Niemand wollte diesen alten Kater bis er einem einsamen Witwer in einer verzweifelten Nacht das Leben rettete

Ich stand eine Weile vor ihm.

Dann musste ich zum ersten Mal seit Tagen lachen.

„Na schön, du alter Dickkopf. Aber nur bis morgen.“

Gegen sieben Uhr machte ich mir eine Gemüsesuppe warm.

Ich stellte einen Teller auf den Küchentisch und setzte mich.

Aus dem Wohnzimmer hörte ich ein leises Poltern.

Gurke war offenbar vom Sessel gesprungen.

Wenig später erschien er in der Küchentür.

„Na, hast du Hunger?“

Er antwortete mit einem rauen, krächzenden Laut.

Es klang, als hätte jemand versucht, ein altes Gartentor zu öffnen.

„Du hörst dich ja schrecklich an.“

Gurke setzte sich.

Ich nahm einen Löffel Suppe.

Und plötzlich begann ich zu reden.

Einfach so.

„Weißt du, Gurke, meine Frau hätte dich wahrscheinlich sofort ins Herz geschlossen.“

Er putzte sich eine Pfote.

„Sie mochte Katzen. Ich nicht besonders. Jedenfalls habe ich das immer behauptet.“

Ich lächelte.

„Einmal hat sie einen verletzten Kater gefunden. Der durfte drei Wochen bei uns wohnen. Ich hab geschimpft, weil er Haare auf dem Sofa hinterließ.“

Gurke blickte kurz auf.

„Elisabeth hat nur gesagt: Heinrich, Haare kann man wegmachen. Einsamkeit nicht so einfach.“

Bei diesen Worten wurde mein Hals eng.

Ich starrte in meinen Suppenteller.

„Sie war eine kluge Frau, weißt du.“

Der Kater machte ein leises Geräusch.

Vielleicht war es Zufall.

Vielleicht wollte er nur sein Abendessen.

Aber in diesem Moment fühlte es sich an, als würde mir endlich jemand zuhören.

Ich erzählte ihm Dinge, die ich seit Elisabeths Tod keinem Menschen mehr gesagt hatte.

Dass ich manchmal noch zwei Teller aus dem Schrank nahm.

Dass ich ihre Stimme vergessen könnte, machte mir mehr Angst als meine eigene Krankheit.

Dass ich Sabine nie sagte, wie einsam ich wirklich war, weil ich nicht wollte, dass meine Tochter sich verantwortlich fühlte.

Und dass ich mich manchmal fragte, wozu ich morgens überhaupt noch aufstand.

Nicht, weil ich nicht mehr leben wollte.

Sondern weil jeder Tag genauso aussah wie der vorherige.

Gurke saß inzwischen auf dem Küchenboden.

Er hörte zu.

Oder wartete auf Futter.

Vielleicht beides.

Als ich fertig war, streckte er sich mühsam und rieb seinen Kopf an meinem Hosenbein.

Nur einmal.

Ganz kurz.

Dann ging er zurück ins Wohnzimmer.

Ich saß noch lange am Tisch.

Und zum ersten Mal seit drei Jahren hatte ich das Gefühl, nicht gegen eine Wand gesprochen zu haben.

Vor dem Schlafengehen kontrollierte ich meinen Blutzucker.

Der Wert war nicht ideal, aber ich fühlte mich einigermaßen wohl.

Ich nahm meine Medikamente wie verordnet, kontrollierte noch einmal die Haustür und ließ die kleine Stehlampe im Wohnzimmer brennen.

Gurke lag wieder auf Elisabeths Sessel.

Ein Auge war halb geöffnet.

„Gute Nacht, alter Freund.“

Er bewegte ein Ohr.

Mehr nicht.

Ich ging ins Schlafzimmer.

Damals ahnte ich nicht, dass dieser unscheinbare Kater wenige Stunden später alles verändern würde.

Irgendwann in der Nacht wurde ich wach.

Sofort wusste ich, dass etwas nicht stimmte.

Mein Herz schlug viel zu schnell.

Meine Hände zitterten.

Mein Schlafanzug klebte feucht an meinem Rücken.

Ich versuchte mich aufzusetzen.

Das Zimmer drehte sich.

„Verdammt“, murmelte ich.

Ich kannte diese Anzeichen.

Mein Blutzucker konnte gefährlich abgesunken sein.

Ich musste sofort reagieren.

Neben dem Bett lag meine Lesebrille.

Mein Telefon hatte ich im Flur liegen lassen.

