Mein alter Kater Max verschwand, um allein zu sterben, doch ich fand ihn rechtzeitig hinter unserem Haus

Vierzehn Jahre lang war mein alter Kater mein einziger Begleiter. Als er eines Morgens verschwand, fand ich ihn hinter dem Haus und begriff, warum er gegangen war.

„Max? Komm, mein Alter. Dein Frühstück ist fertig.“

Ich stand in der Küche, hielt seinen Futternapf in der Hand und wartete.

Normalerweise hörte ich jetzt seine Krallen über die Fliesen klackern. Dann kam dieses tiefe, ungeduldige Miauen, als hätte ich ihn seit Tagen nicht gefüttert.

Aber diesmal blieb es still.

Ich klopfte mit dem Fingernagel gegen den Napf.

„Max? Nun komm schon.“

Keine Antwort.

Sein Platz neben dem Heizkörper war leer. Die alte, graue Decke lag genauso da, wie ich sie am Abend zuvor zurechtgezogen hatte.

Da bemerkte ich die Hintertür.

Sie stand einen Spalt offen.

Gerade weit genug, dass ein Kater hindurchschlüpfen konnte.

Mir wurde schlecht.

Denn plötzlich erinnerte ich mich daran, wie Max mich am Abend zuvor angesehen hatte.

Und ich hatte das schreckliche Gefühl, dass dieser Blick ein Abschied gewesen war.

Max war vierzehn Jahre alt. Ein großer, rot getigerter Kater mit einem eingerissenen Ohr, einer weißen Stelle unter dem Kinn und Augen, die früher leuchtend grün gewesen waren.

In den letzten Monaten waren sie etwas trüb geworden.

Er war nie ein besonders freundlicher Kater gewesen.

Besucher mochte er nicht. Wenn jemand versuchte, ihn hochzuheben, machte er sich steif wie ein Brett. Und wer ihn zu lange streichelte, bekam eine deutliche Warnung mit der Pfote.

Meine Nachbarin Ingrid nannte ihn manchmal scherzhaft den kleinen Hausmeister.

Denn Max benahm sich tatsächlich so, als gehörte ihm das Haus und ich dürfte nur darin wohnen, solange ich seine Regeln befolgte.

Aber abends war alles anders.

Jeden Abend, ungefähr um halb acht, kam er ins Wohnzimmer.

Er sprang inzwischen nicht mehr auf das Sofa. Dazu waren seine Hinterbeine zu schwach geworden. Also hatte ich einen kleinen Hocker danebengestellt.

Über den Hocker kletterte er langsam zu mir hinauf.

Dann legte er sich neben mein Bein, drückte seinen warmen Körper dagegen und begann zu schnurren.

Manchmal sahen wir gemeinsam fern.

Manchmal las ich.

Manchmal saßen wir einfach nur da.

Für andere Menschen war das wahrscheinlich nichts Besonderes.

Für mich war es mein Zuhause.

Ich heiße Elisabeth, bin 72 Jahre alt und wohne in einem kleinen Haus am Rand von Kassel.

Es ist ein altes Haus mit schiefen Holzdielen, einer viel zu engen Küche und einem Garten, um den ich mich längst nicht mehr so kümmern kann wie früher.

Mein Mann Karl und ich hatten es vor fast vierzig Jahren gekauft.

Damals dachten wir, wir würden hier gemeinsam alt werden.

Wir hatten Pläne.

Ein größeres Gemüsebeet. Eine neue Terrasse. Vielleicht irgendwann ein kleiner Teich.

Doch vor zwölf Jahren starb Karl nach kurzer schwerer Krankheit.

Er war erst 64.

Von einem Tag auf den anderen war aus unserem gemeinsamen Leben mein Leben geworden.

Ich weiß noch, wie ich nach seiner Beerdigung in der Küche stand und zwei Tassen aus dem Schrank nahm.

Aus Gewohnheit.

Erst als ich sie auf den Tisch stellte, begriff ich, dass niemand mehr die zweite Tasse brauchen würde.

Ich habe damals sehr viel geweint.

Aber meistens nur, wenn mich niemand sehen konnte.

Unsere Tochter lebte inzwischen mit ihrer Familie in Süddeutschland. Sie rief regelmäßig an und kam, wenn es möglich war.

Ich wusste, dass sie mich liebte.

Trotzdem waren die Abende schwer.

Besonders die Stunden nach dem Abendessen, wenn kein Mensch mehr etwas von einem wollte und das Haus plötzlich viel zu groß war.

Zwei Wochen nach Karls Beerdigung hörte ich eines Abends ein Kratzen unter unserer kleinen Holzterrasse.

Ich dachte zuerst an einen Igel.

