„Bei meiner Goldenen Hochzeit haben wir ein Bild mit allen zusammen gemacht“, sagte er. „Zweiundzwanzig Leute. Ohne den Mann da vorn gäbe es einen guten Teil davon wahrscheinlich nicht.“
Nach dem Unfall hatte Rolf Ernst noch einmal im Krankenhaus gesehen. Dann waren Versetzungen gekommen, die Schließung der Anlage, Umzüge. Über frühere Kollegen hatte er später erfolglos versucht, ihn wiederzufinden.
„Gestern Abend zeigte mir meine Tochter den Beitrag auf ihrem Handy. Ich habe ihn sofort erkannt.“
Er machte einen Schritt zum Sarg.
„Ich bin zu spät, Ernst. Aber danke.“
Mehr brachte er nicht heraus.
Als er wieder saß, stand eine Frau in einer grauen Strickjacke auf.
„Mein Bruder ist bei einem anderen Unfall gestorben“, sagte sie. „Ernst war bei ihm. Danach kam er zu unserer Mutter, obwohl ihm das keiner aufgetragen hatte.“
Sie hielt einen gefalteten Brief in der Hand.
„Meine Mutter hatte immer Angst, mein Bruder sei allein gewesen. Ernst hat ihr aufgeschrieben, wer bei ihm war. Und dass jemand seine Hand gehalten hat.“
Sie sah auf das Papier.
„Diesen Brief hat meine Mutter bis zu ihrem Tod in der Handtasche getragen.“
Danach meldete sich Anja, die pensionierte Krankenschwester. Sie kannte Ernst aus einer Notunterkunft, in der sie einmal pro Woche bei einer kleinen Sprechstunde half.
Von ihr erfuhren wir, wie er zuletzt gelebt hatte.
Nach Bärbels Tod hatte er Briefe nicht mehr geöffnet. Erst gelegentlich, dann gar nicht mehr. Er hatte Geld verliehen, das nicht zurückkam, Mahnungen liegen lassen und sich immer weiter zurückgezogen.
„Er hat seine Wohnung nicht aufgegeben, weil ihm ein Leben ohne Zuhause gefiel“, sagte Anja. „Irgendwann war alles zu viel geworden. Und dann schämte er sich so sehr, dass er selbst vor Menschen weglief, die ihm helfen wollten.“
Trotzdem hatte er in der Unterkunft morgens Kaffee gekocht. Er hatte einen jüngeren Mann zu einer Beratungsstelle begleitet und einem anderen gezeigt, wie man einen Antrag ausfüllte.
„Im Winter bekam er einen guten Mantel geschenkt“, sagte Anja. „Drei Tage später trug ihn jemand anders. Ernst behauptete, ihm sei der zu eng gewesen.“
Ein paar Leute lächelten. Anja nicht.
„Das klingt schön. Aber er brauchte den Mantel selbst. Ich habe oft mit ihm darüber gestritten.“
Sie wischte sich unter einem Auge entlang.
„Er konnte Hilfe geben. Annehmen konnte er sie kaum.“
Dann ging die Tür auf.
Nicht mit einem Knall. Sie klemmte ein wenig, und der Mann musste kräftiger ziehen, als er beabsichtigt hatte. Trotzdem drehten sich alle um.
Die Frau im dunklen Mantel trat zuerst herein. Ihr Begleiter sah so aus wie Ernst auf dem Foto, nur ohne das Lächeln.
Ich stand nahe am Eingang und hielt ihr die Tür auf.
So begann unser Streit.
„Wir haben das im Internet gesehen“, sagte sie nun leiser. „Da steht, wir hätten unseren Vater einfach weggeworfen.“
Frau Wendt kam zu uns.
„Frau Kröger, darüber sprechen wir gleich. Bitte nehmen Sie erst Platz.“
„Ich setze mich nicht zwischen Leute, die uns für Unmenschen halten.“
Ein paar Köpfe drehten sich weg. Niemand konnte behaupten, diesen Gedanken nicht wenigstens kurz gehabt zu haben.
Ihr Bruder blieb hinter ihr stehen.
„Wir hätten gern eine private Verabschiedung“, sagte er.
„Die können Sie bekommen“, antwortete Frau Wendt. „Aber jetzt sind diese Menschen hier. Einige haben Ihren Vater gekannt.“
„Dann wissen die ja vielleicht, wie großzügig er war.“
Die Tochter sagte das mit einer Schärfe, die selbst bis zu den vorderen Reihen drang.
Anja trat zu uns. „Ich kannte Ihren Vater in den letzten Jahren.“
„Dann hat er Ihnen bestimmt erzählt, was für undankbare Kinder er hatte.“
„Nein“, sagte Anja. „Das hat er nicht.“
Die Frau presste die Lippen zusammen. An ihrem rechten Handschuh war eine Naht aufgegangen. Sie zog mit dem Daumen immer wieder daran.
„Ich heiße Martina“, sagte sie schließlich. „Und ich war fünfzehn, als mein Vater an meinem Geburtstag bei einer anderen Familie saß, weil dort jemand Hilfe brauchte.“
Ihr Bruder sah sie an, aber sie sprach weiter.
„Meine Mutter hat ihn entschuldigt. Wie immer. Später hat er das Geld weggegeben, das für meine Ausbildung zurückgelegt war. An die Familie eines Kollegen.“
„Der Mann war gestorben“, sagte ihr Bruder leise.
„Ja, Thomas. Ich weiß. Es gab immer einen Grund.“
Ich spürte, wie mein anfänglicher Ärger nachließ. An seine Stelle trat etwas Unangenehmeres: die Erkenntnis, dass ich nichts über diese Familie wusste.
Martina sah uns der Reihe nach an.
„Als unsere Mutter krank wurde, war er da. Dafür bin ich ihm dankbar. Aber als sie tot war, kam ich an ihn nicht mehr heran. Er ging nicht ans Telefon, machte die Tür nicht auf. Irgendwann habe ich aufgehört.“
„Und als er keine Wohnung mehr hatte?“, fragte jemand hinter mir.
Ich drehte mich um.
„Lass sie ausreden.“
Martina blickte kurz zu mir. Zum ersten Mal wirkte sie nicht wütend, sondern erschöpft.
„Er hat gesagt, er habe ein Zimmer. Dass alles geregelt sei. Ich wusste nicht, dass er in einer Unterkunft schlief.“
Thomas rieb sich mit beiden Händen übers Gesicht.
„Ich habe es gewusst“, sagte er.
Seine Schwester starrte ihn an.
„Seit wann?“
„Seit letztem Herbst.“
Er ließ die Hände sinken.
„Ich war einmal bei ihm. Wir haben gestritten. Ich wollte, dass er mitkommt, wenigstens für ein paar Tage. Er hat gesagt, ich solle ihn nicht behandeln wie einen alten Trottel.“
„Und dann?“, fragte Martina.
Thomas antwortete erst nach einer Weile.
„Dann bin ich gefahren.“
Keiner sagte etwas. Draußen fuhr ein Friedhofswagen langsam über den Kies.
Rolf hatte sich inzwischen mit seinem Stock zu uns vorgearbeitet.
„Ich habe Ihrem Vater gerade gedankt“, sagte er zu Martina. „Weil er mir das Leben gerettet hat.“
Sie senkte den Blick.
„Ich habe es gehört.“
„Aber ich weiß nicht, wie er als Vater war.“
Dieser Satz veränderte etwas in dem kleinen Kreis an der Tür. Martina hörte auf, an ihrem Handschuh zu ziehen.
Rolf atmete schwer.
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