Jette kam jeden Tag um 14 Uhr zu ihm – selbst nach seinem Tod hörte sie nicht auf

Drückte mir die Leine gegen das Bein.

Dann ging sie zurück zur Tür.

13:55 Uhr.

Normalerweise wären wir jetzt schon im Auto gewesen.

Ich weiß bis heute nicht, ob das, was wir anschließend machten, richtig war.

Ich weiß nur, dass wir in diesem Moment keine andere Lösung ertragen konnten.

Ulrike nahm die Leine.

„Komm, Jette.“

Wir fuhren zum Krankenhaus.

Jette saß hinten im Auto.

Je näher wir kamen, desto aufmerksamer wurde sie.

Sie kannte jede Kurve.

Als wir auf den Parkplatz fuhren, stellte sie die Vorderpfoten gegen die Rückseite des Sitzes.

Sie wusste genau, wo wir waren.

Am Eingang erkannte uns eine Mitarbeiterin.

Sie wollte Jette schon freundlich begrüßen.

Dann sah sie unsere Gesichter.

Ihr Lächeln verschwand.

Oben auf der Station war es ähnlich.

Einige wussten bereits, dass mein Vater gestorben war.

Christa war an diesem Tag ebenfalls da.

Sie kam zu uns, legte Ulrike kurz eine Hand auf den Arm und sagte nichts.

Wir gingen zu seinem Zimmer.

Die Tür stand offen.

Das Bett war frisch bezogen.

Der Nachttisch war leer.

Die Jacke meines Vaters hing nicht mehr am Haken.

Seine Wasserflasche war weg.

Die kleine Familienfotografie, die sechs Monate lang auf dem Tisch gestanden hatte, lag jetzt zu Hause in einer Tasche.

Jette ging hinein.

Sofort zum Bett.

Sie stellte die Vorderpfoten auf die Matratze.

Schaute hinauf.

Wartete.

Dann ließ sie sich wieder herunter.

Sie schnüffelte unter dem Bett.

Am Stuhl.

An der Wand.

Sie lief ins kleine Bad.

Kam wieder heraus.

Zurück zum Bett.

Ihr Körper wurde hektischer.

Sie suchte.

Es war nicht das gewöhnliche Schnüffeln eines Hundes in einem fremden Zimmer.

Dieses Zimmer war nicht fremd.

Hier hatte sie meinen Vater jeden Tag gefunden.

Immer.

Sechs Monate lang.

Und jetzt war er verschwunden.

Jette ging noch einmal zum Bett.

Diesmal stellte sie die Pfoten nicht hoch.

Sie legte sich auf den Boden direkt daneben.

Genau an die Stelle, an der sie sonst gelegen hätte, wenn sie einmal nicht aufs Bett durfte.

Sie legte den Kopf auf die Pfoten.

Und wartete.

Ich stand dort und begriff plötzlich etwas, das mich härter traf als fast alles andere in diesen Tagen.

Wir wussten, dass Vater tot war.

Jette wusste nur, dass er fehlte.

Für uns hatte sein Tod einen Namen.

Es gab Ärzte, Gespräche, einen Totenschein, einen Termin für die Beerdigung.

Für Jette gab es nur einen kaputten Ablauf.

Um zwei Uhr war Vater hier.

Heute war es zwei Uhr.

Also musste Vater irgendwo sein.

Vielleicht kam er gleich.

Vielleicht war er nur kurz weg.

Also wartete sie.

Christa stand draußen im Flur.

Als sie Jette neben dem leeren Bett liegen sah, hielt sie sich eine Hand vor den Mund.

Diese Frau hatte jahrzehntelang auf einer Krankenhausstation gearbeitet.

Und trotzdem weinte sie.

Wir blieben fast eine Stunde.

Jette stand zweimal auf und suchte erneut.

Dann legte sie sich wieder hin.

Auf der Rückfahrt sagte lange niemand etwas.

Irgendwann flüsterte Ulrike:

„Wir können das nicht jeden Tag machen.“

Ich nickte.

„Sie wird sonst immer wieder dort warten.“

Dann schwieg sie.

Ein paar Minuten später sagte sie:

„Wir müssen sie zu ihm bringen.“

Ich verstand zuerst nicht.

„Zum Grab.“

Die Beerdigung fand einige Tage später statt.

Jette blieb währenddessen bei Verwandten.

Aber als mein Vater beigesetzt war und die meisten Menschen wieder nach Hause gefahren waren, nahmen Ulrike und ich sie mit zum Friedhof.

Ich hatte keine Ahnung, ob das irgendetwas bringen würde.

Vielleicht machten wir uns etwas vor.

Vielleicht brauchten wir diesen Gang selbst mehr als Jette.

Wir gingen mit ihr über den Weg bis zu der frischen Grabstelle.

Jette lief zunächst langsam.

Dann blieb sie plötzlich stehen.

Ihre Nase ging nach unten.

Sie begann intensiv zu schnüffeln.

Nicht hektisch wie im Krankenhaus.

Konzentriert.

Sie ging ein Stück nach links.

Dann zurück.

Über die frische Erde.

Sie schnüffelte an unseren Schuhen, am Boden, wieder an der Erde.

Und dann wurde sie still.

Vollkommen still.

Sie legte sich hin.

Direkt auf die Erde über dem Grab meines Vaters.

Ihr Kopf sank zwischen ihre Vorderpfoten.

