Niemand wollte zur Beerdigung des zehnjährigen Jonas kommen, weil sein Vater im Gefängnis saß. Doch dann erschienen Männer vor der Trauerhalle, mit denen niemand gerechnet hatte.
„Horst, ich brauche deine Hilfe. Und ich weiß nicht, wen ich sonst noch anrufen soll.“
Ich stand gerade in meiner Werkstatt und versuchte, die klemmende Schublade einer alten Werkbank zu reparieren. Als ich Ralf Seidels Stimme hörte, legte ich den Schraubendreher sofort zur Seite.
Ralf war Bestatter in Gelsenkirchen. Ein ruhiger Mann, Anfang sechzig, der schon mehr Leid gesehen hatte, als ein Mensch eigentlich ertragen sollte.
Vor fünf Jahren hatte er meine Frau Inge beerdigt.
Damals hatte er sich um Dinge gekümmert, an die ich in meinem Zustand nicht einmal denken konnte. Er hatte mir sogar geholfen, ihre Lieblingsblumen aus unserem Garten auf den Sarg zu legen.
Seitdem wusste ich, dass Ralf nicht wegen jeder Kleinigkeit anrief.
„Was ist los?“, fragte ich.
Am anderen Ende blieb es einen Moment still.
„Hier liegt ein Junge, Horst. Zehn Jahre alt. Jonas König. Morgen soll er beerdigt werden.“
Ich wartete.
„Und?“
„Es kommt niemand.“
Ich verstand zuerst nicht, was er meinte.
„Wie, niemand? Keine Familie?“
„Seine Mutter ist schon lange tot. Sein Vater sitzt im Gefängnis. Seine Oma war die Einzige, die regelmäßig bei ihm war. Vorgestern hatte sie einen schweren Herzinfarkt. Sie liegt auf der Intensivstation.“
Ich stützte mich gegen die Werkbank.
„Und sonst?“
Ralf atmete hörbar aus.
„Das Jugendamt hat sich um die Formalitäten gekümmert. Die Pflegefamilie, bei der er zuletzt untergebracht war, möchte nicht teilnehmen. Von den anderen Verwandten kommt auch keiner. Ich habe seit gestern herumtelefoniert.“
„Warum denn nicht?“
Ralf antwortete nicht sofort.
Dann sagte er einen Namen.
„Stefan König.“
Den Namen kannte ich.
In Gelsenkirchen kannten ihn viele.
Stefan König war vor einigen Jahren wegen eines Gewaltverbrechens verurteilt worden, bei dem mehrere Menschen ums Leben gekommen waren. Die Sache hatte damals wochenlang in den Nachrichten gestanden.
Er hatte eine lebenslange Freiheitsstrafe bekommen.
Ich erinnerte mich an die Bilder vom Prozess. An die Angehörigen der Opfer. An einen Mann, der im Gerichtssaal kaum den Kopf gehoben hatte.
„Der Junge ist sein Sohn?“
„Ja.“
Ich setzte mich langsam auf den alten Holzstuhl neben der Werkbank.
Ralf sprach weiter.
„Jonas hatte Leukämie. Drei Jahre lang hat er dagegen gekämpft. Immer wieder Krankenhaus, Behandlungen, Rückschläge. Seine Oma war fast jeden Tag bei ihm.“
„Und der Vater?“
„Der durfte ihn unter bestimmten Bedingungen manchmal sehen. Später ging das nicht mehr. Jonas hat trotzdem immer nach ihm gefragt.“
Ich blickte auf ein vergilbtes Foto meiner Frau, das über der Werkbank hing.
„Was genau brauchst du von mir?“
„Vier Leute wären schon eine Hilfe. Jemand, der den Sarg trägt. Jemand, der bei der Beisetzung dabei ist. Ich kann ihn doch nicht einfach ohne einen einzigen Trauergast verabschieden.“
Ich schwieg.
Dann fragte ich: „Wann ist die Beerdigung?“
„Morgen um elf.“
„Gut. Ich kümmere mich.“
„Horst, vier Mann reichen wirklich.“
„Ralf?“
„Ja?“
„Ich habe dich verstanden.“
Ich legte auf.
Eine Weile blieb ich sitzen.
Ich bin Horst Ehlers, siebenundsechzig Jahre alt. Vierzig Jahre habe ich als Betriebsschlosser gearbeitet, die meiste Zeit in einem großen Stahlbetrieb im Ruhrgebiet.
