Nach dem Tod meiner Nachbarin wartete ihr Kater verzweifelt an der Tür bis ich ihren letzten Brief fand

Zwei Tage nach dem Tod meiner Nachbarin saß ihr Kater vor meiner Wohnungstür, doch erst ein versteckter Brief erklärte mir, worauf er wartete.

„Wir wissen wirklich nicht mehr, wohin mit ihm. Du hast doch schon Katzen. Könntest du ihn wenigstens für ein paar Tage nehmen?“

Die Frau aus dem zweiten Stock drückte mir eine Transportbox entgegen. Neben ihr stand ein älterer Nachbar mit einer verblichenen Blumendecke unter dem Arm und einer Einkaufstüte voller Katzensachen.

In der Box saß ein kleiner braun getigerter Kater. Er bewegte sich nicht. Nur seine Augen wanderten von einem Gesicht zum anderen.

„Frau Bergmann ist vorgestern gestorben“, sagte die Nachbarin leise. „Und niemand kann sich um ihren Kater kümmern.“

Ich wusste bereits, dass Frau Bergmann tot war.

Sie hatte direkt gegenüber von mir gewohnt, in einem alten Mehrfamilienhaus in Kassel. 83 Jahre war sie geworden. Eine zierliche Frau mit silbergrauen Haaren, die meistens eine Strickjacke trug und immer ein wenig nach Kernseife roch.

Wir kannten uns nicht besonders gut.

Manchmal begegneten wir uns im Treppenhaus. Ich nahm ihre Pakete an, wenn sie nicht zu Hause war. Sie stellte gelegentlich meinen vergessenen Müllbeutel vor meine Tür, damit ich die Abholung nicht verpasste.

An Weihnachten hatte sie mir einmal selbst gebackene Plätzchen gebracht.

Mehr war da eigentlich nicht.

Aber eines wusste ich über sie: Sie liebte ihren Kater.

Jedes Mal, wenn sie ihre Wohnungstür öffnete, stand er hinter ihren Beinen. Ein kleiner brauner Tiger mit einer weißen Vorderpfote und einem erstaunlich ernsten Gesicht.

„Na, mein Kleiner“, sagte sie dann. „Du musst doch nicht überall mitkommen.“

Seinen richtigen Namen hatte ich nie erfahren.

Frau Bergmann nannte ihn einfach immer „mein Junge“.

Und dieser Junge saß jetzt in einer fremden Transportbox vor meiner Wohnung.

„Hat sie denn keine Angehörigen?“, fragte ich.

Die Nachbarin schüttelte den Kopf.

„Eine Nichte, irgendwo bei Hannover. Aber die kann ihn nicht nehmen. Wir haben schon herumtelefoniert.“

Der ältere Mann hob entschuldigend die Schultern.

„Meine Frau verträgt keine Katzenhaare.“

Die Nachbarin erklärte, ihr Hund würde sich mit fremden Katzen nicht vertragen. Eine andere Hausbewohnerin sei beruflich ständig unterwegs.

Alle hatten einen Grund.

Und wahrscheinlich waren es gute Gründe.

Trotzdem bemerkte ich, wie erleichtert die beiden aussahen, als ich meine Wohnungstür ein Stück weiter öffnete.

Dabei hatte ich selbst schon drei Katzen.

Drei.

In einer Zweizimmerwohnung mit einer kleinen Küche und einem Balkon, auf dem gerade einmal zwei Stühle Platz fanden.

Meine älteste Katze, Lotte, war zwölf und vertrug Veränderungen ungefähr so gut wie einen Besuch beim Tierarzt.

Minka war sechs und hielt sich für die Besitzerin der gesamten Wohnung.

Und Paul, mein jüngster Kater, war ein ehemaliger Streuner, der jedes fremde Tier zunächst für einen persönlichen Feind hielt.

Ich war 49, arbeitete halbtags in einem kleinen Büro und wusste am Monatsende meistens ziemlich genau, wie viel Geld noch auf meinem Konto lag.

Eine vierte Katze passte nicht in mein Leben.

Nicht finanziell. Nicht räumlich. Und eigentlich auch nicht emotional.

„Nur bis morgen“, sagte ich schließlich.

Die Nachbarin nickte sofort.

„Natürlich. Vielen Dank, Sabine. Wirklich.“

Dann standen die Transportbox, die Decke und die Einkaufstüte in meinem Flur.

Und die beiden waren verschwunden.

Ich hockte mich vor die Box.

„Na, du armer Kerl“, murmelte ich. „Was machen wir denn jetzt mit dir?“

Der Kater sah mich an.

Er hatte etwas eingefallene Wangen, zerzaustes Fell und eine kleine kahle Stelle am Kinn. Seine weiße Vorderpfote lag ordentlich über der anderen, als wolle er möglichst wenig Platz beanspruchen.

