53 Fremde kamen zu seiner Beerdigung – dann standen seine Kinder plötzlich in der Tür

„Mein Vater war ein angesehener Mann. Alle mochten ihn. Zu Hause hatten wir Angst, wenn wir seinen Schlüssel hörten. Deshalb werde ich Ihnen bestimmt nicht erklären, was Sie fühlen müssen.“

Er blickte zum Sarg.

„Ich würde trotzdem gern hierbleiben und mich verabschieden. Wenn Sie das zulassen.“

Martina begann zu weinen. Ganz leise, ohne die Hände vors Gesicht zu nehmen.

Frau Wendt führte uns in einen kleinen Nebenraum. Auf dem Tisch stand Wasser, daneben eine Packung Papiertaschentücher.

„Es gibt etwas, das ich Ihnen geben möchte“, sagte sie.

Sie holte einen braunen Umschlag aus einer Mappe. Darauf standen zwei Namen: Martina und Thomas.

„Der Umschlag lag bei seinen persönlichen Sachen. Ich habe ihn nicht geöffnet.“

Thomas zog die Hand zurück, als Frau Wendt ihn ihm reichte. Also nahm Martina ihn.

Sie öffnete ihn langsam. Darin lagen zwei Seiten kariertes Papier und ein kleines Foto.

Es zeigte zwei Kinder auf einem Campingplatz. Thomas mit einer Zahnlücke, Martina auf Ernsts Schultern. Im Hintergrund saß eine Frau vor einem orangefarbenen Zelt.

„Mama hat dieses Zelt gehasst“, sagte Martina.

Thomas lachte einmal kurz auf. Dann setzte er sich.

Martina las zunächst still. Nach einigen Zeilen schob sie das Papier ihrem Bruder hin.

„Ich kann das gerade nicht.“

Thomas las laut, stockend, als müsste er sich jedes Wort einzeln zutrauen.

„Wenn ihr diesen Brief bekommt, habe ich es wieder nicht geschafft, selbst mit euch zu reden.“

Er hielt inne und begann noch einmal.

„Ich habe anderen oft gesagt, sie sollen sich Hilfe holen. Bei mir selber habe ich immer gedacht, das geht noch. Eure Mutter wusste, wie stur ich bin.“

Martina setzte sich neben ihn.

„Ich weiß, dass ihr nicht nur wegen Geld böse auf mich seid. Ihr habt mich gebraucht, und ich habe zu oft geglaubt, andere brauchen mich dringender. Ich habe gedacht, ihr wisst schon, dass ich euch lieb habe. Das war bequem von mir.“

Thomas musste aufhören. Ich sah zur Tür, weil ich ihnen nicht ins Gesicht starren wollte.

Nach einer Weile las er weiter.

„Martina, ich weiß noch, wie du mit deiner Tasche am Fenster gesessen hast. Wir wollten zum See. Ich kam zu spät, und du warst schon im Bett. Wenn ich an dich als Kind denke, fällt mir das oft ein.“

Martina hielt beide Hände vor den Mund.

„Thomas, du bist im Herbst zu mir gekommen. Ich habe mich benommen wie ein Idiot. Du solltest mich nicht so sehen, verstehst du. Das ist keine Entschuldigung.“

Der Rest war kürzer. Ernst schrieb, wo er gern beigesetzt werden wollte: wenn möglich bei Bärbel. Und dass seine Kinder nichts für ihn tun müssten, um jemandem etwas zu beweisen.

Der letzte Satz lautete: „Ich hätte euch das alles sagen sollen, solange ihr mir noch antworten konntet.“

Wir blieben eine ganze Weile in diesem Raum.

Schließlich sagte Martina: „Von dem Brief wird nichts ins Internet gestellt.“

„Nein“, sagte ich.

„Auch keine Bilder von uns.“

Ich nickte.

Dann sah sie mich direkt an.

„Und Sie lassen berichtigen, dass wir wussten, wie er gelebt hat.“

„Ich kümmere mich darum.“

Es war das Mindeste, das ich versprechen konnte.

Als wir in die Halle zurückgingen, machten die Leute Platz. Niemand stand demonstrativ auf, niemand hielt eine Rede über Familie.

Martina setzte sich neben Thomas in die erste Reihe. Rolf blieb ein Stück hinter ihnen.

Die Trauerrednerin wartete, bis alle wieder saßen.

„Wir haben heute viel über Ernst erfahren“, sagte sie. „Auch Dinge, die nebeneinander schwer auszuhalten sind.“

Dann sprach sie weiter. Schlichter als zuvor.

Über seine Arbeit. Über Bärbel. Über Menschen, die durch ihn noch lebten. Und darüber, dass manche Gespräche nicht mehr nachgeholt werden können.