Ich habe Maschinen repariert, an denen andere längst verzweifelt waren. Ich habe Kollegen nach Arbeitsunfällen besucht, Nachtschichten durchgehalten und erlebt, wie ganze Abteilungen geschlossen wurden.
Ich habe Männer kennengelernt, die aussahen, als könnten sie mit bloßen Händen eine Tür aus den Angeln heben.
Manche hatten grobe Stimmen, dicke Narben und Gesichter, die selten lächelten.
Aber wenn einer von ihnen Hilfe brauchte, standen die anderen da.
Ohne lange zu fragen.
Vielleicht ist das etwas, das man in vierzig Jahren Schichtarbeit lernt.
Man kann sich nicht jeden Kollegen aussuchen.
Aber man lässt ihn nicht allein.
Ich griff nach meinem Telefon und rief Dieter Kemper an.
Dieter war achtundsechzig, früher Bergmann, später Vorarbeiter in einer Maschinenwerkstatt. Ein breiter Kerl mit einem grauen Schnurrbart, einer tiefen Stimme und Händen wie Schraubstöcke.
Wir nannten ihn seit dreißig Jahren nur „den Bären“.
Er meldete sich mit einem knappen: „Was gibt’s?“
„Dieter, morgen wird ein zehnjähriger Junge beerdigt. Und keiner will kommen.“
„Wieso das denn?“
„Sein Vater sitzt wegen Mordes im Gefängnis.“
Es wurde still.
Dann hörte ich, wie Dieter seinen Stuhl zurückschob.
„Und was hat der Junge damit zu tun?“
„Nichts.“
„Wo?“
Ich nannte ihm den Friedhof.
„Ich bin dabei“, sagte er.
„Ich brauche vielleicht noch ein paar Leute.“
Dieter schnaubte.
„Horst, du kennst doch unsere alten Kollegen.“
„Ja.“
„Dann ruf sie an.“
Eine halbe Stunde später saßen wir in unserem alten Treffpunkt.
Es war kein richtiger Vereinsraum. Nur eine ehemalige Werkstatt, die uns ein früherer Kollege zur Verfügung stellte. Ein paar Tische, eine Kaffeemaschine, ein Kühlschrank und an der Wand Fotos von Männern, die früher gemeinsam gearbeitet hatten.
Einmal im Monat trafen wir uns dort.
Wir reparierten Fahrräder für Kinder, halfen älteren Nachbarn bei kleinen Arbeiten oder saßen einfach zusammen und erzählten von früher.
An diesem Vormittag waren zwölf Männer da.
Dieter hatte sie angerufen.
Ich erzählte ihnen von Jonas.
Niemand unterbrach mich.
Als ich fertig war, betrachtete Klaus, ein ehemaliger Schweißer, lange seine Hände.
„Wie alt war der Junge?“, fragte er schließlich.
„Zehn.“
Klaus nickte langsam.
„Meine Enkelin ist neun.“
Neben ihm saß Erwin, ein kleiner, drahtiger Mann mit einem künstlichen Kniegelenk.
Er sagte nichts.
Erst als Dieter fragte, ob er mitkommen würde, hob er den Blick.
„Mein Sohn wäre heute zweiundvierzig“, sagte er leise. „Er ist mit elf an einer schweren Krankheit gestorben.“
Wir schwiegen.
Erwin hatte selten über seinen Sohn gesprochen.
Ich wusste nur, dass er jedes Jahr an dessen Geburtstag allein zum Friedhof fuhr.
„Damals“, sagte er, „war die Kirche voll. Die Nachbarn kamen. Die Lehrer. Meine Arbeitskollegen. Sogar Leute, die unseren Jungen kaum kannten.“
Er rieb sich mit dem Daumen über die Fingerknöchel.
„Ich weiß nicht, wie meine Frau und ich das ohne diese Menschen überstanden hätten.“
Dann stand er auf.
„Ich komme.“
Dieter nahm sein Telefon.
„Ich kenne noch ein paar Männer aus der alten Zeche.“
Klaus nickte.
„Ich rufe die Schweißer an.“
„Und ich die Leute aus der Frühschicht“, sagte jemand von hinten.
„Die arbeiten doch morgen.“
„Nicht alle. Viele sind inzwischen in Rente.“
Innerhalb einer Stunde wurden aus zwölf Männern vierunddreißig.
Dann zweiundfünfzig.
