Für Mila fand sich keine Familie – bis ein alter Mechaniker für sie kämpfte

Dreiundvierzigmal hatte sich keine Familie gefunden. Als ich sagte, dass das kleine Mädchen bei mir bleiben sollte, sahen sie zuerst meine ölverschmierten Hände. Dann mein Alter.

„Sie sind einundsechzig, Herr Kruse. Sie leben allein über einer Werkstatt.“

Frau Seidel legte ihren Kugelschreiber auf die Mappe. Neben ihrem Schreibtisch saß ein kleines Mädchen auf dem Teppich und versuchte, einem Stoffbären einen Kinderschuh anzuziehen.

„Das weiß ich“, sagte ich. „Ich wohne schließlich da.“

„Ein Kind dauerhaft aufzunehmen ist etwas anderes, als gelegentlich mit ihm zu spielen.“

„Dann prüfen Sie, ob ich es kann.“

Sie sah mich lange an. Ich war noch in Arbeitshose gekommen, mit einem dunklen Fleck am Knie und Händen, die selbst nach dreimaligem Waschen nicht richtig sauber aussahen. Ich wusste, wie ich wirkte.

Dann hob das Mädchen den Kopf.

„Hannes auch nach Hause?“

Und plötzlich war es sehr still im Zimmer.

Ich heiße Hannes Kruse. Die meisten im Ort sagen bloß Kruse, als wäre mein Vorname irgendwann zwischen Hebebühne und Ersatzteillager verloren gegangen.

Meine Werkstatt lag am Rand einer Kleinstadt im Sauerland. Zwei Arbeitsplätze, ein kleiner Hof, oben eine Wohnung. Ich hatte dort beinahe vierzig Jahre Autos repariert, Anhänger geschweißt und Menschen erklärt, dass ein klappernder Auspuff durch lauter gestelltes Radio nicht besser wird.

Meine Frau Anne war seit acht Jahren tot.

Nach ihrer Beerdigung hatte ich weitergearbeitet. Morgens um halb sieben Licht an, abends irgendwann aus. Solange unter mir ein Motor lief, hörte ich die leere Wohnung nicht.

Kinder hatten wir uns gewünscht. Erst hatten wir gewartet, dann gehofft, schließlich nicht mehr darüber gesprochen. Nach Annes Tod stand das kleine Zimmer neben unserem Schlafzimmer voller Kartons.

So blieb es jahrelang.

Mila lernte ich kennen, weil der Kleinbus einer Einrichtung für Kinder beim Rückwärtsfahren ein Geräusch machte, das niemand hören wollte.

Ich kümmerte mich gelegentlich um deren Fahrzeuge. Kleine Reparaturen schrieb ich nicht auf. Die Leiterin stellte mir dafür manchmal ein Stück Kuchen hin und behauptete, das sei zufällig übrig geblieben.

An einem Donnerstag stand ich im Hof der Einrichtung und suchte nach einer heruntergefallenen Schraube, als jemand an meinem Hosenbein zog.

Ein kleines Mädchen hielt mir einen roten Bauklotz hin.

„Kaputt.“

„Was ist daran kaputt?“

Sie drehte ihn um, betrachtete ihn ernst und gab ihn mir trotzdem.

Mila war knapp zwei. Sie trug ein rosa Oberteil, gestreifte Leggings und einen Strumpf, der halb über die Ferse gerutscht war. Unter dem anderen Arm klemmte ein Stoffbär mit einer schief angenähten Nase.

Die Betreuerin kam sofort hinterher.

„Mila, du sollst doch bei mir bleiben.“

Das Mädchen griff nach meinem Finger. Nicht vorsichtig. So selbstverständlich, als hätten wir etwas miteinander verabredet.

„Du machst“, sagte sie und zeigte auf den Bauklotz.

Ich steckte die Schraube in meine Brusttasche, wischte mir die Hände ab und setzte mich auf die niedrige Hofmauer.

„Dann wollen wir mal sehen.“

Mila hatte das Down-Syndrom. Ihre Sprache entwickelte sich langsam, und beim Laufen brauchte sie noch viel Sicherheit. Sie brauchte außerdem Menschen, die warten konnten, ohne jeden ihrer Schritte für sie zu übernehmen.

Das begriff ich erst später.

Damals sah ich vor allem ein Kind, das mir einen Bauklotz anvertraut hatte und nun erwartete, dass ich meine Arbeit ordentlich machte.

Von da an erkannte sie meinen Wagen am Motorgeräusch.

Wenn ich in den Hof fuhr, stand sie manchmal schon am Fenster. Sie winkte mit dem ganzen Arm, und ich tat so, als wäre das ein völlig gewöhnlicher Empfang für einen alten Mechaniker.

Bei meinen nächsten Besuchen brachte ich ein Bilderbuch mit. Dann ein zweites. Irgendwann blieb ich nach der Reparatur noch eine halbe Stunde, immer nach Absprache, immer im Gemeinschaftsraum oder im Garten.

Mila mochte die Seite mit dem Bagger.

Ich durfte sie nicht überspringen.

Über ihre Herkunft erfuhr ich erst etwas, als meine Besuche regelmäßiger geworden waren. Ihre leiblichen Eltern waren sehr jung gewesen. Nach der Geburt hatten sie erklärt, dass sie die Verantwortung nicht tragen könnten.

Frau Seidel sagte das ohne Vorwurf.

„Mehr sollte Mila später von ihnen hören dürfen als nur den Satz, dass sie nicht geblieben sind.“

Die Pflegefamilie, bei der Mila zunächst gelebt hatte, hatte sie liebevoll versorgt. Dauerhaft konnte sie dort jedoch nicht bleiben. Als die Pflegemutter schwer erkrankte, kam Mila vorübergehend in die kleine Wohngruppe.

