Jens’ Tablet piepte leise. Er sah drauf, und zum ersten Mal an diesem Tag flackerte etwas in seinem Blick.
„Wir haben einen Treffer“, sagte er.
„Was für einen?“ fragte ich.
„Jemand hat heute Vormittag versucht, auf ein internes Projektpostfach zuzugreifen“, sagte Jens. „Nicht erfolgreich. Aber der Versuch kam von einem Netzwerk, das wir mit Mansurs Umfeld in Verbindung bringen.“
Mein Vater drehte sich langsam um. „Sie versuchen also, bevor alles dicht ist, noch etwas abzugreifen.“
Jens nickte. „Ja. Und das passt zu der Drohung. ‚Nicht das Einzige.‘ Sie haben vielleicht Kopien. Oder sie glauben, sie hätten welche. Oder sie wollen uns glauben machen, sie hätten welche.“
Ich sah auf die Kette in der Beweistasche, auf den Ring im Umschlag, auf den Satz in Tareks Handschrift.
Alles an diesem Tag war plötzlich eindeutig: Wer nicht gewinnt, versucht zu verletzen.
Mein Handy lag noch in der Box. Trotzdem vibrierte etwas in mir – nicht das Gerät, sondern die Vorahnung.
„Was, wenn sie nicht nur an Daten wollen?“ fragte ich leise.
Mein Vater sah mich an. „Dann werden wir dafür sorgen, dass du nicht alleine bist.“
Jens nickte. „Ab heute begleiten wir dich. Und wir prüfen, ob noch jemand in der Firma…“
Er brach ab.
„Noch jemand?“ fragte ich, und meine Stimme wurde hart.
Jens atmete aus. „Richard war nicht zwangsläufig der Einzige. Er war nur der, den wir sicher hatten.“
Stille.
Mein Vater legte mir eine Hand auf die Schulter, fest, ruhig. „Dann machen wir weiter“, sagte er. „Bis wir alles sauber haben.“
In diesem Moment kam eine neue Nachricht auf Jens’ Tablet. Er las sie, und diesmal hob er sofort den Kopf.
„Tarek hat um ein Treffen gebeten“, sagte er. „Heute Abend. Er sagt, er will ‚reden‘. Und er will dich allein sehen.“
Mein Bauch zog sich zusammen, aber mein Kopf blieb klar.
„Allein?“ sagte ich.
Jens schüttelte den Kopf. „Nicht, wenn wir es zulassen.“
Mein Vater sah mich an. „Du entscheidest.“
Ich dachte an das rote Licht im Konferenzraum. An Richards zitternde Hand. An Lailas drohenden Ton.
Und an den Satz, der heute alles ausgelöst hatte: „Dein Ring ist nicht das Einzige…“
Ich hob den Blick.
„Gut“, sagte ich ruhig. „Dann treffen wir ihn.“
Und in mir war plötzlich kein Zittern mehr. Nur ein stilles, kaltes Wissen:
Wenn jemand dich nicht mehr kontrollieren kann, versucht er, dich zu erschrecken.
Heute Abend würden wir sehen, wozu Tarek bereit war.
Wir trafen Tarek nicht in einer dunklen Seitenstraße und nicht in meiner Wohnung. Kein Drama, keine Heimlichkeit. Sondern dort, wo Menschen sich sicher fühlen, weil andere Menschen hinschauen: in der Lobby eines ruhigen Business-Hotels, fünf Minuten von unserem Büro entfernt.
Es war früher Abend. Die Luft draußen war kalt und klar, und drinnen roch es nach polierten Möbeln und frischem Gebäck. In der Ecke spielte jemand leise Klavier, nur ein paar Töne, die sich nicht aufdrängten.
Ich ging zuerst hinein. Jens kam zwei Schritte hinter mir. Zwei weitere Leute aus der Sicherheit saßen bereits am Fenster, so unauffällig, dass man sie für Gäste halten konnte. Frau Brenner war nicht dabei, aber sie war informiert. Und mein Vater wusste, wo ich war, jede Minute.
„Du bist sicher“, hatte er gesagt, bevor ich ging. „Und wenn du auch nur einmal das Gefühl hast, dass etwas kippt, gehst du. Ohne Erklärung.“
Ich nickte damals. Und ich nickte jetzt innerlich auch, als ich mich an einen Tisch setzte, der so öffentlich stand, dass Tarek keine Bühne bekam.
Jens setzte sich nicht. Er blieb ein Stück entfernt, wie ein Schatten, der nicht droht, aber erinnert.
Tarek kam zehn Minuten zu spät.
Er trat durch die Drehtür, geschniegelt, geschniegelt wie immer. Der Mantel teuer, der Blick suchend. Als er mich sah, wurde sein Gesicht einen Moment weich, fast so, als wäre er wirklich traurig. Dann legte er die Maske wieder auf.