Ein ehemaliger Meister rief seine früheren Kollegen an. Ein pensionierter Feuerwehrmann sprach mit Leuten aus seiner Nachbarschaft. Eine Bäckersfrau sagte, sie könne belegte Brötchen und Kaffee für alle mitbringen.
Auch einige Ehefrauen und erwachsene Kinder wollten kommen.
Irgendwann klingelte mein Telefon wieder.
Ralf.
„Horst, was hast du gemacht?“
„Wieso?“
„Hier haben schon mehrere Leute angerufen. Sie wollen wissen, ob sie Blumen mitbringen dürfen.“
„Natürlich dürfen sie.“
„Wie viele kommen denn?“
Ich sah Dieter an, der gerade wieder telefonierte.
„Keine Ahnung.“
Ralf schwieg.
„Horst …“
„Was?“
„Du solltest doch nur vier Leute finden.“
Ich sah zu Erwin hinüber.
Er saß am Tisch und betrachtete ein altes Foto seines Sohnes, das er aus seinem Portemonnaie genommen hatte.
„Ralf“, sagte ich, „ich glaube, vier werden es nicht bleiben.“
Am nächsten Morgen war ich um halb zehn am Friedhof.
Ich trug meinen dunkelgrauen Anzug. Den hatte ich seit Inges Beerdigung nicht mehr angezogen.
Er spannte ein wenig über dem Bauch.
Meine schwarzen Schuhe waren frisch geputzt, aber an einer Seite hatte das Leder einen Riss, den ich nicht mehr richtig schließen konnte.
Als ich vor der Trauerhalle ankam, stand Ralf auf den Stufen.
Er sah müde aus.
„Du bist früh.“
„Ich wollte vorher noch mit dir reden.“
Er nickte und führte mich hinein.
Die kleine Trauerhalle war fast leer.
Vorn stand ein weißer Kindersarg.
So klein, dass ich unwillkürlich stehen blieb.
Daneben lag ein einfacher Blumenstrauß mit weißen Nelken.
Mehr nicht.
Keine Bilder.
Keine Kuscheltiere.
Kein Kranz mit einer Schleife.
Ich war schon auf vielen Beerdigungen gewesen. Bei alten Kollegen. Bei Nachbarn. Bei meinen Eltern. Bei meiner Frau.
Aber dieser kleine Sarg traf mich auf eine Weise, auf die ich nicht vorbereitet war.
„Zehn Jahre“, murmelte ich.
Ralf stand neben mir.
„Er hat in den letzten Monaten viel gelitten.“
„War jemand bei ihm, als er gestorben ist?“
„Eine Kinderkrankenschwester. Sie hat ihm bis zuletzt die Hand gehalten.“
Ich schluckte.
„Und seine Oma?“
„Die lag da schon im Krankenhaus. Man hat versucht, ihr die Nachricht vorsichtig beizubringen. Aber sie ist noch nicht stabil genug, um herzukommen.“
Ich blickte auf den Sarg.
„Hat Jonas gewusst, warum sein Vater nicht da war?“
Ralf nickte.
„Soweit ich weiß, ja. Die Oma hat nie gelogen. Sie hat ihm erklärt, dass sein Vater etwas sehr Schlimmes getan hat und dafür bestraft wird.“
Er hielt kurz inne.
„Aber Jonas hat trotzdem gefragt, ob sein Papa ihn noch lieb hat.“
Diese Worte werde ich nie vergessen.
Ein Kind, das drei Jahre lang gegen eine schwere Krankheit kämpfte.
Ein Kind, das wusste, dass sein Vater im Gefängnis saß.
Und das am Ende offenbar keine größere Frage hatte als diese:
Ob sein Papa ihn noch lieb hatte.
Ich ging langsam zum Sarg.
„Du kanntest uns nicht, Junge“, flüsterte ich. „Aber heute bist du nicht allein.“
Hinter mir öffnete sich die Tür.
Dieter trat ein.
Er hatte sich tatsächlich einen Anzug angezogen. Einen braunen, der vermutlich seit zwanzig Jahren in seinem Schrank hing.
Unter dem Jackett trug er ein weißes Hemd, dessen oberster Knopf offen stand.
In der Hand hielt er einen alten Stoffbeutel.
„Ich wusste nicht, ob das passt“, sagte er.
Er zog einen kleinen hölzernen Lastwagen heraus.
