Ich strich einmal vorsichtig über seinen Rücken.
Sein Fell war weich, aber darunter konnte ich seine Wirbelsäule spüren.
„Sie fehlt dir sehr, oder?“
Er antwortete nicht.
Natürlich nicht.
Aber er drückte seine Nase noch tiefer in die Decke.
Später wollte ich die Einkaufstüte aufräumen.
Darin lagen eine halb leere Packung Trockenfutter, eine kleine Bürste voller Katzenhaare, eine Streuschaufel und mehrere zusammengefaltete Papiere.
Zwischen alten Tierarztrechnungen steckte ein weißer Umschlag.
Er war nicht beschriftet.
Ich dachte zunächst, darin könnten wichtige Unterlagen sein.
Vielleicht der Impfpass oder die Telefonnummer eines Angehörigen.
Also öffnete ich ihn.
Darin lag ein einzelnes Blatt aus einem linierten Schreibblock.
Die Schrift war zittrig, aber ordentlich. Einige Buchstaben waren so groß geschrieben, als hätte die Hand, die sie geschrieben hatte, zwischendurch die Kraft verloren.
Oben stand:
„Für den Menschen, der sich einmal um meinen Moritz kümmert.“
Ich hielt inne.
Moritz.
So hieß er also.
Ich schaute zur Wohnungstür.
„Du heißt Moritz?“
Der Kater hob kurz den Kopf.
Dann las ich weiter.
„Mein Moritz ist ein guter Junge. Er hat vor fremden Menschen manchmal Angst, aber er tut niemandem etwas. Bitte haben Sie ein bisschen Geduld mit ihm.“
Ich musste schlucken.
Die nächsten Zeilen beschrieben ganz einfache Dinge.
Dass Moritz sein Futter lieber leicht angewärmt mochte.
Dass er keine lauten Geräusche vertrug.
Dass er manchmal nachts unruhig wurde und es ihm half, wenn jemand mit ihm sprach.
Und dass er am liebsten auf seiner Blumendecke schlief.
„Wenn er nicht fressen möchte, geben Sie ihm bitte etwas Zeit. Er ist sehr empfindlich, wenn sich etwas verändert.“
Darunter stand:
„Er war all die Jahre mein bester Freund. Seit mein Mann nicht mehr da ist, war ich keinen einzigen Abend wirklich allein.“
Ich setzte mich auf einen Küchenstuhl.
Plötzlich hatte ich das Gefühl, in etwas sehr Persönliches hineinzuschauen.
In ein Leben, von dem ich nur die wenigen Minuten im Treppenhaus gekannt hatte.
Ich las weiter.
„Ich weiß nicht, wie viel Zeit mir noch bleibt. Deshalb habe ich Angst, dass er irgendwann nicht versteht, warum ich nicht mehr nach Hause komme.“
Meine Hände wurden kalt.
Dann kam der letzte Satz.
Ein einziger Satz, den Frau Bergmann offenbar besonders langsam geschrieben hatte.
„Bitte sagen Sie meinem Moritz, dass ich ihn nicht freiwillig allein gelassen habe.“
Ich starrte auf das Papier.
Lange.
Dann las ich den Satz noch einmal.
Und noch einmal.
Ich hatte vieles erwartet.
Eine Telefonnummer vielleicht.
Eine Bitte um einen Platz in einem guten Zuhause.
Vielleicht eine Anweisung für besondere Medikamente.
Aber nicht das.
Eine alte Frau hatte kurz vor ihrem Tod darüber nachgedacht, was ihr Kater fühlen würde, wenn sie eines Tages nicht mehr da war.
Nicht über ihre Möbel.
Nicht über ihre Kleidung.
Nicht darüber, wer später ihre Wohnung ausräumen würde.
Sie hatte Angst gehabt, dass ihr kleiner Moritz glauben könnte, sie hätte ihn einfach verlassen.
Ich legte den Brief auf den Tisch.
Dann schaute ich zu dem Kater.
Er lag noch immer auf seiner Decke neben der Tür.
Seine Augen waren halb geschlossen.
Bei jedem Geräusch im Hausflur hob er trotzdem den Kopf.
Ich dachte an meine eigene Mutter, die vor sechs Jahren gestorben war.
In ihren letzten Monaten hatte sie mich ständig gefragt, ob ich auch wirklich zurechtkommen würde.
Ob ich genug essen würde.
Ob ich mich nicht zu viel allein beschäftigen würde.
Selbst als sie kaum noch Kraft hatte, machte sie sich mehr Sorgen um mich als um sich selbst.
