Niemand wollte diesen alten Kater bis er einem einsamen Witwer in einer verzweifelten Nacht das Leben rettete

Ich nickte schwach.

„Diabetes“, flüsterte ich.

Lena reagierte sofort.

Sie rief den Rettungsdienst und schilderte, was passiert war.

Dann blieb sie bei mir, sprach ruhig mit mir und achtete darauf, dass ich nicht wieder wegdämmerte.

Als ich wieder ausreichend wach war und sicher schlucken konnte, half sie mir nach der telefonischen Anleitung, etwas Süßes zu trinken.

Gurke lief währenddessen ununterbrochen um uns herum.

Er schnupperte an meiner Hand.

Dann an Lenas Schuhen.

Dann setzte er sich in die Türöffnung.

Wie ein alter Hausmeister, der darauf achtete, dass niemand seine Arbeit vernachlässigte.

Als die Rettungskräfte eintrafen, war mein Blutzucker tatsächlich stark abgesunken.

Sie versorgten mich und kontrollierten meine Werte.

Einer der Männer fragte, wie Lena mich gefunden habe.

Sie zeigte auf Gurke.

„Wegen dem da.“

Der Mann betrachtete den Kater.

Gurke betrachtete ihn zurück.

„Der hat so einen Krach gemacht“, erklärte Lena, „dass ich dachte, hier wird gerade das ganze Haus auseinandergenommen.“

Der Rettungssanitäter schüttelte lächelnd den Kopf.

„Na, dann haben Sie aber einen aufmerksamen Mitbewohner.“

Ich wollte antworten.

Doch plötzlich liefen mir Tränen über das Gesicht.

Es war mir furchtbar peinlich.

Ich war 67 Jahre alt.

Ein Mann, der jahrzehntelang als Schlosser gearbeitet hatte.

Der schwere Maschinen repariert, Nachtschichten übernommen und seine Familie versorgt hatte.

Und jetzt saß ich auf meinem Flurboden und weinte vor zwei fremden Männern und meiner Nachbarin.

Aber ich konnte nicht aufhören.

Denn während die Rettungskräfte mit mir sprachen, wurde mir etwas klar.

Ich hätte dort lange liegen können.

Vielleicht hätte mich erst Sabine am nächsten Tag angerufen.

Vielleicht hätte sie sich gewundert, warum ich nicht abhob.

Vielleicht hätte sie Lena gebeten, nach mir zu sehen.

Aber vielleicht wäre es dann zu spät gewesen.

Und der einzige Grund, warum Lena jetzt neben mir kniete, war ein alter Kater.

Ein Tier, das niemand mehr wollte.

Ein Tier mit zerfetzten Ohren, trüben Augen und einem lächerlichen Namen.

Ein Kater, den ich nur für eine einzige Nacht aufgenommen hatte.

Nachdem die Rettungskräfte mich untersucht und versorgt hatten, wurde ich zur weiteren Kontrolle ins Krankenhaus gebracht.

Lena versprach, sich um Gurke zu kümmern.

„Ich gebe ihm sein Frühstück“, sagte sie.

„Er mag keine Fremden“, murmelte ich.

Sie lachte.

„Nach dieser Nacht sind wir wohl keine Fremden mehr.“

Bevor ich das Haus verließ, drehte ich noch einmal den Kopf.

Gurke saß auf Elisabeths Sessel.

Sein Fell stand in alle Richtungen.

Er sah müde aus.

Fast beleidigt.

Als wäre er der Meinung, endlich genug gearbeitet zu haben.

„Danke“, sagte ich leise.

Seine Ohren zuckten.

Am Vormittag durfte ich nach Hause.

Meine Werte waren wieder stabil, und man hatte mit mir besprochen, wie ich solche Situationen künftig besser vermeiden und mich auf einen Notfall vorbereiten konnte.

Lena holte mich ab.

Während der Fahrt erzählte sie, wie laut Gurke gewesen war.

„Ich dachte wirklich, da wird jemand umgebracht.“

Ich musste lachen.

„So schlimm?“

„Noch schlimmer. Ich habe noch nie eine Katze so schreien hören.“

Dann wurde sie ernst.

„Herr Weber, wenn ich gestern nicht mit Ihnen gesprochen hätte, hätte ich den Krach vielleicht einfach für irgendein Tier gehalten.“

Ich sah aus dem Fenster.

„Und wenn ich gestern nicht zu dieser Katzenhilfe gefahren wäre …“

Wir schwiegen beide.

Nach einer Weile sagte Lena:

„Dann bin ich ziemlich froh, dass Sie hingefahren sind.“

Als ich mein Wohnzimmer betrat, lag Gurke wieder in Elisabeths Sessel.

