Seit drei Ausfahrten folgte mir derselbe graue Lieferwagen. Als sein Fahrer auf dem Rastplatz direkt auf meine Tür zukam, wählte ich mit zitternden Fingern die Polizei.
„Fahren Sie weg!“, rief ich durch die geschlossene Scheibe. „Ich habe schon jemanden angerufen!“
Der Mann blieb stehen. Groß, breite Schultern, eine dunkelblaue Arbeitshose mit hellen Flecken auf den Knien. Über seiner linken Augenbraue verlief eine dicke Narbe, und seine Hände sahen aus, als hätte er gerade einen Motor auseinandergebaut.
Er hob einen Finger und deutete nach hinten.
Ich verriegelte die Türen ein zweites Mal, obwohl sie längst verriegelt waren. Das Klicken klang erschreckend laut in meinem kleinen Auto.
„Polizeinotruf. Was ist passiert?“
„Ein Mann verfolgt mich“, sagte ich. „Auf der Autobahn schon. Jetzt steht er vor meinem Wagen.“
„Wo befinden Sie sich?“
Ich suchte nach dem Namen des Rastplatzes. Eben hatte ich das Schild noch gelesen, doch plötzlich war mein Kopf leer. Ich konnte meine eigene Anschrift aufsagen, sämtliche Geburtstage meiner Enkel, sogar die Telefonnummer meiner Eltern von früher. Aber diesen einen Namen fand ich nicht.
Der Mann trat einen Schritt zurück.
„Hinten rechts“, rief er. „Ihr Reifen. Schauen Sie bitte nach Ihrem Reifen.“
Ich hörte nur seine tiefe Stimme und das Wort „bitte“. Alles andere ging im Klopfen meines Herzens unter.
Mein Name ist Irmgard. Ich bin dreiundachtzig Jahre alt, seit sechs Jahren verwitwet und fahre seit meinem vierundzwanzigsten Lebensjahr Auto. Noch nie hatte ich die Polizei gerufen, weil ich Angst vor einem Menschen hatte.
An diesem Vormittag hätte ich am liebsten meine Tochter neben mir gehabt.
Dabei war genau sie der Grund gewesen, weshalb ich vor der Abfahrt so stolz das Lenkrad umfasst hatte.
„Mutter, ich könnte dich am Samstag bringen“, hatte sie gesagt.
„Meine Schwester ist heute allein, nicht am Samstag.“
„Dann nimm wenigstens den Zug.“
„Mit der Tasche und zweimal Umsteigen? Karin, ich fahre seit fast sechzig Jahren.“
Darauf hatte sie nichts mehr erwidert. Dieses Schweigen kannte ich. Es bedeutete, dass sie sich Sorgen machte und gleichzeitig versuchte, mich nicht zu kränken.
Meine jüngere Schwester Lieselotte wohnte in Nordhessen. Ihr Mann war vor knapp vier Wochen gestorben. Seit der Beerdigung rief sie jeden Abend an, meist wegen irgendeiner Kleinigkeit.
Ob man eingefrorene Suppe noch essen könne. Wo man eine neue Batterie für die Küchenuhr bekomme. Ob ich mich erinnere, wie unsere Mutter ihren Kartoffelsalat gemacht hatte.
Eigentlich fragte sie jedes Mal dasselbe: Bleibst du noch ein bisschen am Telefon?
Deshalb lag neben mir eine Tasche mit Kleidung für drei Tage. Im Kofferraum standen ein Topf mit Rindergulasch und ein alter Karton voller Familienbilder.
Und hinter mir hatte dieser Lieferwagen gehangen.
Zum ersten Mal war er mir an einer Baustelle aufgefallen. Der Fahrer hatte gehupt. Nicht lange, aber zweimal kurz hintereinander.
Ich war zusammengezuckt und hatte auf meinen Tacho gesehen. Ich fuhr genau so schnell, wie es erlaubt war.
„Dann musst du eben warten“, hatte ich vor mich hin gesagt.
