Ein kleines Mädchen klammerte sich an seine Jacke – und fürchtete ausgerechnet die Polizei

Als die Sechsjährige sich an meiner ölverschmierten Jacke festklammerte, dachte ich, sie hätte Angst vor mir. Dann hörte ich, vor wem sie wirklich davonlief.

„Bitte schicken Sie mich nicht zurück“, sagte sie. „Ich kann auch arbeiten. Ich mache alles sauber.“

Ihre nackten Füße standen auf dem kalten Asphalt. Am linken Knie klebte Blut, ein Auge war zugeschwollen. Sie hielt meine Jacke so fest, dass der Stoff unter ihren kleinen Fingern knirschte.

Hinter uns klapperte jemand mit einer Kaffeetasse. Dann wurde es still.

Wir waren acht Männer, die kurz vor zwei Uhr nachts an einem Autohof im Sauerland noch einen Kaffee trinken wollten. Den ganzen Tag hatten wir die Werkstatt unseres verstorbenen Freundes Rudi ausgeräumt. Als die letzte Maschine auf dem Anhänger stand, hatte keiner von uns nach Hause gewollt.

Ich hieß Heinz, war vierundsechzig und hatte fast mein ganzes Berufsleben als Schlosser gearbeitet. Meine Hände waren breit, die Gelenke krumm, und seit dem Tod meiner Frau sagte ich meist nur noch, was unbedingt gesagt werden musste.

Das Mädchen hatte sich ausgerechnet mich ausgesucht.

„Wie heißt du?“, fragte ich und ging langsam in die Hocke.

„Lea.“ Sie schluckte mühsam. „Die Polizei sucht mich.“

Uwe stellte seinen Kaffee auf die Motorhaube. Dieter zog bereits seine Arbeitsjacke aus, aber als er einen Schritt näher kam, zuckte Lea zusammen.

„Wir bleiben hier“, sagte ich. „Keiner fasst dich einfach an.“

Sie sah zur Zufahrt. Zwischen den abgestellten Lastwagen flackerte blaues Licht.

„Die bringen mich zu ihr“, flüsterte sie. „Sie hat gesagt, diesmal merkt es keiner.“

Ich kannte diesen Ton. Nicht von Kindern, sondern von Männern, die nach einem Arbeitsunfall noch unter einer Maschine lagen und versuchten, ruhig zu bleiben.

„Zu wem, Lea?“

„Zu meiner Pflegemutter.“ Ihre Finger verkrampften sich wieder. „Die ist selber bei der Polizei.“

Niemand sagte etwas. Mehmet, der sonst für jede Lage einen trockenen Spruch hatte, sah nur noch auf ihre Füße.

„Hat sie dir wehgetan?“, fragte ich.

Lea nickte, ohne mich anzusehen. Dann schob sie einen Ärmel hoch.

Ich werde nicht beschreiben, was darunter war. Es reichte, um zu wissen, dass dieses Kind nicht beim Spielen hingefallen war.

„Uwe“, sagte ich, „ruf einen Rettungswagen.“

Lea begann sofort zu zittern. „Nein. Dann kommen noch mehr.“

„Die Sanitäter kümmern sich um deine Verletzungen“, sagte ich. „Ich bleibe hier, solange sie es erlauben. Und ich höre dir zu.“

„Auch wenn sie sagt, ich lüge?“

„Auch dann.“

Dieter legte seine Jacke neben uns auf den Boden. Lea sah erst ihn an, dann mich, bevor sie zuließ, dass ich sie ihr um die Schultern legte.

Sie roch nach kaltem Rauch und Waschmittel. Unter der schweren Jacke wirkte sie noch kleiner.

„Ich habe es schon gesagt“, murmelte sie. „In der Schule. Aber nachher musste ich mich entschuldigen.“

„Bei wem?“

„Bei ihr. Weil sie wegen mir Ärger hatte.“

Der Streifenwagen hielt einige Meter entfernt. Zwei Beamte stiegen aus, ein jüngerer Mann und ein älterer Kollege. Fast gleichzeitig bog ein dunkler Kleinwagen auf den Parkplatz ein.

Lea sah ihn und duckte sich hinter meinen Arm.

Eine Frau in Jeans und Steppjacke stieg aus. Vielleicht Ende vierzig, ordentlich frisiert, das Gesicht angespannt. Sie ging direkt auf uns zu.

„Da bist du ja. Weißt du eigentlich, was du hier anrichtest?“

Lea gab keinen Laut von sich. Ich spürte nur, wie ihr ganzer Körper gegen meine Seite drückte.

„Sie braucht einen Arzt“, sagte ich.

Die Frau warf mir einen kurzen Blick zu. „Ich bin ihre Pflegemutter. Und Polizeibeamtin. Das Kind hat erhebliche Schwierigkeiten.“

Der ältere Beamte schien sie zu kennen. Er nickte ihr zu und wandte sich dann an mich.

„Wir übernehmen jetzt.“

Ich stand langsam auf. Lea hielt immer noch meine Jacke fest.

„Dann übernehmen Sie bitte auch, was sie gerade gesagt hat“, antwortete ich. „Sie hat Angst vor dieser Frau. Sie sagt, dass sie dort geschlagen wird.“

„Lea erzählt solche Geschichten“, sagte die Frau sofort. „Sie verletzt sich teilweise selbst. Wir arbeiten daran.“

Früher hätte mich ein solcher Satz wahrscheinlich beruhigt. Eine erwachsene Frau, ein sicherer Ton, dazu ein Beruf, dem man vertraut. Aber das Kind neben mir bekam kaum noch Luft.

