Ein kleines Mädchen klammerte sich an seine Jacke – und fürchtete ausgerechnet die Polizei

Ich stellte meine Tasse daneben und rief meine Tochter an.

Katja hörte lange zu.

„Und jetzt?“, fragte sie schließlich.

„Weiß ich nicht.“

„Papa.“

„Was?“

„Du weißt es schon. Du traust dich nur noch nicht, es zu sagen.“

Ich widersprach ihr. Dann saß ich fast eine Stunde am Küchentisch und dachte an ein Kind, das angeboten hatte, meinen Dreck wegzumachen, wenn ich es dafür nicht zurückschickte.

Frau Lorenz meldete sich am nächsten Tag. Lea hatte nach mir gefragt.

„Ein Besuch kann ihr guttun“, sagte sie. „Wir müssen aber gemeinsam darauf achten, dass keine Versprechen entstehen, die später nicht gehalten werden können.“

„Verstehe ich.“

Tatsächlich verstand ich damals wenig. Ich wusste, wie man einen verzogenen Rahmen richtet. Wie man eine festgerostete Mutter löst, ohne das Gewinde abzureißen. Ich wusste nicht, wie man einem Kind Sicherheit gab, dem Erwachsene das Wort Sicherheit gründlich verdorben hatten.

Beim zweiten Besuch brachte ich ein dünnes Bilderbuch mit.

Lea fragte nicht nach dem Buch. „Wo ist deine Frau?“

„Gestorben.“

Sie sah mich lange an. „Meine Mama auch.“

Ich nickte.

„Und mein Papa. Es hat gebrannt. Ich war noch klein.“

Ich kannte ihre Geschichte inzwischen in groben Zügen. Nach dem Tod ihrer Eltern hatte es niemanden in der Familie gegeben, der sie dauerhaft aufnehmen konnte.

„Vergisst du manchmal, wie sie gesprochen hat?“, fragte Lea.

Ich musste kurz wegsehen.

„Manchmal“, sagte ich. „Aber nicht, wie sie gelacht hat.“

Lea schob das Buch zu mir. „Kannst du lesen?“

„Das kriege ich hin.“

Ab da las ich bei jedem Besuch. Manchmal dieselbe Geschichte dreimal, weil sie genau wissen wollte, was auf der nächsten Seite passieren würde.

Nach dem Krankenhaus kam Lea zunächst in eine kleine Wohngruppe. Dort gab es feste Bezugspersonen, regelmäßige Mahlzeiten und ein Zimmer, dessen Tür sie offen lassen durfte.

Die Betreuerinnen ermöglichten unsere Besuche. Ich kam mittwochs und sonntags, immer zur vereinbarten Zeit.

Einmal sprang mein Wagen nicht an. Ich rief sofort an und nahm ein Taxi.

Lea saß schon mit angezogenen Schuhen im Flur. Sie sagte nichts, als ich kam, aber sie hielt den ganzen Nachmittag den Saum meines Pullovers fest.

Auf der Rückfahrt wusste ich, dass zwei Besuche pro Woche mir längst nicht mehr reichten.

Als ich Frau Lorenz fragte, ob Lea irgendwann bei mir leben könne, lächelte sie nicht einfach und schob mir auch kein Formular über den Tisch.

„Sie sind vierundsechzig, Herr Berger.“

„Das weiß ich morgens beim Aufstehen ziemlich genau.“

Sie blieb ernst. „Lea braucht voraussichtlich über viele Jahre verlässliche Betreuung. Auch dann, wenn Ihre Kräfte nachlassen.“

„Meine Tochter wohnt zehn Minuten entfernt.“

„Dann sollten wir mit ihr sprechen. Und Sie sollten verstehen, was Sie sich wünschen.“

Wir sprachen oft darüber. Über mein Alter, meine Gesundheit, meine Geduld und darüber, was geschehen würde, wenn ich krank würde.

Katja kam zu mehreren Gesprächen mit. Sie hatte selbst eine fast erwachsene Tochter und stellte Fragen, an die ich nicht gedacht hatte.

Nach einem Termin saßen wir in ihrem Auto.

„Du kannst ihre Kindheit nicht ungeschehen machen“, sagte sie.

