Klaus lächelte mit gesenktem Kopf.
„Falls du irgendwann etwas erklären willst, höre ich zu. Wenn nicht, hoffe ich trotzdem, dass du gut nach Hause gekommen bist.“
Meine Mutter weinte lautlos.
Wir lasen an diesem Nachmittag nicht alle Briefe. Dafür fehlte ihr die Kraft.
Aber sie wollte den nächsten sehen. Und dann einen aus dem Jahr, in dem ich geboren worden war.
Hannes schrieb vom Meisterlehrgang. Von einer Wohnung mit schiefer Küchentür. Von Marianne, die ihn beim Tanzen darauf aufmerksam gemacht hatte, dass er offenbar zwei linke Füße besaß.
Später kamen Kinder vor, eine kaputte Waschmaschine, Geldsorgen und der Stolz auf den ersten Lehrling, der seine Prüfung bestanden hatte.
Manche Briefe waren nur eine Seite lang.
In einem stand: „Heute fällt mir nichts Kluges ein. Der Rücken tut weh, und ich bin froh, wenn ich sitzen kann. Ich hoffe, bei dir ist alles in Ordnung.“
Gerade diesen wollte meine Mutter zweimal hören.
„Das klingt nach ihm“, sagte sie.
Im letzten Brief, vom Juni des Vorjahres, war die Schrift unsicher geworden.
„Liebe Lisbeth. Klaus sagt, er hat vielleicht jemanden gefunden, der deine Schwester kannte. Ich sage ihm immer, er soll nicht so viel Zeit auf einen alten Mann verwenden. Er hört genauso schlecht wie ich.“
Klaus rieb sich über die Augen.
Ich las weiter.
„Falls wir uns noch einmal sprechen, brauchst du dich nicht zu rechtfertigen. Ich war lange verletzt. Irgendwann habe ich begriffen, dass ich nicht alles wusste.“
Meine Mutter drückte meine Hand.
„Ich möchte wissen, ob du oft lachen konntest. Ob jemand morgens für dich Kaffee gekocht hat. Ob es Menschen gibt, die merken, wenn du fehlst. Ich hoffe es sehr.“
Am Ende stand:
„Du musst nichts mehr wiedergutmachen, Lisbeth. Ich würde mich nur freuen, deine Stimme zu hören.“
Meine Mutter zog den Brief an ihre Brust.
„Er hätte mich angehört.“
„Ja“, sagte Klaus.
„Auch nach dem, was ich gesagt habe.“
„Ja.“
Sie sah zu mir.
„Ich habe so oft gedacht, er würde mich auf der Straße sehen und die Seite wechseln.“
Ich beugte mich zu ihr hinunter.
Es gab nichts, was ich sagen konnte, das ihr diese dreiundsechzig Jahre zurückgegeben hätte. Also legte ich meine Stirn an ihre, so wie sie es früher bei mir getan hatte, wenn ich Fieber hatte.
Nach einer Weile schlief sie ein.
Klaus saß noch immer neben dem Bett. Seine Mütze hielt er zwischen den Knien.
„Sie müssen nicht bleiben“, flüsterte ich.
„Ich habe Zeit.“
„Sie kennen sie doch gar nicht.“
Er sah mich an.
„Jetzt schon ein bisschen.“
Wir gingen später für ein paar Minuten in die kleine Küche auf dem Flur. Ich machte Kaffee, er spülte zwei Tassen aus, die bereits sauber waren.
„Was schulden Sie Hannes?“, fragte ich.
Klaus stellte die Tassen ab.
„So viel, dass ich nicht weiß, wo ich anfangen soll.“
Er war früher Lastwagenmechaniker gewesen. Nach einem Arbeitsunfall konnte er die schweren Arbeiten nicht mehr machen. Die Schmerzen blieben, die Stelle war weg, und irgendwann ging auch seine Ehe auseinander.
„Ich habe mich kaum noch gemeldet. Bei niemandem. Wenn das Telefon klingelte, ließ ich es liegen.“
Hannes hatte ihn über einen früheren Kollegen gekannt. Eines Morgens stand er vor Klaus’ Wohnung und fragte, ob er ihm beim Sortieren von Schrauben helfen könne.
„Ich sagte, dafür braucht man keinen Meister.“
Hannes hatte geantwortet: „Nein. Aber einen zweiten Stuhl habe ich.“
Klaus lächelte kurz.
