Ich wollte den alten Kater nur für eine Nacht aufnehmen, doch als ich hilflos auf dem Boden lag, rettete ausgerechnet er mein Leben.
„Nein, bitte nicht! Du sollst doch morgen wieder zurück!“
Das waren die ersten Worte, die ich zu dem alten Kater sagte, als er sich auf den Lieblingssessel meiner verstorbenen Frau setzte.
Er sah mich an, blinzelte einmal mit seinen trüben Augen und rollte sich zusammen.
Als hätte er beschlossen, dass dieser Platz ab sofort ihm gehörte.
Ich hieß damals schon seit 67 Jahren Heinrich Weber, war seit drei Jahren Witwer und hatte mich eigentlich damit abgefunden, den Rest meines Lebens allein zu verbringen.
Dass ein zerzauster, alter Kater daran etwas ändern würde, hätte ich für einen schlechten Scherz gehalten.
Vor allem, wenn mir jemand erzählt hätte, was nur wenige Stunden später passieren sollte.
Aber ich beginne besser von vorn.
Meine Frau Elisabeth starb an einem Dienstag im September.
Sie war 63 Jahre alt geworden. Wir waren 38 Jahre verheiratet gewesen.
Seitdem war unser kleines Reihenhaus am Stadtrand von Kassel kein richtiges Zuhause mehr.
Es war nur noch ein Gebäude voller Erinnerungen.
In der Küche hing ihre geblümte Schürze am Haken. Im Badezimmer stand ihre Haarbürste. Und neben meinem Bett lagen noch immer ihre Lesebrille und ein angefangenes Buch.
Ich hatte nichts davon weggeräumt.
Nicht, weil ich glaubte, dass sie zurückkommen würde.
Sondern weil ich Angst hatte, dass sie endgültig verschwinden könnte, wenn ich ihre Sachen wegnahm.
Meine Tochter Sabine, 39, wohnte mit ihrem Mann und den beiden Kindern in Hannover.
Sie rief regelmäßig an.
„Papa, wie geht es dir?“
„Gut, mein Schatz.“
„Hast du ordentlich gegessen?“
„Natürlich.“
„Und warst du heute draußen?“
„Ja, ja. Mach dir keine Sorgen.“
Das waren die drei Lügen, die ich inzwischen beinahe täglich erzählte.
In Wahrheit bestand mein Mittagessen oft aus einer Scheibe Brot und einer Tasse Kaffee.
Manchmal machte ich mir eine Dosensuppe warm.
Manchmal vergaß ich das Essen auch einfach.
Meine Knie schmerzten seit Jahren. Dazu kam mein Diabetes, mit dem ich zwar umgehen konnte, den ich aber gelegentlich unterschätzte.
Früher hatte Elisabeth darauf geachtet, dass ich regelmäßig aß und meine Werte kontrollierte.
„Heinrich, du bist ein erwachsener Mann“, hatte sie immer gesagt. „Also benimm dich auch so und pass auf dich auf.“
Dann hatte sie gelacht.
Und ich hatte so getan, als würde mich ihre Fürsorge nerven.
Heute hätte ich alles dafür gegeben, diese Worte noch einmal zu hören.
Das Schlimmste am Alleinsein war nicht einmal die Traurigkeit.
Es war die Stille.
Der Kühlschrank brummte.
Die Heizung knackte.
Die alte Standuhr im Flur tickte so laut, dass ich manchmal die Wohnzimmertür schloss.
Abends lief der Fernseher, obwohl ich kaum hinsah.
Hauptsache, irgendjemand sprach.
Manchmal ertappte ich mich dabei, wie ich laut antwortete.
„So ein Unsinn“, sagte ich beispielsweise zum Nachrichtensprecher.
Und wartete unwillkürlich darauf, dass Elisabeth aus der Küche rief: „Dann schalt doch um, Heinrich!“
Aber niemand antwortete.
Drei Jahre lang.
Irgendwann wurde selbst das eigene Husten zu einem fremden Geräusch.
An einem Donnerstag traf ich meine Nachbarin Lena im Treppenhaus des kleinen Einkaufszentrums.
Sie war 46, arbeitete in einer Bäckerei und wohnte seit ungefähr fünf Jahren im Haus nebenan.
Wir kannten uns vom Grüßen.
Mehr eigentlich nicht.
„Herr Weber, Sie sehen müde aus“, sagte sie.
„Das ist das Alter.“
Sie betrachtete mich einen Moment.