Ich öffnete vorsichtig die Tür der Box.

Er kam langsam heraus.

Er schnupperte kurz am Fußboden, betrachtete den Schuhschrank und ging dann geradewegs zur Wohnungstür.

Dort setzte er sich hin.

Mit dem Gesicht zur Tür.

Ich wartete.

Er blieb sitzen.

Natürlich waren meine anderen Katzen längst aufmerksam geworden.

Minka saß auf dem Küchentisch und beobachtete den Neuankömmling mit zusammengekniffenen Augen.

Paul verschwand unter dem Sofa.

Und Lotte stand mitten im Wohnzimmer, machte einen Buckel und knurrte so tief, als hätte ich ihr gerade mitgeteilt, dass sie ausziehen müsse.

Der kleine Tiger reagierte überhaupt nicht.

Er schaute nur auf die Tür.

„Die geht jetzt nicht auf“, erklärte ich ihm.

Er rührte sich nicht.

Ich stellte ihm ein Schälchen Wasser hin und holte einen der Näpfe aus der Einkaufstüte.

Er war aus Keramik, hellblau, mit einer abgesplitterten Ecke.

Daneben legte ich etwas Futter.

Der Kater schnupperte kurz daran.

Dann ging er zurück zur Tür.

Eine Stunde später saß er immer noch dort.

Nach zwei Stunden ebenfalls.

Jedes Mal, wenn draußen jemand die Treppe hinaufstieg, hob er den Kopf.

Wenn irgendwo ein Schlüssel klirrte, stellte er die Ohren auf.

Einmal hörte ich die schweren Schritte unseres Hausmeisters.

Der Kater sprang auf.

Er stellte sich direkt vor die Tür, den Schwanz leicht erhoben, als wäre endlich der Moment gekommen, auf den er gewartet hatte.

Die Schritte gingen vorbei.

Sein Schwanz sank.

Langsam setzte er sich wieder hin.

Ich weiß nicht, warum mich gerade das so getroffen hat.

Vielleicht, weil ich plötzlich verstand, dass dieser kleine Kerl nicht einfach nur verängstigt war.

Er wartete auf jemanden.

Auf Frau Bergmann.

Und er hatte keine Ahnung, dass sie niemals wieder durch diese Tür kommen würde.

Ich ging ins Wohnzimmer und versuchte zu arbeiten.

Auf meinem Laptop warteten mehrere Nachrichten, die ich noch beantworten musste. In der Spüle stapelte sich Geschirr. Auf dem Küchentisch lag eine Rechnung für die Autoreparatur.

Außerdem hatte ich gerade erst Futter für meine drei Katzen gekauft.

Ich konnte mir keine weiteren Ausgaben leisten.

„Du kannst nicht jedes Problem lösen, Sabine“, sagte ich laut zu mir selbst.

Das war kein schöner Satz.

Aber manchmal muss man sich eben an die Wirklichkeit erinnern.

Ich beschloss, am nächsten Morgen beim örtlichen Tierheim anzurufen.

Vielleicht hatten sie einen Platz.

Vielleicht kannte jemand eine ältere Frau, die sich über einen ruhigen Kater freuen würde.

Vielleicht würde alles irgendwie gut werden.

Doch zunächst musste dieser Abend vorübergehen.

Gegen sieben Uhr hatte der Kater noch immer kaum gefressen.

Ich setzte mich neben ihn auf den Boden.

„Du musst doch Hunger haben.“

Er sah kurz zu mir hoch.

Dann blickte er wieder zur Tür.

Schließlich holte ich die Blumendecke, die der Nachbar mitgebracht hatte.

Sie war alt, an einer Ecke ausgefranst und mit kleinen gelben und roten Blumen bedruckt.

Ich legte sie neben die Tür.

Was dann geschah, werde ich vermutlich nie vergessen.

Der Kater stand sofort auf.

Er ging zu der Decke, schnupperte lange daran und begann plötzlich, mit seinen Vorderpfoten ganz vorsichtig auf dem Stoff zu treten.

Dann drehte er sich zweimal im Kreis.

Er legte sich hin, drückte seine Nase tief in die Decke und schloss die Augen.

Zum ersten Mal, seit er bei mir war, wirkte er ein wenig ruhig.

Ich blieb neben ihm sitzen.

Und dabei dachte ich an Frau Bergmann.

An ihre leise Stimme im Treppenhaus.

An die Art, wie sie jedes Mal lächelte, wenn der Kater hinter ihrer Wohnungstür auftauchte.

„Mein Junge“, hatte sie gesagt.

Immer wieder.

Nicht „die Katze“. Nicht „das Tier“.

Mein Junge.

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