Ich verstand jedes arabische Wort und mein Verlobter ahnte es nicht einmal

Der Abend endete erst, als die letzten Teegläser abgeräumt wurden und das Lachen dünner klang. Vor dem Restaurant „Rote Rose“ stand ich kurz im kalten Januarwind.

„Du warst heute großartig“, sagte Tarek. „Meine Familie war beeindruckt.“

Ich senkte den Blick, schüchtern gespielt. „Ich war so nervös. Ich verstehe ja kaum, was… was alles bedeutet.“

Er lachte zufrieden. „Das kommt. Am Anfang ist es immer so. Aber du hast dich perfekt verhalten.“

Perfekt hieß: still, freundlich, dankbar. Perfekt hieß: nicht zu viel fragen.

Im Auto legte er seine Hand auf mein Knie. „Morgen wird ein großer Tag“, sagte er. „Ein wichtiger Termin. Wenn das klappt, sind wir einen Schritt näher an unserem Leben.“

„Ich drücke dir die Daumen“, sagte ich.

Er küsste mich kurz und setzte mich vor meinem Haus ab. Als die Autolichter verschwanden, blieb nur Stille.

Oben stellte ich die Tasche ab, zog die Schuhe aus und ging direkt an den Laptop. Wenn ich wartete, würde ich fühlen. Und heute konnte ich mir Gefühle nicht leisten.

Die Dateien lagen in einem gesicherten Ordner, den Jens Keller mir freigeschaltet hatte. Jens war Sicherheitschef bei Martens Global Beratung und seit Wochen mein stiller Verbündeter. Ich gab das Passwort ein und öffnete die Transkription.

Zeitstempel. Sprecher. Wort für Wort.

„Sie ist ein Schlüssel“, stand dort. Tareks Stimme. „Und sie hält ihn selbst in der Hand.“

Ich las weiter. Nicht nur Spötteleien über Kaffee. Sondern Sätze über Nutzen, Zugriff, Vorteile. Wie man an Informationen kommt. Wie schnell man „alles“ haben würde, wenn wir erst verheiratet wären.

Meine Finger verkrampften. Ich zwang mich, langsam zu atmen. Dokumentation, dachte ich. Nicht Schmerz.

Ich sah mein Spiegelbild im Fenster: ruhig, ordentlich, kontrolliert.

Ich hatte Jahre im Ausland gearbeitet und Arabisch so gründlich gelernt, dass ich jedes Wort verstand. Ich wusste auch, wie gefährlich Selbstsicherheit ist.

Tarek hatte mich auf einer Gala kennengelernt. Charmant, höflich und sehr darauf bedacht, dass ich nichts „zwischen den Zeilen“ verstand.

Als er mir den Ring gab, fragte mein Vater nur: „Bist du dir sicher?“ Ich antwortete: „Ich finde die Wahrheit heraus.“

Eine kurze Notiz bestätigte: Der Schmuck zeichnete sauber auf, unauffällig und rechtlich sauber abgesichert.

Mein Handy vibrierte.

Tarek: „Schlaf gut, Habibti. Morgen wird groß. Ich liebe dich.“

Liebe war bei ihm wie ein Schalter: Wenn er es sagte, sollte ich still werden. Ich schrieb zurück: „Schlaf du auch gut. Ich bin stolz auf dich.“

Kurz nach Mitternacht kam eine Nachricht von Jens: „Transkription komplett. Nächster Schritt ist der Geschäftstermin morgen. Wir rechnen mit belastbarem Material.“

Ich tippte: „Wir brauchen ihn beim Reden über Pläne. Zahlen. Kunden.“

„Verstanden“, schrieb Jens. „Dein Vater will dich morgen 8:00 im Büro.“

In der Nacht sortierte ich Sätze und Pausen – vor allem Tareks kurzen Schreck, als ich „Arabisch lernen“ sagte.

Am Morgen zog ich einen schlichten dunklen Anzug an, band mir die Haare zurück und fuhr ins Büro.

Mein Vater saß bereits am Tisch, vor sich eine dicke Mappe mit farbigen Reitern. Neben ihm stand Frau Brenner aus der Rechtsabteilung, sachlich, ruhig. Jens lehnte am Fenster, Tablet in der Hand.