Später war der Wagen neben mir aufgetaucht. Der Mann hatte das Fenster heruntergelassen und mit dem Arm gewinkt. Ich hatte stur geradeaus geschaut.
Vielleicht wollte er mir sagen, dass ich zu langsam war. Vielleicht hatte ich ihn irgendwo behindert, ohne es zu bemerken.
An der nächsten Ausfahrt war er noch immer hinter mir gewesen.
Ich war langsamer geworden. Er ebenfalls. Als ich hinter einem Lastwagen geblieben war, hatte auch er Abstand gehalten.
In meiner Angst sah ich darin keinen beruhigenden Umstand. Ich sah nur: Er lässt mich nicht weg.
Am Telefon fragte die Frau erneut nach meinem Standort. Diesmal entdeckte ich den Namen auf einem Schild neben dem Toilettengebäude und las ihn vor.
„Bleiben Sie zunächst im verschlossenen Fahrzeug“, sagte sie. „Was macht der Mann jetzt?“
„Er steht weiter hinten.“
„Versucht er, die Tür zu öffnen?“
„Nein.“
„Bedroht er Sie?“
Ich sah durch den Außenspiegel. Der Mann hatte sich mehrere Schritte entfernt und zeigte mit beiden Händen auf die rechte hintere Seite meines Wagens.
„Er sagt etwas von einem Reifen.“
Die Frau ließ mich noch einmal beschreiben, wo er stand. Ihre ruhige Stimme half mir, wieder richtig Luft zu holen.
Dann klopfte er nicht mehr an die Scheibe. Er ging vor mein Auto, blieb mit deutlichem Abstand stehen und hielt sein Telefon hoch.
Auf dem Bildschirm war ein Foto.
Ich konnte erst nur das Rad erkennen. Dann sah ich die ausgefranste Kante und etwas Helles, das unter dem schwarzen Gummi hervorkam.
Ich senkte das Fenster einen kleinen Spalt.
„Was ist das?“
„Ihr Hinterreifen“, sagte er. „Ich habe das Bild gerade gemacht. Bitte fahren Sie nicht weiter.“
Seine Stimme war noch immer tief und rau. Aber jetzt, da ich die Worte verstand, hörte ich etwas anderes darin.
Er war außer Atem.
„Sie sind deshalb hinter mir hergefahren?“
Er nickte.
„Seit der Baustelle. Da habe ich gesehen, dass da etwas nicht stimmt. Ich wollte Sie zum nächsten Parkplatz lotsen.“
Ich starrte auf das Telefon in seiner Hand.
„Die Polizei ist unterwegs“, sagte ich.
„Gut“, antwortete er. „Dann warten wir auf die Polizei.“
Er ging zu seinem Lieferwagen zurück und setzte sich auf die niedrige Mauer daneben. Seine Hände legte er offen auf die Knie.
Ich hatte erwartet, dass er schimpfen würde. Dass er gegen meine Tür schlagen oder mich eine verrückte Alte nennen würde.
Stattdessen wartete er.
Die Beamtin am Telefon blieb noch einen Moment bei mir. Ich sagte ihr, dass der Mann Abstand hielt und vermutlich tatsächlich etwas mit meinem Reifen war.
Als das Gespräch beendet war, saß ich da und schämte mich bereits ein wenig. Aber die Tür ließ ich trotzdem verschlossen.
Nach einer Weile kam der Mann noch einmal näher, diesmal nur bis zur Front meines Wagens.
„Ich bleibe hier stehen“, sagte er. „Nur damit Sie mich sehen können.“
„Warum sind Sie nicht einfach weitergefahren?“
Er schaute kurz zur Seite.
„Weil meine Mutter auch einmal allein unterwegs war.“
Mehr sagte er nicht.
Die beiden Polizeibeamten kamen ruhig auf meinen Wagen zu. Einer sprach mit mir, der andere ging zu dem Mann am Lieferwagen.