„Weiß ich.“

„Und du kannst auch Mama nicht zurückholen, indem du wieder gebraucht wirst.“

Das tat weh. Gerade weil sie mich gut genug kannte, um es auszusprechen.

Ich sah auf meine Hände. „Ich will nicht, dass Lea bei mir wohnt, damit es mir besser geht.“

Katja wartete.

„Aber wahrscheinlich würde es mir besser gehen“, gab ich zu. „Darf das auch wahr sein?“

Sie nahm meine Hand. „Ja. Solange du weißt, dass sie dir dafür nichts schuldet.“

Die Prüfung dauerte Monate. Es gab Hausbesuche, Gespräche und Vorbereitungstermine. Meine Tochter und ich legten fest, wie sie mich im Alltag unterstützen würde.

Die Werkstatt bekam einen eigenen, abschließbaren Zugang. Im kleinen Zimmer neben meinem Schlafzimmer entfernte ich die alte Abstellwand, hinter der seit Jahren Kartons gestanden hatten.

Lea durfte sich das Zimmer bei begleiteten Besuchen ansehen. Als ich nach der Wandfarbe fragte, zuckte sie mit den Schultern.

„Was du willst.“

„Hier drin sollst du schlafen.“

Sie brauchte drei Besuche, bevor sie „Helllila“ sagte.

Ich kaufte die Farbe am selben Nachmittag. Uwe kam zum Streichen und brachte einen viel zu großen Pinsel mit.

„Für die Ecken“, behauptete er.

Lea sah ihn prüfend an. Dann musste sie lachen.

Es war kein lautes Lachen. Es dauerte vielleicht zwei Sekunden. Trotzdem standen wir beide da, als hätte gerade jemand im Raum das Licht eingeschaltet.

Im selben Winter erfuhr ich mehr über das, was vor jener Nacht geschehen war.

Lea hatte tatsächlich versucht, Hilfe zu bekommen. Eine Bemerkung in der Schule war als Missverständnis behandelt worden. Eine frühere Nachfrage hatte mit einem Gespräch geendet, in dem ihre Pflegemutter überzeugender gewirkt hatte als das verängstigte Kind.

Nicht jeder hatte weggesehen. Aber mehrere Menschen hatten sich mit Erklärungen zufriedengegeben, die sie hätten prüfen müssen.

Auch frühere Pflegeverhältnisse wurden untersucht. Zwei inzwischen ältere Mädchen wurden gefunden und befragt. Ihre Berichte zeigten, dass Lea nicht das erste Kind gewesen war, das dort Angst gehabt hatte.

Die Pflegemutter hatte Jahre zuvor ihre eigene Tochter verloren. Aus Unterlagen und Aussagen ergab sich, dass sie Pflegekinder immer wieder mit ihr verglichen hatte.

Lea hatte einmal ein Foto vom Regal nehmen wollen. Danach war ihr gesagt worden, sie werde niemals so gut sein wie das Mädchen auf dem Bild.

Als ich das hörte, musste ich den Raum verlassen.

Später saß ich draußen auf einer Bank, und Frau Lorenz setzte sich zu mir.

„Ich hätte Angst, so wütend zu werden, dass Lea es merkt“, sagte ich.

„Dann ist es gut, dass Sie darüber sprechen.“

Zum ersten Mal verstand ich, dass Hilfe anzunehmen ein Teil davon sein würde, ihr helfen zu können.

Im Frühjahr durfte Lea dauerhaft zu mir ziehen. Bis dahin hatte es Tagesbesuche und Übernachtungen gegeben, kleine Schritte, die wir gemeinsam vorbereitet hatten.

Am Abholtag kamen nicht alle acht Männer mit. Frau Lorenz hatte vorgeschlagen, es ruhig zu halten.

Also warteten die anderen bei mir zu Hause. Katja fuhr, weil meine Hände zitterten.

Lea kam mit einem kleinen Koffer und einem Stoffhasen aus der Tür. Unter dem Arm trug sie das Bilderbuch aus dem Krankenhaus.

„Für wie lange?“, fragte sie im Auto.

Wir hatten oft darüber gesprochen. Trotzdem fragte sie.

„Das soll dein Zuhause sein“, sagte ich. „Auch an Tagen, an denen du wütend bist.“

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