„Wissen Sie, meine Schwester hilft ehrenamtlich bei einer kleinen Katzenhilfe. Die suchen gerade Menschen, die ältere Tiere für ein oder zwei Nächte aufnehmen.“
Ich schüttelte sofort den Kopf.
„Ach, lassen Sie mal. Ich bin kein Katzenmensch.“
„Sie müssten ja keine behalten.“
„Ich hab schon genug mit mir selbst zu tun.“
Sie lächelte.
„Vielleicht wäre es trotzdem schön, wenn bei Ihnen mal wieder etwas Lebendiges herumläuft.“
Dieser Satz blieb mir im Kopf.
Den ganzen Nachmittag.
Am Abend saß ich vor Elisabeths leerem Sessel und dachte darüber nach.
Vielleicht hatte Lena recht.
Vielleicht brauchte ich gar keinen neuen Lebensinhalt.
Vielleicht reichte es schon, für eine Nacht nicht völlig allein zu sein.
Am nächsten Vormittag fuhr ich zu der kleinen privaten Katzenhilfe am Rand von Kassel.
Dort roch es nach Katzenfutter, Waschmittel und diesem seltsamen Geruch, den viele Tiere auf engem Raum hinterlassen.
Eine Frau namens Martina begrüßte mich.
Sie war vielleicht Anfang sechzig, trug eine ausgewaschene Strickjacke und hatte Katzenhaare auf der Hose.
„Sie interessieren sich für unsere Kurzzeitbetreuung?“
„Nur für eine Nacht“, stellte ich klar.
„Natürlich.“
„Ich möchte kein Tier dauerhaft.“
„Das ist völlig in Ordnung.“
Ich verschränkte die Arme.
„Und bitte keine junge Katze, die mir die Vorhänge herunterholt.“
Martina lachte.
„Dann habe ich vielleicht genau den Richtigen.“
Sie führte mich zu einem Gehege ganz hinten.
Dort saß ein großer, orangefarbener Kater.
Zumindest vermutete ich, dass er irgendwann einmal groß und stattlich gewesen war.
Inzwischen wirkte er wie ein alter, schlecht gepflegter Teppich.
Sein Fell war stellenweise verfilzt. Beide Ohren hatten kleine Risse. Ein Auge war milchig trüb, und sein Gesichtsausdruck verriet eine tiefe Unzufriedenheit mit der gesamten Welt.
„Das ist Gurke“, sagte Martina.
Ich starrte sie an.
„Gurke?“
„Ja.“
„Wer nennt denn einen Kater Gurke?“
Sie zuckte mit den Schultern.
„So hieß er schon, als er zu uns kam.“
Gurke sah mich an.
Dann gähnte er, zeigte mir drei etwas schief stehende Zähne und drehte den Kopf weg.
„Der mag mich nicht“, stellte ich fest.
„Er mag die meisten Menschen nicht besonders.“
„Na wunderbar.“
Martina öffnete die Tür.
„Er ist ungefähr fünfzehn Jahre alt. Sein früheres Zuhause hat er verloren, und seitdem kommt er schlecht zurecht.“
Ich betrachtete ihn genauer.
Die alten Pfoten.
Die stumpfen Augen.
Den gekrümmten Rücken.
„Will ihn denn niemand haben?“
Martina antwortete nicht sofort.
„Die meisten suchen junge, gesunde Katzen. Gurke braucht Ruhe, Geduld und ein bisschen Verständnis.“
Ich nickte langsam.
Dann sagte ich etwas, das mich selbst überraschte.
„Na gut. Eine Nacht.“
Gurke betrat mein Haus, als wäre er ein besonders misstrauischer Steuerprüfer.
Er schnupperte an jeder Tür.
Untersuchte jeden Winkel.
Und betrachtete mich gelegentlich mit einem Blick, der deutlich machte, dass ich in seinen Augen nicht besonders vertrauenswürdig war.
Ich stellte ihm ein weiches Katzenbett neben die Heizung.
Er ignorierte es.
Ich zeigte ihm seine Futterschüssel.
Er schnupperte daran und ging weiter.
Dann entdeckte er Elisabeths Sessel.
Es war ein alter, dunkelgrüner Fernsehsessel mit breiten Armlehnen.
Die Polsterung war an einer Stelle durchgesessen, weil Elisabeth dort jahrelang ihre Beine hochgelegt hatte.
Gurke sprang mit überraschender Entschlossenheit hinauf.
Drehte sich zweimal.
Und legte sich genau auf die Stelle, an der früher Elisabeths Kopf geruht hatte.
„He!“, protestierte ich.
Er blinzelte.
„Das ist nicht dein Platz.“
Gurke schloss die Augen.
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