„Hab ich gestern Abend noch gemacht. Meine Hände sind nicht mehr so ruhig wie früher.“
Der Wagen war grob geschnitzt.
Ein Rad war etwas größer als die anderen. Die Ladefläche saß schief.
Aber Dieter hatte die Kanten sorgfältig glatt geschliffen und das Holz mit einem weichen Tuch poliert.
„Ein Junge braucht doch etwas zum Spielen“, murmelte er.
Er legte den Lastwagen neben den Sarg.
Dann stand er lange davor.
„Mein Enkel heißt auch Jonas“, sagte er schließlich.
Seine Stimme klang plötzlich anders.
Nicht mehr so tief.
Nicht mehr so sicher.
„Ich hab ihn gestern angerufen. Einfach so. Der hat sich gewundert.“
Ich legte Dieter die Hand auf die Schulter.
Mehr brauchten wir nicht zu sagen.
Um Viertel vor zehn kamen die ersten Männer.
Dann weitere.
Zwei ehemalige Schlosser, die sich seit Jahren nicht gesehen hatten.
Ein früherer Kranführer mit einer Beinprothese.
Drei pensionierte Bergleute, die noch ihre alten schwarzen Jacken besaßen.
Ein Hausmeister, der direkt aus seiner Frühschicht gekommen war.
Dazu Ehefrauen, Töchter, Söhne und Nachbarn.
Einige waren sorgfältig angezogen.
Andere trugen saubere Arbeitsjacken, weil sie nichts anderes Passendes hatten.
Manche hatten sich extra rasiert. Andere standen mit grauen Stoppeln und tiefen Falten vor der Halle.
Keiner sah aus wie jemand, der normalerweise im Mittelpunkt stehen wollte.
Und doch waren sie alle da.
Um zehn Uhr kam Ralf auf mich zu.
„Horst, wir haben ein Problem.“
Mein Magen zog sich zusammen.
„Was denn?“
„Die Trauerhalle ist zu klein.“
Ich schaute hinaus.
Auf dem Weg zum Friedhof standen Menschen bis zum Eingangstor.
Einige hielten Blumen in den Händen.
Andere hatten kleine Stofftiere mitgebracht.
Eine ältere Frau trug eine selbst gestrickte blaue Mütze.
Später erzählte sie mir, dass sie solche Mützen für kranke Kinder strickte und noch eine übrig gehabt hatte.
„Vielleicht hätte Jonas Blau gemocht“, sagte sie.
Ich wusste es nicht.
Niemand von uns wusste es.
Und genau das machte mich traurig.
Wir wussten fast nichts über diesen Jungen.
Nicht, ob er lieber Nudeln oder Kartoffeln gegessen hatte.
Nicht, ob er Fußball mochte.
Nicht, welches Lied ihn zum Lachen brachte.
Wir wussten nur, dass er zehn Jahre alt gewesen war.
Und dass er nicht allein verabschiedet werden sollte.
Um halb elf zählte Dieter die Menschen, so gut es ging.
Hundertvierundachtzig.
Später kamen noch weitere dazu.
Am Ende waren es etwas mehr als zweihundert.
Zweihundert Menschen, die am Vortag noch nie von Jonas König gehört hatten.
Ralf stand neben mir und schüttelte langsam den Kopf.
„So etwas habe ich in meiner ganzen Berufslaufbahn noch nicht erlebt.“
Ich sah zu den Männern, die still vor der Halle standen.
„Die meisten waren früher Kollegen.“
„Und die anderen?“
„Haben gehört, dass ein Junge jemanden braucht.“
Ralf wischte sich kurz über die Augen.
Dann ging er hinein, um alles vorzubereiten.
Kurz vor elf geschah etwas, womit niemand gerechnet hatte.
Eine Frau kam durch das Friedhofstor.
Sie war vielleicht Mitte vierzig, trug eine dunkle Jacke und hielt einen Umschlag fest an ihre Brust gedrückt.
Neben ihr ging ein Mann.
Beide wirkten unsicher.
Als sie die vielen Menschen sahen, blieben sie stehen.
Ich ging auf sie zu.
„Kann ich Ihnen helfen?“
Die Frau schaute an mir vorbei zur Trauerhalle.
„Ist das die Beerdigung von Jonas König?“
„Ja.“
Sie presste die Lippen zusammen.
„Ich bin Sabine. Jonas war bei uns in Pflege.“
Ich wusste nicht sofort, was ich sagen sollte.