Der jüngere Polizist bemerkte es ebenfalls.

„Wie heißen Sie?“, fragte er mich.

„Heinz Berger.“

„Herr Berger, bleiben Sie bitte einen Moment bei ihr.“

Er ging in die Hocke, mit etwas Abstand zu Lea. „Ich bin Jonas. Der Rettungswagen ist unterwegs. Du musst jetzt nicht alles erzählen.“

Zum ersten Mal sah sie einen der Beamten an.

„Muss ich heute wieder in ihr Haus?“

Die Pflegemutter machte einen Schritt nach vorn. „Jetzt reicht es aber, Lea.“

Jonas richtete sich auf.

„Bitte warten Sie bei Ihrem Wagen.“

„Du kennst mich doch.“

„Gerade deshalb bitte ich einen Vorgesetzten dazu.“

Sein älterer Kollege sah zwischen ihnen hin und her. Dann nahm auch er sein Funkgerät.

Die Frau wurde rot. „Ihr lasst euch doch nicht von einem Kind vorführen.“

Ich hätte viel sagen können. Acht Männer standen um mich herum, und ich wusste, dass jeder dieselbe Wut im Bauch hatte. Aber Lea brauchte jetzt keine Männer, die laut wurden.

Also sagte ich nur: „Dieter, hol bitte die Decke aus dem Transporter.“

Die Minuten bis zum Rettungswagen waren lang. Lea zählte die Knöpfe an meiner Jacke, immer wieder von oben nach unten.

Als die Sanitäterin sich vorstellte, fragte sie zuerst, ob sie Leas Füße ansehen dürfe. Diese kleine Frage veränderte etwas. Lea nickte vorsichtig und ließ zum ersten Mal mit einer Hand meine Jacke los.

Eine weitere Streife kam. Eine Beamtin sprach getrennt mit uns, während Jonas bei Lea blieb und die Pflegemutter mit seinem Kollegen abseits wartete.

Niemand filmte. Niemand machte Fotos für irgendeine Gruppe.

Wir nannten unsere Namen, erzählten, was wir gesehen hatten, und wiederholten Leas Worte so genau, wie wir konnten. Alles Weitere sollten Menschen dokumentieren, die dafür ausgebildet waren.

Als die Trage bereitstand, klammerte Lea sich erneut an mich.

„Kommst du mit?“

Die Sanitäterin sah mich an. „Wenn Sie einverstanden sind und Ihre Personalien hier aufgenommen wurden, können Sie bei uns mitfahren.“

Uwe nahm mir wortlos den Autoschlüssel ab.

„Ich bring deinen Wagen heim“, sagte er.

Lea lag unter einer hellen Decke. Nur ihr Gesicht und eine Hand waren zu sehen.

„Was machst du für Arbeit?“, fragte sie, als wir im Rettungswagen saßen.

„Ich war Schlosser. Jetzt repariere ich Sachen in meiner alten Werkstatt.“

„Auch Fahrräder?“

„Besonders Fahrräder.“

Sie dachte darüber nach. „Darf ich mal zugucken?“

„Wenn du wieder gesund bist und die Erwachsenen, die sich jetzt kümmern, einverstanden sind.“

„Versprochen?“

Ich hielt ihr meinen kleinen Finger hin. Sie hakte ihren darin ein.

Damals glaubte ich noch, ich hätte einem Kind einen Werkstattbesuch versprochen. Ich wusste nicht, dass gerade mein ganzes restliches Leben einen anderen Weg nahm.

Im Krankenhaus wurden mehrere Verletzungen festgestellt, darunter ein Rippenbruch. Einige waren frisch, andere älter. Lea musste bleiben.

Eine Mitarbeiterin des Jugendamts kam noch in derselben Nacht. Sie stellte sich als Frau Lorenz vor und sprach mit Lea, ohne ihre Pflegemutter im Raum zu haben.

Ich wartete auf einem Plastikstuhl im Flur. Meine Hose war voller Metallstaub von Rudis Werkstatt.

Gegen Morgen durfte ich noch einmal hinein. Lea lag mit offenen Augen im Bett.

„Du bist noch da.“

„Ja.“

„Hat sie gesagt, ich bin böse?“

Ich setzte mich neben sie. „Sie hat einiges gesagt. Die Leute hier schauen jetzt genau hin.“

Lea strich mit dem Finger über den Rand ihrer Bettdecke. „Sie ist immer nett, wenn jemand kommt.“

Mehr sagte sie an diesem Morgen nicht. Es war genug.

Später erfuhr ich, dass ihre Pflegemutter zunächst nicht mehr zu ihr durfte und Ermittlungen eingeleitet worden waren. Andere Beamte übernahmen den Fall. Die Dinge gingen nicht so schnell und sauber weiter, wie man sich das als Außenstehender wünscht.

Es gab Gespräche, Untersuchungen, widersprüchliche Angaben und Akten, die erneut gelesen wurden. Aber diesmal blieb Lea an einem sicheren Ort.

Ich fuhr mittags nach Hause. Auf unserem Küchentisch stand noch immer die kleine Schale, in die meine Frau früher ihre Ringe gelegt hatte.

Seit fünf Jahren war sie tot. Ich hatte es geschafft, ihre Kleider wegzugeben und das Schlafzimmer neu zu streichen. An dieser Schale war ich gescheitert.

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