Die Kühlschranktür stand weit offen.
Oma stand davor und schaute hinein.
Sie bewegte sich nicht.
„Oma?“
Keine Antwort.
„Oma, ist alles in Ordnung?“
Sie zuckte leicht zusammen.
Dann drehte sie den Kopf.
„Ach, Frank. Du bist ja schon da.“
„Was suchst du denn?“
Sie blickte wieder in den Kühlschrank.
„Das ist ja das Verrückte. Ich weiß es gerade nicht mehr.“
Sie lachte verlegen.
Ich lachte mit.
„Passiert mir auch manchmal.“
„Ja, nicht wahr? Man wird eben älter.“
Ich schloss die Kühlschranktür und dachte nicht weiter darüber nach.
Ein paar Tage später nannte sie mich plötzlich Michael.
So hieß ihr Sohn, mein Vater.
„Michael, kannst du mir bitte die Zeitung geben?“
Ich sah sie überrascht an.
„Oma, ich bin Frank.“
Sie schlug die Hand vor den Mund.
„Ach du liebe Güte. Natürlich!“
Dann lachte sie.
„Ihr seht euch aber auch ähnlich.“
Ich lachte ebenfalls.
Doch etwas an ihrem Gesicht ließ mich kurz stutzen.
Sie wirkte erschrocken.
Nicht, weil sie sich versprochen hatte.
Sondern weil ihr offenbar selbst aufgefallen war, dass etwas nicht stimmte.
Trotzdem sagte ich nichts.
Ich wollte ihr keine Angst machen.
Vielleicht wollte ich auch selbst nicht darüber nachdenken.
Mucki dachte offenbar anders.
Er wurde in diesen Wochen noch anhänglicher.
Früher hatte er nachts oft auf dem Sofa geschlafen.
Jetzt lag er fast immer direkt vor Omas Schlafzimmertür.
Wenn sie nachts zur Toilette ging, hörte ich seine Krallen über die Fliesen klackern.
Er begleitete sie bis zum Badezimmer.
Dann wartete er draußen.
Manchmal miaute er leise, wenn sie länger drinnen blieb.
„Du bist ja schlimmer als ein Wachhund“, sagte ich einmal.
Mucki sah mich an.
Dann setzte er sich wieder vor ihre Tür.
Eines Sonntags saßen Oma und ich beim Mittagessen.
Es gab Kartoffeln, Möhren und Frikadellen.
Oma hatte gekocht, obwohl ich ihr angeboten hatte, das zu übernehmen.
Plötzlich legte sie ihre Gabel hin.
„Frank, habe ich eigentlich heute Morgen meine Tablette genommen?“
Ich schaute auf.
„Weiß ich nicht. Hast du?“
Sie runzelte die Stirn.
„Ich glaube schon.“
„Dann wird es wohl so sein.“
Sie nickte.
Damit war das Gespräch für mich erledigt.
Mucki lag unter ihrem Stuhl.
Als sie aufstand, erhob er sich sofort und folgte ihr.
Heute denke ich oft an diesen Mittag zurück.
An ihre unsichere Stimme.
An die Art, wie sie kurz auf den Tisch geschaut hatte.
Und daran, wie schnell ich das Thema wieder vergessen wollte.
Dann kam jener Donnerstagabend.
Ein Abend, den ich wahrscheinlich mein ganzes Leben nicht vergessen werde.
In der Druckerei war einiges schiefgelaufen.
Eine Maschine hatte gestreikt. Ein Kunde hatte sich beschwert. Mein Vorgesetzter hatte mir vor allen Kollegen Vorwürfe gemacht.
Als ich nach Hause kam, war ich erschöpft und gereizt.
Ich wollte nur meine Schuhe ausziehen und niemanden mehr hören.
Doch kaum öffnete ich die Haustür, stand Mucki vor mir.
Er miaute.
Laut.
Ich ging an ihm vorbei.
„Nicht jetzt, Mucki.“
Er lief vor meine Füße.
Wieder dieses laute Miauen.
„Mensch, geh doch mal aus dem Weg!“
Der Kater rannte Richtung Küche.
Dann kam er zurück.
Er stellte sich direkt vor mich und miaute erneut.
Ich blieb stehen.
„Was ist denn heute mit dir los?“
Mucki lief wieder zur Küche.
Diesmal schneller.
Als ich ihm nicht folgte, kam er zurück und fauchte mich an.
Ich erstarrte.
In all den Wochen hatte er mich angeknurrt, meine Sachen heruntergeworfen und meine Stühle besetzt.
Aber gefaucht hatte er noch nie.
„Mucki?“
In diesem Moment hörte ich ein Geräusch.
Ein harter Schlag.
Dann das helle Klirren von zerbrechendem Glas.
Aus der Küche.
„Oma?“
Keine Antwort.
Ich rannte los.
Oma stand nicht mehr richtig auf den Beinen.