„Er hat mich nicht wieder gesund gemacht. Er hat mich irgendwann zum Arzt gefahren. Hat draußen gewartet, bis ich fertig war. Später hat er mir geholfen, eine Behandlung anzufangen.“
Dazwischen gab es die Werkstatt.
Kaffee um neun. Kleine Reparaturen. Jemand, der bemerkte, wenn Klaus nicht erschien.
„Als er mit den Briefen anfing, dachte ich, das kriegen wir schon hin“, sagte er. „Eine alte Freundin finden. So schwer kann das nicht sein.“
Er schaute auf seine Hände.
„Dann war er plötzlich tot, und ich hatte ihre Nummer immer noch nicht.“
Ich dachte an den unbeantworteten Brief in meiner Schublade.
„Es tut mir leid.“
Klaus schüttelte den Kopf.
„Sie waren bei Ihrer Mutter. Das war richtig.“
Als wir ins Zimmer zurückkamen, war sie wach.
„Sabine?“
Ich setzte mich sofort.
„Ich bin hier.“
„Im Nähkästchen. Unter dem Einsatz. Da liegt noch etwas.“
Ich versprach, nachzusehen.
Dann wandte sie sich an Klaus.
„War er manchmal richtig glücklich? Nicht nur zufrieden. Glücklich?“
Klaus zog sein Telefon heraus.
Auf einem Foto saß ein alter Mann auf einer Werkbank, ein kleines Mädchen auf dem Schoß. Beide hatten Mehl im Gesicht. Auf dem nächsten stand er zwischen zwei erwachsenen Kindern vor einem schiefen Geburtstagskuchen.
Meine Mutter hielt das Telefon mit beiden Händen.
„Die Augen“, sagte sie.
Sie vergrößerte das Bild nicht. Sie schaute einfach lange hin.
Am Abend kam meine Tochter dazu. Klaus wollte sich verabschieden, aber meine Mutter hielt den Ärmel seiner Jacke fest.
„Bleiben Sie noch.“
Er blieb.
In der Nacht wurden ihre wachen Momente kürzer. Die Pflegerin kam regelmäßig, half ihr gegen die Unruhe und erklärte uns leise, was sich veränderte.
Klaus saß auf der einen Seite, ich auf der anderen. Meine Tochter döste im Sessel.
Einmal öffnete Mutter die Augen.
„Sabine?“
„Ja, Mama.“
„Dein Vater hat den Kaffee gekocht.“
Ich verstand zuerst nicht.
Dann erinnerte ich mich an Hannes’ Brief.
„Ich weiß“, sagte ich. „Jeden Morgen.“
Sie nickte ganz leicht.
Kurz vor Tagesanbruch starb sie. Meine Hand lag unter ihrer, und die Briefe lagen neben dem Kissen.
Klaus blieb, als die Pflegerin kam. Er blieb auch, als ich meine Tochter weckte und sie anfing zu weinen.
Später holte er uns Wasser.
Als ich mich bei ihm bedankte, sagte er nur: „Sie müssen jetzt nichts sagen.“
Drei Tage später öffnete ich das Nähkästchen.
Unter dem herausnehmbaren Einsatz lag ein zusammengefalteter Brief, daneben ein kleines Schwarz-Weiß-Foto.
Eine junge Frau stand vor einer Gartenlaube. Ihr Haar war vom Wind zerzaust, und sie lachte so unbefangen, dass ich sie erst beim zweiten Hinsehen als meine Mutter erkannte.
Der Brief war an Ruth gerichtet.
„Wenn du das liest, habe ich es dir hoffentlich irgendwann erklärt. Vater sagt, du darfst nicht studieren, wenn ich gehe. Ich weiß nicht, ob er es wirklich tun würde. Aber ich traue mich nicht, es auszuprobieren.“
Ich setzte mich auf den Boden neben den Nähtisch.
„Bitte denk nicht, du wärst schuld. Du weißt ja von nichts. Ich möchte nur, dass einer weiß, dass ich Hannes geliebt habe.“
Der Brief war nie abgeschickt worden.
Ich las ihn zweimal. Dann legte ich ihn zurück.
Bei der Beerdigung kamen Klaus und fünf Männer aus der Werkstatt.
