Ich dachte, Omas roter Kater hasst mich, bis er eines Nachts etwas tat, das alles veränderte

Ich dachte, der dicke rote Kater meiner Oma wollte mich aus dem Haus haben. Bis zu jener Nacht, in der er mich anschrie und meiner Oma damit vielleicht das Leben rettete.

„Runter da, du frecher Kerl! Das ist mein Platz!“

Der rote Kater saß mitten auf meinem Kopfkissen und sah mich an, als hätte ich gerade versucht, in sein Haus einzubrechen.

Ich stand mit meinem Wäschekorb in der Tür und wusste nicht, ob ich lachen oder schreien sollte.

„Oma! Dein Kater liegt schon wieder in meinem Bett!“

Aus der Küche kam ihre ruhige Stimme.

„Dann wird es ihm dort wohl gefallen, mein Junge.“

„Ich wohne jetzt seit drei Wochen hier. Kannst du ihm das vielleicht endlich erklären?“

„Ach, Frank. Der braucht eben ein bisschen Zeit.“

Ein bisschen Zeit.

Das hatte meine Oma schon am ersten Tag gesagt.

Damals war ich 38 Jahre alt, frisch getrennt und ziemlich am Ende. Meine Stunden in der kleinen Druckerei in Kassel waren gekürzt worden. Die Miete für meine Wohnung konnte ich mir irgendwann nicht mehr leisten.

Ich hatte versucht, alles allein hinzubekommen.

Erst hatte ich auf meine Ersparnisse zurückgegriffen. Dann hatte ich angefangen, beim Einkaufen jeden Euro umzudrehen. Schließlich musste ich mir eingestehen, dass es so nicht weiterging.

Meine Oma hieß Ursula, war 79 Jahre alt und lebte allein in einem kleinen Reihenhaus am Stadtrand.

Mein Opa war schon seit acht Jahren tot.

Als ich ihr am Telefon vorsichtig erzählte, dass ich mir vielleicht eine günstigere Wohnung suchen müsste, hatte sie mich sofort unterbrochen.

„Frank, oben steht doch dein altes Zimmer leer.“

„Oma, ich bin fast vierzig.“

„Und? Wird man mit vierzig zu groß für ein Bett?“

Ich musste lachen.

„So meine ich das nicht.“

„Dann komm her. Das Haus ist sowieso viel zu still geworden.“

Zwei Wochen später zog ich ein.

Mit sechs Umzugskartons, einem alten Fernseher und dem unangenehmen Gefühl, im Leben irgendwie rückwärtszulaufen.

Oma stand an der Haustür und nahm mich in den Arm.

Neben ihren Hausschuhen saß der Kater.

Ein großer, kräftiger, rot getigerter Kerl mit einem eingerissenen Ohr, einem breiten Gesicht und einem Bauch, der beim Laufen ein wenig hin und her schwang.

Er hieß Mucki.

Ein niedlicher Name für einen Kater, der aussah, als hätte er zwanzig Jahre lang vor einer Kneipe gestanden und jeden hinausgeworfen, der Ärger machte.

„Das ist also mein neuer Mitbewohner“, sagte ich.

Mucki starrte mich an.

Dann drehte er sich um und ging.

„Er ist manchmal etwas eigen“, erklärte Oma.

Das war die Untertreibung des Jahrhunderts.

Schon am nächsten Morgen erklärte mir Mucki, wem dieses Haus gehörte.

Ich hatte mir einen Kaffee gemacht und mich auf den Stuhl am Küchenfenster gesetzt.

Oma saß gegenüber und schmierte sich ein Brot.

Plötzlich sprang Mucki auf den Tisch.

Er schaute mich an.

Dann schaute er meinen Teelöffel an.

Ganz langsam schob er ihn mit seiner Pfote über die Tischkante.

Klirr.

Der Löffel landete auf den Fliesen.

Ich sah den Kater an.

Er sah zurück.

„Oma, hast du das gesehen?“

Sie musste lachen.

„Ach, der spielt doch nur.“

„Nein. Der will mir etwas sagen.“

„Was denn?“

„Dass ich hier nichts zu suchen habe.“

Oma lachte noch mehr.

Mucki setzte sich hin und begann, seine Pfote zu putzen.

Als wäre nichts gewesen.

Von diesem Tag an führte dieser Kater einen regelrechten Kleinkrieg gegen mich.

Legte ich mein Handy auf die Sofalehne, lag es kurz darauf auf dem Boden.

Faltete ich frisch gewaschene Handtücher, setzte sich Mucki mitten auf den Stapel.

Wollte ich abends auf dem Sofa sitzen, lag er genau dort, wo ich mich hinsetzen wollte.