„Setz dich, Sophie“, sagte mein Vater. Seine Stimme war sehr ruhig. Das war bei ihm kein gutes Zeichen.

Auf dem Tisch lagen Listen: Zugriffe, Daten, Uhrzeiten. Daneben Kontoauszüge mit regelmäßigen Einzahlungen, immer am selben Tag.

„Wir haben Hinweise, dass Tarek nicht allein arbeitet“, sagte Jens. „Er bekommt Informationen von innen.“

Mein Magen zog sich zusammen. „Von innen?“

Frau Brenner schob mir ein Blatt rüber. „Vertrauliche Dokumente wurden weitergeleitet. Erst intern geöffnet, dann kurz danach an private Adressen geschickt. Dazu kommen Geldflüsse, die nicht erklärbar sind.“

Mein Vater sah mich an. „Du hast ihm nichts Reales über das große Projekt erzählt, oder?“

„Nein“, sagte ich. „Nur einen Köder. Absichtlich.“

Jens nickte. „Tarek spricht trotzdem über Details, die nur aus unseren Unterlagen stammen können.“

Es wurde still.

„Wer?“ fragte ich.

Jens zögerte, als würde ihm das Wort wehtun. Dann sagte er: „Richard Thormann. Bereichsleiter Ausland. Dein früherer Mentor.“

Mir wurde kalt.

„Seid ihr sicher?“ brachte ich heraus.

„Noch nicht hundert Prozent“, sagte Frau Brenner. „Aber genug, um heute sauber weiterzugehen. Wir dokumentieren. Wir handeln nicht aus dem Bauch.“

Mein Vater legte die Hand flach auf die Mappe. „Heute Nachmittag hat Tarek seinen Termin. Und du wirst dabei sein.“

„Ich?“

„Er wird reden, wenn er glaubt, du bist nur Dekoration“, sagte mein Vater. „Das ist unser Vorteil.“

Jens sah auf sein Tablet. „Gerade kam die Bestätigung: Hotel, Konferenzraum, 14 Uhr.“

Noch bevor ich etwas erwidern konnte, vibrierte mein eigenes Handy. Jens nickte in Richtung Lautsprecherfunktion. „Nimm ab“, sagte er leise. „Wenn du jetzt ausweichst, wird er misstrauisch.“

Auf dem Display stand: Tarek.

„Guten Morgen, Habibti“, sagte er, als hätte es den gestrigen Abend nie gegeben. „Ich hoffe, du hast gut geschlafen.“

„Natürlich“, antwortete ich. „Und du?“

„Ich bin voller Energie. Hör zu – der Termin heute ist größer geworden als gedacht. Wichtige Leute. Und…“ Er machte eine kurze Pause. „Ich möchte, dass du dabei bist.“

Mein Puls stieg, aber meine Stimme blieb ruhig. „Ich? Warum?“

„Das macht Eindruck“, sagte er. „Familie. Seriosität. Du musst nichts sagen. Nur lächeln. Du verstehst doch.“

Ich sah zu meinem Vater. Er hielt den Blick fest. Ein kleines Nicken.

„Natürlich komme ich“, sagte ich. „Sag mir nur, was ich anziehen soll.“

„Konservativ“, antwortete Tarek sofort. „Nichts Auffälliges. Und bitte, sprich nicht über deine Arbeit. Diese Männer mögen… traditionelle Rollen.“

„Verstanden“, sagte ich sanft. „Schick mir Ort und Uhrzeit.“

„Ich hole dich um halb zwei ab“, sagte er zufrieden. „Ich liebe dich.“

„Ich auch“, sagte ich, und es klang wie Asche.

Als ich auflegte, legte mein Vater langsam die Mappe zu. „Gut“, sagte er. „Jetzt lassen wir ihn laufen.“

Mein Vater blickte mich an, fest und ruhig. „Heute wird er sich selbst verraten. Und danach finden wir heraus, wie tief Richard wirklich drinsteckt.“

Ich nickte.

In meinem Kopf klang wieder Tareks Satz: „Sie ist ein Schlüssel.“

Ja, dachte ich. Aber nicht so, wie du glaubst.

Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen.

Nach oben scrollen