Ich griff nach der Bettkante und zwang mich auf die Füße.

Ein Schritt.

Noch einer.

Ich erreichte die Schlafzimmertür.

Meine Knie fühlten sich an, als wären sie aus Pappe.

Ich stützte mich an der Wand ab.

Die Küche lag nur wenige Meter entfernt.

Dort hatte ich Traubenzucker liegen.

Ich musste nur bis dorthin kommen.

Nur ein paar Schritte.

Doch plötzlich wurde alles schwarz vor meinen Augen.

Mein rechtes Knie gab nach.

Ich fiel gegen den Türrahmen und schlug mit der Schulter auf den Boden.

Ein stechender Schmerz durchfuhr meinen Arm.

Ich wollte mich hochdrücken.

Es ging nicht.

„Hilfe“, flüsterte ich.

Das Wort klang lächerlich leise.

Ich versuchte es noch einmal.

„Hilfe!“

Aber mein Mund war trocken, und meine Stimme gehorchte mir kaum.

Ich lag im Flur meines eigenen Hauses.

Allein.

Mein Telefon lag auf dem kleinen Schränkchen neben der Haustür.

Vielleicht zwei Meter entfernt.

Es hätten auch zweihundert sein können.

Dann hörte ich ein Geräusch.

Ein dumpfes Poltern aus dem Wohnzimmer.

Kurz darauf erschien Gurke.

Er stand am Ende des Flurs und starrte mich an.

„Gurke“, brachte ich hervor.

Er kam näher.

Seine steifen Beine bewegten sich plötzlich erstaunlich schnell.

Er schnupperte an meinem Gesicht.

Dann stieß er einen Laut aus, den ich noch nie von einer Katze gehört hatte.

Es war kein normales Miauen.

Es war ein schriller, rauer Schrei.

So laut, dass ich zusammenzuckte.

„Schon gut“, flüsterte ich.

Aber nichts war gut.

Gurke sprang zurück.

Er sah mich an.

Schrie erneut.

Dann rannte er zur Haustür.

Was danach geschah, erfuhr ich später zum Teil von Lena.

Ich selbst erinnere mich nur an einzelne Bilder.

Gurke warf sich gegen die Haustür.

Er kratzte am Holz.

Schrie.

Rannte zurück zu mir.

Und wieder zur Tür.

Immer wieder.

Als würde er verzweifelt versuchen, jemanden hereinzulassen.

Neben der Garderobe stand ein alter Schirmständer aus Metall.

Gurke stieß ihn um.

Der Ständer krachte gegen die Fliesen.

Dann sprang er auf das kleine Schuhschränkchen und fegte die Metallschale herunter, in der ich Schlüssel und Kleingeld aufbewahrte.

Es schepperte durch das ganze Haus.

Ich wollte ihm sagen, dass er aufhören sollte.

Dass er sich verletzen könnte.

Aber meine Gedanken wurden immer langsamer.

Ich spürte seinen rauen Kopf an meiner Wange.

Dann hörte ich wieder diesen Schrei.

Ein Geräusch voller Dringlichkeit.

Fast wütend.

Als würde dieser alte, zerzauste Kater sich weigern, mich einfach liegen zu lassen.

Lena war gerade aufgestanden, um sich für ihre Frühschicht fertig zu machen.

Es war kurz nach halb fünf.

Zuerst dachte sie, bei mir sei etwas heruntergefallen.

Dann hörte sie das Kratzen.

Und die Schreie.

„Herr Weber?“, rief sie von draußen.

Keine Antwort.

Gurke wurde noch lauter.

Sie kam bis an meine Haustür.

„Herr Weber, ist alles in Ordnung?“

Ich hörte ihre Stimme wie durch dickes Glas.

Ich wollte antworten.

Nichts kam heraus.

Dann klopfte sie kräftiger.

„Herr Weber!“

Gurke schrie.

Lena versuchte die Türklinke.

Die Tür war nicht abgeschlossen.

Eine alte Gewohnheit von mir. Ich hatte den Schlüssel abgezogen, aber nur die Falle einrasten lassen.

Später sagte Lena, sie habe die Tür vorsichtig aufgedrückt.

Gurke sei sofort zur Seite gesprungen.

Und da habe sie mich gesehen.

Zusammengesunken auf dem Flurboden.

„Um Gottes willen, Herr Weber!“

Sie kniete sich neben mich.

Ich erinnere mich an ihre Hand auf meiner Schulter.

An ihre Stimme.

An den Geruch nach frischer Seife.

„Können Sie mich hören?“

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