Am Ende legte Martina ihre Hand auf den Sarg. Thomas stand neben ihr, die Schultern hochgezogen.

Wir anderen warteten draußen.

Nach der Feier kam Rolf zu mir. Sein Gesicht sah müde aus.

„Was passiert mit dem Geld, das die Leute gegeben haben?“, fragte er.

Einige hatten Frau Wendt Umschläge überreicht. Andere hatten mich vorher gefragt, ob sie etwas zu den Kosten beitragen könnten.

„Das rechnen wir erst mal ordentlich zusammen“, sagte ich.

Rolf nickte. „Wenn etwas übrig bleibt, würde ich gern noch was dazugeben. Aber nicht für einen großen Stein.“

Er erzählte, dass er nach dem Berufswechsel eine kleine Heizungsfirma aufgebaut hatte. Inzwischen führte sein Schwiegersohn sie weiter.

„Ernst hätte eine warme Wohnung gebraucht“, sagte er. „Vielleicht kriegen wir das für jemand anderen hin.“

Aus diesem Gespräch entstand keine große Stiftung. Wir hatten genug Männer im Raum, die schon an der Tagesordnung einer Vereinssitzung verzweifelten.

Aber wir fanden Menschen, die sich mit Wohnungslosenhilfe auskannten. Mit ihnen legten wir fest, wofür das Geld verwendet werden sollte und wie jede Ausgabe nachvollziehbar blieb.

Am Ende waren es etwas mehr als achtzehntausend Euro.

Damit wurden Mietrückstände beglichen, Unterlagen beschafft und zwei Zimmer eingerichtet. Ein Mann bekam endlich wieder eine Brille, mit der er seine Post lesen konnte.

Anja bestand auf einem Punkt.

„Wir helfen nicht bloß denen, die früher etwas Besonderes geleistet haben.“

Rolf nickte sofort.

Zwei Wochen nach der Trauerfeier wurde Ernsts Urne bei Bärbel beigesetzt. Diesmal waren weniger Menschen da. Seine Kinder, Rolf mit seiner Frau, Anja und ein paar von uns.

Martina hatte einen kleinen Strauß mitgebracht. Thomas trug die alte Grubenlampe, bis Frau Wendt ihn fragte, ob sie sie ihm abnehmen solle.

Er schüttelte den Kopf.

Später bekam die Lampe einen Platz in unserer Werkstatt. Thomas brachte sie selbst vorbei. Dazu eine Schachtel mit Fotos, die wir ansehen durften.

Martina kam nicht mit. Sie hatte einen Zettel beigelegt: „Bitte das Bild vom Campingplatz wieder zurückgeben.“

Das taten wir.

Ich sehe die beiden nicht oft. Thomas war seitdem ein paarmal bei uns und half, Regale aufzubauen. Einmal brachte er Martina mit.

Sie trank einen Kaffee, hörte Willi beim Schimpfen über einen kaputten Wasserkocher zu und lächelte kurz. Über ihren Vater sprach sie an diesem Tag nicht.

Wir fragten auch nicht.

Der Beitrag im Internet wurde geändert. Nicht überall, dafür war er schon zu weit verbreitet. Aber dort, wo wir es beeinflussen konnten, stand nun, dass niemand von außen die ganze Geschichte dieser Familie kannte.

Manche fanden das weniger eindrucksvoll.

Für mich war es näher an dem, was an diesem Freitag passiert war.

Vor einigen Wochen kam ein Mann in unsere Werkstatt, den Anja mitgebracht hatte. Ende fünfzig, früher Lagerarbeiter, nach einer langen Krankheit aus allem herausgefallen.

Er stand an der Tür und hielt einen Beutel mit Briefen fest. Seine Jacke war offen, obwohl es kalt war.

„Ich will nicht betteln“, sagte er.

Willi schob den Toaster zur Seite und machte Platz am Tisch.

„Hat auch keiner behauptet. Kaffee?“

Der Mann blieb noch einen Moment stehen. Dann setzte er sich.

Ich holte eine Tasse aus dem Schrank. Auf der Fensterbank neben mir stand Ernsts alte Grubenlampe.

Seine Kinder hatten einen Vater verloren, mit dem vieles ungeklärt geblieben war. Rolf hatte endlich den Mann gefunden, dem er seit über vierzig Jahren danken wollte. Und wir hatten einen Fremden beerdigt, über den wir am Anfang fast nichts gewusst hatten.

Jetzt saß wieder jemand vor uns, von dem wir fast nichts wussten.

Also goss ich ihm Kaffee ein und setzte mich dazu.

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