Nach einer Weile kam ein langes, tiefes Geräusch aus ihr.

Kein Bellen.

Kein Jaulen, wie ich es von ihr kannte.

Nur dieser leise, gebrochene Ton.

Ulrike setzte sich auf den Boden.

Ich setzte mich daneben.

Ob Jette in diesem Augenblick „Tod“ verstand, weiß ich nicht.

Das kann ich nicht behaupten.

Aber etwas hatte sich verändert.

Das sahen wir beide.

Sie suchte nicht mehr.

Sie lief nicht umher.

Sie wartete nicht darauf, dass irgendwo eine Tür aufging.

Sie lag einfach dort.

Bei ihm.

Wir blieben lange.

Als wir schließlich aufstanden, stand auch Jette auf.

Sie sah noch einmal zurück.

Dann ging sie mit uns nach Hause.

Am nächsten Tag kam 13:30 Uhr.

Ich hatte Angst davor.

Ich beobachtete Jette, ohne es Ulrike zu sagen.

Sie lag unter dem Küchentisch.

13:40 Uhr.

Sie hob den Kopf.

13:45 Uhr.

Sie stand auf.

Dann ging sie zur Garderobe.

Ulrike und ich sahen uns an.

Jette nahm ihre Leine.

Doch diesmal wussten wir, wohin wir fahren würden.

Wir fuhren zum Friedhof.

Um kurz nach zwei lag Jette wieder am Grab meines Vaters.

Eine Stunde.

Dann stand sie auf.

Am nächsten Tag passierte dasselbe.

Und am Tag danach.

Aus dem alten Weg zum Krankenhaus wurde ein neuer Weg.

Aber die Uhrzeit blieb.

14 Uhr.

Jette hatte ihren Termin mit meinem Vater nicht vergessen.

Der Ort hatte sich nur verändert.

Wir machten daraus keinen großen Plan.

Es geschah einfach.

Gegen halb zwei wurde Jette unruhig.

Wenn einer von uns zu Hause war, nahm er sie mit.

Manchmal fuhr Ulrike.

Manchmal ich.

Auf dem Friedhof kannte man uns irgendwann.

Ein älterer Mitarbeiter sah Jette eines Tages kommen und sagte:

„Da ist ja wieder die Zwei-Uhr-Hündin.“

Der Name blieb hängen.

Natürlich fragten Leute, warum wir das machten.

Einige fanden es schön.

Andere verstanden es nicht.

„Müsst ihr sie nicht irgendwann loslassen lassen?“

„Gewöhnt sie sich so überhaupt daran?“

Vielleicht waren die Fragen nicht böse gemeint.

Aber für uns fühlte es sich irgendwann gar nicht mehr traurig an.

Nicht nur.

Jette lebte schließlich weiter.

Sie fraß wieder normal.

Sie jagte beim Spaziergang Kaninchenspuren.

Sie schnarchte auf dem Teppich.

Sie klaute Ulrike einmal eine ganze Scheibe Schinken vom Teller und sah danach vollkommen unschuldig aus.

Sie war kein Hund, der jeden Tag nur trauerte.

Sie hatte wieder Freude.

Nur um zwei Uhr wollte sie zu meinem Vater.

Und wir ließen sie.

Über ein Jahr lang.

Fast jeden einzelnen Tag.

Eine Nachbarin fragte Ulrike irgendwann, ob diese täglichen Besuche nicht sehr schwer für uns seien.

Ulrike dachte kurz nach.

Jette stand währenddessen neben ihr und wartete bereits mit der Leine.

Dann sagte Ulrike einen Satz, den ich seitdem nicht mehr vergessen habe.

„Sie besucht Papa immer noch jeden Tag um zwei.“

Die Nachbarin nickte.

Ulrike sah zu Jette hinunter.

„Es ist nur ein anderer Ort geworden.“

Genau so empfinde ich es inzwischen auch.

Für sechs Monate war das Krankenhauszimmer der Ort, an dem Jettes Welt jeden Nachmittag wieder vollständig wurde.

Dann war das Bett plötzlich leer.

Sie konnte nicht verstehen, wohin mein Vater gegangen war.

Also suchte sie ihn.

Und als sie schließlich einen neuen Ort gefunden hatte, hörte sie auf zu suchen.

Aber sie hörte nie auf, ihn zu besuchen.

Bis heute wird Jette gegen halb zwei unruhig.

Sie läuft zur Tür.

Sie schaut uns an.

Und irgendwann nimmt einer von uns die Leine.

Dann fahren wir los.

Nicht mehr zum Krankenhaus.

Nicht mehr zu Zimmer zwölf.

Wir gehen über den ruhigen Weg auf dem Friedhof bis zu dem Grab, dessen Stein inzwischen nicht mehr neu aussieht.

Jette legt sich davor.

Manchmal eine halbe Stunde.

Manchmal fast eine ganze.

Dann steht sie irgendwann von selbst auf.

Wir gehen zurück zum Auto.

Und am nächsten Nachmittag machen wir es wieder.

Früher, wenn die Tür im Krankenhaus um zwei Uhr aufging, sagte mein Vater immer denselben Satz.

„Da bist du ja.“

Manchmal stelle ich mir vor, dass irgendwo genau das noch immer passiert.

Jeden Nachmittag.

Punkt zwei.

Jette kommt.

Und mein Vater sagt:

„Da bist du ja.“

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