Er kam zu mir, als würde er mir die Hand geben wollen. Ich blieb sitzen.
„Sophie“, sagte er leise. „Danke, dass du gekommen bist.“
„Sag, was du sagen willst“, antwortete ich.
Seine Augen zuckten zu Jens. „Ich dachte… wir wären allein.“
„Das dachtest du oft“, sagte ich ruhig. „Und du hast dich oft geirrt.“
Er presste die Lippen zusammen und setzte sich mir gegenüber. Für einen Moment schwieg er, als würde er sich sammeln. Dann begann er mit der Stimme, die er immer benutzte, wenn er etwas verkaufen wollte: weich, vernünftig, als wäre alles nur ein Missverständnis.
„Das heute im Konferenzraum“, sagte er, „war eine Demütigung. Vor fremden Leuten. Vor deinem Vater.“
Ich blinkte langsam. „Es war die Wahrheit. Und sie war nicht zufällig.“
„Ich habe Fehler gemacht“, sagte er schnell. „Ja. Ich war… ich war dumm. Überheblich. Aber das muss nicht so enden.“
„Doch“, sagte ich. „Es endet genau so.“
Tarek beugte sich vor. „Hör mir zu. Bitte. Du glaubst, ich hätte dich nur benutzt. Aber das stimmt nicht. Irgendwann… irgendwann habe ich dich wirklich bewundert.“
„Bewunderung ist nichts, wenn man gleichzeitig stiehlt“, sagte ich.
Er atmete aus, ein wenig schärfer. „Du weißt nicht, was auf dem Spiel steht.“
„Doch“, sagte ich. „Meine Firma. Das Vertrauen meines Vaters. Menschen, die ihren Job verlieren, weil jemand glaubt, Regeln gelten nur für andere.“
Tarek sah kurz weg. Dann kam er zurück, und in seinen Augen war etwas Neues: nicht Charme, sondern Trotz.
„Du willst mich zerstören“, sagte er.
„Ich will dich stoppen“, antwortete ich.
„Es ist ein Unterschied“, zischte er.
Ich ließ eine kleine Pause. „Du hast heute Nachmittag kooperiert, weil du keine Wahl hattest. Und jetzt willst du was? Verhandeln?“
Seine Hand verkrampfte sich am Tischrand. „Ich will einen Deal.“
Ich lachte nicht. Ich nickte nur einmal, als würde ich in einem Meeting sitzen. „Sprich.“
Tarek senkte die Stimme. „Du bekommst, was du willst. Ich unterschreibe alles. Ich sage alle Namen. Aber du und dein Vater… ihr zieht das nicht so groß.“
„Wie groß?“ fragte ich.
„Kein öffentliches Ding“, sagte er. „Keine… breite Welle. Keine Branche, die darüber redet. Keine Einträge, die mich für immer markieren.“
Ich sah ihn an. „Du meinst: Du willst, dass es leise bleibt, damit du später wieder irgendwo neu anfangen kannst.“
„Ich will nicht, dass meine Familie…“ Er brach ab, als wäre das Wort zu schwer. Dann sagte er: „Du hast keine Vorstellung davon, wie schnell Gerüchte alles zerstören können.“
„Das hast du mir doch vorgemacht“, sagte ich. „Bei jedem Familienessen.“
Sein Gesicht verhärtete sich. „Du bist nicht die Einzige, die dokumentiert.“
Da war er. Der Satz, den er im Umschlag nur angedeutet hatte.
Ich hielt meinen Blick fest. „Sag es deutlich.“
Tarek lehnte sich vor, und sein Lächeln war plötzlich kalt. „Ich habe Dinge. Über dich. Über dein Leben. Über… Gespräche.“
Ich spürte, wie mein Magen kurz zuckte, aber ich ließ es nicht nach außen. „Welche Dinge?“
Er hob die Schultern, als wäre es harmlos. „Das, was Menschen teilen, wenn sie glauben, sie sind privat. Du bist klug, Sophie. Du weißt, wie das läuft.“
Jens machte einen Schritt näher. Nicht bedrohlich. Nur präsent.
„Du drohst mir also“, sagte ich ruhig.
Tarek hob eine Hand. „Ich nenne es: Absicherung.“
Ich nickte langsam. „Gut. Dann sind wir jetzt bei Fakten.“
Er runzelte die Stirn. „Was?“
„Wenn du wirklich ‚Dinge‘ hast“, sagte ich, „dann hast du sie durch Überwachung oder durch unerlaubten Zugriff bekommen. Das ist nicht nur moralisch ekelhaft. Das ist auch etwas, das man nicht mehr ‚Deal‘ nennt.“
Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen.






