Ich hielt ihn für gefährlich, bis ich begriff, warum er mir folgte

„Ein Reifen ist kaputt. Aber mir geht es gut.“

Am anderen Ende wurde es still.

„Irmgard?“

„Ja?“

„Du kommst aber noch?“

Ich sah zu Berthold hinüber.

„Ja“, sagte ich. „Ich komme noch.“

Danach rief ich Karin an. Bei meiner Tochter funktionierte die beschönigte Fassung natürlich nicht.

„Was heißt, der Reifen ist kaputt?“

Ich erzählte es ihr. Alles. Auch von dem Lieferwagen, meiner Angst und dem Anruf bei der Polizei.

Sie ließ mich ausreden.

Dann sagte sie leise: „Gib mir bitte kurz diesen Herrn Bender.“

Ich reichte ihm das Telefon. Er stand beim Sprechen auf, wie manche Männer seiner Generation es taten, wenn ein Gespräch wichtig wurde.

„Ja. Nein, sie ist unverletzt. Sie hat sich erschrocken.“

Er hörte zu.

„Nein, ich bleibe noch da.“

Als er mir das Telefon zurückgab, waren seine Ohren rot.

„Ihre Tochter kann ziemlich deutlich werden.“

„Das hat sie von ihrem Vater.“

„Sie hat sich nur bedankt.“

Wir schwiegen eine Weile. Vor uns trugen Menschen belegte Brötchen zu ihren Autos, Kinder baten um Geld für den Süßigkeitenautomaten, irgendwo fiel eine Kofferraumklappe zu.

Für alle anderen war es ein gewöhnlicher Zwischenhalt.

„Was ist mit Ihrer Mutter passiert?“, fragte ich schließlich.

Berthold rieb mit dem Daumen über eine helle Stelle an seinem Handrücken.

„Vor zwei Jahren. Sie kam von ihrer Schwester zurück. Abends, auf einer Landstraße.“

Ich sagte nichts.

„Ein Reifen ist geplatzt. Sie ist von der Fahrbahn abgekommen. Der Wagen lag hinter einer Böschung.“

Er machte eine Pause.

„Man hat ihn erst später entdeckt.“

„Wie alt war sie?“

„Einundachtzig.“

Seine Mutter hieß Else. Sie hatte in einer Wäscherei gearbeitet und später in der Küche eines Altenheims. Den Führerschein hatte sie erst mit zweiundvierzig gemacht, weil Bertholds Vater krank geworden war.

„Sie hat sich das Geld dafür in einer Kaffeedose zusammengespart“, sagte er. „Wenn mein Vater gefragt hat, was drin ist, hat sie gesagt: Knöpfe.“

Ich musste lächeln.

„Das klingt nach einer vernünftigen Frau.“

„Stur war sie.“

„Das schließt sich nicht aus.“

Er lachte kurz. Dann presste er die Lippen aufeinander.

Ich wartete.

„Sie hat an dem Abend noch angerufen“, sagte er schließlich. „Bevor sie losgefahren ist.“

Seine Hände lagen ineinander verschränkt zwischen seinen Knien.

„Ich war in der Werkstatt. Es war viel los. Ich habe gesagt: Mutter, jetzt nicht. Ich melde mich nachher.“

Er schaute mich an.

„Das war mein letzter Satz zu ihr.“

Ich hätte etwas Tröstliches sagen können. Dass er es nicht hatte wissen können. Dass es nicht seine Schuld gewesen war.

Vermutlich hatte er diese Sätze schon oft gehört.

Stattdessen legte ich meine Hand auf seine. Seine Finger bewegten sich kurz, dann blieben sie still.

„Weiß Ihre Frau, dass Sie sich das noch immer vorwerfen?“

Er nickte.

„Roswitha sagt, meine Mutter hätte als Erste mit mir geschimpft.“

„Wahrscheinlich hat Roswitha recht.“

Er atmete hörbar aus.

„Als ich Ihren Reifen gesehen habe, konnte ich nicht einfach weiterfahren. Mehr war es nicht.“

Für mich war es sehr viel mehr. Aber ich ließ meine Hand noch einen Augenblick liegen und sagte nichts.

Der Pannendienst kam nach gut einer Stunde. Mein Wagen musste in eine Werkstatt in der Nähe.

Ich betrachtete meine Tasche, den Karton und den Topf im Kofferraum. Plötzlich fühlte ich mich alt. Nicht wegen meiner Jahre, sondern weil ich für einen Moment nicht wusste, was ich als Nächstes tun sollte.

Berthold bemerkte es.

„Wir nehmen Ihre Sachen in meinen Wagen. Dann fahren wir hinterher.“

„Sie haben doch bestimmt etwas vor.“

„Ich wollte einem Freund seine reparierte Kaffeemaschine bringen.“

Er deutete auf einen Karton hinter dem Beifahrersitz.

„Der kann ausnahmsweise Tee trinken.“

„Und Ihre Frau?“

„Die weiß Bescheid.“

Er zog sein Telefon heraus und zeigte mir eine Nachricht.

Bring die Dame ordentlich weiter. Und iss etwas.

„Roswitha kennt mich“, sagte er.

Diesmal stieg ich freiwillig in seinen Lieferwagen.

Auf dem Sitz lag eine saubere Jacke, die er hastig wegräumte. Im Ablagefach steckten ein Zollstock, zwei Bonbons und eine Zeichnung auf kariertem Papier.

Darauf hatte ein Kind einen Mann mit riesigen Händen gemalt.

„Mein Enkel“, erklärte er. „Der meint, damit könnte ich alles reparieren.“

Die Werkstatt konnte meinen Wagen noch am selben Nachmittag fertig machen. Der beschädigte Reifen wurde ersetzt, die anderen Räder wurden überprüft.

Ich fragte nach dem Preis und bezahlte später selbst. Berthold ließ mich das tun, ohne einen großen Auftritt daraus zu machen. Dafür war ich ihm dankbar.

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