Natürlich.

Er hob den Kopf, als ich hereinkam.

Ich blieb vor ihm stehen.

„Na, du alter Raufbold.“

Er miaute heiser.

„Hast du gut geschlafen?“

Er sah mich an.

Ich setzte mich vorsichtig auf den Hocker neben dem Sessel.

Lange betrachtete ich diesen merkwürdigen Kater.

Die fehlenden Fellbüschel.

Die schiefen Schnurrhaare.

Die kleine Narbe über dem linken Auge.

Ich wusste nicht, was er erlebt hatte.

Wie viele Menschen ihn im Laufe seines Lebens enttäuscht hatten.

Oder wie lange er in seinem Gehege gesessen hatte, während andere Katzen abgeholt wurden.

Ich wusste nur eines.

Als ich ihn gebraucht hatte, war er da gewesen.

Und er hatte nicht aufgegeben.

Kurz vor Mittag griff ich zum Telefon.

Martina von der Katzenhilfe meldete sich.

„Guten Tag, Herr Weber. Wie war denn die erste Nacht mit unserem Gurke?“

Ich schluckte.

„Aufregender als erwartet.“

„Oh je. Hat er etwas angestellt?“

„So kann man das sagen.“

Ich erzählte ihr alles.

Von meinem Zusammenbruch.

Von Lenas Hilfe.

Von Gurkes Schreien.

Am anderen Ende der Leitung wurde es ganz still.

Schließlich sagte Martina:

„Das ist ja unglaublich.“

„Ja.“

„Geht es Ihnen denn wieder gut?“

„Wieder deutlich besser.“

Sie atmete hörbar aus.

„Da haben Sie aber Glück gehabt.“

Ich sah zu Gurke hinüber.

Er lag auf dem Rücken, eine Pfote halb ausgestreckt.

„Martina?“

„Ja?“

„Ich rufe eigentlich wegen etwas anderem an.“

„Natürlich. Möchten Sie ihn heute Nachmittag zurückbringen?“

Ich spürte, wie meine Augen feucht wurden.

„Nein.“

Sie schwieg.

„Ich möchte ihn behalten.“

Einen Augenblick hörte ich nur ihren Atem.

Dann sagte sie ganz leise:

„Wirklich?“

„Wenn das möglich ist.“

Martina lachte.

Aber ihre Stimme klang plötzlich brüchig.

„Herr Weber, ich glaube, das ist die schönste Nachricht, die ich heute bekommen konnte.“

Am nächsten Tag erledigten wir die Formalitäten.

Gurke bekam ein richtiges Zuhause.

Nicht nur für eine Nacht.

Für immer.

Als Martina mir die Unterlagen überreichte, erzählte sie mir etwas, das ich vorher nicht gewusst hatte.

Gurke war schon fast ein Jahr bei ihnen gewesen.

In dieser Zeit hatten sich nur wenige Menschen ernsthaft für ihn interessiert.

Einige fanden ihn zu alt.

Andere störten sich an seinem Aussehen.

Eine Frau hatte sogar gesagt, er sehe aus, als wäre er ständig schlecht gelaunt.

„Ist er ja auch“, antwortete ich.

Martina lachte.

Dann wurde sie ernst.

„Wissen Sie, Herr Weber, bei alten Tieren haben wir manchmal Angst, dass sie ihr letztes Lebensjahr bei uns verbringen müssen.“

Ich strich über den Rand der Transportbox.

„Das wird bei Gurke nicht passieren.“

In den folgenden Wochen veränderte sich unser Alltag.

Nicht schlagartig.

Nicht wie in einem dieser Filme, in denen plötzlich alles schön wird.

Ich hatte weiterhin schlechte Tage.

Meine Knie schmerzten.

Elisabeth fehlte mir noch immer.

Und manchmal saß ich abends im Wohnzimmer, während die Erinnerungen so schwer wurden, dass ich kaum atmen konnte.

Aber nun war ich nicht mehr allein.

Gurke hatte seine festen Gewohnheiten.

Morgens um sechs verlangte er Frühstück.

Um halb acht wollte er auf die Fensterbank gehoben werden.

Nachmittags schlief er auf Elisabeths Sessel.

Und abends setzte er sich grundsätzlich neben mich, sobald ich den Fernseher einschaltete.

Er mochte keine lauten Stimmen.

Wenn im Fernsehen jemand herumschrie, miaute er empört.

„Beschwer dich nicht bei mir“, sagte ich dann. „Ich hab das Programm nicht gemacht.“

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