Ralf hatte mir erzählt, dass die Pflegefamilie nicht kommen wollte.
Offenbar bemerkte sie mein Zögern.
„Wir hatten ihn nur die letzten Monate“, sagte sie leise. „Als es zu Hause bei seiner Oma nicht mehr ging. Wegen der Krankheit und weil sie selbst schon so schwach war.“
Ich nickte.
„Er war ein lieber Junge.“
Sie schluckte.
„Aber es war schwer. Wirklich schwer.“
Der Mann neben ihr legte ihr die Hand auf den Rücken.
„Unsere anderen Kinder haben die ganze Geschichte über seinen Vater mitbekommen. In der Schule wurde darüber geredet. Es gab Fragen, böse Bemerkungen …“
Sabine sah zu Boden.
„Wir hatten Angst, dass es bei der Beerdigung wieder losgeht. Dass Leute auftauchen, die Streit machen. Ich weiß, wie feige das klingt.“
Ich betrachtete sie.
Ihre Augen waren gerötet.
Ihre Finger zitterten um den Umschlag.
Plötzlich sah ich keine Frau mehr, die sich drücken wollte.
Ich sah jemanden, der vielleicht monatelang versucht hatte, einem sterbenden Kind ein Zuhause zu geben und jetzt selbst nicht wusste, wohin mit seiner Trauer.
„Sie sind jetzt hier“, sagte ich.
Sabine fing an zu weinen.
„Ich hätte gestern schon zusagen sollen.“
„Dann gehen wir zusammen rein.“
Sie nickte.
An der Tür blieb sie noch einmal stehen.
„Wer sind all diese Leute?“
Ich schaute über meine Schulter.
Dieter stand mit verschränkten Armen neben Erwin. Klaus half einem älteren Mann über die Stufen.
Ein paar Meter weiter hielt eine junge Frau ihrer Mutter die Hand.
„Leute aus der Gegend“, antwortete ich.
„Kannten sie Jonas?“
„Nein.“
Sabine blickte mich an.
„Warum sind sie dann gekommen?“
Ich überlegte einen Moment.
„Weil es manchmal nicht darauf ankommt, ob man jemanden gekannt hat.“
Sie fing erneut an zu weinen.
Dann gingen wir hinein.
Die Trauerfeier begann kurz nach elf.
Ralf hatte die Türen offen gelassen, damit die Menschen draußen etwas hören konnten.
Vorn stand ein Bild von Jonas.
Sabine hatte es mitgebracht.
Ein schmaler Junge mit braunen Haaren, großen Augen und einem schiefen Lächeln.
Auf dem Foto trug er ein grünes Oberteil und hielt einen kleinen gelben Spielzeugbagger in der Hand.
Er sah direkt in die Kamera.
Nicht besonders fröhlich.
Aber auch nicht traurig.
Eher so, als hätte ihn jemand mitten beim Spielen fotografiert.
Als ich das Bild sah, musste ich an meinen Enkel Paul denken.
Er war zwölf.
Manchmal ärgerte ich mich, wenn er beim Besuch nur auf seinem Handy herumtippte oder die Schuhe mitten im Flur stehen ließ.
In diesem Moment hätte ich alles dafür gegeben, dass er neben mir säße und irgendeinen Unsinn erzählte.
Die Trauerrednerin begann mit ein paar einfachen Worten.
Sie sprach über Jonas‘ Krankheit.
Über seine Liebe zu Baukränen und Baggern.
Über seine Oma, die ihm regelmäßig Geschichten vorgelesen hatte.
Und über eine kleine Angewohnheit, die Sabine ihr erzählt hatte.
Jonas hatte vor jeder Behandlung im Krankenhaus seinen gelben Spielzeugbagger auf das Nachttischchen gestellt.
„Damit der auf mich aufpasst“, hatte er einmal gesagt.
In der Halle hörte man jemanden schluchzen.
Es war Erwin.
Er saß zwei Reihen hinter mir.
Seine Schultern bebten.
Klaus hatte einen Arm um ihn gelegt.
Dann trat Dieter nach vorn.
Er hatte mich vorher gefragt, ob er ein paar Worte sagen dürfe.
Ich hatte Ja gesagt, ohne zu wissen, was er vorhatte.
Er stellte sich neben den Sarg.
Die große Gestalt wirkte in der kleinen Halle fast fehl am Platz.
Seine Hände waren so rau, dass man die dunklen Risse in der Haut selbst aus der letzten Reihe erkennen konnte.