Und wenn ich Oma umarmte, kam er angelaufen und schob sich zwischen uns.

Nicht einmal heimlich.

Er drückte seinen dicken roten Kopf einfach gegen meinen Arm, bis ich Platz machte.

„Der ist eifersüchtig“, sagte ich eines Abends.

Oma strich ihm über den Rücken.

„Ach was. Mucki passt nur auf mich auf.“

„Vor deinem eigenen Enkel?“

„Man kann ja nie wissen.“

Sie zwinkerte mir zu.

Ich verdrehte die Augen.

Einmal kaufte ich besonders teure Katzenleckerlis aus dem Tiergeschäft.

Fast fünf Euro für eine winzige Packung.

Ich hielt Mucki eines hin.

Er schnupperte daran.

Dann drehte er sich um.

„Na wunderbar. Für dich bin ich also nicht gut genug.“

Oma nahm mir das Leckerli aus der Hand.

„Komm mal her, mein Dicker.“

Mucki kam sofort.

Sie hielt es ihm hin.

Er fraß es begeistert.

Ich stand daneben und konnte es kaum glauben.

„Oma, das ist genau dasselbe Leckerli!“

„Vielleicht mag er es lieber von mir.“

„Dieser Kater ist ein Schauspieler.“

Oma lächelte.

„Er hat eben seinen eigenen Kopf.“

Das hatte er tatsächlich.

Aber was ich damals nicht verstand, war, wie viel mehr hinter seinem Verhalten steckte.

Meine Oma war eine kleine, schmale Frau mit silbergrauen Haaren, die sie jeden Morgen ordentlich kämmte.

Ihre Hände waren voller Altersflecken. Die Finger ein wenig krumm von der vielen Arbeit, die sie in ihrem Leben gemacht hatte.

Früher hatte sie in einer Bäckerei gearbeitet.

Sie war morgens um vier aufgestanden, hatte später meinen Opa versorgt und trotzdem immer Zeit für die Familie gefunden.

In ihrer Küche wurde nichts weggeworfen, was man noch gebrauchen konnte.

Alte Marmeladengläser standen ordentlich im Schrank.

Geschenkpapier wurde glatt gestrichen und aufgehoben.

Wenn ein Handtuch ein Loch hatte, wurde es zum Putzlappen.

Und wenn ich fragte, warum sie noch immer jede Plastiktüte zusammenfaltete, sagte sie nur:

„Frank, man muss nicht alles gleich wegwerfen.“

Sie lächelte viel.

Auch wenn ihr die Knie wehtaten.

Auch wenn sie beim Aufstehen manchmal die Tischkante festhalten musste.

Auch wenn sie abends still wurde, sobald sie das Foto von Opa auf der Kommode betrachtete.

Und Mucki?

Mucki war immer bei ihr.

Er folgte ihr in die Küche.

Wartete vor dem Badezimmer.

Lag neben ihrem Sessel, während sie Kreuzworträtsel löste.

Wenn Oma aufstand, stand er ebenfalls auf.

Wenn sie sich hinsetzte, setzte er sich daneben.

Manchmal sprach sie mit ihm, als wäre er ein alter Freund.

„Na, Mucki, was machen wir zwei denn heute?“

Dann strich sie ihm über den Kopf.

Und er schnurrte so laut, dass man es vom Flur aus hören konnte.

Abends, wenn ich schon oben in meinem Zimmer war, hörte ich manchmal ihre Stimme aus dem Wohnzimmer.

„Ach, mein Dicker. Gut, dass ich dich habe.“

Es tat mir jedes Mal ein bisschen weh.

Nicht wegen des Katers.

Sondern weil ich wusste, dass Oma oft allein gewesen war.

Und obwohl ich jetzt bei ihr wohnte, änderte sich daran zunächst erschreckend wenig.

Ich war zwar körperlich im Haus.

Aber mit meinen Gedanken war ich ständig woanders.

Ich machte mir Sorgen um meine Arbeit.

Rechnete aus, wie viel Geld am Monatsende übrig blieb.

Schaute nach freien Stellen.

Schrieb Bewerbungen.

Und wenn Oma beim Abendessen etwas erzählte, schaute ich manchmal nur halb hin.

„Frank, weißt du noch, wie dein Opa damals im Garten die Leiter umgeworfen hat?“

„Ja, Oma.“

„Der war vielleicht sauer.“

„Mhm.“

„Hörst du mir überhaupt zu?“

Dann legte ich mein Handy weg.

„Natürlich.“

Aber oft stimmte das nicht.

Mucki dagegen hörte immer zu.

Das fiel mir erst viel später auf.

Eines Nachmittags kam ich von der Arbeit und fand Oma in der Küche.

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