Einer ging mit Stock. Einer hatte sich offenbar seit Jahren nicht mehr in einen Anzug gezwängt. Sie standen zusammen etwas abseits, bis ich sie nach vorn bat.
Klaus hielt keine große Rede.
Er sagte, meine Mutter und Hannes hätten einander als junge Menschen gekannt. Dass beide später Familien gehabt hätten, die sie liebten. Und dass es manchmal lange dauere, bis etwas Unausgesprochenes endlich ankomme.
Dann legte er eine kleine weiße Blume auf den Sarg.
Die Briefe hatte ich behalten. Mutter hatte das noch selbst gewollt.
„Damit du mich ein bisschen jünger kennenlernst“, hatte sie gesagt.
Einige Wochen später lud Klaus mich in die Werkstatt ein.
Hannes’ Tochter war auch da. Ich hatte vor dieser Begegnung mehr Angst als vor der ganzen Trauerfeier.
Sie begrüßte mich mit einem festen Händedruck.
„Sie sind Sabine.“
„Ja.“
Sie sah mich kurz an.
„Hat es Ihrer Mutter noch geholfen?“
Ich nickte. Mehr brachte ich nicht heraus.
Da drückte sie meine Hand noch einmal.
„Dann bin ich froh, dass Klaus so stur war.“
Wir tranken Kaffee aus unterschiedlichen Tassen. Auf dem Tisch standen belegte Brötchen und ein Blech Streuselkuchen.
Hannes’ Tochter erzählte von ihrem Vater. Dass er schlecht verlieren konnte beim Kartenspielen. Dass er an Weihnachten immer behauptete, keinen Hunger zu haben, und dann als Erster am Kartoffelsalat stand.
Ich erzählte von meiner Mutter. Von ihrem wiederverwendeten Geschenkpapier und davon, dass sie niemanden aus dem Haus ließ, ohne noch etwas Essbares einzupacken.
Wir lachten.
Es tat weh, und es tat gut.
Später zeigte Klaus mir Hannes’ Platz an der Werkbank. Über einem Haken hing noch seine alte Kittelschürze.
„Er hat immer gesagt, die kann man noch flicken.“
Ich strich über den geflickten Stoff.
Dann sah ich den zweiten Stuhl.
Ein einfacher Küchenstuhl mit abgewetzter Lehne.
Ich musste an Klaus vor seiner verschlossenen Wohnung denken. An den unbeantworteten Brief. An meine Hand auf der Rufanlage.
„Was ist?“, fragte er.
„Ich war ziemlich unfreundlich zu Ihnen.“
Er zuckte mit den Schultern.
„Sie hatten Angst um Ihre Mutter.“
„Trotzdem.“
Er nickte. Er machte es mir nicht mit einem schnellen Witz leichter, und dafür war ich ihm dankbar.
Auf meinem Sideboard stehen heute drei Bilder.
Meine Eltern an der Nordsee, mein Vater mit hochgekrempelter Hose im Wasser. Meine junge Mutter vor der Gartenlaube. Und Hannes auf der Werkbank, mit seiner Enkelin auf dem Schoß.
Keines dieser Bilder muss ein anderes verdecken.
Am 15. Juni fuhr ich zum Grab meiner Mutter. Ich nahm den ersten Brief mit und las ihn leise vor.
Bei der Stelle mit dem zweiten Teller musste ich wieder aufhören.
Danach blieb ich noch eine Weile sitzen. Ich dachte nicht darüber nach, welches Leben besser gewesen wäre. Das konnte ich nicht wissen.
Ich wusste nur, dass meine Mutter bis zuletzt geglaubt hatte, ein Mensch erinnere sich mit Bitterkeit an sie.
Und dass ein anderer sich die Mühe gemacht hatte, ihr zu sagen, dass es nicht so war.
Als ich nach Hause kam, klingelte das Telefon.
Klaus fragte, ob ich am Samstag in die Werkstatt kommen wolle. Hannes’ Tochter bringe Kuchen mit, und jemand müsse darauf achten, dass die Männer nicht schon wieder alle guten Stücke vor dem Kaffee aufaßen.
Ich sah zu den Bildern auf dem Sideboard.
„Ja“, sagte ich. „Ich komme.“
„Gut. Ein Stuhl ist noch frei.“