Und plötzlich erschien mir Frau Bergmanns Brief gar nicht mehr ungewöhnlich.
Liebe hört offenbar nicht einfach auf, sich Sorgen zu machen.
Nicht einmal dann, wenn ein Mensch selbst am Ende seiner Kräfte ist.
Ich faltete den Brief vorsichtig zusammen.
Dann ging ich zu Moritz.
„Sie wollte dich nicht verlassen“, flüsterte ich.
Er öffnete die Augen.
„Weißt du, Moritz? Sie konnte einfach nicht mehr bleiben.“
Er bewegte sich nicht.
Ich strich mit zwei Fingern über seinen Kopf.
„Aber sie hat dich lieb gehabt. Sehr sogar.“
Da geschah etwas Kleines.
Moritz hob den Kopf und drückte seine Stirn gegen meine Hand.
Nur einen Augenblick.
Dann legte er sich wieder hin.
Ich blieb noch eine ganze Weile bei ihm sitzen.
In dieser Nacht wachte ich kurz nach Mitternacht auf.
Ich wollte nur ein Glas Wasser holen.
Als ich in den Flur kam, sah ich ihn sofort.
Moritz saß wieder vor der Tür.
Die Decke lag hinter ihm.
Er war wach.
Ganz still.
Sein Blick war auf den schmalen Spalt unter der Wohnungstür gerichtet.
Ich wusste, dass er dort nichts sehen konnte.
Trotzdem wartete er.
Nicht ungeduldig.
Nicht laut.
Er kratzte nicht an der Tür. Er miaute nicht. Er versuchte nicht hinauszukommen.
Er saß einfach nur da, als wäre Warten die einzige Aufgabe, die ihm noch geblieben war.
Ich blieb mitten im Flur stehen.
Und dann fing ich an zu weinen.
Nicht laut.
Ich setzte mich einfach auf den Boden, zog die Knie an und weinte.
Wegen eines Katers, den ich erst seit wenigen Stunden kannte.
Wegen einer alten Frau, mit der ich nie mehr als ein paar Sätze gewechselt hatte.
Und vielleicht auch ein bisschen wegen all der Menschen, die ich selbst vermisste.
Irgendwann kam Moritz zu mir.
Er schnupperte an meinem Hausschuh.
Dann setzte er sich direkt neben mein Bein.
Ich legte meine Hand auf seinen Rücken.
Und so saßen wir eine Weile zusammen.
Zwei Lebewesen in einem viel zu kleinen Flur.
Beide mit Erinnerungen an jemanden, der nicht mehr zurückkommen würde.
Am nächsten Morgen stand ich früh auf.
Ich hatte kaum geschlafen.
Trotzdem war mein Entschluss zunächst derselbe.
Ich musste eine vernünftige Lösung finden.
Ich holte die alte Transportbox aus dem Abstellraum.
Sie war sauber, und ich stellte sie vorsichtig neben die Wohnungstür.
Danach suchte ich die Telefonnummer des Tierheims heraus.
Ich schrieb sie auf einen Zettel.
Neben die Nummer notierte ich:
„Moritz. Älterer Kater. Ruhig. Verliert gerade sein Zuhause.“
Ich sah auf diese Worte.
Verliert gerade sein Zuhause.
Eigentlich stimmte das nicht.
Er hatte sein Zuhause schon verloren.
Und schlimmer noch: Er hatte den Menschen verloren, der dieses Zuhause für ihn gewesen war.
Moritz kam aus dem Wohnzimmer.
Er blieb vor der Transportbox stehen.
Lange betrachtete er sie.
Dann hob er den Kopf und sah mich an.
Seine Augen wirkten müde.
Er machte ein ganz leises Geräusch.
Kein richtiges Miauen.
Eher eine kleine, unsichere Frage.
Danach ging er an mir vorbei.
Langsam.
Zurück zu seiner Blumendecke.
Er legte sich darauf, zog seine weiße Pfote unter die Brust und schloss die Augen.
Ich stand mit dem Telefon in der Hand daneben.
Eine Minute.
Vielleicht zwei.
Dann legte ich das Telefon auf die Kommode.
Ich nahm die Transportbox und trug sie zurück in den Abstellraum.
Als ich wiederkam, lag Moritz noch immer auf der Decke.
„Also gut“, sagte ich.
Meine Stimme klang rau.
„Dann bleiben wir eben zu viert.“
Aus dem Wohnzimmer hörte ich Lotte knurren.
Ich musste zum ersten Mal seit dem vergangenen Abend lächeln.
„Na schön. Zu fünft, wenn man mich mitzählt.“
Natürlich war damit nicht plötzlich alles einfach.
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