Ich wollte ihn hinauswerfen, doch meine sterbende Mutter flüsterte einen fremden Namen

„Und Papa?“, fragte ich.

Die Frage war heraus, bevor ich sie zurückhalten konnte.

Meine Mutter drehte den Kopf zu mir.

„Was möchtest du wissen?“

„Ob du ihn überhaupt geliebt hast.“

Klaus ließ ihre Hand los.

„Ich kann kurz rausgehen.“

„Nein“, sagte Mutter. Dann sah sie mich wieder an. „Ja, Sabine. Ich habe deinen Vater geliebt.“

Ich merkte, wie sich meine Schultern senkten.

„Nicht sofort so, wie er mich geliebt hat“, sagte sie. „Aber wir haben ein Leben miteinander aufgebaut. Er war gut zu mir. Als du geboren wurdest, hat er drei Nächte kaum geschlafen, weil er ständig nachsehen musste, ob du noch atmest.“

Sie lächelte müde.

„Als er starb, habe ich um ihn geweint. Um ihn, Sabine. Nicht um irgendein anderes Leben.“

Ich nahm ihre freie Hand.

„Wusste er von Hannes?“

„Er wusste, dass es vor ihm jemanden gegeben hatte. Mehr wollte er nicht wissen. Vielleicht hätte ich ihm mehr erzählen sollen.“

Klaus betrachtete seine Mütze.

Dann sagte er: „Hannes hatte auch ein gutes Leben. Das soll ich Ihnen ausdrücklich sagen.“

Meine Mutter sah sofort zu ihm.

Hannes hatte geheiratet. Seine Frau hieß Marianne, sie hatten zwei Kinder und später fünf Enkel. Er hatte fast vierzig Jahre Nutzfahrzeuge repariert und noch nach der Rente in einer kleinen Werkstatt geholfen.

Marianne war vor zwölf Jahren gestorben.

„Er hatte ihr Foto neben der Kaffeemaschine stehen“, sagte Klaus. „Wenn einer seine dreckige Tasse davorstellte, gab es Ärger.“

Meine Mutter nickte langsam.

„Das ist gut“, flüsterte sie. „Das ist sehr gut.“

„Er hat Sie nicht vergessen. Aber er hat seine Familie geliebt. Seine Tochter hat mir die Dose gegeben. Sie wusste davon.“

Ich sah auf den verrosteten Deckel.

„Hat er ihr alles erzählt?“

„Nach dem Tod seiner Frau. Vorher hatte er die Briefe für sich behalten.“

Klaus öffnete die Dose.

Darin lagen Umschläge, zusammengebunden mit einem schmalen blauen Band. Manche waren gelb geworden, andere sahen beinahe neu aus.

Auf jedem stand derselbe Name.

Lisbeth.

So hatte noch nie jemand meine Mutter genannt, solange ich denken konnte.

„Dreiundsechzig Briefe“, sagte Klaus. „Jedes Jahr einer. Immer am fünfzehnten Juni.“

Meine Mutter streckte die Hand aus. Sie konnte das Band nicht lösen.

Klaus tat es für sie.

„Hat er wirklich all die Jahre nach ihr gesucht?“, fragte ich.

„Immer wieder. Er hatte ja sein Leben. Kinder, Arbeit, später eine kranke Frau. Aber manchmal fuhr er durch den alten Ort. Oder fragte jemanden von früher.“

Meine Großeltern hatten den Laden wenige Jahre nach der Trennung verkauft. Meine Mutter war nach der Hochzeit mit meinem Vater weggezogen, Tante Ruth ebenfalls. Hannes kannte den neuen Familiennamen nicht.

Einmal hatte er an das Elternhaus geschrieben. Der Brief kam zurück.

„Und später?“, fragte ich. „Mit dem Internet?“

Klaus nickte.

„Da haben wir es noch einmal versucht. Aber Johann Weber und Elisabeth Seidel sind keine seltenen Namen. Wir hatten auch falsche Spuren.“

Im Herbst zuvor hatte Klaus einen ehemaligen Kollegen von Tante Ruth gefunden, über einen Bericht zu einem Schultreffen. Der Mann kannte einen ihrer Neffen.

Von dort führte die Spur endlich zu mir.

„Sie haben mir den Brief geschickt“, sagte ich.

Klaus sah auf.

„Ja.“

Ich erinnerte mich. Ein fremder Mann hatte geschrieben, er suche Kontakt zu Elisabeth Hartmann wegen eines alten Bekannten.

Der Brief war gekommen, als meine Mutter gerade aus dem Krankenhaus entlassen worden war. Ich hatte ihn zwischen Pflegeanträgen und Arztbriefen abgelegt.

„Ich wollte später antworten.“

Klaus nickte nur.

Das machte es schlimmer.

„Als ich nichts hörte, habe ich noch einmal geschrieben. Diesmal an Ihre Mutter.“

Den zweiten Brief hatte eine Nachbarin vorgelesen. Mutter hatte um einen Besuch gebeten. Als sie kurz darauf ins Hospiz kam, hatte die Nachbarin mit ihrem Einverständnis dort angerufen und Klaus die Nummer gegeben.

„Sie haben niemandem einfach ihre Daten gegeben?“, fragte ich.

„Nein. Ihre Mutter hat selbst gesagt, ich soll kommen.“

Ich drehte mich zu ihr.

„Warum hast du mir nichts gesagt?“

„Du hattest schon so viel zu tragen.“

Ich hätte beinahe widersprochen. Dann dachte ich daran, wie oft ich in den letzten Wochen über ihren Kopf hinweg gesprochen hatte.

Mit Ärzten. Mit Pflegerinnen. Mit meiner Tochter am Telefon.

Was wir mit Mama machen. Was für Mama am besten wäre.

Meine Mutter strich über den obersten Umschlag.

„Liest du mir vor, Sabine?“

Der erste Brief war vom 15. Juni 1963.

Die Schrift war fest, stellenweise hatte der Füller das Papier durchgedrückt.

„Liebe Lisbeth. Ich bin jetzt in dem Zimmer, von dem ich dir erzählt habe. Die Vermieterin hat zwei Teller hingestellt. Ich habe einen zurück in den Schrank getan.“

Ich musste aufhören.

Mutter wartete.

Ich schluckte und las weiter.

„Ich verstehe nicht, was am Bahnhof passiert ist. Aber ich glaube dir nicht, dass die letzten zwei Jahre nichts waren. Dafür hast du zu oft über meine schlechten Witze gelacht.“

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