Doch als ich mit einer Taschenlampe nachsah, blickten mich zwei grüne Augen an.

Dort saß ein magerer roter Kater.

Sein Fell war schmutzig. Eine Seite seines Gesichts war zerkratzt. Und als ich meine Hand ausstreckte, fauchte er mich an.

„Na, du bist ja ein freundlicher Zeitgenosse“, sagte ich.

Ich stellte ihm eine Schale Wasser und etwas Katzenfutter hin, das ich am nächsten Morgen extra gekauft hatte.

Er fraß erst, als ich wieder ins Haus gegangen war.

Am folgenden Tag kam er zurück.

Dann wieder.

Nach einer Woche wartete er bereits an der Terrassentür.

Nach drei Wochen ließ er sich vorsichtig am Kopf streicheln.

Und irgendwann saß er einfach in meinem Wohnzimmer, als hätte er schon immer hier gelebt.

Ich nannte ihn Max.

Karl hatte früher immer gesagt, wenn wir einmal einen Kater hätten, müsste er Max heißen.

So wurde aus dem kleinen Streuner ein Teil unserer Familie.

Natürlich konnte Max meinen Mann nicht ersetzen.

Das hätte kein Tier gekonnt.

Aber er brachte etwas zurück, von dem ich geglaubt hatte, es verloren zu haben.

Einen Grund, morgens aufzustehen.

Wenn ich traurig war und im Badezimmer weinte, kratzte er von draußen an der Tür.

Wenn ich krank im Bett lag, legte er sich neben meine Füße.

Wenn ich zu lange am Küchentisch saß und alte Fotos betrachtete, kam er irgendwann und stupste mich mit dem Kopf an.

Manchmal dachte ich, er wolle mich trösten.

Wahrscheinlich wollte er nur sein Futter.

Aber das war mir egal.

Er war da.

Und nach Karls Tod war dieses kleine Wort für mich unglaublich wichtig geworden.

Da.

Jemand war noch da.

In den letzten Monaten wurde Max langsamer.

Zuerst bemerkte ich, dass er nicht mehr auf die Fensterbank sprang.

Dann schlief er mehr.

Sein Fell wurde struppiger, obwohl er sich früher stundenlang geputzt hatte.

Beim Tierarzt stellte man fest, dass seine Nieren nicht mehr richtig arbeiteten.

Wir versuchten, ihm mit geeignetem Futter, Medikamenten und regelmäßigen Kontrollen zu helfen.

Eine Zeit lang ging es ihm besser.

Er fraß wieder mit Appetit und verlangte lautstark nach seinem Abendessen.

Doch irgendwann kamen die schlechten Tage häufiger.

An manchen Morgen saß er lange vor seinem Napf, ohne etwas anzurühren.

Ich erwärmte sein Futter ein wenig.

Ich stellte ihm frisches Wasser an mehrere Stellen im Haus.

Ich legte zusätzliche Decken aus.

Und obwohl ich wusste, dass er alt war, hoffte ich jeden Morgen auf ein kleines Wunder.

Am letzten Abend saß Max plötzlich mitten im Flur.

Er wollte nichts fressen.

Nicht einmal sein Lieblingsfutter, für das er früher beinahe die Küchentür eingerannt hätte.

„Was ist denn los, mein Junge?“

Ich ging neben ihm in die Hocke.

Er hob den Kopf.

Und sah mich an.

Nicht ungeduldig. Nicht hungrig. Nicht einmal besonders traurig.

Er sah mich einfach nur lange an.

Ich streichelte ihn zwischen den Ohren.

„Morgen rufen wir noch einmal beim Tierarzt an, ja?“

Max blinzelte langsam.

Dann drehte er sich um und ging zu seiner Decke.

Ich ahnte nicht, dass ich ihn zum letzten Mal selbst dorthin laufen sah.

Am nächsten Morgen war er verschwunden.

Ich stellte den Futternapf ab und ging zuerst ins Wohnzimmer.

Dann ins Schlafzimmer.

Ich schaute hinter den Sessel, unter das Bett und in den kleinen Abstellraum.

„Max!“

Nichts.

Schließlich zog ich meine alte Strickjacke über und ging in den Garten.

Ich hatte nicht einmal Schuhe angezogen.

„Max, komm her!“

Ich schaute unter die Terrasse.

Hinter die Regentonne.

Unter die Gartenbank.

Ich ging den schmalen Weg entlang, der zu unserem alten Geräteschuppen führte.

Mein Herz schlug immer schneller.

Max war früher oft draußen gewesen. Er hatte Mäuse beobachtet, sich auf den warmen Steinplatten ausgestreckt und manchmal stundenlang unter dem Johannisbeerstrauch geschlafen.

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