Vorübergehend.

Ein Wort, das Erwachsene leicht aussprechen.

Für ein Kind bedeutet es, dass der Becher im Schrank immer jemand anderem gehört.

Die Zahl dreiundvierzig hörte ich an einem Dienstag. Frau Seidel saß mir gegenüber, müde und mit einer kalten Tasse Kaffee vor sich.

So viele mögliche Familien hatte die Vermittlungsstelle inzwischen angefragt oder näher geprüft.

Nicht dreiundvierzig Besuche, bei denen Mila vorgeführt worden wäre. Die meisten Menschen hatten sie nie kennengelernt. Manche konnten die Versorgung tatsächlich nicht leisten, andere hatten Angst, einige sagten schon nach dem ersten Gespräch ab.

„Es findet sich einfach niemand“, sagte Frau Seidel.

Durch die offene Tür sah ich Mila am kleinen Tisch sitzen. Sie legte ihrem Bären einen Löffel vor die Nase und wartete geduldig, bis er endlich essen würde.

„Und was passiert jetzt?“

„Wir suchen weiter. Aber wir müssen auch überlegen, welche Wohnform langfristig möglich ist.“

Ich hatte an diesem Morgen einen Kunden weggeschickt, weil er zum dritten Mal über meine Rechnung feilschen wollte. Über ein paar Euro hatte ich mich noch mittags aufgeregt.

Nun saß da dieses Kind.

Und niemand wusste, wo es seinen nächsten Geburtstag feiern würde.

„Ich möchte sie aufnehmen“, sagte ich.

Frau Seidel antwortete nicht sofort.

Dann begann das Gespräch über mein Alter, meine Wohnung und meine Werkstatt.

Ich war gekränkt, als ich nach Hause fuhr. Ich hatte erwartet, dass ein Mensch nur sagen müsse: Ich will für dieses Kind da sein.

Am Abend stand ich in der Küche vor einem einzigen Teller.

Da begriff ich, wie wenig ich bisher über das nachgedacht hatte, was nach diesem Satz kommen musste.

Am nächsten Morgen rief ich Frau Seidel an.

„Gestern war ich stur.“

„Ein bisschen.“

„Ich bin immer noch entschlossen. Aber erklären Sie mir bitte, was ich lernen muss.“

Sie erklärte mir viel.

Über Förderung und Arzttermine. Über Bindungen, Abschiede und darüber, dass ein Kind seine Erfahrungen mitbringt, auch wenn es kaum Worte dafür hat.

Ich hatte zuerst von Adoption gesprochen. Wir redeten schließlich über eine dauerhafte Pflegefamilie. Niemand versprach mir eine schnelle Entscheidung.

Vor allem versprach niemand, dass mein Wunsch reichen würde.

In den folgenden Monaten saß ich in Vorbereitungsgesprächen neben Menschen, die jünger waren als manche meiner Werkzeuge. Ich besuchte einen Kurs, sprach mit Fachleuten und lernte Eltern kennen, deren Kinder das Down-Syndrom hatten.

Ein Vater sagte beim Abschied: „Nehmen Sie Hilfe an. Sie müssen niemandem beweisen, dass Sie alles allein schaffen.“

Den Satz schrieb ich mir zu Hause auf.

Meine Wohnung wurde mehrfach besichtigt. Der Zugang durch die Werkstatt war ungeeignet, also ließ ich den seit Jahren kaum benutzten Seiteneingang herrichten.

Die Treppe bekam sichere Geländer und Schutzgitter. Reinigungsmittel verschwanden in abgeschlossenen Schränken. Im kleinen Zimmer mussten die Kartons weichen.

Ganz hinten fand ich eine Tapetenrolle, die Anne einmal gekauft hatte.

Kleine gelbe Blumen.

Ich saß damit auf dem Fußboden, bis es dunkel wurde.

Mein Freund Rolf half beim Renovieren. Er war früher Elektriker gewesen, hatte einen Rücken wie ein Schrank und sprach selbst beim Tapezieren so, als würde er einen Umspannmast einweisen.

„Die Wand ist schief.“

„Das Haus ist alt.“

„Du auch. Trotzdem kriegen wir dich noch gerade hingestellt.“

Seine Frau Gisela brachte Gardinen mit. Meine Nachbarin Frau Yilmaz nähte einen Bezug für den kleinen Sessel, den wir vom Dachboden geholt hatten.

Aus dem leeren Zimmer wurde langsam ein Kinderzimmer.

Aber wichtiger war die Frage, die Frau Seidel immer wieder stellte.

„Wer hilft Ihnen, wenn Sie ausfallen?“

Früher hätte ich gesagt, ich falle nicht aus.

Jetzt legten wir einen Plan an.

Rolf und Gisela wohnten zwei Straßen weiter. Frau Yilmaz war tagsüber häufig zu Hause. Mein langjähriger Geselle Jens konnte die Werkstatt führen, wenn ich Termine hatte.

Niemand sagte leichtfertig zu. Wir sprachen darüber, was Hilfe tatsächlich bedeutete.

Auch über Fieber um drei Uhr morgens.

Auch über Tage, an denen Mila vielleicht niemanden außer mir an sich heranlassen würde.

Währenddessen besuchte ich sie regelmäßig. Manchmal lasen wir, manchmal saßen wir bloß nebeneinander.

Eine Mitarbeiterin zeigte mir Gebärden, mit denen Mila sich leichter verständigen konnte. Ich übte abends vor dem Badezimmerspiegel und kam mir dabei zunächst ziemlich unbeholfen vor.

Mila fand meine Versuche großartig.

Wenn ich eine Bewegung falsch machte, zog sie meine Hand zurecht und seufzte tief.

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