Während wir warteten, gingen wir in eine kleine Bäckerei um die Ecke.
Er bestellte Kaffee und fragte mich, ob ich lieber Käsekuchen oder etwas Herzhaftes wolle.
„Sie müssen mich nicht auch noch einladen.“
„Ich habe nicht gesagt, dass ich Sie einlade.“
Ich sah ihn an.
„Gut“, sagte ich. „Dann Käsekuchen.“
Er grinste.
Natürlich bezahlte er doch. Ich bestand darauf, wenigstens die zweite Runde Kaffee zu übernehmen.
Dort erzählte ich ihm von Wilhelm.
Von siebenundvierzig Ehejahren, seinem Sonntagspullover und der Angewohnheit, jede Schraube aufzuheben, weil man sie irgendwann brauchen könnte. Nach seinem Tod hatte ich drei große Einmachgläser damit im Keller gefunden.
„Die haben Sie noch“, sagte Berthold.
„Woher wissen Sie das?“
„Weil Sie gerade aussehen, als müsste ich Sie persönlich beleidigen, wenn ich vorschlage, sie wegzuwerfen.“
Ich lachte so laut, dass sich die Frau am Nachbartisch umdrehte.
Es war mein erstes richtiges Lachen seit dem Morgen.
Dann erzählte ich von Lieselotte. Davon, dass sie seit dem Tod ihres Mannes den Tisch noch immer für zwei deckte und den zweiten Teller erst wegräumte, wenn sie sich hinsetzte.
Berthold rührte in seinem Kaffee.
„Gut, dass Sie hinfahren.“
„Meine Tochter hätte lieber, dass ich überhaupt nicht mehr allein fahre.“
„Hat sie das gesagt?“
Ich öffnete den Mund und schloss ihn wieder.
Nein. Das hatte Karin nicht gesagt.
Sie hatte angeboten, mich zu bringen. Alles Weitere hatte ich selbst daraus gemacht.
Berthold sah mich nicht triumphierend an. Er wartete nur, bis ich wieder zu meinem Kuchen griff.
„Meine Töchter fragen auch ständig, ob ich Hilfe brauche“, sagte er. „Ich höre jedes Mal: Vater, du kannst nichts mehr. Roswitha hört: Die beiden haben dich lieb.“
„Und wer hat recht?“
„Meistens Roswitha. Ist lästig, aber so ist es.“
Als mein Auto fertig war, ging Berthold mit mir hinaus. Er ließ sich zeigen, was gemacht worden war, und hörte dem Mitarbeiter aufmerksam zu.
Dann stellte er den Fahrersitz wieder so ein, dass ich bequem einsteigen konnte. Ich hatte ihn beim Aussteigen weit nach hinten geschoben.
„Trauen Sie sich die restliche Strecke noch zu?“, fragte er.
Ich prüfte ehrlich, wie es mir ging. Ich hatte gegessen, meine Hände waren ruhig, und bis zu Lieselotte war es nicht mehr weit.
„Ja“, sagte ich. „Aber ich bleibe eine Weile auf der rechten Spur.“
„Dafür ist sie da.“
Wir vereinbarten, dass er noch ein Stück hinter mir bleiben würde. Diesmal wusste ich, weshalb.
Bevor ich einstieg, schrieb ich meine Telefonnummer auf die Rückseite eines Kassenbons.
„Sie rufen heute Abend an.“
„Damit Sie wissen, ob ich angekommen bin?“
„Auch. Und wenn Sie einmal in meiner Gegend sind, kommen Sie mit Ihrer Frau zum Essen.“
Er steckte den Zettel sorgfältig in sein Portemonnaie.
„Das wird Roswitha freuen.“
Ich umarmte ihn unbeholfen. Seine Jacke roch nach Waschmittel und ein wenig nach Werkstatt.
Vor wenigen Stunden hatte ich mich vor seinen Händen gefürchtet. Jetzt klopfte eine davon ganz vorsichtig auf meinen Rücken.
Auf der Autobahn suchte ich im Spiegel nach dem grauen Lieferwagen.
Er fuhr mit reichlich Abstand hinter mir. Genau so war er vermutlich auch vorher gefahren.
Als seine Ausfahrt kam, blinkte er, hob kurz die Hand und verschwand.
Ich bemerkte, dass ich ihm nachsah, bis der Wagen nicht mehr zu erkennen war.
Lieselotte öffnete mir die Tür, noch bevor ich klingeln konnte. Sie umarmte mich so fest, dass ich den Henkel meiner Tasche fallen ließ.
„Du bist spät“, sagte sie.
Dann begann sie zu weinen.
Wir saßen bis zum Abend in ihrer Küche. Das Gulasch wurde zweimal warm gemacht, weil wir immer wieder vom Essen abkamen.
Als Berthold anrief, stellte ich das Telefon auf laut. Lieselotte bedankte sich bei ihm, obwohl sie mitten im Satz die Stimme verlor.
„Nun essen Sie beide erst mal“, sagte er.
Es klang so selbstverständlich, dass wir tatsächlich zu den Tellern griffen.
Seit diesem Tag telefonieren wir regelmäßig. Nicht immer lange und nicht nach einem festen Plan.
Manchmal fragt er nur, ob die neue Küchenuhr hängt. Manchmal schicke ich ihm ein Foto von den Schrauben aus Wilhelms Einmachgläsern, weil ich wissen möchte, welche davon für eine lockere Schranktür geeignet ist.
