Dreiundfünfzig Männer und Frauen kamen zur Beerdigung eines Obdachlosen. Seine Kinder erschienen erst, als sie erfuhren, dass Fremde für ihren Vater die Trauerhalle gefüllt hatten.
„Fassen Sie mich nicht an“, sagte die Frau im dunklen Mantel. Dabei hatte ich ihr nur die Tür aufgehalten.
Hinter mir standen ein ehemaliger Schweißer, zwei Maurer und ein Mann, der dreißig Jahre lang Mülltonnen geleert hatte. Keiner sagte etwas. Aus der kleinen Trauerhalle hörte man das leise Summen der Heizung.
„Das ist unser Vater“, sagte der Mann neben ihr. „Wir möchten das jetzt im Familienkreis regeln.“
Ich sah auf seine blank geputzten Schuhe. Dann auf meine Hände, die ich selbst mit der Nagelbürste nicht mehr richtig sauber bekam.
„Die Trauerfeier hat gerade angefangen“, sagte ich. „Kommen Sie erst mal rein.“
Die Frau blickte an mir vorbei zum Sarg. Ihr Mund wurde schmal.
„Wer hat Ihnen erlaubt, das alles zu veranstalten?“
Drei Tage zuvor hätte ich diese Frage selbst nicht beantworten können.
Ich heiße Klaus, bin siebenundsechzig und habe zweiundvierzig Jahre in einer Schlosserei gearbeitet. Meine Frau sagt, ich sehe immer noch aus, als wollte ich jemandem eine Rechnung persönlich eintreiben. Dabei mache ich seit meinem zweiten Bandscheibenvorfall schon beim Schuheanziehen Geräusche.
Am Dienstagvormittag saß ich in unserer alten Werkstatt hinter dem Gemeindehaus. Ein paar ehemalige Kollegen und ich reparieren dort Fahrräder, wackelige Küchenstühle und alles andere, das die Leute nicht gleich wegwerfen wollen.
Das Telefon klingelte, während ich versuchte, eine festgerostete Schraube zu lösen.
„Spreche ich mit Herrn Berger?“, fragte eine Frau. „Mein Name ist Wendt. Ich bin Bestatterin. Man hat mir gesagt, Sie kennen viele von den ehemaligen Leuten aus dem Bergbau.“
„Kommt drauf an, ob sie mir noch Geld schulden.“
Sie lachte nicht. Da legte ich den Schraubenschlüssel weg.
Es ging um einen Mann namens Ernst Kröger. Vierundsiebzig Jahre alt, zuletzt ohne feste Wohnung, vor einigen Tagen im Krankenhaus gestorben.
Er hatte unter Tage gearbeitet, war später bei der Grubenwehr gewesen und hatte jahrzehntelang Erste Hilfe unterrichtet. Einige kannten ihn unter dem Spitznamen „Doktor“, obwohl er nie Medizin studiert hatte.
„Die Angehörigen möchten die Bestattung nicht organisieren“, sagte Frau Wendt. „Es ist alles sehr schwierig.“
„Hat er Kinder?“
„Einen Sohn und eine Tochter. Die Tochter sagte, sie habe seit vielen Jahren keinen Vater mehr. Der Sohn hat das Gespräch beendet.“
Ich schaute durch das Werkstattfenster. Draußen schob ein älterer Mann sein kaputtes Fahrrad am Tor vorbei und überlegte offenbar, ob er uns stören durfte.
„Was passiert jetzt mit Herrn Kröger?“, fragte ich.
Frau Wendt erklärte, dass bereits eine schlichte Bestattung vorbereitet werde. Niemand habe bisher nach einer Trauerfeier gefragt. Sie hatte in seinen wenigen Sachen ein altes Foto gefunden: Männer vor einem Förderturm, Ernst mitten unter ihnen, eine Sanitätstasche über der Schulter.
„Ich weiß, dass Sie ihn vermutlich nicht kannten“, sagte sie. „Aber vielleicht findet sich jemand, der sich erinnert. Es wäre schön, wenn wenigstens ein Mensch mitkommen würde.“
Ich kenne diesen Ton. Meine Frau hatte genauso gesprochen, als sie mich vor Jahren bat, unseren Nachbarn im Krankenhaus zu besuchen. Ich hatte gesagt, ich hätte viel zu tun.
Zwei Tage später war der Nachbar tot.
„Wann?“, fragte ich.
„Freitag. Vierzehn Uhr.“
„Dann kommen wir.“
„Wer ist wir?“
Ich sah zu Willi hinüber, der am anderen Ende der Werkbank einen Toaster auseinandernahm.
„Das finde ich noch raus.“
Abends schrieb ich eine Nachricht in unsere alte Kollegengruppe. Keine große Rede, keine Vorwürfe gegen die Kinder. Nur Ernsts Namen, sein Alter und den Satz: „Ein ehemaliger Bergmann wird Freitag beerdigt. Offenbar kommt niemand. Wer eine Stunde übrig hat, meldet sich.“
Willi antwortete als Erster. Danach Günter, obwohl der freitags immer seine Enkelin vom Schwimmen abholte.
„Meine Tochter fährt diesmal“, schrieb er.
Die Nachricht ging weiter. An ehemalige Schichtkollegen, an Männer vom Bauhof, an eine pensionierte Rettungssanitäterin, die früher Erste-Hilfe-Kurse in den Betrieben gegeben hatte.
