Er fuhr sich durch die grauen Haare.
„Ich habe oft geglaubt, es würde reichen, wenn ich genug arbeite, die Rechnungen bezahle und abends irgendwann nach Hause komme.“
„Aber du warst dauernd unterwegs.“
„Ja.“
„Wegen der Kinder.“
„Oft. Nicht immer.“
Er sah mich an.
„Manchmal bin ich auch einfach in die Garage gegangen, weil ich nicht wusste, wie ich mit deiner Mutter reden sollte.“
Das hatte ich noch nie von ihm gehört.
„Sie wollte irgendwann, dass ich das Motorrad verkaufe und mit den ganzen zusätzlichen Fahrten aufhöre.“
„Und du hast Nein gesagt.“
„Ja.“
Ich schluckte.
„Warum?“
„Weil ich Angst hatte, die Menschen im Stich zu lassen, denen ich versprochen hatte zu helfen.“
Er sah zum Fenster hinaus.
„Und weil ich zu stolz war, zuzugeben, dass ich nicht alles allein schaffen konnte.“
Ich dachte an die vielen Abende, an denen meine Mutter geweint hatte.
Dann an den kleinen Jungen mit dem Motorenbuch.
Auf einmal verstand ich, dass beide Seiten etwas verloren hatten.
„Hättest du sie behalten können?“, fragte ich.
Mein Vater schüttelte langsam den Kopf.
„Das weiß ich nicht, Mara. Aber ich hätte mehr versuchen müssen.“
Ich schob mein Wasserglas zur Seite.
„Ich habe heute die Polizei gerufen, weil ich wollte, dass sie dir das Motorrad wegnehmen.“
Er nickte.
„Das habe ich mir gedacht.“
„Ich wollte, dass du dich genauso hilflos fühlst wie ich.“
Bei diesen Worten brach meine Stimme.
Papa sah mich an.
Dann streckte er langsam die Hand über den Tisch.
„Komm mal her.“
Ich stand auf und ging um den Tisch herum.
Als er mich in die Arme nahm, roch seine Jacke nach Werkstatt und Seife.
Und ich war plötzlich wieder das kleine Mädchen, das am Gartentor auf seinen Vater gewartet hatte.
„Es tut mir leid“, flüsterte ich.
Er hielt mich fest.
„Mir auch, mein Mädchen.“
Wir saßen eine ganze Weile so.
Dann stellte ich eine Frage, die ich ihm vorher niemals gestellt hätte.
„Papa?“
„Hm?“
„Kann ich mal mitkommen?“
Er ließ mich los.
„Wohin?“
„Zu den Leuten. Zu den Kindern. Ich möchte sehen, was du da machst.“
Er schaute mich lange an.
Dann lächelte er vorsichtig.
„Wenn du das wirklich möchtest, sehr gern.“
Am folgenden Samstag stand mein Vater um halb neun vor meiner Zimmertür.
Nicht um sechs.
Nicht mit laufendem Motor.
Er klopfte.
„Mara? Wir müssten langsam los.“
Ich hatte mir am Abend zuvor eine Jeans und eine warme Jacke herausgelegt.
Auf meinem Schreibtisch lag ein Motorradhelm, den Papa eigens für mich herausgesucht hatte.
„Ist der wirklich sicher?“, fragte ich beim Frühstück.
Er prüfte noch einmal den Verschluss.
„Der passt. Und wir fahren ganz gemütlich.“
Ich verdrehte die Augen.
„Du bist ja schlimmer als Mama.“
Er grinste.
„Bei dem Thema gern.“
Als wir in die Garage gingen, stand das dunkelrote Motorrad an seinem gewohnten Platz.
Zum ersten Mal betrachtete ich es richtig.
Die kleinen Kratzer am Tank.
Die sorgfältig reparierte Sitzbank.
Die abgewetzten Griffe.
Und einen winzigen Aufkleber an der Innenseite der Verkleidung, den ich noch nie bemerkt hatte.
Darauf war eine Kinderzeichnung zu sehen.
Ein Mann auf einem Motorrad, daneben ein kleines Mädchen mit einem roten Schal.
„Von Leni?“, fragte ich.
Papa nickte.
„Hat sie mir geschenkt, als sie wieder zu Hause war.“
Ich fuhr mit dem Finger über den Rand des Aufklebers.
