Er seufzte.
„Ich wollte ihn eigentlich ruhig und freundlich vorstellen. Aber wenn er sich so benimmt, wird das wohl nichts.“
Er sah seinen Kater an.
„Dabei ist er zu Hause ganz anders.“
Fritz fauchte.
„Meistens jedenfalls.“
Wir mussten beide lachen.
Dann bemerkte ich, dass der Mann plötzlich sehr still wurde.
Er strich seinem Kater über den Kopf.
„Wissen Sie“, sagte er leise, „eigentlich wollte ich nie eine Katze haben.“
Ich lächelte.
„Das sagen viele Katzenbesitzer.“
„Nein, ich meine das ernst.“
Er schaute mich an.
„Meine Frau Brigitte wollte unbedingt eine. Ich habe immer gesagt, wir brauchen kein Tier. Wir haben genug Arbeit und genug Ausgaben.“
Seine Mundwinkel zuckten.
„Aber Brigitte konnte ziemlich hartnäckig sein.“
Er schüttelte lächelnd den Kopf.
„Eines Tages kam sie mit diesem grauen Kerl nach Hause. Er war damals noch klein und hatte viel zu große Ohren.“
Ich sah zu Fritz.
Inzwischen hatte er aufgehört zu schreien.
„Brigitte hat ihn auf unseren Küchentisch gesetzt und gesagt: ,Das ist Fritz. Er bleibt hier.‘“
Der Mann lächelte bei der Erinnerung.
„Ich habe natürlich protestiert.“
„Und?“, fragte ich.
„Hat nichts gebracht. Wie meistens.“
Ich lachte.
Er auch.
Aber sein Lachen hielt nicht lange an.
„Brigitte hat ihn geliebt“, sagte er.
„Jeden Morgen hat sie mit ihm geredet, während sie Kaffee gekocht hat. Sie hat ihm erzählt, was sie einkaufen wollte oder was es mittags zu essen gibt.“
Er machte eine kleine Pause.
„Ich habe immer gesagt: ,Brigitte, der Kater versteht doch kein Wort.‘“
Er sah Fritz an.
„Aber sie hat nur geantwortet: ,Vielleicht nicht. Aber er hört wenigstens zu.‘“
Ich lächelte.
Irgendwie konnte ich mir diese Frau gut vorstellen.
Eine Frau, die morgens in der Küche steht, Kaffee kocht und mit ihrem Kater spricht, als wäre er ein alter Freund.
„Und dann?“, fragte ich vorsichtig.
Der Mann sah auf seine Schuhe.
„Vor drei Jahren ist Brigitte gestorben.“
Plötzlich war es sehr still zwischen uns.
Natürlich war der Parkplatz nicht wirklich still.
Autos fuhren vorbei. Einkaufswagen klapperten. Irgendwo rief jemand nach seinem Mann.
Aber ich nahm all das kaum noch wahr.
„Das tut mir leid“, sagte ich.
Er nickte langsam.
„Danke.“
Eine Weile sagte er nichts.
Dann begann er wieder zu sprechen.
„Wissen Sie, wir waren zweiundvierzig Jahre verheiratet.“
Er hob kurz den Kopf.
„Zweiundvierzig Jahre. Jeden Morgen saß sie mir beim Frühstück gegenüber. Jeden Abend haben wir zusammen gegessen.“
Seine Stimme wurde leiser.
„Und dann steht man eines Tages auf und der andere Stuhl bleibt leer.“
Ich spürte, wie mir ein Kloß im Hals entstand.
„Am Anfang habe ich immer zwei Tassen aus dem Schrank genommen“, erzählte er.
„Aus Gewohnheit.“
Er versuchte zu lächeln.
„Einmal habe ich sogar Kaffee in beide gegossen. Erst als ich die zweite Tasse auf den Tisch stellte, fiel es mir auf.“
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.
Der Mann blickte zu seinem Kater.
„Nach Brigittes Tod war die Wohnung schrecklich still.“
Er atmete tief durch.
„Ich habe abends den Fernseher laufen lassen. Nicht weil ich etwas sehen wollte. Nur damit jemand redet.“
Seine Hand ruhte auf Fritz‘ Rücken.
