Aber seit Monaten verließ er kaum noch das Haus.
Seine Beine waren zu schwach.
Manchmal brauchte er schon für die drei Stufen zur Terrasse meine Hilfe.
Warum sollte er ausgerechnet jetzt hinausgegangen sein?
Ich holte seine Dose mit Leckerchen und schüttelte sie.
Das vertraute Rasseln klang durch den Garten.
Früher wäre er sofort angelaufen gekommen.
Nun hörte ich nur meine eigene Stimme.
„Bitte, Max. Komm doch.“
Ich suchte weiter.
Neben dem Schuppen entdeckte ich schließlich etwas, das mich stehen bleiben ließ.
Im Gras war eine schmale Spur zu erkennen.
Einige Halme lagen flach gedrückt.
Und am rauen Holz des alten Zauns hingen ein paar rote Katzenhaare.
Ich ging langsam näher.
Dort hinten war Max nie gewesen.
Zwischen dem Zaun und einem großen Hortensienstrauch gab es nur einen engen Streifen Erde.
Man konnte ihn vom Haus aus nicht sehen.
Plötzlich fiel mir etwas ein, das meine Großmutter früher gesagt hatte.
Sie hatte behauptet, manche Tiere würden sich zurückziehen, wenn ihr Ende nahe sei.
Ich hatte diesen Satz nie vergessen.
Aber bis zu diesem Augenblick hatte ich nie ernsthaft darüber nachgedacht.
„Nein“, flüsterte ich.
Ich ging um den Schuppen herum.
Und dann sah ich ihn.
Max lag zusammengerollt hinter dem Hortensienstrauch.
Sein rotes Fell hob sich kaum von den braunen Blättern ab.
Er hatte seinen Kopf zwischen die Vorderpfoten gelegt und lag ganz still.
So still, dass ich für einen schrecklichen Moment dachte, er wäre bereits tot.
„Max?“
Sein linkes Ohr zuckte.
Dann hob er den Kopf.
Nur ein kleines Stück.
Aber er sah mich an.
Ich sank auf die Knie.
„Ach, mein Junge.“
Mehr brachte ich nicht heraus.
Ich streckte vorsichtig die Hand nach ihm aus.
Er fauchte nicht.
Er schlug nicht nach mir.
Der alte mürrische Kater, der sich früher von niemandem etwas gefallen ließ, lag einfach da und ließ meine Hand auf seinem Rücken ruhen.
Sein Körper fühlte sich erschreckend leicht an.
Ich konnte seine Wirbelsäule unter dem dünnen Fell spüren.
„Was machst du denn hier draußen?“
Meine Stimme zitterte.
„Du kannst doch nicht einfach verschwinden.“
Ich versuchte zu lächeln.
Es gelang mir nicht.
Max schloss kurz die Augen.
Dann öffnete er sie wieder.
Seine Atmung war flach und unregelmäßig.
Ich wusste, dass es ernst war.
Also schob ich meine Arme vorsichtig unter seinen Körper und hob ihn auf meinen Schoß.
Dabei machte er ein leises Geräusch.
Kein richtiges Miauen.
Eher ein müder Laut, kaum hörbar.
„Ist gut“, sagte ich. „Ich hab dich.“
Ich setzte mich auf die Erde und zog meine Strickjacke ein wenig um ihn.
Sein Kopf ruhte an meinem Unterarm.
Ich hatte plötzlich das Gefühl, wieder in jener Küche zu stehen, in der ich vor zwölf Jahren zwei Tassen auf den Tisch gestellt hatte.
Damals hatte ich gedacht, dass ich einen solchen Abschied nie wieder ertragen könnte.
Und jetzt saß ich hinter meinem Haus und hielt das letzte Lebewesen im Arm, das alle meine einsamen Jahre miterlebt hatte.
Ich begann zu weinen.
Nicht laut.
Es kamen einfach Tränen, die ich nicht aufhalten konnte.
„Du alter Dickkopf“, flüsterte ich.
„Warum bist du denn allein hier rausgegangen?“
Max bewegte eine Vorderpfote.
Seine Krallen berührten meinen Ärmel.
Ich drückte ihn vorsichtig an mich.
„Du musst dich doch nicht verstecken.“
Ich weiß nicht, ob er mich noch richtig hören konnte.
Aber ich redete weiter.
Ich erzählte ihm, wie er damals unter der Terrasse gesessen hatte.
Wie er mir zum ersten Mal erlaubt hatte, ihn zu streicheln.
Wie er einmal einen ganzen Weihnachtsbraten vom Küchentisch stehlen wollte und dabei die Soßenschüssel umwarf.
Ich musste sogar kurz lachen.
„Karl hätte dich wahrscheinlich genauso geliebt wie ich“, sagte ich.
Dann verstummte ich.