Er räusperte sich.
„Ich bin Dieter Kemper“, begann er. „Ich war früher Bergmann. Später habe ich Maschinen repariert.“
Er schaute auf den Sarg.
„Ich kannte den Jonas nicht.“
Eine Pause.
„Und ich werde jetzt auch nicht so tun, als hätte ich ihn gekannt.“
Im Raum war es vollkommen still.
„Ich habe selbst Kinder großgezogen. Und ich habe drei Enkel. Einer davon ist genauso alt geworden wie Jonas.“
Er atmete tief ein.
„Bei uns unter Tage gab es eine Regel. Wenn einer Hilfe brauchte, hat man nicht zuerst gefragt, ob er einem sympathisch war.“
Dieter strich sich über den Schnurrbart.
„Man hat geholfen.“
Er schaute kurz zu mir.
„Der Jonas konnte nichts dafür, was sein Vater getan hat. Er konnte sich seine Familie nicht aussuchen. Keiner von uns konnte das.“
Dann legte er eine große Hand auf den kleinen Sarg.
„Und deshalb stehen wir heute hier.“
Seine Stimme wurde brüchig.
„Schichtende, kleiner Mann. Wir begleiten dich noch ein Stück.“
Mehr sagte er nicht.
Er ging zurück an seinen Platz.
Ich glaube, viele von uns hätten in diesem Moment gern so getan, als hätten sie etwas im Auge.
Aber niemand versuchte es.
Die Männer weinten einfach.
Alte Männer, die sonst kaum über Gefühle redeten.
Männer, die Beerdigungen erlebt hatten, Scheidungen, Arbeitslosigkeit und Krankheiten.
Sie saßen da und weinten um ein Kind, das sie nie kennengelernt hatten.
Doch die schwerste Nachricht stand uns noch bevor.
Mitten in der Trauerfeier wurde Ralf leise zur Tür gerufen.
Er sprach einige Minuten draußen mit einer Mitarbeiterin.
Als er zurückkam, sah er blass aus.
Er beugte sich zu mir.
„Horst, kannst du kurz mitkommen?“
Ich stand auf und folgte ihm in einen kleinen Nebenraum.
„Was ist passiert?“
Ralf schloss die Tür.
„Es geht um Jonas‘ Vater.“
Mein erster Gedanke war, dass der Mann aus dem Gefängnis entlassen worden war oder jemand gegen die Beerdigung Einspruch erhoben hatte.
Doch Ralf sagte etwas ganz anderes.
„Stefan König hat gestern erfahren, dass sein Sohn gestorben ist. Der Sozialdienst der Justizvollzugsanstalt hat sich bei uns gemeldet.“
„Und?“
„Er ist in einem sehr schlechten Zustand. Er hat gesagt, dass er nicht mehr weiterleben will.“
Ich setzte mich auf einen Stuhl.
„Mein Gott.“
„Er wird eng betreut. Die Mitarbeiter passen auf ihn auf.“
Ralf fuhr sich über das Gesicht.
„Aber er fragt die ganze Zeit, ob jemand bei Jonas ist.“
Ich schaute durch die halb geöffnete Tür.
Draußen standen zweihundert Menschen.
Zweihundert Fremde.
Und irgendwo hinter Gefängnismauern saß ein Vater, der offenbar glaubte, sein Kind werde ohne einen einzigen Menschen begraben.
„Hat ihm denn keiner gesagt, was hier passiert?“
„Noch nicht genau. Wir haben gestern wegen einer möglichen telefonischen Abschiednahme angefragt. Die Anstalt hat jetzt ausnahmsweise ein beaufsichtigtes Gespräch genehmigt.“
„Kann er uns hören?“
„Wenn wir das wollen.“
Ich musste nachdenken.
Dieser Mann hatte etwas Schreckliches getan.
Wegen seiner Tat waren Menschen gestorben. Andere Familien mussten mit einem Verlust leben, für den es keine Wiedergutmachung gab.
Nichts an diesem Tag konnte daran etwas ändern.
Aber hier ging es nicht darum, seine Schuld kleiner zu machen.
Es ging um Jonas.
Um einen zehnjährigen Jungen, der seinen Vater bis zuletzt vermisst hatte.
„Ralf“, sagte ich, „frag Sabine. Und frag die Trauerrednerin. Wenn es für alle in Ordnung ist, soll er sich verabschieden dürfen.“
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