu spät.
Er trat auf die Bremse.
Ein lauter Schlag.
Glas splitterte.
Metall wurde zusammengedrückt.
Dann war alles still.
Als Tobias wieder zu sich kam, lag er auf der Straße.
Er wusste nicht, wie er aus dem Wagen gekommen war.
Seine Jacke war aufgerissen. Sein rechter Arm lag in einer unnatürlichen Haltung neben ihm.
Als er versuchte, sich aufzurichten, schoss ein heftiger Schmerz durch seinen Körper.
„Hilfe!“, rief er.
Seine Stimme klang erschreckend schwach.
Er blickte zum anderen Wagen.
Am Steuer saß eine Frau. Ihr Kopf war nach vorn gesunken. Sie bewegte sich nicht.
Tobias wollte zu ihr.
Doch sein Bein versagte.
Er sank zurück auf den Asphalt.
Panik stieg in ihm auf.
Er lag mitten auf der Fahrbahn, direkt hinter einer Kurve.
Ein herannahender Autofahrer würde ihn möglicherweise erst im letzten Augenblick erkennen.
„Hilfe!“, versuchte er erneut zu rufen.
Dann hörte er Pfoten.
Ein vertrautes Schnaufen.
Luna stand neben ihm.
Ihre Leine schleifte hinter ihr her. Offenbar hatte sich ihre Sicherung beim Unfall gelöst, und sie war durch die beschädigte Tür ins Freie gelangt.
Tobias streckte die Hand nach ihr aus.
„Luna …“
Sie leckte seine Finger.
Dann schnupperte sie an seiner Jacke.
„Geh weg“, flüsterte er. „Bitte, Mädchen.“
Luna sah kurz zur Böschung.
Dann packte sie den Kragen seiner Jacke.
Und zog.
Tobias schrie vor Schmerzen auf.
Sofort hielt sie inne.
Sie ließ den Stoff los und betrachtete ihn.
Für einen Moment dachte Tobias, sie würde aufgeben.
Doch sie fasste die Jacke erneut, diesmal weiter oben an der Schulter.
Sie begann, rückwärtszugehen.
Zentimeter um Zentimeter bewegte sich Tobias über die Straße.
„Luna, hör auf“, stöhnte er.
Doch die Hündin blieb bei ihm.
Dann hörte Tobias ein zweites Paar Pfoten.
Balu.
Er stellte sich neben Luna, schnupperte an Tobias und griff nach einem losen Stück der dicken Jacke.
Kurz darauf kamen Sammy und Lilly hinzu.
Wie genau es die vier Hunde schafften, sich gegenseitig zu unterstützen, konnte Tobias später nicht mehr erklären.
Er erinnerte sich nur an das Scharren ihrer Pfoten.
An das angestrengte Atmen.
An Lunas entschlossenen Blick.
Und daran, dass sich sein Körper langsam dem Straßenrand näherte.
Immer wieder verloren die Hunde den Halt.
Immer wieder setzten sie neu an.
Schließlich erreichten sie den schmalen Grünstreifen neben der Fahrbahn.
Dort stand eine große Eiche.
Luna ließ Tobias‘ Jacke los.
Balu blieb dicht an seiner Seite.
Sammy schnupperte an seinem Gesicht, während Lilly sich neben seinem unverletzten Arm niederließ.
Tobias lag jetzt abseits der Fahrspur.
Er konnte kaum glauben, dass die Hunde ihn so weit bewegt hatten.
„Ihr verrückten Kerle“, flüsterte er. „Was habt ihr nur gemacht?“
Luna stupste ihn mit der Nase an.
Dann drehte sie sich zur Straße.
Sie begann zu bellen.
Laut.
Dringlich.
Ganz anders als sonst.
Balu hob den Kopf.
Wenige Sekunden später bellten alle vier Hunde.
Ihre Stimmen hallten über die Felder.
Tobias schloss die Augen.
Er war so müde.
Er wollte einfach nur schlafen.
Doch jedes Mal, wenn seine Gedanken wegdrifteten, hörte er wieder Luna.
Ihr Bellen.
Das Scharren ihrer Pfoten.
Ihr leises Winseln, wenn sie zu ihm zurückkam.
„Ich bin noch da“, murmelte er.
Luna legte ihre Nase kurz an seine Wange.
Dann bellte sie weiter.
Etwa zweihundert Meter entfernt saß der 63-jährige Klaus Berger noch in seiner Küche.
Er hatte die ersten Geräusche zunächst für gewöhnliches Hundegebell gehalten.
Doch es hörte nicht auf.
„Das klingt nicht normal“, sagte er zu seiner Frau.
Er ging ans Fenster.
Die Hunde bellten immer wieder in derselben Richtung.
Klaus griff zum Telefon.
„Ich glaube, da ist draußen etwas passiert“, sagte er, als die örtliche Leitstelle sich meldete.
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