„Warum hast du ihn hier hingeklebt?“
„Damit er nicht kaputtgeht.“
Er sagte das so selbstverständlich, dass ich lächeln musste.
Dann setzte ich den Helm auf und stieg hinter ihm auf die Maschine.
Meine Hände lagen unsicher an seiner Jacke.
„Du kannst dich ruhig festhalten“, sagte er.
„Mach ich doch.“
„Richtig, Mara.“
Ich schlang die Arme um ihn.
Er lachte leise.
„So ist gut.“
Als der Motor ansprang, zuckte ich zusammen.
Er war immer noch laut.
Aber diesmal wollte ich nicht, dass er verstummte.
Wir fuhren nicht zu irgendeinem geheimnisvollen Treffpunkt, wie ich es mir früher vorgestellt hatte.
Unser Ziel war ein schlichtes Familienhaus in der Nähe einer Kinderklinik.
Dort konnten Angehörige von Patienten zeitweise unterkommen, während ihre Kinder behandelt wurden.
Vor dem Gebäude standen schon mehrere Autos und drei Motorräder.
Ein älterer Mann mit kräftigen Schultern lud Getränkekisten aus einem Kombi.
Eine Frau sortierte Stofftiere in große Kartons.
Und ein dünner Mann mit grauem Schnurrbart versuchte gerade, einen wackeligen Klapptisch aufzustellen.
Als wir ankamen, hob er den Kopf.
„Na endlich, Thomas! Wir dachten schon, du bist in Rente gegangen.“
„So leicht werdet ihr mich nicht los“, antwortete Papa.
Dann legte er den Arm um meine Schultern.
„Das ist meine Tochter Mara.“
Alle drehten sich zu mir um.
Der Mann mit dem Tisch lächelte.
„Ach, du bist also die Mara.“
Ich wurde rot.
„Woher kennen Sie mich?“
Er lachte.
„Dein Vater redet von dir, seit du auf der Welt bist.“
Ich schaute Papa an.
Er tat so, als müsse er dringend seinen Helm verstauen.
„Hat er erzählt, dass ich die Polizei gerufen habe?“
Der ältere Mann hob die Augenbrauen.
Dann lachte er so laut, dass Papa sich umdrehte.
„Nein, das hat er uns vorenthalten.“
Ich musste ebenfalls lachen.
Zum ersten Mal war mir eine Geschichte über meinen Vater nicht peinlich.
Im Haus war ein kleiner Aufenthaltsraum vorbereitet.
Es gab Kaffee, belegte Brötchen und selbst gebackenen Kuchen.
Die Leute meines Vaters organisierten an diesem Wochenende eine Sammlung für Familien, die durch lange Krankenhausaufenthalte zusätzliche Ausgaben hatten.
Einige brauchten Unterstützung bei den Fahrtkosten.
Andere konnten sich die vielen Übernachtungen in Kliniknähe kaum leisten.
Ein Mann erzählte, dass er seinen Urlaub vollständig aufgebraucht hatte, um bei seiner Tochter bleiben zu können.
Mein Vater hörte einfach zu.
Er machte keine großen Versprechungen.
Er schrieb etwas in ein kleines Notizbuch und sagte: „Ich frage mal die anderen, was wir hinbekommen.“
Dann kam ein Junge auf zwei Unterarmgehstützen in den Raum.
Er mochte neun oder zehn Jahre alt sein.
„Thomas!“
Mein Vater drehte sich sofort um.
„Na, David! Du bist ja schon wieder einen halben Meter gewachsen.“
Der Junge grinste.
„Stimmt gar nicht.“
„Mindestens. Bald passt du nicht mehr durch die Tür.“
David lachte und kam näher.
Papa ging ein wenig in die Knie, damit sie sich auf Augenhöhe begrüßen konnten.
„Na, wie läuft’s?“
„Gut. Ich darf wieder öfter zur Schule.“
„Das sind doch Nachrichten.“
David zeigte auf mich.
„Wer ist das?“
„Meine Tochter Mara.“
Der Junge sah mich neugierig an.
„Echt? Der Thomas ist dein Papa?“
Ich nickte.
„Ja.“
David grinste noch breiter.
„Dann hast du aber Glück.“
Ich wusste nicht, was ich antworten sollte.