Einer fragte: „Kanntest du den überhaupt?“
„Nein“, schrieb ich zurück. „Du?“
„Auch nicht. Wo treffen wir uns?“
Am Donnerstag rief Frau Wendt wieder an. Eine Mitarbeiterin des Krankenhauses hatte von unserer Suche gehört und ein jüngeres Foto von Ernst beigesteuert. Darauf sah er direkt in die Kamera, schmaler als auf dem anderen Bild, mit einem schiefen Lächeln.
Frau Wendt fragte, ob sie unseren Aufruf an jemanden weitergeben dürfe, der eine kleine örtliche Internetseite betreute.
Ich sagte ja.
Am selben Abend stand dort ein kurzer Text über einen Mann, der sein Leben lang anderen geholfen hatte und nun ohne Begleitung bestattet werden sollte. Dazu das Foto.
Dass daraus eine Geschichte über angeblich herzlose Kinder wurde, sah ich erst am nächsten Morgen. Irgendjemand hatte eine Überschrift ergänzt, die wir nie geschrieben hatten.
Da war der Beitrag schon weitergeschickt worden.
Am Freitag zog ich meinen dunklen Anzug an. Es war derselbe wie bei der Beerdigung meines Bruders, nur enger an Stellen, die früher kein Problem gewesen waren.
Meine Frau strich mir den Kragen glatt.
„Benimm dich“, sagte sie.
„Ich gehe auf eine Beerdigung.“
„Eben.“
Vor der Friedhofskapelle zählte Willi die Menschen, die durch unseren Aufruf gekommen waren. Dreiundfünfzig, sagte er schließlich. Er hatte sogar einen Zettel dabei, weil einige Fahrgemeinschaften organisiert hatten.
Da standen Männer mit breiten Schultern und kaputten Knien. Eine frühere Kranführerin hielt sich bei ihrem Mann unter. Zwei Frauen vom ambulanten Pflegedienst waren direkt nach ihrer Schicht gekommen.
Einer trug noch seine Arbeitshose, weil er erst eine halbe Stunde zuvor von einer Baustelle weggekommen war. Den sauberen Pullover hatte er im Auto übergezogen.
Dahinter warteten weitere Leute aus dem Viertel. Manche hatten Ernst gekannt, die meisten nicht.
Frau Wendt stand an der Tür und sah aus, als hätte sie seit Stunden versucht, nicht zu weinen.
„Ich habe drinnen zusätzliche Stühle aufstellen lassen“, sagte sie. „Es reicht trotzdem nicht ganz.“
Ich nahm die Mütze ab. In dem Moment begriff ich erst, dass wir für einen Menschen gekommen waren, dessen Stimme ich niemals hören würde.
Vorn stand ein einfacher heller Sarg. Daneben Ernsts Foto und ein kleiner Strauß weißer Blumen.
Auf einer Ablage lag seine alte Grubenlampe. Das Metall war stumpf, das Glas zerkratzt. Frau Wendt hatte sie unter seinen Sachen gefunden.
Es gab keine Fahnen, keine Uniformen, keine großen Gesten. Nur Wintermäntel, gefaltete Hände und dieses vorsichtige Räuspern, das man hört, wenn viele Menschen nicht wissen, wohin mit ihrer Traurigkeit.
Die Trauerrednerin begann mit den wenigen Dingen, die sie über Ernst wusste. Zwei Kinder. Eine verstorbene Ehefrau namens Bärbel. Viele Jahre Arbeit unter Tage und im Rettungsdienst des Betriebs.
Dann sagte sie: „Wer etwas von ihm erzählen möchte, darf das tun.“
Zunächst bewegte sich niemand.
Schließlich stand hinten ein Mann auf. Er stützte sich auf einen Stock und brauchte einen Augenblick, bis er sicher stand.
„Ich hätte da was“, sagte er.
Seine Frau half ihm nach vorn. Unter dem Arm trug er eine schmale Mappe.
„Ich heiße Rolf Seidel. Ich war neunzehn, als ich mit Ernst auf derselben Anlage gearbeitet habe.“
Er zog ein Foto aus der Mappe. Vier junge Männer vor einem Umkleidegebäude, einer mit einer Zigarette hinterm Ohr.
„Nach dem Unfall wusste ich lange nicht mal, wie er richtig hieß. Für uns war er immer nur der Doktor.“
Rolf sah zum Sarg.
„Ein Förderwagen hatte mich eingeklemmt. Ich bekam keine Luft mehr und dachte, das war’s jetzt. Ernst war der Erste bei mir.“
Die Trauerhalle war vollkommen still.
„Er konnte mich nicht allein rausholen. Das hätte keiner gekonnt. Aber er blieb da, bis die anderen alles gesichert hatten.“
Rolf schluckte und fuhr mit dem Daumen über den Rand des Fotos.
„Ich weiß noch, dass ich dauernd nach meiner Mutter gerufen habe. Neunzehn Jahre alt und nach meiner Mutter gebrüllt. Ernst hat nicht einmal gesagt, ich solle mich zusammenreißen.“
Seine Frau legte ihm die Hand auf den Rücken.
„Er hat immer nur gesagt: Ich bin hier, Rolf. Du hörst jetzt auf meine Stimme.“
Ich sah Willi an. Der starrte auf den Boden.
Rolf erzählte, dass er später den Beruf gewechselt hatte. Er hatte geheiratet, zwei Töchter bekommen und inzwischen vier Enkel.
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