„Und wissen Sie, was dieser unverschämte Kerl gemacht hat?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Zwei Wochen nach der Beerdigung ist er nachts um halb drei auf meine Brust gesprungen.“
Der Mann lachte leise.
„Ich dachte, mir bleibt das Herz stehen.“
„Warum hat er das gemacht?“
„Sein Futternapf war halb leer.“
Ich musste lachen.
„Natürlich.“
„Ja, natürlich“, wiederholte er.
„Ich habe ihn ausgeschimpft und gesagt, dass normale Katzen bis zum Frühstück warten.“
Er schaute Fritz liebevoll an.
„Hat ihn nicht interessiert.“
Dann wurde seine Stimme wieder ernst.
„Aber wissen Sie, was mir damals klar geworden ist?“
Ich schüttelte langsam den Kopf.
„Dass ich noch gebraucht werde.“
Dieser Satz traf mich unerwartet.
Der Mann sah mich an.
„Da war plötzlich wieder jemand, der morgens auf sein Frühstück wartete. Jemand, der an der Schlafzimmertür kratzte, wenn ich zu lange liegen blieb.“
Er lächelte schwach.
„Und jemand, der sich jeden Abend genau auf Brigittes Seite vom Sofa legte.“
Ich musste schlucken.
„Fritz lag früher immer bei ihr“, erzählte er.
„Nach ihrem Tod hat er diesen Platz nie aufgegeben.“
Er schaute auf die grauen Ohren des Katers.
„Manchmal sitze ich abends neben ihm und erzähle ihm von Brigitte.“
Seine Augen wurden feucht.
„Ich weiß, dass sich das albern anhört.“
„Nein“, sagte ich sofort. „Überhaupt nicht.“
Er nickte dankbar.
„Manchmal erzähle ich ihm einfach, was ich am Tag gemacht habe. Ob ich einkaufen war. Wen ich getroffen habe.“
Sein Blick wanderte zu den Kartons im Auto.
„So, wie Brigitte das früher gemacht hat.“
Ich schaute wieder auf Fritz.
Dieser große, schlecht gelaunte Kater lag inzwischen erstaunlich ruhig in den Armen seines Besitzers.
„Haben Sie Familie hier?“, fragte ich.
„Eine Tochter in Hamburg und einen Sohn in Bayern.“
Er lächelte kurz.
„Beide haben ihr eigenes Leben. Gute Kinder. Wirklich. Aber sie können nicht wegen jeder Kleinigkeit herkommen.“
Dann fügte er leise hinzu:
„Und ich möchte ihnen auch nicht ständig zur Last fallen.“
Ich nickte.
Diesen Satz hatte ich schon oft von älteren Menschen gehört.
Man will niemandem zur Last fallen.
Also sagt man am Telefon, dass alles in Ordnung ist.
Man erzählt von den schönen Dingen.
Und wenn die Kinder fragen, ob man Hilfe braucht, antwortet man schnell: „Nein, nein, das schaffe ich schon.“
Vielleicht hatte dieser Mann genau das getan.
„Wie heißen Sie eigentlich?“, fragte ich.
„Manfred“, antwortete er. „Manfred Richter.“
„Ich bin Karin.“
„Freut mich, Karin.“
Er versuchte, mir die Hand zu geben, merkte dann aber, dass er beide Arme voller Katze hatte.
Wir lachten.
Dann fragte ich etwas, das ich eigentlich gar nicht hatte fragen wollen.
„Herr Richter, was passiert, wenn die Vermieterin Nein sagt?“
Sein Lächeln verschwand.
Er schaute auf Fritz.
Lange.
„Das weiß ich noch nicht“, sagte er schließlich.
„Aber ich werde eine andere Lösung suchen.“
Er drückte den Kater ein kleines bisschen näher an sich.
„Ich habe Brigitte versprochen, gut auf ihn aufzupassen.“
Seine Stimme zitterte.
„Und ich habe nicht vor, dieses Versprechen zu brechen.“
Mir stiegen Tränen in die Augen.
Der Mann bemerkte es und schaute schnell weg.
„Ach, hören Sie nicht auf mich“, sagte er. „Ich rede schon wieder viel zu viel.“
„Nein“, antwortete ich. „Ganz und gar nicht.“
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