„Er hat mir beigebracht, wie ein Viertaktmotor funktioniert“, erklärte David stolz. „Und wenn ich groß bin, werde ich auch Mechaniker.“
Papa lächelte.
„Erst mal machst du die Schule fertig.“
„Das sagst du jedes Mal.“
„Weil es jedes Mal stimmt.“
David lachte.
Dann erzählte er mir, dass mein Vater ihm während seiner Behandlung regelmäßig kleine Rätsel über Motoren mitgebracht hatte.
Mal sollte er herausfinden, warum ein Motor nicht anspringt.
Mal ging es darum, welcher Teil eines Getriebes welche Aufgabe hat.
„Wenn ich die Antwort wusste, hat er mir eine Zeichnung mitgebracht“, sagte David.
Er holte ein zerknittertes Blatt aus seiner Tasche.
Darauf war ein Motorrad zu sehen.
Daneben stand in krakeliger Schrift: „Davids Werkstatt“.
Ich musste an mein eigenes Zimmer denken.
Dort hatte mein Vater früher kleine Modelle aus Schrauben und Muttern für mich gebaut.
Einen winzigen Hund.
Ein Fahrrad.
Ein Herz.
Irgendwann hatte ich ihm gesagt, dass ich für so einen Kinderkram zu alt sei.
Danach hatte er aufgehört.
Später half ich einer Frau, Spielzeug in Kartons zu sortieren.
Sie hieß Petra und war etwa so alt wie meine Mutter.
Ihr Sohn war vor drei Jahren schwer krank gewesen.
Als sie hörte, dass ich Thomas‘ Tochter war, legte sie das Stofftier aus der Hand.
„Dann muss ich dir etwas erzählen.“
Ich lächelte unsicher.
„Was denn?“
Sie setzte sich auf einen Stuhl.
„Mein Mann und ich hatten damals kaum noch Kraft. Unser Sohn lag in der Klinik, meine Schwiegermutter brauchte Unterstützung, und ich wusste manchmal nicht mehr, wie ich den nächsten Tag schaffen sollte.“
Sie sah auf ihre Hände.
„Eines Abends ging unser Auto kaputt. Wir hätten am nächsten Morgen zu einer wichtigen Untersuchung gemusst.“
Ich ahnte bereits, was kommen würde.
„Dein Vater kannte uns über einen gemeinsamen Bekannten. Er kam nach seiner Arbeit vorbei, sah sich den Wagen an und sagte, die Reparatur würde etwas dauern.“
Petra lächelte traurig.
„Ich fing an zu weinen. Nicht wegen des Autos. Einfach, weil ich nicht mehr konnte.“
Sie schluckte.
„Thomas brachte uns am nächsten Morgen mit seinem eigenen Wagen zur Klinik. Während wir dort waren, organisierte er die Reparatur.“
Ich dachte an seine Werkstatt.
An die Abende, an denen er so spät nach Hause gekommen war.
„Er hat dafür nichts genommen“, sagte Petra.
Dann schüttelte sie den Kopf.
„Doch. Einen Kaffee wollte er. Den hat mein Mann ihm irgendwann gekauft.“
Wir lachten beide.
Dann wurde Petra wieder ernst.
„Mara, manchmal braucht man keinen Menschen, der große Reden hält. Man braucht jemanden, der einfach kommt.“
Ich sah durch das Fenster.
Draußen stand mein Vater neben einem alten Kombi und half einem anderen Mann, die Rückbank umzuklappen.
Seine Jacke war schmutzig.
Seine Haare waren zerzaust.
Er sah aus wie immer.
Und doch hatte ich das Gefühl, ihn zum ersten Mal wirklich zu erkennen.
Am Nachmittag lernte ich Leni kennen.
Sie kam mit ihren Eltern ins Familienhaus, weil Herr Voss gehört hatte, dass mein Vater dort half.
Ich erkannte sie sofort von den Fotos.
Sie war inzwischen acht Jahre alt, hatte braune Haare und trug einen roten Pullover.
Als sie meinen Vater sah, lief sie los.
„Thomas!“
Papa ging in die Hocke.
Leni warf ihm die Arme um den Hals.
„Du hast gesagt, du kommst!“
„Na klar. Versprochen ist versprochen.“
Sie hielt ihm ein Blatt Papier entgegen.
„Ich habe was für dich gemalt.“
Mein Vater betrachtete das Bild.