Niemand schrie. Niemand packte jemanden am Arm. Trotzdem begann ich wieder zu zittern, als ich erklären sollte, was passiert war.
„Ich dachte, er will mir etwas tun.“
Der Beamte nickte.
„Jetzt schauen wir uns erst einmal das Rad an.“
Er wartete, bis ich ausgestiegen war, und ging mit mir um das Auto herum. Ich musste mich am Kofferraum abstützen.
An der Innenseite des hinteren Reifens hatte sich ein Stück der Oberfläche gelöst. Ein schmaler Streifen hing ab. Dort, wo ich eine glatte schwarze Fläche erwartet hatte, sah alles wund und zerfasert aus.
„Damit fahren Sie nicht weiter“, sagte der Beamte.
Es war kein strenger Satz. Eher einer, nach dem es nichts mehr zu besprechen gab.
„Aber ich habe gar nichts gemerkt.“
„Das passiert. Wir organisieren jetzt Hilfe.“
Ich dachte an die Strecke hinter mir. An die Lastwagen, an die Baustelle, an meine Hände, die das Lenkrad so selbstsicher gehalten hatten.
Plötzlich musste ich mich setzen.
Der Mann mit der Narbe holte wortlos einen zusammengeklappten Hocker aus seinem Lieferwagen. Er stellte ihn neben mich, ohne mich zu berühren.
„Der hält“, sagte er. „Ich sitze selber drauf.“
Zum ersten Mal an diesem Tag musste ich beinahe lachen.
Der Polizist besprach mit ihm, wo er den Schaden bemerkt hatte. Es waren keine endlosen Stunden gewesen. Etwa zwanzig Kilometer, vielleicht etwas mehr.
In meiner Erinnerung war daraus eine halbe Ewigkeit geworden.
„Ich kam nicht richtig an sie ran“, erklärte der Mann. „Ich wollte auch nicht dicht auffahren oder sie erschrecken.“
Ich sah auf meine Schuhe.
„Das haben Sie trotzdem.“
Er nickte sofort.
„Ja. Das habe ich gemerkt. Nur wusste ich nicht mehr, wie ich es besser machen soll.“
Als die Beamten alles Nötige geklärt hatten und der Pannendienst verständigt war, ging ich zu ihm.
„Es tut mir leid“, sagte ich. „Sie wollten mir helfen, und ich habe Sie für einen Verbrecher gehalten.“
Er zog die Augenbrauen zusammen.
„Sie kannten mich doch nicht.“
„Trotzdem.“
„Meine Tochter hätte ich auch nicht angewiesen, auf einem Parkplatz einfach einem fremden Mann die Tür aufzumachen.“
Ich schaute zu ihm hoch.
„Sie haben eine Tochter?“
„Zwei. Und beide wissen alles besser als ich.“
„Dann haben wir schon etwas gemeinsam.“
Er lächelte nur kurz. Aber dieses kurze Lächeln veränderte sein Gesicht so sehr, dass ich mich fragte, wie ich ihn eben noch hatte ansehen können, ohne irgendetwas davon zu erkennen.
Er hieß Berthold Bender. Vierundsechzig Jahre alt, bis vor Kurzem Mechaniker für schwere Fahrzeuge.
„Zweiundvierzig Jahre Werkstatt“, sagte er. „Die Hände werden wohl nicht mehr ordentlich.“
Er betrachtete seine Finger, als müsse er sie entschuldigen.
„Mein Mann war Werkzeugmacher“, antwortete ich. „Bei dem ging das auch nie ganz ab.“
Berthold nickte. Es war ein kleines Nicken, aber ich fühlte mich auf einmal weniger fremd neben ihm.
Wir setzten uns auf eine Bank am Rand des Rastplatzes. Den Hocker klappte er wieder zusammen, strich dabei sorgfältig über das Scharnier und legte ihn in seinen Wagen.
Ich rief zuerst Lieselotte an.
„Ich komme später.“
„Ist etwas passiert?“
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