Denn mir fiel auf, dass ich seit Jahren nicht mehr so selbstverständlich über meinen Mann gesprochen hatte.
Immer hatte ich Angst gehabt, andere Menschen mit meiner Trauer zu belasten.
Und nun erzählte ich einem sterbenden Kater von meinem ganzen Leben.
Ich holte mein Telefon aus der Strickjackentasche und rief in der Tierarztpraxis an.
Die Mitarbeiterin hörte mir ruhig zu.
Ich schilderte Max‘ Atmung, seine Schwäche und dass er kaum noch reagierte.
Sie bat mich, ihn warm zu halten und möglichst wenig zu bewegen. Jemand aus der Praxis würde versuchen, so schnell wie möglich zu uns zu kommen.
Ich bedankte mich.
Dann legte ich das Telefon neben mich.
Max lag noch immer auf meinem Schoß.
Ab und zu hob sich sein Brustkorb etwas stärker.
Dann wurde sein Atem wieder ganz leise.
Ich strich mit zwei Fingern über seine Stirn.
„Weißt du noch, wie böse du früher auf den Staubsauger warst?“
Keine Reaktion.
„Du hast dich jedes Mal benommen, als würde ich einen fremden Hund ins Haus lassen.“
Ich lächelte durch meine Tränen.
„Und meine Hausschuhe. Die hast du auch nie in Ruhe gelassen.“
Seine Ohren bewegten sich kaum merklich.
Vielleicht bildete ich mir das nur ein.
Aber es reichte, um weiterzusprechen.
Ich erzählte von den ersten Weihnachten ohne Karl.
Davon, wie ich oft das Radio angelassen hatte, nur um eine menschliche Stimme zu hören.
Davon, wie Max nachts an meiner Schlafzimmertür gekratzt hatte, bis ich ihn hineinließ.
Früher hätte ich nie gedacht, dass ein Tier so viele Erinnerungen in sich tragen könnte.
Aber plötzlich war jede kleine Gewohnheit kostbar.
Sein schwerer Körper neben meinem Bein.
Das Schnurren im dunklen Wohnzimmer.
Die rotbraunen Haare auf meiner schwarzen Hose.
Seine Pfote auf meiner Zeitung, wenn er fand, dass ich genug gelesen hatte.
Die vielen Jahre, in denen ich manchmal das Gefühl gehabt hatte, niemand brauche mich mehr.
Max hatte mich gebraucht.
Jeden Tag.
Und vielleicht hatte ich ihn noch ein bisschen mehr gebraucht.
Nach einer Weile begann er anders zu atmen.
Zwischen seinen Atemzügen lagen längere Pausen.
Ich hielt ihn vorsichtig und beobachtete sein Gesicht.
„Ich bin hier, Max.“
Meine Stimme klang überraschend ruhig.
„Du bist nicht allein.“
Er öffnete die Augen noch einmal.
Für einen kurzen Moment schaute er direkt zu mir.
Ich weiß nicht, was er in diesem Augenblick wahrnahm.
Vielleicht nur meine Nähe.
Vielleicht meine Stimme.
Vielleicht gar nichts mehr.
Aber ich möchte glauben, dass er wusste, dass ich bei ihm war.
„Danke, mein Junge“, flüsterte ich.
„Danke für alles.“
Dann kam ein weiterer Atemzug.
Ein ganz leiser.
Und danach keiner mehr.
Ich wartete.
Zählte innerlich die Sekunden.
Strich ihm weiter über den Kopf.
„Max?“
Ich sagte seinen Namen noch einmal.
Aber er antwortete nicht.
Sein Körper lag ruhig in meinen Armen.
Und tief in mir wusste ich, dass er gegangen war.
Ich weiß nicht mehr, wie lange ich dort saß.
Irgendwann hörte ich Schritte auf dem Gartenweg.
Meine Nachbarin Ingrid hatte mich durch den Zaun gesehen und war herübergekommen.
Sie blieb vor mir stehen.
„Elisabeth?“
Ich sah zu ihr hoch.
Dann schaute sie auf Max.
Sie fragte nichts mehr.
Sie setzte sich einfach neben mich auf die niedrige Gartenmauer.
Eine ganze Weile sagte keine von uns etwas.
Schließlich legte sie ihre Hand auf meine Schulter.
„Er war doch dein Ein und Alles“, sagte sie leise.
Ich nickte.
„Ich glaube, er wollte allein sein.“
Ingrid sah mich an.
„Vielleicht wollte er sich nur einen ruhigen Platz suchen.“
Ich schaute auf den alten Kater in meinem Schoß.
„Aber warum so weit weg von mir?“
Sie antwortete nicht sofort.
Dann sagte sie etwas, worüber ich später noch oft nachdenken musste.
„Wir wissen nicht, warum Tiere manchmal so etwas tun. Aber du hast ihn gefunden. Und du warst bei ihm.“
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