Ein rotes Motorrad.
Zwei Menschen darauf.
Und darüber eine riesige gelbe Sonne.
„Das ist ja schön“, sagte er.
„Das bist du“, erklärte Leni und zeigte auf die größere Figur. „Und das bin ich. Wenn ich groß genug bin.“
Papa lächelte.
„Dann müssen wir aber erst mal mit deinem Papa reden.“
Herr Voss stand hinter seiner Tochter und schüttelte lachend den Kopf.
„Führerschein und Schutzkleidung kommen vorher.“
Leni verdrehte die Augen.
„Ihr Erwachsenen seid immer so streng.“
Ich musste lachen.
Sie bemerkte mich.
„Bist du Mara?“
„Ja.“
„Thomas hat mir von dir erzählt.“
Mein Herz machte einen kleinen Sprung.
„Wirklich?“
Sie nickte eifrig.
„Er hat gesagt, dass du ganz toll zeichnen kannst. Und dass du früher immer seine Werkzeugkiste sortiert hast.“
Ich blickte zu Papa.
Er hob verlegen die Schultern.
Ich hatte seit Jahren nicht mehr gezeichnet.
Jedenfalls nicht für ihn.
„Weißt du“, sagte Leni, „ich habe früher immer Angst gehabt, wenn ich in die Klinik musste.“
Ich ging neben ihr in die Hocke.
„Das glaube ich.“
Sie sah zu meinem Vater.
„Aber Thomas hat gesagt, dass man auch Angst haben darf und trotzdem mutig sein kann.“
Ich wusste nicht, dass mein Vater so etwas sagen konnte.
Bei mir hatte er früher immer nur gesagt: „Wir kriegen das hin.“
Vielleicht war das seine Art gewesen, genau dasselbe auszudrücken.
„Und wenn er zu uns kommt“, fuhr Leni fort, „höre ich manchmal schon sein Motorrad.“
Sie grinste.
„Mama sagt dann immer, dass unser Besuch gleich da ist.“
Ich sah meinen Vater an.
Er lächelte zurück.
Und zum ersten Mal seit langer Zeit musste ich mich nicht bemühen, dieses Lächeln zu erwidern.
Auf dem Heimweg hielt ich mich fester an seiner Jacke als am Morgen.
Als wir vor einer roten Ampel warteten, beugte ich mich vor.
„Papa?“
„Ja?“
„Es tut mir wirklich leid.“
Er drehte den Kopf ein wenig.
„Ich weiß, Mara.“
„Ich war so gemein.“
„Wir waren beide nicht besonders gut darin, miteinander zu reden.“
Ich schluckte.
„Aber ich habe Sachen über dich gesagt, die nicht stimmen.“
Papa schwieg kurz.
Dann sagte er: „Vielleicht weißt du jetzt ein bisschen mehr über mich.“
Die Ampel wurde grün.
Wir fuhren weiter.
Und während die Häuser an uns vorbeizogen, dachte ich an all die Menschen, die meinen Vater kannten.
Herrn Voss.
Leni.
David.
Petra.
Die Männer aus der Werkstatt.
Sie alle hatten Seiten an ihm gesehen, von denen ich nichts wusste.
Nicht, weil er sie absichtlich vor mir versteckt hatte.
Sondern weil ich irgendwann aufgehört hatte zu fragen.
Als wir zu Hause ankamen, nahm ich den Helm ab und blieb neben dem Motorrad stehen.
Papa wollte es gerade in die Garage schieben.
„Warte mal.“
Er sah mich an.
„Was ist?“
„Kannst du mir morgen zeigen, wie man das Ding sauber macht?“
Er runzelte die Stirn.
„Das Ding?“
Ich grinste.
„Na gut. Dein Motorrad.“
Er lachte.
Es war ein richtiges, lautes Lachen.
Eines, das ich seit Jahren vermisst hatte.
Am selben Abend rief ich meine Mutter an.
Sie fragte wie immer zuerst nach der Schule.
Dann, ob ich genug für die nächste Mathearbeit gelernt hätte.
Irgendwann sagte ich: „Mama, ich muss dir etwas erzählen.“
Und dann erzählte ich alles.
Von der Polizei.
Von Herrn Voss.
Von Leni.
Von der Stammzellspende.
Von den Kindern und ihren Eltern.
Meine Mutter sagte lange nichts.
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