Sie war halb gegen die Arbeitsplatte gesunken und hielt sich mit einer Hand an der Schublade fest.
Auf dem Boden lagen Glasscherben.
Daneben breitete sich eine Pfütze Orangensaft aus.
Ihr Gesicht war kreidebleich.
„Oma! Was ist passiert?“
Ich war sofort bei ihr.
Sie versuchte, sich aufzurichten.
„Mir war plötzlich so komisch.“
Ihre Stimme klang schwach.
„Alles hat sich gedreht.“
Ich legte einen Arm um sie und half ihr vorsichtig auf einen Stuhl.
„Bleib sitzen. Bitte.“
Ihre Hände zitterten.
„Ach, Frank. Jetzt habe ich auch noch das Glas kaputt gemacht.“
Dieser Satz traf mich mehr als alles andere.
Sie saß dort, blass und erschöpft, und machte sich Sorgen um ein Glas.
„Oma, das ist völlig egal.“
„Aber die Scherben …“
„Lass die Scherben. Ich kümmere mich darum.“
Ich setzte mich neben sie.
Fragte, ob sie Schmerzen hatte, ob sie sich gestoßen hatte und ob ihr noch schwindelig war.
Sie schüttelte den Kopf, wirkte aber unsicher.
Ich rief den ärztlichen Bereitschaftsdienst an und schilderte, was passiert war. Weil Oma weiterhin sehr blass war und der Schwindel nicht richtig nachließ, wurde uns geraten, sie umgehend untersuchen zu lassen.
Während wir auf Hilfe warteten, blieb ich an ihrer Seite.
Mucki stand direkt neben ihrem Stuhl.
Sein dicker Körper drückte sich gegen ihren Knöchel.
Er machte keinen Laut mehr.
Er schaute nur zu mir hoch.
Und plötzlich verstand ich etwas, das ich wochenlang übersehen hatte.
Dieser Kater hatte nicht versucht, mich aus dem Haus zu vertreiben.
Er hatte aufgepasst.
Auf Oma.
Auf jeden Schritt.
Auf jedes ungewöhnliche Geräusch.
Auf jede Veränderung.
Und an diesem Abend hatte er etwas bemerkt, bevor ich überhaupt wusste, dass etwas nicht stimmte.
Vielleicht hatte er gehört, wie sie schwankte.
Vielleicht hatte er gespürt, dass sie Hilfe brauchte.
Ich weiß es nicht.
Aber eines wusste ich sicher.
Er hatte nicht aufgehört, mich zur Küche zu holen.
Nicht einmal, als ich ihn weggeschickt hatte.
Ich sah ihn an.
„Du wolltest mir etwas sagen, stimmt’s?“
Mucki blinzelte langsam.
Dann legte er seinen Kopf wieder gegen Omas Bein.
Oma streichelte ihn mit zitternder Hand.
„Mein guter Junge“, flüsterte sie.
Ich wusste nicht, ob sie mich oder den Kater meinte.
Vielleicht uns beide.
Später wurde Oma ärztlich untersucht. Zum Glück hatte sie sich bei dem Vorfall nicht ernsthaft verletzt.
Der Schwindel musste aber weiter abgeklärt werden. Auch ihre zunehmende Vergesslichkeit besprachen wir mit der Hausärztin.
Ich begleitete sie zu den Terminen.
Wir ließen ihre Medikamente überprüfen und vereinbarten weitere Untersuchungen.
Die Ärztin erklärte uns, dass es für Schwindel und Gedächtnisprobleme verschiedene Ursachen geben könne und man genauer hinsehen müsse.
Oma war zunächst dagegen.
„So ein Aufwand wegen meiner alten Knochen.“
Ich nahm ihre Hand.
„Oma, du hast dich früher um uns alle gekümmert. Jetzt darfst du dir auch mal helfen lassen.“
Sie sah mich lange an.
Dann nickte sie.
„Na gut, mein Junge.“
Ab diesem Abend veränderte sich unser Zusammenleben.
Nicht auf einen Schlag.
Und Mucki wurde auch nicht plötzlich zu einem freundlichen Schmusekater.
Wenn ich mich zu schnell nach Omas Wolldecke streckte, bekam meine Hand noch immer einen Klaps mit seiner Pfote.
Wenn ich morgens aufstand, hatte er meinen Platz am Frühstückstisch längst besetzt.
Und wenn ich ihm ein Leckerli gab, überlegte er erst einmal ausführlich, ob ich seiner Aufmerksamkeit überhaupt würdig war.
Aber etwas war anders.
Er ließ mich näher an Oma heran.
Manchmal saß ich abends neben ihr auf dem Sofa, und Mucki legte sich einfach zwischen uns.
Früher hatte er versucht, mich wegzudrängen.
Jetzt blieb er ruhig liegen.
Und ich begann endlich, wirklich da zu sein.
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