Beim ersten Besuch brachte er Roswitha mit. Eine kleine Frau mit klarem Blick, die ihm beim Hereinkommen sagte, er solle den Bauch einziehen, sonst stoße er meine Garderobe um.
Karin war auch da.
Sie hatte vorher dreimal gefragt, wann die beiden kommen würden. Als Berthold schließlich in meiner Küche stand, ging sie direkt auf ihn zu und nahm ihn in die Arme.
„Danke, dass Sie bei meiner Mutter geblieben sind.“
Er sah hilfesuchend zu seiner Frau.
„Lass dich einfach bedanken“, sagte Roswitha.
Beim Essen erzählte er von einem kleinen Kreis ehemaliger Kollegen. Sie trafen sich zweimal im Monat in einer alten Werkstatt, tranken Kaffee und reparierten Dinge für Leute aus der Umgebung.
Eine wackelige Gartenbank. Einen Puppenwagen. Den Griff an einer Küchenschublade.
„Nichts Großes“, sagte er.
Roswitha sah über ihren Tellerrand.
„Für die Frau, die ihre Schublade nicht mehr aufbekommt, ist es groß genug.“
Einige Wochen später fuhr ich mit Karin zu diesen Männern. Ich hatte einen Blechkuchen gebacken und behauptete, ich wolle bloß sehen, wo Berthold seine Zeit verbrachte.
In Wahrheit wollte ich die Menschen kennenlernen, die zu ihm gehörten.
Da saßen fünf Männer mit Hörgeräten, kaputten Knien und sehr bestimmten Ansichten darüber, wie Kaffee schmecken musste. Einer hatte Hände wie Bratpfannen und schnitt den Kuchen so vorsichtig, als bestünde er aus Glas.
Sie erzählten mir, dass Berthold oft länger blieb als alle anderen. Dass er einer Nachbarin im Krankenhaus jeden zweiten Tag die Blumen gegossen hatte. Dass er noch immer die Telefonnummer seiner Mutter im Handy gespeichert hatte.
„Die löscht man nicht einfach“, sagte der Mann mit dem Kuchenmesser.
Niemand widersprach.
Im Frühjahr kam eine Einladung von Roswitha. Berthold wollte am Todestag seiner Mutter zum Friedhof gehen. Seine Töchter würden kommen, zwei alte Freunde auch.
Ob ich dabei sein möchte.
Karin fuhr mit mir. Diesmal hatte ich ohne Diskussion zugesagt, als sie es angeboten hatte.
Es war kein großer Gedenktag. Wir standen zu neunt vor einem schlichten Grab, rückten eine Schale zurecht und zündeten ein Licht an.
Berthold legte kleine gelbe Blumen hin.
„Die mochte sie“, sagte er.
Später zeigte er mir ein Foto. Else stand darauf vor einem Küchentisch und hielt eine Schüssel im Arm. Sie hatte eine Schürze umgebunden und schaute den Fotografen an, als solle er endlich aufhören und lieber mithelfen.
Ich erkannte etwas von ihr in seinem Gesicht.
„Sie hätten sich verstanden“, sagte er.
„Wahrscheinlich hätten wir uns erst einmal darüber gestritten, wer den Abwasch macht.“
Er lächelte. Dann schaute er wieder zum Grab.
„Ich habe ihr so oft gesagt, dass ich später zurückrufe.“
Ich stellte mich neben ihn.
„Und Sie haben es sicher auch oft getan.“
Er antwortete nicht gleich.
„Ja“, sagte er schließlich. „Eigentlich schon.“
Es war nur ein kleiner Satz. Aber seine Schultern sanken ein wenig, und als Roswitha nach seiner Hand griff, hielt er sie fest.
Anschließend tranken wir in der Werkstatt Kaffee. Seine jüngste Enkelin malte am Tisch und wollte wissen, wer ich sei.
„Eine Freundin von Opa“, sagte ich.
Sie betrachtete mich gründlich.
„Dann musst du zu meinem Geburtstag kommen.“
Berthold schaute von ihr zu mir.
„Wenn du möchtest.“
Es war das erste Mal, dass er mich duzte.
Am vergangenen Sonntag saß ich deshalb zwischen einer Schüssel Kartoffelsalat und einem Kind, das acht Jahre alt wurde. Auf meinem Platz lag ein selbst gemaltes Namensschild.
IRMGARD.
Berthold hatte einen zu kleinen Papierhut auf dem Kopf, weil seine Enkelin darauf bestanden hatte. Seine großen Hände hielten zwei winzige Teile eines Geschenks zusammen.
„Warte“, sagte er zu ihr. „Ich helfe dir.“
Ich saß noch eine Weile da und sah den beiden zu.
Als Karin mich später nach Hause brachte, stand mein Auto in der Einfahrt. Ich würde am nächsten Morgen selbst einkaufen fahren. Vorher wollte ich einmal um den Wagen gehen und nach den Rädern sehen.
In meiner Manteltasche steckte das Namensschild. Ich strich es glatt und legte es zu Hause auf die Küchenkommode.
Dann rief ich Berthold an.
„Bist du gut angekommen?“, fragte ich.
Er lachte leise.
„Ja, Irmgard. Bin ich.“
Im Hintergrund hörte ich Roswitha Geschirr wegräumen. Ich holte tief Luft und erzählte ihm von Lieselotte, die zum ersten Mal seit Monaten wieder Besuch zum Abendessen eingeladen hatte.
„Das ist schön“, sagte er. „Erzähl mal.“
Und ich erzählte.






